Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95260
Momentan online:
477 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Twix
Eingestellt am 23. 05. 2014 08:21


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Ocram
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2014

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Twix

Ich stehe an der Busstation, wartend, und esse mein verdammtes Twix. Die Semesterparty war Scheiße. Nun ja, eigentlich war sie gut, doch fĂŒr mich ein Desaster. Es ist doch komisch, wie sehr uns Kleinigkeiten den Tag verderben können. Ich will einfach nach Hause. Der ganze Abend ist im Arsch! Nur noch eine Freude bleibt mir - und wie gut sie tut! Ich spreche nicht von der Schokolade, denn es gibt eine Sache, die mir noch mehr Spaß bereitet: das GefĂŒhl der Überlegenheit - Überlegenheit dem Pack gegenĂŒber, das an mir vorbeizieht. Das Beobachten von Menschen ist in solchen Situationen meine absolute LieblingsbeschĂ€ftigung: ich fĂŒhle mich so gut dabei, dass es fast unheimlich ist. Ich strafe sie mit herablassenden Blicken, meine Verabscheuung kommt aus tiefstem Herzen. Nicht weil sie betrunken sind, ich war unzĂ€hlige Male in diesem Zustand (und auch an diesem Abend war ich auf bestem Wege, ihn zu erreichen, bis er mir verdorben wurde) sondern weil, nun ja, ich weiß auch nicht so genau.
Es gibt so viele GrĂŒnde, dass es schwierig ist, einen einzigen zu nennen. Sagen wir einfach, es liegt doch daran dass sie besoffen sind. Besoffenes Pack! Vielleicht verabscheue ich die Menschen auch, weil ich den ein oder anderen Typen mit einem geilen MĂ€del nach Hause gehen sehe. Vielleicht weil der eine oder andere besser angezogen ist als ich - verdammte Spießer, andere QualitĂ€ten außer Geld besitzen sie bestimmt nicht. Ich fĂŒhle, wie die Wut in mir hochkocht und das gute GefĂŒhl, das GefĂŒhl von Überlegenheit, verdrĂ€ngt. Na gut, GefĂŒhle muss man nicht verstehen.

Doch die Snobs sind in diesem Stadtteil die Minderheit (Gott sei Dank!)- von den unzĂ€hligen Menschen die an mir vorbeilaufen ist ein Großteil Hipster, mit ihren individuellen Klamotten, Haarschnitt, und Schuhen. Komisch, fĂŒr mich sehen sie trotzdem alle gleich aus. Um ehrlich zu sein, ich wĂŒsste nicht mal, wie ich das Wort \'\'Hipster\'\' definieren könnte. Ich bin ja eher \'\'Mainstream\'\'. Kann mir auch egal sein.

In der Menge nehme ich fĂŒnf besoffene Franzosen wahr, die sich als die Bande von Clockwork Orange verkleidet haben. Jeder trĂ€gt eine weiße Hose, ein weißes Hemd, den altmodischen Hut auf dem Kopf, sogar das gleiche Tattoo unter dem Auge. Zwei von denen laufen auf der Straße, ziehen sich demonstrativ die Jacken aus und fangen an zu tanzen. Und das gar nicht mal so schlecht - in deren Zustand!
Ich staune und höre auf zu kauen, ein LĂ€cheln kommt ĂŒber meine Lippen. Es gibt doch nichts besseres als kostenlose Unterhaltung! Die vorbeifahrenden Autos, die meisten davon Taxifahrer auf der Suche nach torkelnder Beute, hupen nicht mal. Wahrscheinlich von der Sinnlosigkeit dieses Vorhabens so oft Zeuge gewesen, dass es ihnen leichter fĂ€llt, ohne GebrĂŒll oder Aufregung um sie herumzufahren.

