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Leselupe.de > Kurzgeschichten
UNTERWEGS
Eingestellt am 22. 02. 2013 14:30


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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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U N T E R W E G S

Er sa├č jetzt allein im hinteren Teil des Wagens. Den eingerollten, mit einem G├╝rtel verschn├╝rten Schlafsack und die drei Plastikt├╝ten hatte er vom Boden hochgenommen und neben sich auf die Sitze gelegt.
Der Hund hatte unter der Bank gelegen, fast versteckt hinter dem wertvollen Gep├Ąck. Jetzt lag er schlafend vor ihm, die Vorderpfoten ruhten auf seinen Schuhen.
Aber auch am Tage hatten sich nur wenige Menschen neben ihn gesetzt. Ein junger Mann sprang sofort wieder auf, verzog das Gesicht zu einer Grimasse und dr├╝ckte Daumen und Zeigefinger auf die Nasenfl├╝gel. Dabei hatte er doch vorgestern im 'Pik As'
geduscht, sich rasiert und seine Klamotten ausgeb├╝rstet.
Er griff in seine grauen str├Ąhnigen Nackenhaare, die bis zum Kragen seines Parkas reichten. Klar, er musste zum Friseur, auch sein Bart war wieder nachgewachsen.
Eine Frau hatte im Vorbeigehen auf dem Weg zur T├╝r ein paar M├╝nzen in eine der Plastikt├╝ten geworfen und kopfsch├╝ttelnd gesagt: "Der arme Hund!"
Zehn Minuten noch, dann w├╝rden sie am Hauptbahnhof aussteigen und ihr Nachtasyl aufsuchen. Dann waren sie zw├Âlf Stunden lang mit der U-Bahn kreuz und quer durch Hamburg bis an die Grenze Schleswig-Holsteins gefahren. In den Waldd├Ârfern hatte er zweimal unterbrochen, um einem dr├Ąngenden Bed├╝rfnis nachzugeben und gleichzeitig dem Hund, dem ebenfalls die Blase dr├╝ckte, ein wenig Auslauf zu gew├Ąhren. In Norderstedt hatte er am Bahnhofskiosk ein paar Br├Âtchen vom Vortage ergattern k├Ânnen.
Eigentlich war es langweilig, Leute zu beobachten, deren Blicke ihm auswichen und die erst recht kein Interesse daran hatten, sich mit ihm zu unterhalten.
"Aber wir Bastarde haben es wenigstens sch├Ân warm, nicht wahr?" Seine Schuhe wippten nach vorne, die Pfoten des Hundes rutschten auf den Boden. Die braunen Augen des schwarzen Mischlings in Sch├Ąferhundgr├Â├če schienen ihn vorwurfsvoll anzuschauen.
Eine Stunde fr├╝her als sonst hatte der Wachdienst ihn aus der Ladenpassage in der N├Ąhe des Hauptbahnhofs verscheucht. Der Hund hatte neben ihm auf der Wolldecke ged├Âst. Er, bereits wach, noch in seinem Schlafsack gelegen, als er den Fu├čtritt mit der Aufforderung sp├╝rte: "Komm hoch und hau ab, du Penner!
Gleich kommen die ersten Kunden. Und lass dich vor acht Uhr abends nicht wieder sehen!"
Bisher hatte er ja noch Gl├╝ck, dass er hier schlafen konnte.
Viele andere, die im Bahnhofstunnel Platte machten, werden jetzt vertrieben. Der Hamburger Hauptbahnhof muss keimfrei bleiben!
In den Schaufenstern sollten bunte Schilder Kunden locken:
WSV - Sale - Prozente - 50% Rabatt, 70% reduziert, zwei Pullover kaufen, nur einen bezahlen! Er hatte nur ver├Ąchtliche Blicke daf├╝r. F├╝r ihn war es Volksverdummung mit Konsumschei├če! Sein Pullover in der Plastikt├╝te war bestimmt von besserer Qualit├Ąt!
Kurz vor seinem Ziel stiegen drei Kontrolleure ein. Sie trafen ihn heute bereits zum vierten Mal. Zwei unterhielten sich und beachteten ihn nicht. Der Dritte kam interessiert heran und fragte: "Na, immer noch unterwegs?" Er setzte sich neben ihn. "Ich habe jetzt Feierabend", fuhr er fort und streichelte den Hund, der an seinem Hosenbein schn├╝ffelte. "Wie hei├čt er denn, Blacky?"
"Sie hei├čt Lore", antwortete er. "Wir m├╝ssen uns auch beeilen, sonst ist unsere Platte von anderen besetzt. Drei Stationen noch, dann haben wir auch Feierabend."
Der 'Hochbahner' l├Ąchelte. "Das klingt seltsam aus ihrem Munde! Was verstehen Leute wie Sie schon unter 'Feierabend'?
Und wie kann man einen Hund nur 'Lore' nennen?"
"Sie hat die gleichen braunen Augen wie meine Frau", antwortete er.
"Sie haben den Hund doch nicht wirklich nach Ihrer Frau benannt?" entr├╝stete sich der Kontrolleur. "Gibt es sie noch? F├Ąhrt sie auch so gerne U-Bahn? Beide auf getrennten Wegen in verschiedenen Linien? - Vielleicht habe ich sie heute schon kontrolliert!" Er lachte, fand sich sehr komisch."Oder hat sie Sie verlassen? - Ist sie abgehauen?"
Er schluckte nur, stand auf und griff nach seiner Habe. "Ich muss jetzt aussteigen!" Der Hund hatte es gesp├╝rt; war aufgesprungen und lief schweifwedelnd und bellend umher.
"Sie k├Ânnen doch noch weiterfahren und mir von sich erz├Ąhlen", versuchte er ihn zu halten. "Sie k├Ânnen doch aussteigen, wo Sie wollen! Leute wie Sie k├Ânnen das! Ihr seid doch frei wie die V├Âgel!"
"Am Tage, als Mitfahrer, nicht als Kontrolleur, h├Ątten Sie eine Chance gehabt!" Er klemmte den Schlafsack unter den Arm, schnappte sich die Plastikt├╝ten und sagte: "Komm Lore, wir m├╝ssen jetzt raus! Der soll doch nur Fahrkarten und nicht unser Leben kontrollieren!"

