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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Über alle Grenzen
Eingestellt am 23. 11. 2011 19:17


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Estella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2005

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Da war diese Stille, die sich lärmend in meine Ohren schlich und als ich die Augen öffnete, war da nur Dunkelheit. Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder. Nichts.
Ich lauschte. Nichts. Ich lag auf dem Boden, einem harten Boden. Meine Hand tastete krümelige Steine, Sand, etwas Hartes, etwas Spitzes. Wo war ich? Was war geschehen? Wie viel Uhr mochte es sein? Tag oder Nacht? Mein Mund war trocken, ich fuhr mit der Zunge über die rauen Lippen, leckte den Staub weg, der einen modrigen Geschmack hinterließ. Vorsichtig versuchte ich mich aufzusetzen. In meinem Kopf hämmerte es. Mir war schwindelig.

Nach einer Weile rutschte ich auf den Knien in die Dunkelheit hinein. Immer der ausgestreckten Hand nach, fühlend, tastend, bis meine Fingerspitzen an eine Wand stießen. Mühsam kam ich auf die Beine, fuhr mit der flachen Hand über rissiges Mauerwerk, streckte meinen Arm über den Kopf und berührte eine niedrige Decke. Ein Keller, fiel mir ein, es musste ein Keller sein, in dem ich mich befand. Wie kam ich hier her? Hatte mich jemand verschleppt? Mein Herzschlag beschleunigte sich. Die Türe. Ich musste die Türe finden. Vorsichtig, vorsichtig, nicht fallen, ganz langsam, immer dicht an der Wand bleiben. Nach einigen Metern stieß ich mit der Fußspitze an einen Gegenstand, irgendetwas versperrte mir den Weg. Ich ertastete Haare, Stoff, Knöpfe. Ein Mensch! Ich hockte mich dicht neben die Gestalt, horchte, flüsterte: „Hallo?“
Das Bündel neben mir bewegte sich.
„Hallo?“, sagte ich noch einmal, diesmal etwas lauter.
Die Antwort war ein Wimmern.
„Können Sie mich verstehen?“
„Ich habe Durst.“ Die Stimme war jung und sie gehörte einer Frau.
„Ich habe auch Durst. Wissen Sie wo wir hier sind?“
„Es ist so dunkel.“
„Ich kann auch nichts sehen. Sind Sie verletzt? Können Sie aufstehen?“
„Weiß nicht. Es tut so weh.“
„Wo haben Sie Schmerzen?“
„Oh Gott! Mein Bein, ich glaube mein Bein.“ Die Frau stöhnte.
„Bleiben Sie ganz ruhig liegen. Ich versuche hier raus zu kommen. Ich hole Hilfe.“
„Wasser.“
„Versuchen Sie wach zu bleiben. Nicht einschlafen! Hören Sie?“
Die Frau murmelte etwas, während ich auf allen Vieren um sie herum kroch, um die Wand wieder zu erreichen. Wenn es eine Türe gab, würde ich sie finden. Doch die Wand war plötzlich verschwunden. Weg, ganz einfach weg. Dort, wo sie hätte sein müssen, griff meine Hand ins Leere. Die Frau lag jetzt zu meiner Linken, wie konnte ich mich so irren? Mit beiden Händen prüfte ich den Boden und prallte zurück. Ein Abgrund schien sich vor mir aufzutun. Wie breit, wie tief, ich hatte keine Ahnung. Im Rückwärtsgang krabbelte ich weg, Zentimeter um Zentimeter. Als ich bei der Frau ankam, rührte sie sich nicht, sicher war sie wieder eingeschlafen.
„Wachen Sie auf! Sie dürfen jetzt nicht schlafen!“
„Lassen Sie mich, ich bin müde.“
„Wie heißen Sie denn?“
„Ich bin müde.“
„Nicht schlafen, das ist gefährlich. Ich hab das mal gelesen. Also ich bin Ingeburg. Ingeburg Käfer. Und Sie, wie heißen Sie?“
„Sabine“, antwortete sie widerwillig.
„Wie alt sind Sie denn, Sabine?“
„Vierundzwanzig.“
„Das ist ein schönes Alter, nicht wahr?“
„Vielleicht.“
„Ich bin sechsundsechzig. Das ist auch ein schönes Alter.“
Die junge Frau bewegte sich, stöhnte und wimmerte. „Müssen wir jetzt sterben?“
Sterben? Daran hatte ich auch schon gedacht.
„Bestimmt nicht. Jemand findet uns“, log ich und hoffte, dass es wahr werden würde.
Angestrengt versuchte ich mich zu erinnern. Wo befand ich mich, bevor ich hier aufgewacht bin? So sehr ich mich bemühte, es wollte mir nicht einfallen. Wer würde mich vermissen? Gab es jemand, der mich vermissen würde? Jemand, der mich suchen würde?
„Sabine, gibt es jemand, der Sie vermisst, wenn Sie heute nicht nach Hause kommen?“
„Mein Mann, ja.“
„Ihr Mann. Das ist schön. Dann wird er Sie sicher suchen lassen. Wissen Sie, wie Sie hier her gekommen sind?“
„Nein.“
„Vielleicht erinnern Sie sich, was Sie heute gemacht haben?“
„Rufen Sie doch Hilfe! Haben Sie kein Handy?“
„Leider, nein. Ich mag diese neumodischen Dinger nicht. Vielleicht haben Sie ein Handy?“
„Das muss hier irgendwo rumliegen. Ist mir aus der Tasche gefallen, oder so. Ich kann’s nicht finden.“
„Wo sollen wir in dieser Dunkelheit ihr Handy suchen?“
„Keine Ahnung.“
„Ich versuch‘s mal mit meinem verstorbenen Mann.“
„Sie spinnen ja. Wie kann ein Toter helfen?“
„Wenn ich das erklären könnte. Trotzdem, es funktioniert.“
„Ich habe Angst!“
„Ich habe auch Angst.“
„Und jetzt?“
„Jetzt rufe ich meinen Richard.“
„Richard? Ihr Mann?“
„Ja, mein verstorbener Mann.“
„Au! Mein Bein!“ Sabine stöhnte, sie schluchzte. „Ich will nicht sterben, hören Sie!“
„Kindchen, ich will auch nicht sterben. Bleiben Sie ruhig. Atmen hilft, hab ich mal gelesen. Tief Ein- und Ausatmen.“
„Oh Gott! Vielleicht sollten wir rufen, oder schreien, vielleicht hört uns jemand.“

