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Typisch deutsch!
Eingestellt am 24. 01. 2007 14:17


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NicoD
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Typisch Deutsch!

!!! Dieser Beitrag wird gerade ĂĽberarbeitet :-) !!!


Morgens an einem deutschen Flughafen: An der Sicherheitskontrolle geht und geht es nicht voran. Eine Viertelstunde stehen wir nun schon in einer Schlange und sehen unseren Vordermännern dabei zu, wie sie unter den wachsamen Augen des Sicherheitspersonals flüssige Hygieneartikel aus ihrem Handgepäck aussortieren. Während ich ungeduldig auf die Uhr sehe, entspinnt sich hinter mir ein Gespräch.
„In Schiphol gibt es ja gar keine Sicherheitskontrollen“ erklärt ein Reisender dem anderen.
„Schiphol? Wo ist denn das?“ fragt der andere, wobei er Schiphol genauso falsch ausspricht wie sein Vorredner.
„Amsterdam“, gibt dieser knapp zurück und umgeht so ein geographisches Problem: Ist Schiphol in Amsterdam? Um Amsterdam herum? Ein Teil von Amsterdam? Oder hat es gar nichts mit Amsterdam zu tun, weil die Holländer in einem akuten Anfall von Wahnsinn einen der größten Flughäfen Europas einfach nach Pitje Schiphol, einem ortsansässigen Gebrauchtwagenhändler, benannt haben? Unser Weltenbummler weiß es nicht so genau, aber das will er sich nicht anmerken lassen.
„Ja, das gibt es mal wieder nur in Deutschland. Typisch deutsch halt“ räsoniert sein Gesprächspartner in dem verzweifelten Versuch, genauso weltläufig zu erscheinen.
Vielleicht hätte ich mich an diesem Punkt besser beherrschen sollen. Aber ich konnte nicht anders: Ich habe mich umgedreht und widersprochen. Und zu widersprechen ist eigentlich ja komplett undeutsch. Das wissen wir leider schon aus der jüngeren deutschen Geschichte. So gesehen habe ich – so stellte ich im Nachhinein befriedigt fest – bereits einen Teil meines unseligen Deutsch-Seins abgelegt, den ersten Schritt Richtung Widerstandskämpfer getan und kann mich in Zukunft - wie so viele andere - aus einer leichten Distanz heraus kopfschüttelnd, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, über das engstirnige Treiben der Deutschen amüsieren. Ein schönes Gefühl, in dem ich eigentlich noch einige Zeit zu schwelgen vorhabe.

Aber halt! Ich habe mich leider anders versündigt, fällt es mir da siedend heiß ein: Ich habe etwas besser gewusst. War belehrend, ja geradezu oberlehrerhaft. Und das ist leider mal wieder so richtig typisch deutsch. Zurück ins Glied also mit mir!
Ich habe mich nämlich umgedreht und den beiden Herren erklärt, dass es Sicherheitskontrollen in jedem mir bekannten Land gibt. Und dass wir eigentlich sogar froh sein sollten, denn in Großbritannien müssten wir wahrscheinlich erstmal unsere Schuhe ausziehen, bevor wir durch den Metalldetektor spazierten. Und dass ich die unangenehmsten Erfahrungen mit Sicherheitspersonal in den USA gemacht habe. Aber genutzt hat es mir gar nichts. Denn geerntet habe ich nur einen Blick, den wohl sonst nur bekennende NPD-Wähler kennen lernen, wenn sie unter normale Menschen kommen oder ekelige Käfer, wenn sie in das Tageslicht krabbeln. Ein Blick, der irritiert fragt: Was ist das für einer? Ein Patriot? Etwa jemand, der Stolz ist, Deutscher zu sein?
Nein, nichts davon. Ich bin kein Patriot, sogar dieser Begriff ist mir suspekt. Aber ich bin nun mal Deutscher, was soll ich machen? Und, ja, ich fĂĽhle mich angesprochen, wenn von den Deutschen die Rede ist. Auch wenn die Redner selber Deutsche sind...

