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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Über Selbstbestimmung, Selbsterkenntnis und Würde
Eingestellt am 30. 11. 2011 08:06


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Winfried Stanzick
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Rezension zu:

Peter Bieri, Wie wollen wir leben?, Residenz 2011, ISBN 978-3-7017-1563-3

In der regelmäßig im Residenz Verlag publizierten Reihe „Unruhe bewahren“ hat der emeritierte Philosophieprofessor Peter Bieri, der unter dem Namen Pascal Mercier bemerkenswerte Romane („Nachtzug nach Lissabon“ und „Lea“ etwa) veröffentlichte, vom 21. - 23. März 2011 im Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz drei philosophische Vorlesungen gehalten. die nun unter dem Titel „Wie wollen wir leben?“ einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Drei aufeinander aufbauende Fragestellungen haben ihn dabei beschäftigt:

1. Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?
2. Warum ist Selbsterkenntnis wichtig?
3. Wie entsteht kulturelle Identität?


Ein selbstbestimmtes Leben, wie er es beschreibt, ist ohne eine gewisse Anstrengung nicht zu erreichen. Denn es geht darum, sich selbst zum Thema zu werden, zu lernen, sich in sich selbst auszukennen, sich sozusagen auf die eigene Spur zu bringen, und dann – und das ist extrem wichtig- sich selbst zur Sprache zu bringen. „Selbsterkenntnis ist dasjenige, was dazu führt, dass wir eine transparente seelische Identität ausbilden und dadurch in einem empathischen Sinne zu Autor und Subjekt unseres Lebens werden können. Sie ist also kein frei schwebender Luxus und kein abstraktes philosophisches Ideal, sondern eine sehr konkrete Bedingung für ein selbstbestimmtes Leben und damit für Würde und Glück.“

Selbsterkenntnis ist die Quelle von Freiheit und damit von Glück, und das hat Folgen für das Verhältnis zu den Anderen. Um Andere als Andere zu achten und in ihren eigenen Bedürfnissen respektieren zu können, muss ich sie als Andere erkennen. Das aber geht nur, wenn ich weiß, wie ich selbst bin.
„Menschen, die sich mit sich selbst auskennen, begegnen sich anders als solche, die keine Übersicht über sich besitzen. Die Begegnungen sind wacher, sorgfältiger und interessanter. Auch deshalb ist Selbsterkenntnis ein hohes Gut.“

Über die Aneignung einer gemeinsamen Sprache bildet sich die kulturelle Identität einer Gemeinschaft, über die Bieri in seiner dritten Vorlesung nachdenkt. Für sie sei entscheidend, was ihre Mitglieder unter Denken und Vernunft, unter Wissen und Wahrheit verstehen. Unsere eigene kulturelle Identität ist aus der Aufklärung hervorgegangen. Das bedeutet nicht, dass man andere Kulturen, in denen etwa magisches Denken und mythische Elemente eine Rolle spielen, nicht achtet. Doch „Bildung besteht auch hier darin, das Fremde als solches zu kennen und anzuerkennen, um sich dann ausdrücklich mit denjenigen Mustern des Denkens und Handeln zu identifizieren, die das eigene Verständnis von Vernunft definieren.“

Kulturelle Identität ist, so verstanden, immer auch eine moralische Identität. Da sie, von der Aufklärung kommend, der Würde und der Vernunft verpflichtet ist, hat sie eine Verbindlichkeit, wie sie bei anderen kulturellen Identitäten nicht anzutreffen ist. Und das kann zu Konflikten führen. Denn moralische Einstellungen darüber etwa, was grausam ist, sind für denjenigen, der sie hat. absolut. Und deshalb ist es unmöglich, mich auf die historische Zufälligkeit meiner kulturellen Identität zurückzuziehen ( etwa so: man muss akzeptieren, dass es anderswo andere Maßstäbe gibt), auch wenn ich mir ihrer Kontingenz immer bewusst bin.
„Denn moralisches Handeln ist genau das: sich einmischen, wenn man von Grausamkeit erfährt. Und so ist jede gebildete moralische Identität mit einem inneren Widerspruch, eine Antinomie behaftet. Ich weiß von der historischen Bedingtheit meiner Anschauungen und also von ihrer Relativität, und doch kann ich nicht anders, als sie absolut zu setzen, denn sonst ginge die Ernsthaftigkeit meiner Überzeugungen verloren. Es ist dieser Zwiespalt, aus dem heraus man sich entschließen kann, einzugreifen, wenn nötig mit Gewalt.“

