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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Über soziale Komplexität und Kompliziertheit
Eingestellt am 16. 07. 2006 19:48


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petrasmiles
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Die meisten von uns werden mehr oder weniger verstörend geprägt in unserer Kindheit und Jugend und wenn wir dann als erwachsen ins Leben entlassen werden, halten wir uns für vollkommen normal. Jeder setzt den eigenen Mikrokosmos absolut und kann sich oft des Eindrucks nicht erwehren: Die anderen spinnen! Und jeder bringt das auf seine Weise zum Ausdruck. Wer sich von anderen emotional abhängig glaubt, wird das weniger offensiv zum Ausdruck bringen, das ist aber der einzige und nur graduelle Unterschied.

Wir gehen davon aus, dass die Welt/ die Menschen/ das Leben so ist/sind, wie wir sie erfahren haben und wir leben entsprechend der inneren Balance, die wir erschaffen haben, um in dieser Erst-Situation mit Menschen unser Überleben zu sichern.
Als kleine Menschen sind wir ja in der Lage vergleichbar eines Raumfahrers, der einer ‚neuen’ bzw. ‚anderen’ Art begegnet. Er weiß oder spürt, was er braucht, aber er kann sich nur bedingt verständlich machen. Er kennt keines der ‚Gesetze’, die ihm sein Überleben sichern. Er ist darauf angewiesen, dass sie ihn willkommen heißen, ihn aufnehmen und nähren, sich auf seine Bedürfnisse einstellen.

Mit den Erfahrungen und Erlebnissen aus dieser Zeit gehen wir durch ein ganzes Leben, wenn wir es nicht zulassen oder begreifen können, dass die Regeln auch ganz andere sein könnten. Dass die Welt ganz anders sein könnte als ich sie erfahren habe. Erst recht scheint es unerträglich, dass sich die Welt mitnichten um einen schert. Sie existiert nur aus sich selbst heraus, und ihre Regeln sind von brutal anmutender Einfachheit und es sind sehr wenige.
Der Mensch an sich ist egozentrisch – nicht in Bezug auf seine Werte oder Mitmenschlichkeit, sondern bezüglich seiner Wahrnehmung. Und das sind Mäuse, Schlangen, Affen, Flöhe und Elefanten auch. Selbst Mikroben und das Atom. Und damit ist innerhalb und außerhalb eine Komplexität, die einen Menschen erst einmal überfordert.

Je nach dem, wie bedrohlich uns die Welt gestaltet wurde – auch, aus welcher Richtung diese Bedrohung kam -, fällt es leicht, die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung zu überwinden, oder eben nicht. Und das ist schon eine der grundlegenden Bedingtheiten bei jeder Kommunikation: Begreife ich mich selbst als abgeschlossenes Wesen, bei dem der andere nur Stichworte liefert, die zu meiner Welt passen müssen, oder kann ich es zulassen, dass der andere von ‚seinem Planeten’ spricht, ohne dass ich mich in Frage gestellt fühle. Begrüße ich ‚neue’ Informationen?

Zunächst einmal spricht jeder über sich. Immer! Selbst ‚beim anderen sein’ oder ‚auf ihn eingehen’ sind ‚Ego-Hilfskonstruktionen’. Ist es nicht meistens ein ‚dem anderen Raum geben’ etwas über sich selbst auszusagen aufgrund der eigenen Präferenzen?
Ich kann beim anderen gar nicht sein, ich kann ihm nur begegnen. Und ich gebe ihm Raum, weil ich etwas von ihm will - mindestens, wahrgenommen zu werden. Und dann bewerte ich (meistens unbewusst), ob das für mich nützlich in dem Sinne war, dass es zu meinen Überzeugungen passt – wobei dieser Nutzen nicht positiv sein muss.

Diese Wahrheit der Vereinzeltheit aufgrund unseres Soseins offenbart sich mit der Bewusstheit und sie scheint schwer auszuhalten zu sein. Wir brauchen ‚die anderen’ ja. Haben sie immer und von Anfang an gebraucht. Und so lange wir in diesem Stadium sind, nehmen wir nur und geben nicht. Allenfalls Tauschgeschäfte. Erst mit der Erkenntnis, dass wir im Laufe unseres Lebens immer weniger bedürftig sind bzw. autonomer werden, können wir wirklich geben. Wir wachsen von innen nach außen. Erst muss das ‚eigene Haus’ bestellt sein, bevor wir wirklich ‚soziale’ Wesen sein können. Und das kann nur passieren, wenn dieser Raum, dem wir dem anderen geben, Freiraum ist.
Wenn sein Sosein erst einmal nichts mit uns selbst zu tun hat.