Ein anderer Tag, ein anderer Flughafen – diesmal in Spanien. Wieder hat sich eine lange Schlange gebildet, aber heute direkt vor dem Abfertigungsschalter eines Billigfliegers. Obwohl noch mindestens eine halbe Stunde bis zum Einsteigen vergehen wird, warten die Menschen. Eine junge Frau besieht sich die Schlange von der Seite. Eine gewisse Verbissenheit zeigt sich um den kleinen Mund mit den dünnen Lippen. Zuerst dachte ich, sie verzweifelt über die Tatsache, dass sie wahrscheinlich als letzte würde einsteigen müssen, aber dann sagt sie es: „Das ist ja mal wieder so richtig deutsch. Stundenlang stehen die in einer Reihe. Typisch!“
Wie gesagt, wir sind in Spanien und die Schlange besteht praktisch nur aus Spaniern - gut, die Fluglinie kommt aus Deutschland, aber ansonsten ist eigentlich das einzig typisch deutsche an dieser Szene die junge Frau selbst. Eine Frage bildet sich in meinem Kopf: Sind die Menschen, die so was sagen, nicht immer selber auch in Deutschland geboren und deshalb nach gängigem Verständnis Deutsche?
„Natürlich“, würden sie kontern, „das steht so in meinem Pass. Aber im Geiste, da bin ich Weltbürger. Oder Australier.“ Merkwürdigerweise wären diese Distanzierten nämlich immer am liebsten Staatsangehörige eines von der Sonne verwöhnten Landes, zum Beispiel eben Australien, Spanien oder den USA (obwohl das in den letzten Jahren auch irgendwie aus der Mode gekommen ist). Oder hat der geneigte Leser schon jemanden getroffen, der sich demonstrativ ein A für Österreich auf sein Autoheck klebt, um damit seine geistige Zugehörigkeit zu unserem Nachbarn zu bekunden? Oder jemanden, der „später unheimlich gerne mal“ in die Tschechei auswandern möchte? Jemanden, der statt von den wunderbaren Menschen in der Toskana lieber von denen im Ural schwärmt? Hat schon jemand mal auf einer Party verkündet, dass die Leute in Lettland „irgendwie voll locker drauf sind, so ganz anders als bei uns“?
Nein, eben nicht. Weil diese selbsterkorenen Kosmopoliten nämlich eigentlich eine Weltläufigkeit zur Schau stellen wollen, die sie eben gerade nicht besitzen. Sie haben von der Welt nicht viel mehr gesehen als ihren Urlaubsclub auf Formentera oder ein kleines Restaurant in Faro, projizieren aber ihre eigene Urlaubsstimmung auf die jeweilige Landesbevölkerung und ihren Frust, wieder daheim zu sein, auf die eigenen Mitbürger. Irgendjemand muss einfach daran schuld sein, dass es daheim in Gelsenkirchen regnerisch und kalt ist und in Porto so schön warm und sonnig!

Und diese geistig-geographische Distanz wollen unsere geistigen Auswanderer durch dieses Gerede von „den Deutschen“ allen zur Schau stellen und übersehen dabei eines: Ob ein Kollege die ihm abverlangte Pünktlichkeit als typisch deutsche Gängelei abtut oder der aufgeräumte Schreibtisch als der Inbegriff der deutschen Spießigkeit gefeiert wird, „typisch deutsch“ wird eigentlich immer als Attribut für etwas Negatives verwendet. Ist in Deutschland wirklich alles, aber auch alles schlecht? Natürlich nicht, aber keiner aus der „Typisch deutsch“-Fraktion käme auf die Idee, auch ein paar positive Seiten an Deutschland zu finden. Niemand würde sich zum Beispiel vor eine fröhlich lachende Menschenmenge stellen und sagen: „Seht her, das ist doch mal so richtig typisch deutsch!“
Nein, typisch deutsch ist es, wenn der Hintermann auf der Schnellstraße drängelt: Ein typisch deutscher Raser, der auf der Autobahn seine Komplexe kompensieren will. Aber der ältere Herr, der langsam vor sich hin trödelt und den ganzen Verkehr aufhält, weil er nicht einen Kilometer pro Stunde schneller fahren will als erlaubt, ist natürlich ein typisch deutsche Spießer, samt Hut auf dem Kopf und Klopapier auf der Ablage. Und das ist ja gerade der Punkt. Das Stereotyp „deutsch“ ist universell auf jedes Feinbild anwendbar, das uns im Alltag begegnet.

