Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5498
Themen:   93854
Momentan online:
184 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Überraschungen
Eingestellt am 31. 01. 2018 11:54


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

Werke: 152
Kommentare: 1984
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

- Es ist das Jahr 2035. Ein verwirrter alter Mann kann sich mit der Stilllegung seines alten Ofens nicht abfinden; er geht auf die Suche nach Ersatz für die demontierten Teile und wird auf einem Schrottplatz fündig.
- Vor seinem Block erkennt er die Stimme des Monteurs wieder, der seine Rauchrohre konfiszierte: es ist der Wachmann, der in diesem Moment eine fremde junge Frau nötigt.


Irgendwann im Jahre 2035, kurz vor dem Weihnachtsfest, schlief ein alter, alleinstehender Mann im Wohnzimmer seiner Anderthalbraumwohnung im Sitzen ein. Er saß auf einem kippligen, hölzernen Stuhl, dicht vor einem musealen Ungetüm aus Eisen und Marmor, einem vielleicht hundert Jahre alten Kachelofen. Der bullerte in tiefen Tönen vor sich hin, als erzähle er ein Märchen aus alten Zeiten, und strahlte dazu eine schläfrig machende wohlige Wärme in den Raum.
Der alte Mann starrte auf ein Regal voller Bücher. Er fühlte die Wärme auf seiner Haut wie eine tröstende Hand, in der Lage, üble Dinge ins Unbewusste fortzuwischen… Er erinnerte sich solcher Begriffe wie „Romantik“, ein Wort, das nicht mehr sonderlich in Mode war, es sei denn als Bezeichnung einer kulturgeschichtlichen Epoche mit böse Folgen für die ganze Weltgeschichte, oder als bedenklicher Zustand von Gefühlsduselei, eines modernen Menschen unwürdig und lange überwunden – was er sehr bedauerte.
Die Silhouette des Bücherberges verschwamm vor seinen Augen, dann wurden ihm die Lider schwer. Langsam sank sein Oberkörper gegen das heiße, bullernde Ungetüm.

                                                            *

Schuld an der immer wieder aussetzenden oder ungenügenden Versorgung mit Heizwärme und Strom in vielen Mietwohnungen der Stadt war aus Sicht der Betroffenen ein undurchschaubares, mafiöses Netzwerk aus Politik und Wirtschaft: Kommunalpolitiker, Stromhändler, Netzbetreiber, die Verwaltung der Wohnungsgenossenschaft – alle übten offenbar Einfluss aus auf Verkauf und Verteilung der, laut Stadtrat, in ausreichender Menge produzierten Wärme- und Strommengen; der Einfluss musste auf jeden Fall so groß zu sein, dass es auf dem Weg zu den Verbrauchern zu einem vorzeitigen Abfluss kam. Doch keiner konnte oder wollte genau sagen, woran es lag, warum dieses oder jenes Viertel kalt blieb oder auch kalt und dunkel, keiner schien einen blassen Schimmer zu haben, wohin die fehlenden Wärme- und Strommengen verschwanden. Keiner kümmerte sich. Rief der alte Mann in seiner Verzweiflung einen Mitarbeiter der Wohnungsgenossenschaft an, hieß es in der Regel, die Störung sei kurzzeitig, vorübergehend, vermutlich werde eine außerplanmäßige oder planmäßige Wartung oder Reparatur durchgeführt, es bestehe kein Anlass zur Sorge…

Ernsthafte Sorge war tatsächlich nicht angebracht, jedenfalls nicht im Falle des alten Mannes. Denn er war in einer komfortablen Situation, er verfügte in seiner bescheidenen Wohnung über ein Relikt aus alten Zeiten, er besaß und betrieb tatsächlich, so anachronistisch das auch anmuten mochte, einen echten Rundofen! In diesem Schmuckstück aus Guss und Marmor verbrannte der alte Mann in Abständen immer wieder gesammelte brennbare Abfälle; Kohle oder Holz waren käuflich kaum zu erwerben, es sei denn, man war in der Lage, horrende Preise dafür zu zahlen.

