Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5457
Themen:   92618
Momentan online:
308 Gäste und 22 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Über den Rand
Eingestellt am 16. 12. 2017 11:54


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Klip
Autorenanwärter
Registriert: Dec 2017

Werke: 7
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Klip eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Teller ist groß, weiß und rund und tief. Es ist ein Suppenteller.
Ich sehe mich um und stelle fest, dass ich mitten in diesem Teller stehe.
Eine wilde Mischung aus Buchstaben, Tieren, Autos, Häusern, diversem Grünzeug, bekannten und unbekannten Leuten schwappt um meine Waden herum. Der Tellerrand hat ein Schwarz-Rot-Goldenes Dekor.
Ich weiß, dass es noch viele andere Teller, Tassen und Töpfe gibt. Wenn ich einen ganz langen Hals mache, und mich auf die Zehenspitzen stelle, kann ich sie verschwommen erkennen. In der, wie dunkelblaues Glas wirkenden Weite sieht das herumschwebende Geschirr wie ein Geschwader unzähliger Ufos aus.
Sie haben unterschiedliche Größen und auch jeder eine andersfarbige Verzierung. Wahrscheinlich, damit man sie nicht verwechselt.
Ich wate durch den dickflüssigen Eintopf, die meine Beine umspült und versuche, mich bis zum Rand meines Tellers durchzuarbeiten. Ab und zu rutsche ich an seiner Wölbung aus, aber irgendwann stehe ich ganz oben an der Kante.
Vorsichtig hocke ich mich hin und lasse die Beine herunterbaumeln. Jetzt, wo ich hier sitze, sehe ich endlich mal etwas klarer und aus den verschwommenen Kontouren schälen sich Gestalten heraus. Tatsächlich! Auch da sitzen Leute mit baumelnden Beinen und blicken zum Geschirr der Anderen.
Von einer Suppentasse aus schmunzelt mich ein kleiner Junge zaghaft an. Ich schmunzele zurück. Das ist immerhin noch die einfachste Art, zu zeigen, dass man keine böse Absichten hegt.
Man sollte diese herumirrenden Teile mal zu verbinden versuchen, denke ich und angele nach einer noch ungekochten Spaghetti, die gerade vorbeidümpelt. Vorsichtig schiebe ich sie zu der Stelle, an der der kleine Junge sitzt. Überrascht weicht er zurück und fast habe ich den Eindruck, er fürchtete sich ein wenig. Aber dann greift er mit einer blitzschnellen Bewegung nach der Pasta und zieht sie zu sich herüber. Sollte er etwa hungrig sein? Ich wiederhole das Ganze mit einer Banane und einem Baguette. Immer zieht der Junge die Sachen zu sich hinüber. Erst, als ich eine Holzlatte erwische, bleibt sie brückenartig liegen. Der Kleine ruckelt ein wenig daran herum und versucht einen Fuss darauf zu setzen. Aber dann verlässt ihn vorerst der Mut. Links von mir beobachtet ein anderer Tellerbewohner unser Treiben.
Er wirkt skeptisch, das kann ich sogar auf die Entfernung erkennen. Etwas zögerlich greift auch er nach etwas aus seinem Suppengefäss und schiebt es zum Rand eines anderen. Von dort wird ihm ebenfalls etwas entgegengestreckt und ich sehe, dass überall ringsum Ähnliches passiert. Das ist neu. Man wusste zwar, dass es die anderen gibt, aber bisher hat man sich doch ignoriert. Doch nun sieht es so aus, als würde zwischen den Geschirrteilen ein Netz entstehen. Die Neugierde scheint zu siegen. Immer mehr Menschen versammeln sich an den Rändern ihrer Teller und verfolgen gespannt das Geschehen. Das Treiben wirkt immer geschäftiger und fröhlicher. Fast könnte man meinen, alle hätten sie nur auf jemanden gewartet, der den Anfang macht.
Aber leider sind da auch Teller, deren Bewohner sich wieder zurückziehen, obwohl Sie schon Kontakt mit ihren Gegenübern aufgenommen hatten. Eilig ziehen sie Bleistifte und Selleriestangen wieder über den eigenen Tellerrand zurück. Die Leute dort sehen misstrauisch und verkniffen aus, als hätten sie Angst, man wollte ihnen etwas wegnehmen.
Ich winke ihnen zu. Sogar ein Lächeln schicke ich zu ihnen hinüber. Aber sie wenden sich ab.
Doch ich sehe auch, dass inzwischen von den meisten anderen Geschirrrändern hin und her gewunken wird. Das ist schön. Vor allem, weil die Versuche, einander begegnen zu können, immer deutlicher werden. Erste zaghafte Gehversuche auf den noch wackeligen Stegen und Brücken finden schon statt. Eigentlich möchte ich meinen Teller ja auch gerne mal verlassen, aber ich weiß nicht genau, was die anderen Menschen davon halten würden, wenn ich in ihrer Suppe herumstapfe. Wenn man das behutsam macht, hat sicher keiner was dagegen. Aber vielleicht ist es besser, erstmal miteinander zu sprechen? Ich bin noch unsicher - ich möchte ja niemanden verschrecken.
Nochmals versuche ich, mit den Eigenbrötlern in Verbindung zu treten.
Ich winke noch heftiger und versuche, ihnen eine Lakritzstange zuzuschieben. Sie schauen zwar interessiert zu, aber gerade, als die Stange den äußersten Rand berührt, schlagen sie sie weg.
Darauf war ich nicht vorbereitet und gerate aus dem Gleichgewicht.
Es kommt, wie es kommen muss: Ich gleite aus und stürze. Noch während ich über die Kante rutsche, denke ich, dass die da drüben ja wohl ganz besonders dämlich sein müssen. Dann öffnet sich unter mir die nachtblaue Weite und ich stürze ins Nichts. Mein Fall wird immer schneller, ich beginne mich zu drehen und mich packt die blanke Furcht. Auch die verzweifelte Ruderei mit Armen und Beinen bringt mich nicht zurück auf meinen Teller. Ein angstvoller Schrei bleibt in meinem Hals stecken. Ich reiße die Augen auf: 6:10 Uhr

