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Leselupe.de > Kurzprosa
Typisch New York ?- Eine kritische Reflexion
Eingestellt am 01. 05. 2002 16:55


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Dreamwalker
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Apr 2002

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" Eine h├Ą├čliche Stadt, eine dreckige Stadt. Ihr Klima ist ein Skandal. Ihre Politik dient dazu, Kinder zu erschrecken. Ihr Verkehr ist ein Irrsinn. Ihre Konkurrenz ist m├Ârderisch. Aber da ist was mit ihr - wenn Du einmal in New York gelebt hast, und es ist dein Zuhause geworden, ist kein anderer Ort mehr gut genug. "

Mit diesen unheilsschwangeren Worten eines Herrn JOHN STEINBECK beladen, sitze ich mit meiner Freundin im Rooftop - Restaurant des Marriot Hotels am Times- Square, schwindelnd hoch ├╝ber dem Gewimmel der Stra├čen unter uns. Obwohl es erst Fr├╝hling ist, ist es hei├č, sehr hei├č, auch jetzt noch , wo die Sonne schon untergegangen ist. Die Luft ist stickig in den Stra├čen, und die klimatisierten Restaurants bev├Âlkern die Leute, die es sich leisten k├Ânnen, um dort den Tagesabschlu├č zu begehen.

Mit einem Ohr lausche ich dem Gespr├Ąch am Nachbartisch. Zwei M├Ąnner in Designer - Anz├╝gen unterhalten sich angeregt ├╝ber einen Fahrstuhl, der offenbar st├Ąndig steckenbleibt. Einer der beiden ereifert sich dar├╝ber, da├č er k├╝rzlich deswegen einen Gesch├Ąftstermin verpasst h├Ątte.

" Typisch New York " meint er.

Seit dem Tag besch├Ąftigte mich f├╝r den Rest des Aufentaltes die Frage, was er denn damit gemeint haben k├Ânnte, was denn das Typische an der Stadt der St├Ądte sein k├Ânnte.

Sind es die gierigen Yuppies der Reagan - ├ära in ihren edlen Klamotten, die nichts anderes im Sinn haben, als ihren - oft auf Kosten anderer - erworbenen Neureichtum in Champagner umzusetzen und sich als elit├Ąre Klasse der " Winner " zu f├╝hlen ?
Sind es die die st├Ąndigen Defekte, die diese Stadt plagen : h├Ąngengebliebene Aufz├╝ge und liegengebliebene Subways, zu hei├če Heizungen, zu kalte Winde aus brausenden Klimaanlagen, ewig verstopfte Stra├čen, ein Leben, da├č sich f├╝r den oberfl├Ąchlichen Beobachter nur mit einer Mischung aus Fatalismus und Sportsgeist ertragen l├Ą├čt?

Oder ist es eine Art der Amerikaner, die insbesondere hier in New York sublimiert ist ?

Ich denke daran, was ich im Reisef├╝hrer ├╝ber den Times Square, der zu unseren F├╝├čen liegt, gelesen habe:

Noch in den 80- er Jahren ein verruchter Pfuhl aus Sex, Dreck, Drogen und Gewalt. Penner unter Pappkartons, Besoffene, Bekiffte und Bettler, in den Hauseing├Ąngen H├╝tchentrickser und Huren, verschminkte blasse M├Ądchen, die fr├Âstelnde Freier aus dem Licht der Leuchtreklamen in dunkle Winkel oder ├╝berheizte Stundenhotels lockten. An den Stra├čenecken wurde gedealt und gespielt, die Polizei lie├č sich nur blicken, wenn jemand nach ├ťberf├Ąllen oder Schl├Ągereien rief.

Heute dagegen flanieren ├╝ber denselben Ort verliebte P├Ąrchen, das gesammte Areal wurde familienfreundlich umgestaltet. Private Wachleute in tadellosen Uniformen und hilfsbereite Polizisten , teilweise hoch zu Ro├č, halten ein wachsames Auge, w├Ąhrend Stra├čenkehrer in adretten Overalls die Gehwege so sauber halten wie kaum irgendwo in Deutschland.

New York gilt heute sogar als Modell urbaner Wiederbelebung, und gar seri├Âse Kommentatoren schw├Ąrmen in den Gazzetten von einem " Miracle ".

Ist es tats├Ąchlich ein Wunder ? Was hat zu diesem Aufstieg gef├╝hrt ?

New York, lese ich, verf├╝gte schon immer ├╝ber eine beispiellose innere Energie,das Potential zum Reichtum, ein Rohstoff, der sich sch├Âpferisch oder zerst├Ârerisch entfalten kann. Dieses Potential war schon immer vorhanden, es wartete nur darauf, belebt zu werden.

Der Katalysator war in dem Fall der damalige B├╝rgermeister Rudolph Giuliani, der sich durch seine rigide Politik einen Namen gemacht hatte. " Zero Tolerance " war sein Motto. Er k├╝rzte nach seiner Amtseinf├╝hrung s├Ąmtliche Etats, insbesondere dem der Schulen, mit einer Ausnahme: Er stockte das Personal des Police Department kr├Ąftig auf und begann mit der gr├Â├čten Polizeistreitmacht der Welt einen erfolgreichen Feldzug gegen das Verbrechen. Ein Aufschrei ging damals durch die Bev├Âlkerung, aber die Zahl der Verbrechen ging auf ein Drittel zur├╝ck.
Die Menschen sch├Âpften wieder Vertrauen, und die Stadtflucht kehrte sich um: New York wuchs.

Durch den Zustrom der Menschen wandelte sich das Stadtbild, und New York wurde zu der Stadt, die sie heute ist.

Typisch New York ?

Ich denke zur├╝ck an Deutschland, an einige St├Ądte des Ruhrgebietes, an sog. " benachteiligte " Stadtteile von D├╝sseldorf, an meine Eindr├╝cke an eine Rundfahrt durch die Stra├čen des ehemaligen Ostberlins Anfang der 90'er Jahre, an Fersehbilder, die man von den sogenannten " strukturschwachen " Regionen sieht. Gar nicht so un├Ąhnlich, denke ich.

Ich frage mich, ob nicht auch in uns etwas von diesem Potential steckt, das New York zu zu dem gemacht hat, was es heute ist.
Deutschland ist ein reiches Land. Steckt nicht etwas von dem Potential auch in uns allen ?
__________________
Dreamwalker

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