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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Überredungskunst
Eingestellt am 13. 03. 2012 12:04


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Überredungskunst

Du kriss ja Zustände, wenne nich so ausse Haut kannz, wie dat die unheimlichen Gene von dir verlangen tun. Ich war einfach nich mehr zu ertragen.
Berta und meine Mitarbeiter hatten von mir schon die Schnauze voll, wenn se mich nur von weitem sahen. Et musste sich ganz schnell wat ändern. Ich wusste mir keinen Rat mehr und brauchte dringend Hilfe.
Ich erinnerte mich an meinen Retter in Treibernöten. Mit nem Affenzahn bin ich wieder ab zu meinem Exklusivberater.
„Herr Fohlenberg“, fragte ich, „kennen Se mich noch?“
„Mensch, klar doch, Sie sind doch der Willi Püttmann, der hier in Jagdkreisen schon in aller Munde iss, ich hab Ihnen doch damals die Treibergrundausrüstung verkauft.“
„So isset, Herr Fohlenberg, dat bin ich. Ich weiß, dat sich dat blöd anhören tut, aber glauben Se mir, ich muss für wat Höheret bestimmt sein. Ich muss Jäger werden. Ich kann nich mehr anders. Die Jagdgene haben mich schwer erwischt, die lassen nich mehr locker.“
Der alte Fuchs schmunzelte.
„Herr Püttmann, dat haben Se mir jetz aber aussem Mund genommen. Sie sind genau der richtige Mann für die Jagd. So passionierte Leute wie Sie, die brauchen wir in unseren Reihen. Sie schickt uns der Himmel! Waidmannsheil, zu Ihrem wunderbaren Entschluss, Herr Püttmann!“
Er drückte mir feste und lange die Hand. Damit war meine Entscheidung, Jäger zu werden, besiegelt.
Eine Stunde lang erzählte ich ihm von meinen tollen Erlebnissen und Erfahrungen als Treiber.
Er hörte gespannt zu. Ach, wat freute sich der Mann! Ihm standen Tränen inne Augen.
Als ich ihm dann noch wat von meinem genetischen Blut erzählte, wat mich ganz schwer am Kanthaken hatte und zur Jägerei trieb, war et aus mit seiner Beherrschung.
Er umarmte mich, kloppte mir aufen Rücken und weinte vor Freude.
„Wilhelm“, schluchzte er, „ich heiße Karl, wir haben dat gleiche Jagdblut inne Adern. Darauf sollten wir uns einen genehmigen, ich hol ma schnell dat Zielwässerchen.“
Nachdem wir uns son paar davon reingeschüttet hatten, drückte er mir die Anmeldeformulare für den Jagdlehrgang inne Hand. Er steckte mir so nebenbei, dat er Ausbilder und Prüfer für dat Waffenrecht bei dem Lehrgang sei. Der Lehrgang würde bereits in drei Wochen beginnen.
„Füll den Kram hier ma sofort aus, sachte er, „dat muss noch vonne Behörde geprüft werden, ob du vorbestraft, zuverlässig, und nich geistig behindert biss. Wilhelm, komma bitte mit. Hier im oberen Regal steht nur Lehrmaterial für den angehenden Jäger.
Dat iss quasi deine Pflichtlektüre. Die muss du haben, sonst kannze die Prüfung jetz schon vergessen.“
„Hömma, Karl, dat iss aber verdammt viel Zeug. Muss ich dat wirklich allet wissen, wat da inne Bücher steht? Meinze ernsthaft, dat ich dat allet brauchen tu? Karl nickte nur.
„Ja, wenn dat so iss, dann pack den Lehrkram ein, bitte in neutralet Papier, dat soll ja meine Berta nich gleich sehen, wat da drin iss. Die weiß nämlich noch nix von ihrem Glück.“
„Ja“, sachte er weise, „dat mit die Frauen iss für uns Jäger manchmal wirklich en Kreuz. Dat iss aber nur purer Egoismus von die Weiber. Da musse nix drauf geben. Die können dat nach so vielen Ehejahren einfach nich verknusen, wenn der Alte ma ganz wat anderet auf seine Lebensfahne schreiben möchte. Dann iss überall datselbe Theater.“ Er sprach mir ausse Seele, dat waren ja fast meine Worte.