Menschen lieben, heiraten, haben Kinder, oft lange bevor dieser Zustand erreicht ist. Und immer wird dieser Aspekt enthalten sein: Ich brauche dich und du musst mir etwas geben was ich brauche. Und Weltbilder und Eigenwahrnehmung in diese Situation Hineingeborener wird bestimmt sein von dieser Sicht des Mangels, der Bedürftigkeit, der Kompliziertheit.

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MichaelKuss
Guest
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Dies ist für mich der entscheidende Satz in deinem Essay (für andere wird man dich hier steinigen):

"Erst mit der Erkenntnis, dass wir im Laufe unseres Lebens immer weniger bedürftig sind bzw. autonomer werden, können wir wirklich geben. Wir wachsen von innen nach außen. Erst muss das ‚eigene Haus’ bestellt sein, bevor wir wirklich ‚soziale’ Wesen sein können. Und das kann nur passieren, wenn dieser Raum, dem wir dem anderen geben, Freiraum ist."

Er hat allerdings bedauerlicherweise einen großen Haken: Die Erkenntnis, dass wir im Laufe unseres Lebens immer weniger bedürftig sind bzw. autonomer werden..." kommt nur bei einem gringen Teil der Menschen. Die Mehrheit lebt nach dem gegenteiligen Prinzip. Die Mehrheit lebt von außen nach Innen. Die Mehrheit möchte zwar, dass das eigene Haus bestellt wird, meint es aber primär materialistisch, während du ja wohl primär von einer geistigen Haltung "des eigenen Hauses in Ordnung bringen" sprichst (obwohl diese geistige Haltung dann in praktische Maßnahmen umgesetzt werden muss).

Inhaltlich habe ich deinen Satz "Und das kann nur passieren, wenn dieser Raum, dem wir dem anderen geben, Freiraum ist" vor vielen Jahren bereits im Briefwechsel zwischen Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre gefunden. Ich glaube, die beiden hatten "es geschafft".

Wenn Texte wie deiner dazu beitragen könnten, dass es auch andere schaffen, dann ist unsere Schreiberei nicht umsonst. Bin mal gespannt, wieviel Statements zu deinem Text abgegeben und wie die Bewertungen ausfallen werden.

Private Frage: Wie lange hast du gebraucht, um die Erkenntnisse zu erkenen? Und wie lange dann noch, um sie praktisch anzuwenden? Aber darauf erwarte ich keine öffentliche Antwort.

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petrasmiles
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Registriert: Aug 2005

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Lieber Michael,

danke fürs 'Mitdenken' ;-).
Ich habe gar keine Bange, öffentlich zu antworten, weil es nichts Statisches ist. Die schwerste aller Hürden ist die Verhaltensänderung und ansonsten gilt, 'der Mensch irrt solang er strebt ' - oder so ähnlich. Geht es nicht jedem so: Heute wieder zwei Sachen richtig und zwei falsch gemacht?
Bemüht habe ich mich immer :-) und mehr kann keiner von sich verlangen. Gefühlsschwere und die Chance zur Gedankentiefe lagen in der Wiege. Es hätte besser und schlechter kommen können.
Ich muss noch einmal darüber nachdenken, ob ich de Beauvoir und Sartre wirklich für die großen Vorbilder bzgl. Freiraum ansehe. Diese Beziehung erscheint mir so intellektuell und Gefühle sublimiert. Aber ich bin da noch nicht in die Tiefe gegangen.
Eine Steinigung fürchte ich auch nicht :-) das sind hier alles denkende Menschen, die zumindest eine abweichende Meinung gelten lassen können. Ansonsten kommt halt der Spruch mit dem Irren und Streben auf meinen Grabstein ;-)

Frohes Schreiben noch - und danke!

Liebe Grüße
Petra
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