Das alles ist eine Frage der Bildung und Bieri vergleicht sich bilden mit aufwachen, jeden Tag neu in einem nie abgeschlossenen Prozess der Frage danach, wer man sein möchte. „Die kulturelle Identität ist nichts Festes, Endgültiges. Das besondere an Kulturwesen ist, dass sie sich stets erneut zum Problem werden und die Frage aufwerfen können, wer sie sind und was ihnen wichtig ist. Und Bildung, richtig verstanden, ist der komplizierte Prozess, in dem es um die Beantwortung dieser Fragen geht.“


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Marcus Richter
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Hallo Winfried,

ja genau diese Meinung hat mir gefehlt, denn ich denke, der Leser einer Rezension, wenn er denn nicht vorgebildet ist, braucht einen Hinweis oder Leitfaden. Du siehst ja, dass die Rezension Meinungen bildet, also ist es immer richtig diese Meinungen zu kanalisieren oder dabei zu polarisieren. Das gibt der Sache den richtigen Schwung.

Dass es sich bei dem Text um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, ist natürlich klar, und es ist auch nicht hinreichend, die Rezension mit ihren Zitaten als Anlass für eine Diskussion über Kulturelle Identitäten zu nehmen.

Deine Rezi hat mir jedenfalls gefallen und gewinnt für mich durch deine persönliche Meinung als Rezensent an notwendiger Nähe, um mich als Leser, der ich(möglicherweise) philosophisch quergebildet bin, auf Augenhöhe mit dem Text zu bringen.

Danke erstmal,
und Grüsse, Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Grünbein

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petrasmiles
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Lieber Winfried,

ich wußte gar nicht, dass jener Pascal Mercier ein Professor der Philosophie ist. Schon allein dafür muss ich Dir also danken.
Und da ich den Roman-Autor sehr schätze, hast Du mich sehr neugierig gemacht, auch wenn ich befürchte, dass der Autor dem Romancier mehr Anschaulichkeit gestatten könnte als dem Philosophen.

Die drei Themen sind schon sehr komplex und in der Kürze Deines Textes ist auch Raum für entstandene Missverständnisse - zum einen der Unterschied von Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung, die außer dem Selbst wenig gemein haben, und auch der Begriff der Kultur hat in der Geisteswissenschaft einen bestimmten Kontext, der nicht mit der Idee des bewussten Kulturschaffen identisch ist.

Aber auch in anderer Hinsicht fehlt in der Kürze eine gewisse Herleitung. Auf den ersten Blick finde ich zum Beispiel die

quote:
transparente seelische Identität
ziemlich abstrakt bis daneben, die seelische Identität schon schwammig, mit der Transparenz zusammen drängt sich mir der Gedanke der Unlebbarkeit von Postulaten auf - als sei das Ich eine aufgeräumte Schublade wenn man sich nur anstrengt. Diese Transparenz auf die eigentlichen, also nicht vordergründigen Motive unseres Handelns anzuwenden, halte ich für machbar, aber nicht auf die Komplexität unseres Ichs.
Demgegenüber scheint mir wiederum die Verbindung zu dem Begriff Glück wie angeklebt, als sei nach einer ansprechenden Formel gesucht worden, die jeden interessiert. Das sind ganz andere Kategorien des Denkens und sie passen nicht zusammen.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich für mich alle Vorbehalte und Widersprüche beim Lesen des Buches auflösen würden, sie also nicht in Deinem Text ihre Ursache hätten.
Es ist sicher Dein Verdienst, auf das Buch aufmerksam und neugierig gemacht zu haben.

Liebe Grüße
Petra
__________________
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Winfried Stanzick
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Liebe Andrea,

"Eben dieses Selbstfinden.

Und manchmal, nur manchmal den Menschen vertrauen, die das erkannt haben und einem helfen wollen. Ohne sich bedroht zu fühlen. Sondern spüren, dass man geliebt wird."


Genau.

Ich wünsche Dir eine gesegnete Adventszeit.

Winfried

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