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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Tulpen aus Amsterdam
Eingestellt am 25. 03. 2007 14:36


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flammarion
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Tulpen aus Amsterdam

In meinem Seniorenclub ist es ĂĽblich, dass nach dem Mittagessen ein Liedlein gesungen wird. Ich habe die Ehre, dies Lied auszusuchen. Acht prall gefĂĽllte Ordner mit Liedern aller Art stehen zur VerfĂĽgung, aber einmal hat man sie alle durchgesungen und kann nichts Neues mehr an ihnen entdecken.
Doch jetzt zieht der Frühling wieder ins Land und man kann den Ordner mit der Aufschrift „Jahreszeiten“ durchblättern. Was haben wir denn da? „Kuckuck ruft s aus dem Wald“. Äh, bäh, Kinderlied. „Winter ade“ – noch n Kinderlied. „Wie schön blüht uns der Maien“ – davon kennen nur zwei die Melodie. „Alles neu macht der Mai“ ist auf die Melodie von „Hänschen klein“ gedichtet, bei „Der Mai ist gekommen“ bekäme ich wieder zu hören: „Es is ja noch gar nich Mai!“ und "Komm, lieber Mai und mache" haben wir gestern gesungen.
Bei „Der Kuckuck und der Esel“ bildete sich Frau Obermeyer immer ein, die zweite Stimme singen zu können, aber es wurde immer nur eine Disharmonie. Bei „Der Frühling hat sich eingestellt“ hat man die Schwierigkeit, in der dritten Zeile fast eine Oktave höher gehen zu müssen, das kann nicht jeder, „Und wieder blühet die Linde“ kennen nur wenige, „Grüß Gott, du schöner Maien“ hat nur vier Zeilen und "Es tönen die Lieder" ist ein Kanon.
Man hat s nicht leicht. Missmutig blättere ich weiter und werde endlich fündig. „Hier!“, rufe ich erfreut. „Hier is mal was anderes! Tulpen aus Amsterdam!“
Ich vergewisserte mich, dass unser Pianist den alten Schlager auch ohne Noten spielen kann (die Lieder in unseren Ordnern sind fast alle ohne Noten) und teilte die Texte aus. Kaum fertig damit, tönte es vom Klavier her: „Du, da fehlt aber der halbe Refrain!“
Und eine Seniorin fügte hinzu: „Von der Strophe fehlen auch ein paar Worte“.
Also sammelte ich alles wieder ein und teilte "Im Märzen der Bauer" aus.
Die Tulpen aus Amsterdam gingen mir nicht aus dem Kopf. Darum fragte ich unseren Klavierspieler, ob er nicht in seiner reichhaltigen Notensammlung auch ein Exemplar davon hat, da mĂĽsste doch der korrekte Text dabei sein. Er versprach, nachzusehen.
Auf dem Heimweg wollte ich etwas einkaufen. Neben dem Zeitungsstand waren einige große Vasen aufgestellt und daneben prangte ein Schild: „Tulpen aus Amsterdam“. Welche Farbenpracht! Und so schön geflammt! Davon musste ich einen Strauß haben.
Zu Hause angekommen, stellte ich fest, dass ich den Strauß zwar bezahlt, aber nicht mitgenommen hatte. Eiligst wieder in die Kaufhalle – da lag er zum Glück noch auf dem Packtisch. Nun gemütlich nach Hause. Eine Nachbarin begegnete mir und wir hielten ein ausgedehntes Schwätzchen, bis mir die Blumen in den Sinn kamen: „Die müssen jetzt aber schnellstens ins Wasser!“
An Wasser fehlte es nicht, aber ich hatte alle großen Vasen dem Club geborgt für das geplante Fest zum Frühlingsanfang. „Der Mensch kann noch so dämlich sein, er muss sich nur zu helfen wissen!“, war ein Wahlspruch meiner Mutter. Auch ich wusste mir zu helfen – statt der Vasen nahm ich Bierflaschen. Sah toll aus, fast wie eine bunte Blumenwiese. Ich hätte auch Biergläser nehmen können, aber Tulpen in Tulpen stecken – nee, lass mal.