Es haben sich schon viele bei dem Versuch überhoben, typisch deutsche Eigenschaften zu definieren. Eines aber ist unübersehbar: In keinem anderen Land außer Deutschland ist es mir aufgefallen, dass ein Einwohner eines Landes alles ihn störende als nationale Eigenschaft identifiziert. Vielleicht, dass ein Spanier mal die angebliche Trägheit seiner Landsleute beklagt oder ein Franzose die Großmannssucht seiner Nation, aber dass gleich alles negative zur nationalen Eigenschaft stilisiert wird? Das gibt es nur bei uns. Und so gesehen ist es eine typisch deutsche Unart, „typisch deutsch“ zu sagen.

__________________
Ich erhebe in den meisten Fällen keinen Anspruch auf endgültige Weisheit!

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jon
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Morgens an einem deutschen Flughafen: An der Sicherheitskontrolle geht und geht es nicht voran. Eine Viertelstunde stehen wir nun schon in einer Schlange und sehen unseren Vordermännern dabei zu, wie sie unter den wachsamen Augen des Sicherheitspersonals flüssige Hygieneartikel aus ihrem Handgepäck aussortieren. Während ich ungeduldig auf die Uhr sehe, entspinnt sich hinter mir ein Gespräch.
„In Schiphol gibt es ja gar keine Sicherheitskontrollen“KOMMA erklärt ein Reisender dem anderen.
„Schiphol? Wo ist denn das?“KOMMA fragt der andere, wobei er Schiphol genauso falsch ausspricht wie sein Vorredner.
„Amsterdam“, gibt dieser knapp zurück und umgeht so ein geographisches Problem: Ist Schiphol in Amsterdam? Um Amsterdam herum? Ein Teil von Amsterdam? Oder hat es gar nichts mit Amsterdam zu tun, weil die Holländer in einem akuten Anfall von Wahnsinn einen der größten Flughäfen Europas einfach nach Pitje Schiphol, einem ortsansässigen Gebrauchtwagenhändler, benannt haben? Unser Weltenbummler weiß es nicht so genau, aber das will er sich nicht anmerken lassen. Ich weiß nicht recht, wofür dieser Ausflug wichtig ist. Um die Kompetenz des Autors zu demonstrieren? Dieses WISSEN hat allerdings nichts mit der ERFAHRUNG, dass andere Landsleute nicht so schnell zu „typisch!“ greifen, zu tun.
„Ja, das gibt es mal wieder nur in Deutschland. Typisch deutsch halt“KOMMA räsoniert sein Gesprächspartner in dem verzweifelten Versuch, genauso weltläufig zu erscheinen.
Vielleicht hätte ich mich an diesem Punkt besser beherrschen sollen. Aber ich konnte nicht anders: Ich habe mich umgedreht und widersprochen. Und zu widersprechen ist eigentlich ja komplett undeutsch. Das wissen wir leider schon Wieso „schon“? aus der jüngeren deutschen Geschichte. Das holt für meinen Geschmack zu weit aus. Oder gemessen nan diesem Satz holt der Rest des Textes nicht weit genug aus. So gesehen habe ich – so stellte irritierender Zeitenwechsel: Das Geschehen wird in der Gegenwart erzählt, das „im Nachhinein“ in der Vergangenheit ich im Nachhinein befriedigt fest – bereits einen Teil meines unseligen Deutsch-Seins abgelegt, den ersten Schritt Richtung Widerstandskämpfer getan und kann mich in Zukunft - wie so viele andere - aus einer leichten Distanz heraus kopfschüttelnd, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, über das engstirnige Treiben der Deutschen amüsieren. Ein schönes Gefühl, in dem ich eigentlich noch einige Zeit zu schwelgen vorhabe. … hast du das jetzt (im Nachhinein) vor oder hattest du das „damals am Flughafen“ vor?