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wirena
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2009

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Lieber Maribu, HALLO :-)

da hast du ja wie ich eine ├Ąhnliche Odysee hinter Dir - hmmm, f├╝r die ich zur Zeit keine Worte finden. Doch schlussendlich habe ich in TAT + WAHRHEIT einen Mohrenkopf/Schaumbeule geschleckt, und es hat geschmeckt.

Ein Schulkollege kam mir in den Sinn, der mir einmal, seinerzeit, als ich noch Sch├Ąrer hiess; einen ganzen Korb voll solcher Mohrenk├Âpfe schenkte. Er meinte sp├Ąter, ich h├Ątte immer nur "G'st├Ąmpfelte". Bin erwachsen geworden ledich zweimal Habe ich.

Sch├Ân, dass ich dir dies schreiben durfte -
Ich hoffe, du bleibst gesund und munter wie ich.
wirena
__________________
Das Innere oder Innerliche ist um so wirklicher, als ich es mir immer wieder erobern muss.
"Was ich selbst erlebt habe, ist nur dann wahr, wenn es als verwandelter Vorgang wiederkehrt. Hans Bender, geb. 01.07.1919

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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Hallo wirena,

danke f├╝r Deine Zeilen! - Da gibt es denn wohl eine gewisse
Geistesverwandtschaft!

Ich h├Ątte nichts dagegen, wenn du "Unterwegs" nach dem Ll-System
bewerten w├╝rdest.

Liebe Gr├╝├če
Maribu

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