Rufen ja. Meine Lippen fühlten sich geschwollen an, mein Hals kratzte. Wie sollte mich jemand hören, wo mir die Stimme versagte. Richard, Richard, Du musst mir helfen! Komm ganz schnell und hol mich da raus. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Wand und schloss die Augen. Es tat gut, die Dunkelheit nicht zu sehen, es tat gut, an Richard zu denken. Ich spürte die Wärme, die von ihm ausging, sah die vielen bunten Träume, die wir zusammen geträumt hatten, hörte, ganz in der Ferne eine Stimme, als würde sie mich locken und rufen. Es fühlte sich unglaublich schön an. So leicht.

Ich schreckte hoch. Neben mir bewegte sich etwas, blies mir heißen Atem ins Gesicht, berührte mein Gesicht mit Nässe. Ein Hund. Gütiger Gott, wir waren gerettet. Der Hund leckte mein Gesicht, er winselte, bellte und rannte davon. Eine grelle Lampe malte kreisrunde Teller auf den Boden, schwere Schritte näherten sich. Die Männer trugen Helme auf dem Kopf, sie hatten Seile und Rucksäcke bei sich und sie fanden mich.

„Sabine! Sabine! Aufwachen!“ , rief ich.
Im Lichtkegel sah ich sie liegen, in einer Lache von Blut. Sabine atmete nicht mehr, sie war tot.

Behutsam führten mich die Männer ans Tageslicht. Immer wieder versperrten Trümmer den Weg.
„Was ist passiert?“, fragte ich.
„In der Kaufhalle ist heute Vormittag eine Bombe explodiert.“







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"Es macht die Wüste schön", sagte der kleine Prinz, "dass sie irgendwo einen Brunnen birgt."

(Saint-Exupéry)

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