Aber halt! Ich habe mich leider anders versündigt, fällt es mir da siedend heiß ein: Ich habe etwas besser gewusst. War belehrend, ja geradezu oberlehrerhaft. Und das ist leider mal wieder so richtig typisch deutsch. Zurück ins Glied also mit mir!
Ich habe mich nämlich umgedreht und den beiden Herren erklärt, dass es Sicherheitskontrollen in jedem mir bekannten Land gibt. Und dass wir eigentlich sogar froh sein sollten, denn in Großbritannien müssten wir wahrscheinlich erstmal unsere Schuhe ausziehen, bevor wir durch den Metalldetektor spazierten. Und dass ich die unangenehmsten Erfahrungen mit Sicherheitspersonal in den USA gemacht habe. Aber genutzt hat es mir gar nichts. Denn geerntet habe ich nur einen Blick, den wohl sonst nur bekennende NPD-Wähler kennen lernen, wenn sie unter normale Menschen kommenKOMMA Vorsicht, Glaubwürdigkeitsfalle! Dass du dich „ekelst“ und meinst, alle „normal Denkenden“ sollten es auch, heißt nicht, dass „normale Leute“ (der Begriff ist für „Durchschnittsbürger“ vorbelegt) es auch tun. oder ekelige Käfer, wenn sie in das Tageslicht krabbeln. Ein Blick, der irritiert fragt: Was ist das für einer? Ein Patriot? Etwa jemand, der Stolz ist, Deutscher zu sein?
Nein, nichts davon. Ich bin kein Patriot, sogar dieser Begriff ist mir suspekt. Aber ich bin nun mal Deutscher, was soll ich machen? Und, ja, ich fĂĽhle mich angesprochen, wenn von den Deutschen die Rede ist. Auch wenn die Redner selber Deutsche sind...

