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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Übernatürlich
Eingestellt am 28. 01. 2017 19:18


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Captain Pegleg
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2017

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Lebensmalerei

Stille. Das hätte ein Mensch an meiner Stelle wahrgenommen. Ich aber hörte so vieles, verborgene Töne des Lebens und der Energie, die sonst allen verborgen blieben. Ich hörte das leise Rascheln eines Eichhörnchens rechts von mir in einem der Bäume. Ich hörte in der Ferne die Vögel zwitschern. Ich hörte ein verliebtes junges Paar hinter der Hecke miteinander tuscheln.
Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich den Pinsel hob und ihn auf meine Leinwand setzte. Die Geräusche des Lebens waren wie Musik in meinen Ohren. Eine bessere Inspiration gab es nicht. Mein Pinsel entwickelte wie immer ein Eigenleben. Rot ging die ewige Ehe mit Gelb ein und verwandelte sich in ein strahlendes Orange. Linien, Punkte und Formen entstanden auf der Leinwand, sie alle waren einzigartig.
Ich liebte die Morgenstunden in Paris. Es war immer spannend zu hören, wie die Stadt erwachte. Irgendwann hielt ich inne und ließ den Blick schweifen. Vor mir erhob sich der Eiffelturm in seiner ganzen Pracht, der Morgennebel verlieh ihm eine fast mystische Aura. Ich hatte meine Staffelei mitten auf einer Wiese im Champ de Mars aufgestellt. Von dort aus hatte man den besten Blick auf unser Wahrzeichen.
Das junge Paar kam hinter der Hecke hervor und ich musste mich zusammenreißen, um nicht allzu auffällig in ihre Richtung zu sehen. Der Mann richtete gerade seinen Schal, seine Freundin strich sich den Rock glatt. Es war offensichtlich, welcher Tätigkeit die beiden in der letzten Viertelstunde nachgegangen waren.
„Guten Morgen“, wurde ich mit einem schweren Nancy-Akzent begrüßt, als der junge Mann mich erblickte. Mein Grinsen verunsicherte ihn.
Bonjour“, grüßte ich zurück, und fragte dann: „Hat es Spaß gemacht?“
Die beiden wurden hochrot und entfernten sich rasch. Ich biss mir auf die Unterlippe. Manche Menschen fühlten sich von meiner Direktheit in die Ecke gedrängt, aber ich sah nicht, was an ein wenig morgendlichem Vergnügen in einer frisch geschnittenen Hecke verwerflich sein sollte. Es war der ultimative Akt des Lebens. Kein Grund, sich dafür zu schämen.
Während die Sonne langsam aufging, widmete ich mich wieder meiner Leinwand. Louis aus der Boulangerie kam vorbei und brachte mir meine Croissants, wie jeden Morgen. Wir unterhielten uns eine Weile, bevor er weiterlief und seine Runde machte. Für ihn war ich einfach nur eine exzentrische Künstlerin, die sich immer viel zu früh schon vor den Eiffelturm stellte, und das war gut so. Niemand würde bei meinem Anblick je auf die Idee kommen, was ich wirklich war.
Naja. Fast niemand.
„Immer noch die alte Romantikerin, wie ich sehe.“ Die Stimme kannte ich nur zu gut. Sie gehörte meinem Erzfeind, meinem besten Freund, meinem Gegenstück, meinem Partner. Die Menschen stellen uns oft als Yin und Yang dar, als Licht und Finsternis, als Gut und Böse, dabei sind wir ein Ganzes. Es gibt kein Leben ohne den Tod. Sogar die Unsterbliche, die ich während meiner Jahre in Los Angeles kennen gelernt hatte, war zuerst gestorben, bevor sie ewig leben konnte.
Der Tod trug einen schwarzen Mantel, der vermutlich ein Vermögen gekostet hatte. Sein Outfit wurde von einem Schal, einer Hose aus dunklem Stoff, und edlen Lederschuhen vervollständigt. Man hätte ihn ohne Probleme mit einem alternden Bonvivant verwechseln können. Er hatte ein gutaussehendes Gesicht mit breitem Kinn und einem Dreitagebart. Seine Haare waren so schwarz wie sein Mantel, recht lang, und streng nach hinten gekämmt.