Wie auch immer. Da stehe ich immer noch, wartend, esse mein verdammtes Twix, sehe besoffenen Franzosen beim Tanzen zu und habe dabei nichts Böses im Sinn. Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel, wie links von mir zwei Figuren nÀher kommen. Ich drehe den Kopf um- und sehe den Wichser!!
Ich erkenne ihn sofort. Ich wĂŒrde ihn sogar unter 1000 Wichsern wiedererkennen. Und er zeigt auf mich! Er ist etwas kleiner als ich (ca. 1.85m), recht hager und ĂŒberhaupt nicht muskulös. Ein \'\'Lauch\'\' nennt man so einen hier. Bei dem Gedanken muss ich wieder grinsen. Und Ă€lter ist er! Wie alt kann er sein? 35? 40? Warum geht der ĂŒberhaupt noch aus? Und warum fĂ€ngt so einer einen neuen Studiengang an? Typisch, dass diese Leute immer so tun wollen, als seien sie immer noch 25. Er trĂ€gt ein schick aussehendes, gestreiftes Hemd von TH, eine dunkle Jeans und sehr teuer aussehende, feine Schuhe. Seine ganze PrĂ€senz schreit nach Snob. Wahrscheinlich hatten schon seine Mama und Papa Geld wie Heu, der Sohnemann hat alles geerbt und geht jetzt raus als frischgebackener, 40-jĂ€hriger Student, angezogen wie ein Depp, um jĂŒngere, geldgeile Frauen abzuschleppen.

Das perfekte Feindbild fĂŒr mich, obwohl ich normalerweise recht tolerant bin. Doch nicht nur, dass ich heute genug von solchen Schnöseln sehen und kennenlernen musste, auch hat ausgerechnet der mit der geilen Redhead rumgemacht. Und ich Idiot habe den ganzen Abend nichts unternommen, weil ich dachte, sie hat einen Freund – eine Fehlinformation von einer Bekannten. Das kommt davon, wenn man versucht, nett zu sein! Man wirft reichen Wichsern wie dem da Perlen vor die FĂŒĂŸe.

Das hatte mir den ganzen Abend verdorben. Ich wusste, das hĂ€tte ich sein können. Nein, das hĂ€tte ich sein mĂŒssen! Sie hatte mich den ganzen Abend zuvor so angeschaut und als wir kurz geredet haben, habe ich sofort eine Verbindung zwischen uns gefĂŒhlt. Aber andererseits, denke ich mir, was ist das auch fĂŒr eine, die mit dem da nach gefĂŒhlten 30 Sekunden Unterhaltung rummacht. Sie ist meine Kommilitonin, das hĂ€tte eh nur Aufsehen erregt. Vielleicht ist es besser so. Doch das Ă€ndert nichts an meiner Abneigung fĂŒr ihn. Ich werfe seinem Begleiter einen kurzen Blick zu. Etwas kleiner, doch genau so ein Lauch wie der andere. Ich glaube, ich kenne ihn auch aus der Vorlesung. Klonen sie in letzter Zeit solche Typen oder was? Ich muss wenigstens keine Angst haben, denke ich mir. Bevor die auf einen wie mich losgehen, werden sie es sich einige Male ĂŒberlegen mĂŒssen. Ich richte mich auf, ziehe meine Schultern zurĂŒck und nehme den Kopf nach hinten, um auf meine volle GrĂ¶ĂŸe (und Breite) hinzudeuten. SelbstverstĂ€ndlich tue ich so, als hĂ€tte ich nichts gesehen, und kaue weiter an meinem Twix. Da sehe ich die beiden auf mich zukommen.

\'\'-Bleib cool\'\', denke ich mir. Redhead ist bestimmt in der NÀhe. Ich darf mich unter keinen UmstÀnden vor ihr blamieren. Ich mache meine Musik schon mal leiser, so habe ich den Vorteil, so tun zu können, als hÀtte ich sie nicht gehört.

Die beiden Lauchs bleiben vor mir stehen. Sie schwanken etwas. Der Duft von Wodka gemischt mit Zigarettenrauch kommt mir entgegen.

- \'\'Hey du!\'\'- sagt Lauch Nr. 1, mein Peiniger. Ich drehe meinen Kopf langsam zu ihm um, und ziehe einen Stöpsel aus meinem Ohr.
- \'\'Hm?\'\'
- \'\'Hast\'u mal \'ne Kippe?\'\' , er tut echt so, als hÀtte er mich noch nie gesehen. Die Wut in mir kommt wieder hoch.
-\'\'Nee, du?\'\'

Die beiden Typen schauen sich gegenseitig an. Sie haben meine Antwort nicht erwartet.