„Wilhelm, alle Bücher zusammen machen genau 430,20 €. Dat Geld für den Lehrgang musse separat überweisen.“
So viel Bargeld hatte ich nich dabei. Ich stellte ihm deshalb en Scheck aus. Dat war ja verdammt viel Knete für son paar Bücher, aber Theorie iss nun ma die notwendige Grundlage für sonne Prüfung. Hoffentlich waren dat hier keine ollen Ladenhüter. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dat der Karl nen schrappigen Hund war.

Viel schwerer war mein Problem mit Bertaken zu lösen. Irgendwann musste ich ja mit meinem Entschluss, Jäger zu werden, rausrücken. Wie bringse ihr dat nur schonend bei? Dat war jetz die beherrschende Frage, die mich ganz schön fertig machte.
Ich schlich zwei Wochen wie son Kater um sie herum. Ich erzählte ihr immer wieder wat vonne unbarmherzigen Gene, die mich piesacken taten. Auf diese Art und Weise kloppte ich sie psychologistisch weich.
Jeden Tag bestimmte ich dat Fernsehprogramm. Wir kuckten auf allen Kanälen Jagd- und Tierfilme. Dat war abends Pflichtprogramm. Da war ich stur.
Bertaken äugte ohne zu nörgeln schön mit inne Glotze rein. Sie fand die Filme auch interessant. Mehr aber nich!
Berta hoffte immer noch, dat ich den Schritt zur Jägerprüfung in meinem Alter nich mehr wagen würde, ja, sie war sich sogar sicher, dat ich die Prüfung auch niemals bestehen könnte.
Sie zweifelte, ohne dat sie mir dat offen sagen tat, ganz schwer an meinem Ikuh.
Dann passierte et.
Sie fand beim Putzen auf meinem Nachttisch dat neue Buch von dem Ausbildungspapst Seibt: „Grundwissen Jägerprüfung.“ Am Nachmittag fand se auch noch den Kontoauszug mit der Abbuchung vom Karl Fohlenberg. Dat musste für sie en verdammt harten Schlag gewesen sein. Ich sah sie mit hochrotem Kopp und wutschnaubend dat Lehrbuch durchblättern.
Wat war die Folge dieser Entdeckung? Russ inne Küche! Eine Woche stille Messe. Nur noch dat Nötigste wurde gesprochen.
Sonntagabend brach Berta dat Schweigen und giftete mich frontal an:
„Willi, dat mach ich nich mit! Ich maloch hier wie verrückt, und Herr Püttmann will Jäger werden, sich dann nur noch seinem Vergnügen hingeben. Nich mit mir! Such dir ne andere Blöde! Dann geht auch noch die Firma kaputt, weil er über seinen grünen Hut den Betrieb vernachlässigt. Hätte ich doch bloß auf meine Mutter gehört, die hat dat genau gewusst, dat mit dir wat nich stimmte!
Ich kenn die Frau Voos, Frau Martini und Frau Altenpohlmann. Wir sind zusammen inne evangelischen Frauenhilfe. Nee, wat sind dat doch für arme Weiber! Die haben auch so Jagdkerle zu Hause. Ich hab dat oft mitgekriegt, wenn se vom Elend mit ihren jagenden Ehemännern erzählten. Schon donnerstags würden ihre Männer ganz unruhig und packten ihre Jagdklamotten. Am Freitag sind se unausstehlich und nervös und setzten allet dran, um ganz schnell inne Jagd düsen zu können. Kämen die Kerle dann sonntags noch mit ner Alkoholfahne nach Hause, wären se so abgeschlafft, dat mit ihnen nix mehr anzustellen wär. Die ganze Jägerei wär ja so wat von ehefeindlich!
Dat kannze mir nich antun, Wilhelm. Unsere Ehe iss stark gefährdet, willze dat unbedingt bezwecken? Sind dir die gemeinsamen Tage mit mir nich mehr gut genug? Iss dir der Ehealltag unerträglich geworden?“ Berta heulte Krokodilstränen. Sie tat mir leid.
„Berta, mein Bertaken, hör doch auf zu jammern, so kann ich doch nich mit dir über son wichtiget und ernstet Thema reden.“
Ich schnappte sie mir, drückte sie an mich und streichelte zärtlich über ihr erzürntet Köpfchen.