„Du kennst mich doch. Wie geht es dir, mein Lieber?“, fragte ich fröhlich, so als wäre unser letztes Treffen nicht schon dreihundert Jahre her gewesen. Für Menschen ist das eine lange Zeit, für mich aber nicht mehr als ein Augenaufschlag.
„Ganz hervorragend, Teuerste. Die Menschen führen wie immer Krieg, die Nahrungskette steht, und meine Seelenernte läuft auf Hochtouren“, entgegnete er. Seine Stimme klang kraftvoll, so als würde ihn der bloße Gedanke an all diese Morde mit Energie versorgen.
Ich seufzte. „Ja, Krieg führen können sie gut.“
„Ich hätte dich beinahe nicht erkannt“, sagte der Tod.
„Man muss sich schließlich anpassen, oder?“
„Sicher. Rote Haare stehen dir hervorragend.“ Er nahm meine Hand und tat so, als würde er sie küssen. Wegen der ganzen Farbe, mit der ich arbeitete, waren meine Finger grün und blau. Vermutlich wollte er vermeiden, die Farbe ins Gesicht zu kriegen. Das Fleisch schmolz von meiner schon nach wenigen Momenten skelettierten Hand. Ich biss die Zähne zusammen, ignorierte den Schmerz, und der Tod ließ meine Hand los. Dann richtete er sich wieder auf.
„Danke“, sagte ich, während auf den Knochen neue Muskeln, neues Gewebe und schließlich neue Haut entstanden. Ich war vermutlich das einzige Wesen auf dieser Welt, das eine Berührung des Todes so leicht wegsteckte.
„Macht dir das Spaß?“, fragte der Tod dann mit einem langen Blick auf mein Gemälde. Ich ließ den Pinsel über meine Palette tanzen und achtete darauf, genug blaue Farbe mitzunehmen.
„Mehr als das. Es ist meine Leidenschaft. Schau“, sagte ich, und ich wies auf meine Leinwand, wo ich momentan das Leben eines Teenagermädchens malte, „Siehst du diesen schwarzen Kreis? Hier hat das Mädchen seine Eltern verloren. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen.“ Ich mischte ein dunkles Blau zurecht und zog eine geschwungene Linie um den besagten Kreis.
„Zuerst kommt die Trauer.“ Als nächstes fügte ich ein paar hellgrüne Striche hinzu, welche aus dem Blau zu fließen schienen.
„Dann kehrt die Hoffnung wieder.“ Der Pinsel küsste den roten Farbfleck auf meiner Palette und wanderte dann wieder zur Leinwand.
„Und schließlich fühlt sie eine neue Liebe.“
„Erstaunlich“, sagte er und machte eine kurze Pause, „Ist das da für mich?“ Der Tod hatte das in Krepppapier eingepackte Gemälde bemerkt, welches an meiner Staffelei lehnte. Ich nickte kurz.
„Ja. 114 Jahre habe ich daran gearbeitet. Ein Meisterwerk. Kümmere dich gut um ihn, ja?“
„Ein Mann also?“
Mais oui.“
Mit ein paar Schritten umrundete der Tod meine Staffelei und riss das Verpackungsmaterial auf. Dann ging er in die Knie und begutachtete das Bild.
„Ein Meisterwerk, in der Tat. Unglaublich, wie oft er mir entkommen konnte, dabei hat er in zwei Kriegen gekämpft“, murmelte er dann leise. Des Todes Finger berührte eine grüne Stelle im Bild, und im selben Moment spürte ich, wie der alte Mann seinen letzten Atemzug tat. Er hatte einen ruhigen Lebensabend gehabt.
„Er war ein Unbezwingbarer. Egal, wie viel Leid er sah, er hat immer wieder einen Lichtblick gefunden“, erwiderte ich, während ich weiter malte. Bei diesem Bild war der Tod großzügig mit mir gewesen, dass er mich so lange hatte malen lassen. Andere Bilder riss er schon an sich, kaum dass ich auch nur drei Striche auf ihnen gezogen hatte. So viele Kinder auf der Welt werden ihr vollendetes Gemälde nie zu Gesicht kriegen.
„Du weinst ja“, bemerkte der Tod. Ich wischte mir über die Wangen und schüttelte langsam den Kopf.