Von irgendwelchem Geschirr ist natürlich weit und breit nichts zu sehen. Mein Gatte hat mein Abenteuer offenbar gar nicht mitbekommen. Sein leises Schnarchen vom Kissen neben mir zersägt die Stille. Und vor der Schlafzimmertür ertönen heftige Proteste bezüglich der offenbar dürftigen Verpflegungssituation unseres Katers.
Also alles wie immer.
Beim Frühstück studieren wir die Zeitung und auf der Titelseite ist vom Brexit zu lesen. Auch hat Donald Trump wieder irgendwas getwittert, das die Welt erzürnt.
Mein Mann widmet sich der Reisebeilage. Etwas darin erregt sein Interesse.
Er meint, dass wir auch mal wieder verreisen sollten. Es hätte schliesslich noch nie geschadet, ab und zu mal über den eigenen Tellerrand zu gucken. Ich antworte mit einer abwägenden Kopfbewegung, die mehr oder weniger ein Nicken sein soll.
Vielleicht fahren wir nach Großbritannien, oder in die USA, schlägt er vor.
Dass er etwas irritiert ist, als ich das ablehne, weil ich glaube, dass sie dort keine Lakritzstangen mögen, wundert mich nicht.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

Werke: 64
Kommentare: 1400
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ralph Ronneberger eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Klip, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken


Viele Grüße von Ralph Ronneberger

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

Werke: 150
Kommentare: 1969
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Klip,

Dein Text ist sehr vergnüglich zu lesen! Die Pointe ist gelungen, es gibt eine schöne Auflösung der leicht surrealen "Randerlebnisse", wenn sie sich als Alptraum entpuppen...

Ein paar Fehlerchen lassen sich sicher korrigieren, z.B.

Ich wate durch den dickflüssigen Eintopf, die meine Beine umspült und versuche, mich bis zum Rand meines Tellers durchzuarbeiten. Ab und zu rutsche ich an seiner Wölbung aus, aber irgendwann stehe ich ganz oben an der Kante.
Vorsichtig hocke ich mich hin und lasse die Beine herunterbaumeln. Jetzt, wo ich hier sitze, sehe ich endlich mal etwas klarer und aus den verschwommenen Kontouren schälen sich Gestalten heraus
...

Kontouren kannte ich noch nicht.

Insgesamt ein sehr schöner, gut geschriebener Text!

Schönen Gruß

P.

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!