Ein anderer Tag, ein anderer Flughafen – diesmal in Spanien. Wieder hat sich eine lange Schlange gebildet, aber heute direkt vor dem Abfertigungsschalter eines Billigfliegers. Obwohl noch mindestens eine halbe Stunde bis zum Einsteigen vergehen wird, warten die Menschen. … ja was auch sonst, da es doch erst in einer halben Stunde losgehen wird! Du meinst vermutlich „sie stehen schon an“. Eine junge Frau besieht sich die Schlange von der Seite. Eine gewisse Verbissenheit zeigt sich um den kleinen Mund mit den dünnen Lippen. Zuerst dachte Zeitenwechsel: Es zeigt sich Verbissenheit – (voher?) dachte ich, sie verzweifelt. ich, sie verzweifelt über die Tatsache, dass sie wahrscheinlich als letzte würde einsteigen müssen, aber dann sagt sie es: „Das ist ja mal wieder so richtig deutsch. Stundenlang stehen die in einer Reihe. Typisch!“ … da hätte der Weltmann kontern müssen: Die Britten sind da viiiiiiel schlimmer . Sagt zumindest mein Chef, der in England studiert hat.
Wie gesagt, wir sind in Spanien und die Schlange besteht praktisch nur aus Spaniern - gut, die Fluglinie kommt aus Deutschland, aber ansonsten ist eigentlich das einzig typisch deutsche Deutsche an dieser Szene die junge Frau selbst. Eine Frage bildet sich in meinem Kopf: Sind die Menschen, die so was sagen, nicht immer selber auch in Deutschland geboren und deshalb nach gängigem Verständnis Deutsche? … das ist etwa umständlich fomuliert, oder? Warum nicht einfach „… Kopf: Habe ich sowas eigentlich jemals von einem Nicht-Deutschen gehört?“? Ich gebe zu, dann musst du den Schwenk zum nächsten Gedanken ändern, aber das scheint es mir wert zu sein. Vielleicht kann man so schwenken: „Die junge Frau würde natürlich kontern, dass das irrelevant sei, denn auch wenn „deutsch“ in ihrem Pass stünde, wäre sie doch im Geiste eher ein Weltbürger.“
„Natürlich“, würden sie kontern, „das steht so in meinem Pass. Aber im Geiste, da bin ich Weltbürger. Oder Australier.“ Merkwürdigerweise wären diese Distanzierten nämlich immer am liebsten Staatsangehörige eines von der Sonne verwöhnten Landes, zum Beispiel eben Australien, Spanien oder den USA (obwohl das in den letzten Jahren auch irgendwie aus der Mode gekommen ist). Oder hat der geneigte Leser schon jemanden getroffen, der sich demonstrativ ein A für Österreich auf sein Autoheck klebt, um damit seine geistige Zugehörigkeit zu unserem Nachbarn zu bekunden? Oder jemanden, der „später unheimlich gerne mal“ in die Tschechei auswandern möchte? *gröhl!* Das will ich mal in einer Reality-Show Marke „Ade Deutschland!“ sehen … Jemanden, der statt von den wunderbaren Menschen in der Toskana lieber von denen im Ural schwärmt? Nun ja, das hat wohl weige rmit „Sonnenland“ als eher damit zu tun, dass viiiiel mehr Deutsche die Toskanaer kennen, weil schlichtweg „niemand“ in den Ural fährt. Hat schon jemand mal auf einer Party verkündet, dass die Leute in Lettland „irgendwie voll locker drauf sind, so ganz anders als bei uns“?dito / Sind die Letten das denn? Ich meine „lockerer drauf“ als sagen wir mal deutsche „Hach ist die Welt nicht schön“-Esotheriker?
Nein, eben nicht. Weil diese selbsterkorenen Kosmopoliten nämlich eigentlich eine Weltläufigkeit zur Schau stellen wollen, die sie eben gerade nicht besitzen. Mooment, das muss ich mal sortieren … 1. Ich stolpere über „eigentlich“ – das „wollen“ sagt doch schon, dass es wohl nicht ganz gelingt. Es reicht „… eine Weltläufigkeit zur Schau stellen, die sie gar nicht besitzen.“ 2.: Die Verbindung von „das würde niemand sagen, weil es nichts mit Sonnenland zu tun hat“ (wie eben ausgeführt) und „Weltläufigkeit zur Schau“ kann ich nicht ganz nachvollziehen. Meinst du „Sie wollen gar nicht kundtun, dass sie Italiener netter als Deutsche finden, sie wollen nur kundtun, dass sie Italiener kennengelernt haben (, also etwas „Tolles“ wissen)? Sie haben von der Welt nicht viel mehr gesehen als ihren Urlaubsclub auf Formentera oder ein kleines Restaurant in Faro, projizieren aber ihre eigene Urlaubsstimmung auf die jeweilige Landesbevölkerung und ihren Frust, wieder daheim zu sein, auf die eigenen Mitbürger. Irgendjemand muss einfach daran schuld sein, dass es daheim in Gelsenkirchen regnerisch und kalt ist und in Porto so schön warm und sonnig!