„Freud und Leid sind oft nicht zu unterscheiden“, erwiderte ich.
„Wie wahr.“
„Du hast doch sicher auch ein Hobby, oder?“, fragte ich, nur um das Thema zu wechseln.
„Natürlich. Ich lese Bücher.“
„Was für welche?“ Ich ließ den Pinsel nicht ruhen, während wir uns unterhielten. Multitasking war eine meiner vielen Stärken.
„Alle.“ Das meinte er wörtlich, nahm ich an, denn wenn man so viel Zeit übrig hat wie wir beide, dann kann man sich Dinge vornehmen, die für Menschen unmöglich sind.
Wenn ich dem alten Louis erzählen würde, wer wir waren, hätte er mich vermutlich für irre gehalten. Der Tod und ich waren einander ebenbürtig. Ich sorgte dafür, dass den Lebewesen ihr Atem eingehaucht wurde, und er konnte ihnen diesen Atem wieder nehmen. Jedes einzelne Leben war ein Geschenk, welches ich ihm unfreiwillig machte. Auf diese Weise koexistierten wir schon seit Millionen von Jahren.
„Wusstest du, dass der Eiffelturm eigentlich Koechlinturm heißen sollte?“, fragte ich in einem Versuch, die Konversation nicht versanden zu lassen.
„Nein. Warum das denn?“ Der Tod hatte sich neben mich gestellt und blickte zum Eiffelturm herüber, wo ich mit dem Pinsel hinzeigte.
„Weil Maurice Koechlin und Émile Nouguier die Idee hatten, für die Weltausstellung 1889 einen Turm zu bauen. Sie arbeiteten für Eiffel, und als es in die Planungsphase ging, hat er ihre Namen einfach unter den Tisch fallen lassen.“
„Interessant“, sagte der Tod, und ich wusste, dass er das nur aus Höflichkeit sagte. Er hatte sie noch nie für den Erfindungsgeist der Menschen begeistern können.
Warum? Frag ihn doch, wenn du ihm irgendwann einmal gegenüberstehst. Ich selbst jedoch finde es sehr spannend, den Menschen zuzusehen. Noch zu gut erinnerte ich mich an die wütenden Franzosen, die in der Presse gegen den Turm wetterten, nur um nach seiner Vervollständigung ein Loblied auf ihn zu singen, auf die Vereinigung von Kunst und Industrie.
Ich verstehe das nicht. Selbsternannte Kritiker und Künstler zerrissen sich in jeder Epoche aufs Neue die Mäuler über Innovation. Impressionismus, Expressionismus, Kubismus – egal, um welche neue Kunstrichtung es ging, immerzu gab es diese Ewiggestrigen, die es zuerst nicht wahrhaben wollten, dass ihre Kunst nicht mehr aktuell war. Ohne Innovation gäbe es kein Morgen. Ohne Evolution gäbe es kein Leben auf der Welt, das weiß ich immer noch am besten.
Ich wäre von mir selbst gelangweilt, wenn ich immer dasselbe Bild malen würde.
„Die Welt verändert sich“, prophezeite der Tod, nachdem er mir für eine Weile einfach nur beim Malen zugesehen hatte. Ich ahnte, dass diese Botschaft der eigentliche Grund für sein Hiersein war.
„Das tut sie immer“, erwiderte ich lächelnd.
„Diesmal ist es spürbar. Die Unsterbliche war nur der Anfang.“ Ich sah kurz zum Tod herüber und dachte nach. Die Unsterbliche war eine Indianerin aus dem alten Amerika, an deren Gemälde ich schon seit etwa 400 Jahren malte.
„Sie lebt immer noch in Los Angeles, oder?“
„Ja. Und sie sammelt Verbündete.“
„Es soll so sein. Ich habe so viel Schwarz für sie verwendet, dass mir ganz anders wurde. Nach all der Zeit sollte sie wieder das Licht sehen“, erklärte ich. Der Tod neigte den Kopf.
„Das verstehe ich. Aber ich will sie haben. Kein Mensch sollte so lange leben.“
An dieser Stelle schüttelte ich den Kopf. „Das geht nicht. Du hast bereits ihr erstes Bild bekommen. Das Zweite ist nicht für dich gedacht, liebster Tod.“ Auf meine Worte hin seufzte er schwer.
„Es ist so wunderschön“, sagte er dann. Beim Gedanken an das schwarze Bild überkam mich ein Schauer. Manche Dinge sind schrecklich schön, da hatte er recht. Und gerade die Unsterbliche hatte sämtliche Epochen der Kunst in ihrem Bild vereinigt. Farben aus dem Osmanischen Reich waren dort mit Pigmenten aus habsburgischen Märkten, französischer Tusche, englischer Tinte, und modernen Farben vermischt.