- \'\'Was hast du gesagt?\'\', fragt der Typ irritert.
- \'\'Ich hab gesagt - NEE, DU?\'\' , antworte ich diesmal langsamer, auf jeden Laut achtend.
Oh, wie verwirrt und dumm er schaut, es ist ein Freudenfest!
- \'\'Wer bist du denn? Ein Komiker?\'\', sagt er. Ich sehe direkt in sein Gesicht und bemerke Falten auf der Stirn und um die Augenpartie herum.
- \'\'Vielleicht, doch nichts ist so komisch wie 40-jÀhrige, die noch in die Disco gehen. Solltest du nicht bei irgendeinem Elternabend sein?\'\'

Lauch Nr. 1 holt Luft um zu antworten, doch sein Begleiter unterbricht ihn.

- \'\'Ulf, lass ihn! Ist doch egal.\'\'

Ulf heißt er. Mein Feind hat einen Namen und ich habe einen weiteren Grund, ihn zu hassen. \'\'Ulf\'\'. Ich muss innerlich lachen! Lauch Nr. 2 zieht Ulf an mir vorbei und sagt sowas wie: \'\'Lass den Idioten doch. Wir mĂŒssen eh zu deiner Kleinen. Sie wartet im Wagen.\'\' Ulf schlĂ€gt mir das Twix aus der Hand und wendet sich ab, um zu gehen. Ich hebe es auf, drehe mich auch um und sehe Readhead einige Meter rechts von mir, sie hat alles mitbekommen.

Da verliere ich die Kontrolle.

Ich schubse Lauch Nr. 2 von hinten, so dass ich freie Bahn habe. Ich höre nur wie er hinfĂ€llt, der Alkohol hatte ihn eh wackelig werden lassen und der Schubser ist einfach zuviel fĂŒr ihn – er macht beim Auftreffen auf den Boden kein schönes GerĂ€usch. Ulf dreht sich ruckartig um, doch er hat keine Zeit zu reagieren. Ich habe schon lĂ€ngst ausgeholt und verpasse ihm eine, direkt aufs Jochbein. Doch offenbar nicht heftig genug, denn er taumelt nur zurĂŒck. Ich setze meinen Angriff fort – nach zwei weiteren SchlĂ€gen aufs Kinn liegt Ulf am Boden. Ich ĂŒberlege, ob ich weiter auf ihn einprĂŒgeln soll, entscheide mich aber dagegen. Ich fĂŒhle mich großzĂŒgig heute. Ich beuge mich nur ĂŒber ihn und stopfe ihm die Verpackung meines \'\'Twix\'\' ins Maul. Ich schaue hoch zu Redhead und bemerke, dass sie die ganze Zeit geschrien hat - ich hatte es in der ganzen Aufregung gar nicht mitbekommen. Ich schaue sie kurz an und drehe mich um. Ich glaube, ich sollte lieber nach Hause laufen.




- \'\'Hey! Bist du schwer von Begriff? Ich hab dich gefragt ob du eine Kippe hast?!\'\', schreit mich Lauch Nr.1 an.

Ich werde durch ihn aus meinem Traumzustand geweckt. Erschrocken lasse ich mein Twix auf den Boden fallen. Ich schaue verschÀmt auf den Boden, dem Twix hinterher.

- \'\'Ehh... Nein... Ich rauche nicht...\'\' , bringe ich stammelnd hervor.

- \'\'Egal Ulf, lass den Idioten, ich kenne den aus der Vorlesung.\'\', sagt Lauch Nr. 2.

Ulf schaut mich herablassend an und wendet sich ab. Ich schaue ihm hinterher und sehe die Redhead nur wenige Meter zu meiner Rechten. Sie hat alles mitbekommen. Ich drehe mich schnell um und könnte in den Boden versinken. Ich glaube, ich sollte lieber nach Hause laufen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung