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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ubi bene, ibi patria
Eingestellt am 21. 06. 2005 10:34


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Nicole Nohr
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2004

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Eine Schreibaufgabe zum Thema "Heimat" (kurz und knapp war Bedingung)

Ubi bene, ibi patria *)
von Nicole Nohr



Sie wusste, dass es bald soweit war und sie versp├╝rte keinerlei Angst.
Sie hatte keine Angst, denn es gab keinen Grund. Im Gegenteil. Sie freute sich auf die Reise. Auf ihre letzte Reise. Sie w├╝rde endlich nach Hause kommen, dorthin, wo sie sich schon lange hin w├╝nschte.

Heimat. Zuhause. Das ist der Ort, an dem man gerne lebt, an dem man sich wohl f├╝hlt. Wie hatte ein kluger Kopf einmal so treffend formuliert? Wo immer es gut ist, dort ist meine Heimat.*)

Sie hatte schon an so vielen Pl├Ątzen gelebt, die sie als ihr Zuhause bezeichnet hatte. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf im Westen Deutschlands, musste sie in fr├╝her Jugend fliehen. Zusammen mit ihrer Familie fand sie Zuflucht in einem fremden Land, in dem fremde Menschen sie in einer fremden Sprache ansprachen.
Ihre Mutter nannte die kleine Dachwohnung, in der sie ein paar Jahre lang lebten, zuhause - f├╝r sie war es das nie gewesen. Es hatte immer etwas gefehlt. Sie hatte sich nach ihren Freunden, ihren Verwandten gesehnt, nach ihrem Zimmer ├╝ber der Scheune, nach dem Zwitschern der V├Âgel, dem Duft des frischen Heus, der warmen Morgensonne, die sie immer in der Fr├╝h geweckt hatte.

Diese Dinge verband sie mit dem Wort Heimat.

Sp├Ąter, als der Krieg vorbei war und sie in ihr Dorf zur├╝ckkehren konnten, fanden sie dort nichts mehr wie es war. Alles war zerst├Ârt, lag in Schutt und Asche. Fremde M├Ąnner hatten sich die Reste der Scheune und ihr alten Zimmers zueigen gemacht.

Wieder vertrieben, zog sie mit ihrer Familie in eine Gro├čstadt. Die Arbeit in der B├Ąckerei am Ende der Stra├če, neu gewonnene Freunde, die erste Liebe gaben ihr Halt.

Halt, den sie in dieser schweren Zeit so sehr brauchte.

Als erst ihr Vater und kurze Zeit sp├Ąter ihre Mutter starben, stand sie fast davor, die neu gewonnene Heimat erneut zu verlieren. Ein paar Monate sp├Ąter lernte sie ihren sp├Ąteren Mann kennen. Bei ihm fand sie Trost und f├╝hlte sich besch├╝tzt. Sie heirateten bald, bauten sich ein kleines H├Ąuschen und bekamen ihre zwei Kinder. Die Zeit war hart, das Geld oft knapp, aber dennoch waren sie gl├╝cklich gewesen. Sie hatten sich ihre eigene Heimat geschaffen, ihr eigenes kleines Nest, das sie sch├╝tzend umgab.

Doch es war eine Idylle, die nur kurz hielt. Der n├Ąchste Krieg zog ├╝ber das Land, zerst├Ârte, was gerade aufgebaut war, trennte, was zusammengefunden hatte.

Ihr Mann an der Front, die Kinder kaum den Windeln entwachsen, fand sie sich erneut auf der Flucht wieder und musste wieder das zur├╝cklassen, was sie ihr Zuhause nannte.

Die fremden Menschen, die sie in einer fremden Sprache ansprachen, gaben ihr erneut nicht das Gef├╝hl willkommen und erw├╝nscht zu sein. Hass und Abscheu sprangen ihr aus den Augen der Gastgeber entgegen; die Kinder waren in der Zeit der einzige Halt, den sie noch hatte.
Das und ihr t├Ągliches Beten um den Mann, den sie liebte, um ihre Heimat, ihr Zuhause, waren es, was ihr durch die Jahre halfen.

Nach dem Krieg, nach der Niederlage des deutschen Volkes kehrte sie in ihre Stadt zur├╝ck. Gemeinsam mit anderen Frauen baute sie das Land wieder auf, k├╝mmerte sich um die Kinder und betete weiterhin t├Ąglich um den Mann, den sie liebte.

Die Kinder wurden gro├č, das Land bl├╝hte auf; es ging wieder aufw├Ąrts. Das, was einst ihre Heimat gewesen war, nahm mehr und mehr Gestalt an.

Doch etwas fehlte, einer kehrte nicht wieder zur├╝ck und machte aus dem Zuhause die ersehnte Heimat ÔÇô die Heimat, die es zuvor gewesen war.

Die Kinder wurden gro├č und lebten ihr eigenes Leben. Sie blieb in dem kleinen Haus wohnen. Sie wartete und betete, klammerte sich an den Gedanken, dass ihr Mann noch lebte und irgendwann wieder zu ihr zur├╝ckkehren w├╝rde. Bis heute.

Doch er war nicht zur├╝ckgekehrt, hatte ihr nicht das fehlende St├╝ck Heimat gebracht.
Aber das war nun nicht mehr wichtig. Sie w├╝rde ihn bald wieder sehen und zu ihm gehen, nach Hause, in ihre neue Heimat.

ÔÇ×Ich bin bald bei dir. Warte auf michÔÇť, fl├╝sterte sie, bevor sie die Augen schloss und f├╝r immer einschlief.


Ende



*) Cicero

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