Und diese geistig-geographische Distanz wollen unsere geistigen Auswanderer durch dieses Gerede von „den Deutschen“ allen zur Schau stellen und übersehen dabei eines: Ob ein Kollege die ihm abverlangte Pünktlichkeit als typisch deutsche Gängelei abtut oder der aufgeräumte Schreibtisch als der Inbegriff der deutschen Spießigkeit gefeiert wird, „typisch deutsch“ wird eigentlich immer als Attribut für etwas Negatives verwendet. … aber nur von Deutschen, gell? Das „typisch deutsche“ Oktoberfest wird von „außen“ durchaus als erlebenswert angesehen. Ist in Deutschland wirklich alles, aber auch alles schlecht? Natürlich nicht, aber keiner aus der „Typisch deutsch“-Fraktion käme auf die Idee, auch ein paar positive Seiten an Deutschland zu finden. Niemand würde sich zum Beispiel vor eine fröhlich lachende Menschenmenge stellen und sagen: „Seht her, das ist doch mal so richtig typisch deutsch!“ … Japaner auf’n Wies’n aber schon …
Nein, typisch deutsch ist es, wenn der Hintermann auf der Schnellstraße drängelt: Ein typisch deutscher Raser, der auf der Autobahn seine Komplexe kompensieren will. Aber Unglücklich gekoppelt. Besser etwa wie: „Aber auch der … wird etikettiert – als typisch deutscher Spießer …“ der ältere Herr, der langsam vor sich hin trödelt und den ganzen Verkehr aufhält, weil er nicht einen Kilometer pro Stunde schneller fahren will als erlaubt, ist natürlich ein typisch deutsche Spießer, samt Hut auf dem Kopf und Klopapier auf der Ablage. Und das ist ja gerade der Punkt. Das Stereotyp „deutsch“ ist universell auf jedes Feinbild Feindbild anwendbar, das uns im Alltag begegnet. Vorsicht, Glaubwürdigkeitsfalle! Es gibt eine Menge Feindbilder im Alltag, die eben nicht deutsch sind – die „typisch türkische“ Macho-Masche, die „typisch islamische“ Frauenfeindlichkeit, die „typisch zigeunermäßige“ Unsauberkeit etc.

Es haben sich schon viele bei dem Versuch überhoben, typisch deutsche Eigenschaften zu definieren. Nur Deutsche? Und: betrifft das jetzt nur die negativen Belegungen? Eines aber ist unübersehbar: In keinem anderen Land außer Deutschland ist es mir aufgefallen, Moooment! Wieso ist unübersehbar, dass es dir aufgefallen ist? dass ein Einwohner eines Landes alles ihn störende als nationale Eigenschaft identifiziert. Vielleicht, dass ein Spanier mal die angebliche Trägheit seiner Landsleute beklagt oder ein Franzose die Großmannssucht seiner Nation, aber dass gleich alles negative zur nationalen Eigenschaft stilisiert wird? Das gibt es nur bei uns. Und so gesehen ist es eine typisch deutsche Unart, „typisch deutsch“ zu sagen.


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NicoD
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Vielen Dank fĂĽr Deine Korrekturen und Anmerkungen. Du hast (leider ;-)) in fast allen Punkten recht.

Nur eine Anmerkung bzgl. Oktoberfest: Sicher, darum geht es mir doch gerade:

(Achtung, kurz und seeehr pauschal):
Der Japaner sieht eine "Mordsgaudi", der links-liberale Deutsche (als ein solcher sehe ich mich auch, bevor hier Rückfragen kommen) sieht ein ekelhaftes Massenbesäufniss.

Das sollte der Inhalt sein. Anscheinend ist es mir nicht gelungen, das so ´rüber zu bringen. :-(
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jon
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Vielleicht fehlt da einfach irgendwo ein Satz …

Du sagst explizit, andere Landsleute verbinden ihr "typisch mein Land" nicht (oder selten) mit Negativen. Du sagst, explizit: Deutsche tun das. Was du aber (am Beispiel Oktoberfest) meinst, ist: Deutsche sehen (erster Schritt) nur das Negative und tun dann so (zweiter Shcritt) als wäre deutsch generell negativ.

… ein Satz wie "Selbst Dinge, die Nicht-Deutsche toll finden, bekommen auf diese Weise einen bitteren Beigeschmack."
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