Doch es kam, wie es kommen musste: die jährlich neu zu beantragende Ausnahmegenehmigung für den Betrieb des unter Denkmalschutz stehenden Ofens wurde eines schlechten Tages nicht mehr gegeben, stattdessen erschien ein Mitarbeiter der Umweltbehörde und legte den Ofen mit Begründung und amtlichem Siegel still.
Zwei Tage danach – die Begründung lautete, das Heizgerät entspreche schon lange nicht mehr den technischen Vorschriften, es emittiere mehr gesundheitsschädlichen Feinstaub als erlaubt, sei nicht betriebssicher und außerdem nicht mehr zeitgemäß, da es dem Trend zur Überwindung der Kohlenstoffwirtschaft zuwiderlaufe, da helfe nunmehr auch keine Ausnahmegenehmigung für museale Stücke –, zwei Tage also nach der amtlich verfügten und persönlich überbrachten Entscheidung zur absolut-endgültigen und unwiderruflichen Stilllegung des antiquierten Stückes unter Androhung eines hohen Bußgeldes bei Zuwiderhandlung, tauchte in der Wohnung des alten Mannes unangemeldet ein Handwerker auf.
Es war kein Klingeln zu hören gewesen, der Fremde im Blaumann stand plötzlich in der Wohnstube, stellte die Werkzeugtasche ab, streifte sich Handschuhe über und öffnete die Klappe des Ofens; nach einem kurzen Blick in den mit kalter Asche gefüllten Brennraum schloss er die Tür, entnahm seiner Werkzeugtasche einen Hammer, klopfte an mehreren Stellen gegen Stahl und Blech, rülpste ungeniert, ließ den Hammer auf das Bodenblech vor dem Ofen fallen und begann, die Rauchrohre zwischen Ofen und Schornsteinanschluss abzuziehen.
Der alte Mann stand mit offenem Mund daneben und beobachtete das Treiben. Er war gefasst gewesen auf das, was nach dem Stilllegungsbescheid kommen würde. Dass es so schnell kam, schockierte ihn genauso wie das unvermittelte Eindringen des fremden Handwerkers in seine Wohnung und dessen erklärungsloses Hantieren. Ein nervöses Zucken befiel seine Augenlider. Er presste die rechte Hand auf beide Augen. Das Zucken blieb. Er wollte eine Frage stellen, allein er wusste: Es machte keinen Sinn. Bescheid war Bescheid. Die Gründe waren erläutert worden. Die Notwendigkeiten verminderter Feinstaub- und CO2-Belastungen städtischen Luftraumes zweifelte kein vernünftiger Mensch mehr an, und die Brandgefahr durch technisch überholte Öfen, in denen rußende und qualmende Flackerflammen kleine, dreckige Kohlestücke, Holzabfälle, Papier- und Pappreste – mitunter auch, wenn sich nichts Anderes finden ließ, Plastikteile oder getrocknete Hunde- und Katzenkothäufchen – in schmierige Asche und klumpige Schlacke verwandelten, war offenkundig.
So stand der alte Mann und schaute wortlos dem Treiben des Handwerkers zu. Nachdem der die Rauchrohre abgezogen hatte, setzte er eine passende runde Tonplatte in die Schornsteinöffnung und verschmierte die Fugen auf unschöne Art mit Silikon aus der Tube. Der alte Mann schüttelte den Kopf, und nun fiel ihm doch eine Frage ein. Ob man da nicht Ton oder wenigstens Lehm nehmen müsse? Er zeigte auf den verschlossenen Schornsteinanschluss. Der Handwerker verzog den Mund zu einem Grinsen. Ja, früher wäre das so gewesen, antwortete er. Aber nun, da ohnehin kein Ofen mehr an diesem Schornstein hänge, im ganzen Haus nicht, sei ein temperatur- und rauchgasbeständiger Verschluss nicht mehr erforderlich. Er klebte eine gechipte Petschaft auf den verschlossenen Rauchrohranschluss, zog um die demontierten Blechteile ein Spannband, griff das so entstandene Rohrbündel mit einer, die Werkzeugtasche mit der anderen Hand, und verschwand grußlos.