Am anderen Tag hatte der Pianist tatsächlich ein reichlich vergilbtes Notenblatt dabei. Tulpen aus Amsterdam komplett mit Text und Melodie. Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und das Lied durch meinen Computer zu jagen.
Kaum in der Wohnung, fiel mein Blick auf den Tulpenstrauß. Sah immer noch wie eine bunte Blumenwiese aus, heute mehr als gestern. Fast alle Blütenblätter waren nämlich abgefallen. Entweder war das Schwätzchen mit der Nachbarin zu lang gewesen oder die Flaschen waren doch nicht so gründlich gespült, wie ich dachte.
Beim Abtippen des Textes trällerte ich schon wieder und meine Füße wippten. Nach dem letzten Punkt wählte ich eine Buchstabengröße, die für die Senioren am besten lesbar ist und kontrollierte, ob sich auch kein Fehlerchen eingeschlichen hatte. Das Rechtschreibprogramm war zwar aktiviert, aber es übersieht leider so manches. Ich fand auch tatsächlich zwei Tippfehler. Rasch korrigiert, nun ausdrucken. Der Drucker begann sein charakteristisches Brummen, gleichzeitig klingelte das Telefon. Am anderen Ende war meine Cousine, die mir lang und breit den neuesten Klatsch verklickerte.
Die zwanzig Schlagerblätter waren längst fertig, als meiner Cousine endlich der Gesprächsstoff ausging. Bei meinem Schreibtisch angekommen, konnte ich einen Schreckensschrei nicht unterdrücken – es war auf die bereits beschriebene Seite gedruckt worden! Einige Blätter hatten falsch herum gelegen.
Na ja, auch kein Beinbruch. Alles neu sortiert und den Druckauftrag wiederholt. Das dritte Blatt allerdings blieb im Drucker stecken. Es war nur ein ganz schmales StĂĽck davon zu sehen. Es war zu schmal fĂĽr meine Pratzen, ich konnte es nicht herausziehen. Ich wusste zwar, dass manche Drucker das falsch eingezogene Papier ausspucken, wenn man sie vom Stromnetz trennt, aber bei dem Kabelsalat unter meinem Tisch konnte ich den richtigen Stecker nicht ausfindig machen, musste also warten, bis jemand zu Besuch kommt, der mir das richtet.
Wunderbarerweise kam mein Enkelsohn noch am selben Tag vorbei. Im Handumdrehen war der Fall erledigt. Das Papier war an den Löchern stecken geblieben, die eine Heftklammer hinterlassen hatte. Ich nahm mir vor, in Zukunft darauf zu achten, dass solche Löchlein immer nach unten zu liegen kommen.
Es waren noch zwölf Exemplare zu drucken. Die sollten ja wohl schnell fertig sein. Ja, Pustekuchen! Nach dem fünften Blatt war die Tinte alle. Es war bereits nach zwanzig Uhr, also alle Läden geschlossen. Da musste ich wohl oder übel bis zum nächsten Tag warten, um zu dem Laden zu fahren, wo man Druckerpatronen nachfüllen lassen kann.
Endlich hatte ich zwanzig einwandfreie Schlagerseiten vor mir. Nun kam die angenehmste Beschäftigung – hübsche bunte Aufkleber sollten die Blätter zieren. Blümchen, Herzchen und was man noch so alles gerne sieht. Kleine Kinder und alte Leute brauchen recht viel Farbe in ihrem Alltag, das hebt die Stimmung, gibt Kraft und spendet Lebensfreude.
Freudestrahlend präsentierte ich das Ergebnis meiner Arbeit im Club. Der Pianist schwang sich auch gleich ans Instrument und hieb in die Tasten. Doch schon nach der zweiten Zeile verreckte das Lied an den tausend roten und tausend gelben. Die waren noch gar nicht dran. Da die erste und zweite Zeile die selbe Melodie hat, waren sie untereinander geschrieben worden. Das hatte ich übersehen und statt der zweiten Zeile gleich die dritte abgetippt . . .


__________________
Old Icke

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