„Berta, setz dich ma schön bequem in den Sessel, wir müssen uns ma vernünftig unterhalten. Bertalein, ich hab mich dagegen gesträubt, leider vergebens. Ich kann mich nich mehr gegen den unheimlichen Drang wehren. Ich muss einfach Jäger werden!
Berta, ich bin gefangen. Die Jagdgene haben mich voll im Griff, die toben in meiner Blutbahn rum. Ich bin denen völlig ausgeliefert, ich bin daran total unschuldig!
Dat iss wie bei ner genetischen Erbkrankheit, die bricht irgendwann aus, da hilft dir kein Arzt, niemand kann dir mehr helfen. Et gibt noch keine Impfung dagegen. Soll ich mich deswegen vielleicht erschießen?“ Berta wurde nachdenklich:
„So schlimm bisse dran, mein Williken? Bisse dir auch ganz sicher mit deiner vererbten Jagdkrankheit? Willze nich doch lieber ma son Nervenarzt aufsuchen?“
„Berta, ich hab mich beim Karl Fohlenberg erkundigt, dat iss nix Ansteckendet. Den Bazillus haben fast alle Jäger im Balg. Ich komm ohne eine starke Frau an meiner Seite nich mehr klar. Du biss hoffentlich die verständnisvolle Ehefrau, die mir bei der Bewältigung dieser jagdgenetischen Krankheit hilft. Ich brauche dich, mein Täubchen. Du biss auch der einzige Mensch, der mir den Lehrstoff in meinen alten Schädel eintrichtern kann. Dabei lernze automatisch auch wat vonne Natur und willz vielleicht auch irgendwann ma die Jägerprüfung machen. Überleg doch ma, wir beide hätten dann ne gemeinsame Passion, wäre dat nich herrlich, mein Rehlein? Wir hätten immer bestet, ökologistischet Fleisch inne Kühltruhe, frei von Antibotikka und Hormonellen.
Mein Häslein, et gibt noch viel mehr gute Gründe für meine Jägerprüfung:
Wir fahren zu den unterschiedlichsten Jagden in dat In- und Ausland. Du, mein liebet Frauchen, sitzt mit mir jeden Abend und in der Früh auf dem Hochsitz. Wir lernen viele Leute kennen, und unser Horizont wird ständig erweitert. Die Kinder sind aussem Haus, wir müssen uns neue Ziele setzen, noch Visionen haben. Berta, wach auf, eh et zu spät iss. Die Lebensuhr tickt erbarmungslos.“
Berta seufzte schwer und putzte sich ihr kleinet Näschen. Gleich hatte ich sie soweit. Blitzschnell zog ich noch en Joker aussem Ärmel:
„Berta, hab ich dir schon ma gesacht, dat dir Trachtenklamotten unheimlich gut stehen? Dein wunderbarer Körper ist dafür wie geschaffen. Ich fahr morgen mit dir in dat Trachtengeschäft anne Hermann-Löns-Straße, da suchsse dir nen schicken Fummel aus. Ich muss mir da auch ne neue Pelle besorgen. So wie bisher kann ich als angehender Jäger nicht mehr rumlaufen. Ich werde meine ausgebrochenen Jagdgene durch mein Äußeret unterstreichen. Jeder soll dat sehen: Wilhelm Püttmann wird Jäger. Auch die blauen Klempnerklamotten werden durch jagdgrüne ausgetauscht.
Also, mein liebet Weibchen, gib deinem großen, süßen Herzchen en kleinen Stoß, und steh voll hinter deinem kranken Willi.“
Berta schaute mich auf einmal mit ganz anderen Augen an, richtig verständnisvoll, sie hatte ein liebet Lächeln im Gesicht, ganz süß.
„Ja, Wilhelm“, sachte se, „wenn dat so iss mit deiner Erbkrankheit, dann kannze ja wirklich nix dafür, da könnte ich ja reden, so viel ich wollte, dat würde ja überhaupt nix bringen.
Ich steh dir bei deiner Krankheit in guten wie in schlechten Tagen bei, dat hab ich dir bei der Trauung versprochen. Ich fürchte nur, dat du der einzige Lehrgangsteilnehmer biss, der sonne verdächtig seltene Erbkrankheit hat. Egal, ich stehe zu dir.
Willi, bevor ich dat vergesse, ruf doch gleich ma in dem Trachtengeschäft an und mach en Termin. Dafür kannze dir den ganzen Vormittag freinehmen.


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Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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