Eine durchwachte Nacht später war der alte Mann aktiv geworden. Er hatte im Abenddämmer die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen und leuchtete sich mit einer Handlampe den Weg durch den Flur aus. Am Fahrstuhl, über der Ruftaste, fiel der funzelige Scheinwerferkegel auf ein Pappschild, auf dem mit blauem Kugelschreiber und in krakeligen Buchstaben die Worte „stillgelegt, vorübergehend“ zu lesen waren. Er seufzte, schlurfte zur Treppe, griff nach dem Handlauf, stakste nach unten. Kurz vor dem Erdgeschoss rutschte seine Hand ins Leere – ein Stück vom Handlauf fehlte, vermutlich war es herausgebrochen worden. Der alte Mann dachte für einen Moment an die Möglichkeit, weitere Teile des Handlaufs als Heizmaterial für seinen Ofen zu nutzen – falls er es schaffe, den zu reaktivieren. Schwierig wäre es nur, Stücke im Dunkeln herauszusägen, ohne dass durch die Geräusche jemand aufmerksam würde.
Er trat aus dem Haus und wäre ums Haar mit einer Person zusammengestoßen, die gerade im Begriff war, in den Hausflur zu treten. Der Fremde stoppte abrupt, leuchtete mit einem scharfen Lichtstrahl in das Gesicht des alten Mannes. Der hob die Hand schützend vor die Augen.
Wohin er wolle, um diese Zeit, erkundigte sich der Fremde. Und in seinem Zustand!
Der alte Mann blinzelte, machte eine abwehrende Handbewegung. Die Stimme kam ihm bekannt vor.
„Mann, nimm mal die Lampe weg, ick seh ja nüscht bei dem Licht!“, beschwerte er sich bei dem Fremden.
„Und ich sehe ohne Licht nicht, wer hier ein- und ausgeht!“, entgegnete der Fremde scharf. Er nahm die Stablampe mit dem blendenden Lichtstrahl herunter, schaltete sie aber nicht aus.
Der alte Mann kannte die Stimme. Konnte sie aber keiner bestimmten Person oder Situation zuordnen. Wann hatte er diese Stimme gehört? Vor zehn Jahren, vor zwei Monaten, gestern? Wohin sollte er die Person stecken, der diese Stimme eignete? Hatte der Fremde etwas mit der Wohnungsverwaltung zu tun? Er war ratlos.