Sagen wir mal so: Ich kam gut herum.
„Ich weiß. Darum strenge ich mich ja auch so an.“ Ich malte eine weitere rote Linie, und plötzlich geschah das, wovor ich schon seit Ewigkeiten Angst hatte: Der Tod verlor die Kontrolle.
„Dann nehme ich mir eben ein Anderes“, knurrte er. Seine Augen wurden nachtschwarz, er stürzte vor, streckte die Arme nach meiner Leinwand aus, und wollte sie packen. Ich reagierte so schnell ich konnte. Meine Hände flogen zu seinen Ärmeln und hielten sie fest. Nur Millimeter vor dem Bild kamen seine Finger zum Stillstand.
„Komm zu dir!“ Wir rangen miteinander. Sein Gesicht war zu einer Fratze aus Hass und Wut verkommen. Von dem charmanten Gentleman war nichts mehr zu sehen.
„Hey, Mademoiselle. Belästigt dieser Mann Sie?“, fragte da jemand von rechts. Wir hielten in unserem kleinen Kampf inne und wandten uns dem Sprecher zu. Es war ein Tourist, so wie er aussah, und er war ziemlich breit gebaut. Ich spürte, wie mir heiß und kalt wurde. Er durfte sich nicht einmischen. Gegen den Tod halfen weder Muskeln noch Kampfkünste.
„Nein, alles okay“, flötete ich gut gelaunt, während meine Hände immer noch so fest um die Arme des Todes geklammert waren wie sie nur konnten.
„Sicher? Danach sieht es nicht aus.“
„Doch, doch! Bitte, gehen Sie weiter. Danke für Ihre Besorgnis“, versicherte ich ihm. Es wurde von Sekunde zu Sekunde schwerer, gegen meinen Gegner anzukämpfen, doch erst, als der Tourist wieder verschwunden war, knipste ich das Lächeln aus.
Im selben Moment erschlafften die Anstrengungen des Todes, sich mein Gemälde zu schnappen.
„Ich – verdammt. Tut mir leid“, sagte er verlegen, während seine Augen sich wieder normalisierten. Der Tod strich seinen Mantel zurecht und zupfte ein wenig an seinem Schal, der ebenfalls verrutscht war. Ich ließ seine Ärmel los. Mein Atem ging noch schnell, und es dauerte einige Momente, bis ich wieder ruhig atmen konnte. Beinahe hätte er das Mädchen erwischt.
„Es ist nicht dein Fehler. Das ist nun einmal unsere Natur. Ich muss erschaffen, und du musst nehmen. Wir können nicht anders“, sagte ich sanft.
„Manchmal wünschte ich, es wäre anders“, murmelte er.
„Das ist unser Los.“
„Ja“, stimmte er mir zu, „Ich glaube, ich sollte gehen. Danke für das Bild, und für die Konversation auch.“
„Wir sehen uns bald wieder“, sagte ich, und umarmte den Tod. Er erwiderte die Umarmung. Zum Abschied gab er mir einen kleinen Kuss auf die Wange. Ich bedeckte mein Gesicht mit den Händen, bis die Haut wieder nachgewachsen war, und als ich meine Hände wieder herunternahm, war der Tod bereits verschwunden, und mit ihm das eingepackte Gemälde.
Ich wandte mich wieder meiner Leinwand zu. In einem Anflug von Mutwillen mischte ich ein noch tieferes Rot auf meiner Palette zusammen, und schenkte dem Mädchen eine Liebe, die ihr ganzes Leben lang anhalten würde.
Manchmal fühlt ihr Menschen euch schlecht. Ihr seid deprimiert oder traurig, und in solchen Momenten wünscht ihr euch, dass die ganze Welt zur Hölle fährt. Wie das Leben so spielt, sagen die anderen Menschen dann, aber ich verspreche dir, dass ich immer versuche, fair zu sein. Kein Gemälde ist nur schwarz oder weiß, rot oder blau. Warte nur ab, denn ich habe immer eine neue Farbe für dich auf Lager.
Wenn du irgendwann einmal also in Paris unterwegs bist und eine zierliche junge Frau mit roten Haaren siehst, die immerzu auf ihrer Leinwand malt, wink ihr doch einfach einmal zu. Das Leben lächelt zurück, wenn du es anlächelst.
Versprochen.