Wie so oft in den letzten Jahren. Ratlos und verwirrt. Zunehmend verwirrt. Der Wachmann hatte recht.
„Wir haben momentan keine richtige Straßenbeleuchtung, Meister“, erklärte der Mann etwas ruhiger. „Seit Wochen kümmert sich niemand mehr um die kaputten Lampen. Also muss ich ja wohl, wenn ich den Block einigermaßen kontrollieren möchte, mit meiner eigenen Lampe die Situation ein wenig abscannen…“
Der alte Mann nickte. Er kannte das Problem. Es ging bei den Kontrollgängen durch private Sicherheitsdienste natürlich um die allgemeine Sicherheit in den Wohnvierteln, um die Eindämmung der Zahl der Überfälle, Vergewaltigungen, ja Morde; daneben aber auch um solch banale Sachen wie die Verhinderung von Diebstählen, wobei dieses Problem zunehmend größer wurde: Geklaut wurde zwar schon immer, erst Kupfer und Blei, dann Lithium und Coltan, seit ein, zwei Jahren sogar schon normaler Stahl, Bleche, alles, was sich einschmelzen oder irgendwie tauschen ließ, selbst Strom.
Gerade bei den Stromdiebstählen wurden die Diebe immer dreister und einfallsreicher. Früher buddelten sie sich abseits der Wohnblöcke, meist in der Nähe größerer Trafostationen, bis zu den Erdkabeln vor, zapften sie an, knallten mit Schnellladern die unersättlichen Batterien ihrer Fahrzeuge voll, um die Kilowattstundenbeute anschließend auf dem Schwarzmarkt gegen Naturalien zu verhökern. Mittlerweile drangen sie nach Einbruch der Dunkelheit frech in die Häuserblocks ein, stellten Bauschilder mit erfundenen Firmennamen auf, rissen die Zähler heraus, schlossen die Ladeleitungen ihrer Wagen an die freien Kabelenden der Hausanschlüsse an und waren ein halbes Stündchen später verschwunden. Dass die Bewohner der Blöcke nach solchen Räubereien oft wochenlang stromlos blieben und der Kälte im Winter, der Hitze im Sommer ausgesetzt waren, interessierte sie nicht.
„Wollte n kleinen Spaziergang…“, presste der alte Mann heraus, ohne den Satz zu vollenden. Der Wachmann fuchtelte mit dem Kegel seiner lichtstarken Laserlampe herum, beleuchtete die Schuhe, die grobe Hose, den schäbigen Mantel des alten Mannes. Auf dem Rucksack, den der Alte trug, verweilte der Lichtkegel ein paar Sekunden. Welchen Blick er dabei aufsetzte, welche Miene er machte, blieb unklar, weil im Dunkeln.
Schweigen.
Er räusperte sich, trat zur Seite. Nuschelte tonlos einen Gruß. Der alte Mann erwiderte den Gruß kaum hörbar und trat auf die Straße.
Er feuchtete den Zeigefinger der Rechten, hielt die Hand nach oben; nickte, brummelte etwas vor sich hin. Schimpfte auf die Dunkelheit, auf die Straßennotbeleuchtung, auf die Dreckhaufen mitten auf den Gehwegen, deren Konturen im schwachen Licht verschwammen und die Gefahr vergrößerten, zu stolpern; zerfetzte Transparente, zertrampelte Plakate, Scherben: Überreste der letzten Demo, einer von vielen, sie fanden in den letzten Wochen fast schon täglich statt, und sie wurden heftiger, brutaler, die Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der Zero-Emission-Party und der Polizei.
Die Gründe für die zunehmende Heftigkeit der Straßenkämpfe waren dem alten Mann nicht klar; er hatte es schon vor längerer Zeit aufgegeben, einen Sinn oder nachvollziehbare Motive für die Aktivitäten der Anhänger dieser seltsamen Partei zu finden. Die waren ja nicht mal aus diesem Viertel! Die kamen aus besseren Gegenden, es hieß, sie wären zu großen Teilen Mitarbeiter der Verwaltungen, der Gerichte, ja selbst der Polizei, und sie wohnten in Plus-Energiehäusern, profitierten also vom ständig steigenden Strompreis, weil sie welchen produzierten und verkauften! Aber wer sollte all die seltsamen Dinge, die vor sich gingen, noch verstehen; vor allem, wenn man in einem Zustand zunehmender geistiger Verwirrung war!
Der alte Mann schüttelte traurig den Kopf und richtete seinen Blick auf die wüste Szenerie vor sich. Gab sich einen Ruck und stieg vorsichtig über einen Haufen glimmender Asche – die Demonstranten hatten vermutlich, als ihnen kalt oder einfach nur langweilig wurde, einige ihrer Fahnen und Transparente, vielleicht auch Material aus den Sperrmüllcontainern, in Brand gesetzt. Er lehnte sich gegen einen Laternenpfahl und rief per Handy ein Taxi, eines dieser autonomen, fahrerlosen, die für alle zur Verfügung stehen und angeblich nach minimaler Wartezeit auf dem kürzesten Weg zum Fahrwilligen kommen sollten.
Aber es kam kein Taxi. Eine Feuerwehr raste mit Blaulicht vorbei, weitere Fahrzeuge der schnellen Brandbekämpfungstruppe folgten. Irgendwo musste es brennen. Stand über dem Stadtzentrum eine Rauchwolke? Für Momente meinte er, ein Leuchten am Horizont zu sehen. In dieser Richtung lag die Zentralverwaltung mit ihrem Supercomputer. Das Herz aller Ordnung in der Stadt… Doch das konnte nur ein Trugschluss sein. Wenn der Himmel leuchtete, dann vom Widerschein der Stadtbeleuchtung, die zumindest im Zentrum bei Einbruch der Dunkelheit in alter Stärke erstrahlte.
Der alte Mann wartete noch ein paar Minuten. Auf dem Display seines Handys tauchte kurz ein „not available“ auf, begleitet von einem unangenehmen Piepton. Er steckte das Handy ein, lief los. Er kannte den Weg.

Die meisten Schrottplätze der Stadt wurden nachts hell beleuchtet und mit Kameras pausenlos überwacht. So oft der Strom in den Wohnvierteln ausfiel oder abgeschaltet wurde, so selten passierte das bei den Schrottplätzen. Der alte Mann wusste jedoch einen Schrottplatz, nicht einmal weit von seinem Block, der nur spärlich und manchmal gar nicht beleuchtet war, und der obendrein über einen seltenen Vorteil verfügte: der Platz befand sich zwischen einem Bahndamm und einer Sonnenvillensiedlung. Stand der Wind günstig, zogen oft nachts von den Villen her dicke Rauchschwaden in Richtung Bahndamm. Sie prallten gegen diesen, wurden zurückgeschubst, sanken über dem Schrottplatz zu Boden und hüllten das Sammelsurium aus abgewrackten Autos, verbeulten Fahrrädern, rostigen Behältern, Rollstühlen, Stahl- und Blechteilen in einen fast undurchdringlichen Nebel, den auch der hellste Vollmond nicht zu durchdringen in der Lage war.
Nach einer halben Stunde langsamen Gehens erreichte der alte Mann den Bahndamm, nahm eine Unterführung, kam an den Zaun des Schrottplatzes. Suchte eine defekte Stelle, ein Loch im Drahtzaun, auf das er bereits vor einigen Monaten aufmerksam geworden war.
Das Loch war nicht zu finden. Dem alten Mann wurde bewusst: sein Erinnerungsvermögen war nicht mehr das beste. Genauer: Es begann sich aufzulösen, es war am Verschwinden. Er musste an Demenz leiden, es gab keine andere Erklärung.
Er lief ratlos ein paar Schritte. Am Zaun lehnte eine Pappe. Er stieß wütend mit dem Fuß dagegen. Das Teil kippte nach vorn. Gab eine Öffnung im Zaun frei. Das Loch!
Sein Erinnerungsvermögen war also doch noch nicht ganz dahin, es handelte sich um vielleicht zehn Meter, um die er die Öffnung falsch verortet hatte. Wann war er denn das letzte Mal hier gewesen? Das war doch Jahre her!
Er fühlte etwas in sich, das er lange nicht mehr gefühlte hatte; es musste der verlorene Stolz sein, oder? Er drückte sein Kreuz durch, reckte sich ein Stück in die Höhe, trat an den Zaun heran.
Die Beleuchtung des Platzes war nur teilweise eingeschaltet. Von der Villensiedlung zog tatsächlich der bekannte dicke, ätzende Qualm herüber, legte sich wie eine schützende Decke über den Schrott. Da drüben musste es nicht nur drei oder vier, es musste dutzende Öfen und Kamine geben, die vermutlich illegal bei Nacht in Betrieb genommen wurden. Warum wurde das geduldet? Spielten die Behörden hier ein besonderes Spiel? Gab es Ausnahmegenehmigungen, Sonderregelungen? Es kursierte das Gerücht, die Besitzer der Sonnenvillen verdienten mit dem selbstproduzierten Strom viel Geld, sodass sie in der Lage waren, sich von allen Vorschriften und Gesetzen freizukaufen. Aber war das überhaupt möglich? War der Staat wirklich so bestechlich, oder auch: so arm?
Die Frage war nicht zu beantworten. Wie die Frage nach der Herkunft des Heizmaterials. Oder die nach den Motiven für die brutalen Demos. Außerdem: ein alter Mann wie er, in desolatem Zustand, mit verwirrten Sinnen, eingeschränktem Erinnerungsvermögen – so einer konnte solche Fragen schon gar nicht beantworten.
Vorsichtig kniete sich der alte Mann auf den Boden und schob sich, mit dem Hinterteil zuerst, durch das Loch. Einige der Drahtenden verhakten sich in seinem Rucksack. Er robbte zurück, setzte den Rucksack ab, schob sich erneut in Krebsmanier durch das Loch im Zaun, wobei er den Rucksack nachschleifte.
Den Qualm schützte, deckte, tauchte das Geschehen ins Schwammig-Undefinierbare; brannte aber in der Lunge. Mühsam unterdrückte der alte Mann den Hustenreiz, während er mit seiner Taschenlampe, auf Knien langsam über das Gelände rutschend, nach passenden Teilen zu suchen begann.