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Simone E.
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Registriert: Jan 2017

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Hallo Captain Pegleg,

eine faszinierende Idee, Leben und Tod zu personifizieren. Die beiden philosophieren darüber, dass jeder in seinem "Geschäft", so gegensätzlich die beiden "Tätigkeiten" jeweils sind, auf den anderen angewiesen ist - darum begegnen sie sich mit dem größten Respekt. Also, für die Idee deiner Geschichte verleihe ich dir fünf Sterne! ;-) In aller Aufrichtigkeit.

Allerdings muss ich mein Lob sogleich relativieren. Die Geschichte ist einfach zu lang. Für meinen Geschmack wird da viel zu viel um den heißen Brei geredet. Für eine Kurzgeschichte ist es irrelevant, ob jemand das Gespräch in Gang halten will - es nimmt zu viel Raum ein. Raum, für den eine Kurzgeschichte nicht angedacht ist. (Ich würde anders darüber urteilen, handelte es sich um die Szene eines Romans ...)

Obschon du deiner Geschichte den Titel "Übernatürlich" gabst, ist der Anfang ermüdend.

quote:
Ich aber hörte so vieles, verborgene Töne des Lebens und der Energie, die sonst allen verborgen blieben. Ich hörte das leise Rascheln eines Eichhörnchens rechts von mir in einem der Bäume. Ich hörte in der Ferne die Vögel zwitschern. Ich hörte ein verliebtes junges Paar hinter der Hecke miteinander tuscheln.
Daran ist nichts übernatürlich. Das Rascheln eines Eichhörnchens, das Zwitschern der Vögel oder das verliebte Turteln eines jungen Paares sind jedem zugänglich (so er nicht taub oder schwerhörig ist) - du aber erwähnst im ersten Satz die verborgenen Töne des Lebens und der Energie: verlierst darüber aber kein Wort.

Ansprechender, weil übernatürlich, fände ich es z.B., wenn das Leben, also deine rothaarige Malerin, jedes Menschen Herzschlag auf große Entfernung vernehmen kann: Denn das Herz eines 20jährigen schlägt anders als das eines 80jährigen. Das wären für mich die verborgenen Töne des Lebens und der Energie.

quote:
Manche Menschen fühlten sich von meiner Direktheit in die Ecke gedrängt, aber ich sah nicht, was an ein wenig morgendlichem Vergnügen in einer frisch geschnittenen Hecke verwerflich sein sollte. Es war der ultimative Akt des Lebens. Kein Grund, sich dafür zu schämen.
Ich weiß nicht, ich weiß nicht ... Was soll mir dieser Absatz sagen? Natürlich ist Fortpflanzung im Sinne des Lebens - aber wie oft dient ein Geschlechtsakt ausschließlich der Fortpflanzung? Dreht es sich nicht in erster Linie (wenn auch nicht immer, so doch zumeist, wage ich zu behaupten) um den Spaß am Sex - darum, seinen Partner zu lieben?
Und eine weitere Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen: Ich halte mich weder für eine Spießerin, noch neige ich dazu, die Dinge allzu eng zu sehen. Aber würde es jedem Paar einfallen, genau dort, wo sie sich gerade befinden (sprich: in der Öffentlichkeit), Sex zu machen, weil es sie gerade überkommt - doch, dagegen hätte ich was!

Die folgende Konversation mit dem Tod ist mir, wie eingangs erwähnt, einfach zu lang. Und in weiten Teilen zu inkonsequent - als könntest du dich nicht entscheiden, deiner Geschichte mit einer Prise Dramatik oder gar Ääääktschn auf die Sprünge helfen zu wollen. Meiner (ganz und gar unmaßgeblichen) Meinung nach hätte sie das überhaupt nicht nötig!

Denn die nüchterne Feststellung des Todes, oft genug hätte er von seinem Job die Schnauze voll und wolle lieber den des Lebens - das ist doch ein prima Stoff für eine Kurzgeschichte! Eine gute KG kann einen packenden Spannungsbogen ohne weiteres auch einzig und allein durch gute und prägnante Dialoge haben (ich verweise an dieser Stelle auf die vielen guten Shortstories Hemmingways, in denen ausschließlich "gebabbelt" wird - nichtsdestotrotz sind sie spannend).

Schleierhaft ist mir, warum du zum Ende hin den Leser plötzlich direkt ansprichst.
quote:
Manchmal fühlt ihr Menschen euch schlecht. Ihr seid deprimiert oder traurig, und in solchen Momenten wünscht ihr euch, dass die ganze Welt zur Hölle fährt. Wie das Leben so spielt, sagen die anderen Menschen dann, aber ich verspreche dir, dass ich immer versuche, fair zu sein. Kein Gemälde ist nur schwarz oder weiß, rot oder blau. Warte nur ab, denn ich habe immer eine neue Farbe für dich auf Lager.
Wenn du irgendwann einmal also in Paris unterwegs bist und eine zierliche junge Frau mit roten Haaren siehst, die immerzu auf ihrer Leinwand malt, wink ihr doch einfach einmal zu. Das Leben lächelt zurück, wenn du es anlächelst.
Versprochen.
Obgleich das wirklich bärenstark ist, solltest du vermeiden, dabei den Leser anzusprechen. Oder du tust es von Anfang an und ziehst es bis zum Ende konsequent durch.

Das sind so meine Eindrücke zu deiner Geschichte. Vielleicht erachtest du das eine oder andere als hilfreich - das bleibt ganz allein dir überlassen: Es ist deine Geschichte und soll es auch bleiben. Als Fazit möchte ich noch einmal betonen: Eine so grandiose Idee verdient eine bessere Umsetzung.

Liebe Grüße

Simone

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