Eine halbe Stunde hielt er durch. Die Knie schmerzten, die Hüften, die Lunge. Er wollte aufgeben. Er hob, immer noch auf Knien, den Kopf. Erblickte vor sich einen Container, der vermutlich tagsüber von den Arbeitern als Unterkunft genutzt wurde. Neben dem Eingang stand eine große Waage mit rundem Zifferblatt und Zeiger, es musste ein uraltes Ding sein, vielleicht selbst ein Stück Schrott. Auf der Waage lag ein Bündel, das den alten Mann an etwas erinnerte. Er robbte noch ein paar Meter näher. Dachte: Schrott zu Schrott. Musste grinsen. Im Strahl seiner Lampe sah er Rohre liegen. Seine Rohre! Genauso, wie sie aus seiner Wohnung gebracht worden waren. Offenbar hatte sie der Monteur oder sein Abnehmer hier zwischengelagert, um sie von einem Käufer abholen zu lassen.
Und nun fiel dem alten Mann auch ein, woher er die Stimme kannte: der Wachmann sprach mit der Stimme des Monteurs! Der Wachmann – war der Monteur!

Mit Mühe schleppte der alte Mann das Bündel Rauchrohre zurück zu seinem Block. Keiner hielt ihn an, alles ging gut.
In der Nähe wurde er vorsichtig. Er schob das Bündel hinter einen Busch und spähte um die Ecke seines Blockes. Der Wachmann stand immer noch dort, allerdings nicht allein. Bei ihm: eine junge Frau, sie musste im Block wohnen, war vermutlich gerade eingezogen, der alte Mann konnte sich nicht an sie erinnern. Der Wachmann redete auf sie ein, sie hob die Hände, ruderte hilflos damit durch die Luft, schüttelte mehrmals heftig den Kopf. Der Wachmann griff der Frau in die Haare, schob sie gegen die Hauswand, drückte seinen Körper gegen ihren. Der alte Mann sah entsetzt, wie auf dem Mund der Frau plötzlich eine schwere, in schwarzem Handschuh steckende Pranke lag. Die Frau zappelte und wand sich, ließ aber keinen Ton mehr hören. Der alte Mann presste die Lippen aufeinander und lief los; ging aufrecht, mit schlagenden Absätzen, auf die beiden zu. Hustete laut.
Da ließ der Wachmann ab von der Frau, drehte sich um. Die Frau sprang weg, war im nächsten Moment aus dem diffusen Licht der Notbeleuchtung entschwunden und in den Schutz der Dunkelheit abgetaucht.
Die rechte Hand des Wachmannes zuckte zum Knauf seiner Waffe; doch er beherrschte sich, begnügte sich mit dem Abfeuern wütender Blicke; spuckte aufs Trottoir, drehte sich um und verschwand im Tempo eines gemächlich-wiegenden Schrittes.
Echt cool! Sah man diesen Schritt und diese Uniform, und wusste nichts von dem, was gerade zu sehen gewesen war, hätte man zu dem Schluss kommen können, da gehe ein zuverlässig-solider Angestellter einer zivilen Sicherheitsfirma nach getanem Dienst in größter Seelenruhe und Selbstsicherheit nach Hause, um sich ein Spiegelei in die Pfanne hauen, ein Bier zu trinken und sich vor der Glotze oder dem Laptop bei einer Serie oder einem guten Porno von seiner aufopferungsvollen Arbeit fürs Gemeinwohl zu erholen.
Der alte Mann wartete eine Weile. Horchte in die Dunkelheit. Ging zurück zu der Stelle, an der er sein Bündel deponiert hatte. Schnappte sich die Schrottplatz-Beute und lief so schnell als möglich zum Eingang seines Blockes.

Am nächsten Abend stieg er auf einen Stuhl, schnitt mit einem Messer die Silikonfuge zwischen Tonplatte und Rauchrohranschluss auf, nahm die Platte heraus und steckte die Teile seiner Beute zusammen.
Alles passte. Der Anschluss des stillgelegten Ofens an den stillgelegten Schornstein war wiederhergestellt. Er rieb sich die kalten Hände, schloss den Kleiderschrank auf, zog eine Kiste heraus, entnahm ihr verschiedenes Spielzeug.
Holzspielzeug.
Das Feuer war schnell entfacht, der Schornstein zog gut. Nach kurzer Zeit strahlte der Ofen warm, ja herzlich, menschlich beinah. Sein Blick ging zum Regal, durch seine Gedanken zogen Bilder: seine Kinder saßen vor ihm, spielten mit Bauklötzern, hölzernen Pferden, Nussknackern und Barbie Puppen…

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung