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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Übrigens - sie kann auch kochen!
Eingestellt am 25. 01. 2004 21:58


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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Übrigens – Sie kann auch kochen

Bei seiner Rückreise von der Leipziger Buchmesse hatte Micha kurz entschlossen in der Kleinstadt G. den Zug verlassen und war, die milde Luft dieses Spätsommer-Nachmittags genießend, ein wenig durch die Altstadt gebummelt. Zwischen seinem letzten Besuch und heute lagen fast drei Jahrzehnte. Doch diese lange Zeitspanne schmolz beim Durchwandern der vielen schmalen, von uralten Häusern gesäumten Straßen und Gassen immer mehr zusammen. Es schien, als hätte die Zeit einen Bogen um diesem betulichen Ort gemacht. Dachte man sich die schreiend bunten Werbeplakate einfach weg, so hätte man sich in eine Filmkulisse der 60er Jahre versetzt geglaubt. Micha wurde richtig warm um die Seele, denn aus jeder grauen Ecke sprang ihn Vertrautes aus seinen Kindertagen an.
Irgendwann hatte er sogar vor seiner ehemaligen Schule gestanden und schmunzelnd festgestellt, dass selbst die einstmals kunstvoll in die Fassade gemeißelte Losung

„Für Frieden und Völkerfreundschaft – seid bereit!“

die Wende überdauert hatte
Als er schließlich dem Ort unbeschwerter Kindheitstage den Rücken kehrte, um zu dem am Stadtrand liegenden Bahnhof zurück zu kehren, tat es ihm leid, sich nicht etwas mehr Zeit für diese kleine Reise in die Vergangenheit genommen zu haben.
Er betrat gerade noch rechtzeitig den Bahnsteig, um die Durchsage zu vernehmen, in der den wenigen Reisenden mitgeteilt wurde, dass der Regionalexpress – Abfahrt 20.58 Uhr - aus technischen Gründen heute nicht verkehren würde. Also hieß es, noch fast zwei Stunden warten.
‚Ein Wink des Schicksals?‘ dachte Micha, als er in der verräucherten Bahnhofskneipe vor einem Bier saß und in seinen Erinnerungen stöberte.
Na – „Schicksal“ war wohl übertrieben, aber er merkte, dass er mehr und mehr mit dem Gedanken zu spielen begann, für heute ganz auf die Rückfahrt zu verzichten. Zu Hause erwartete ihn ohnehin niemand. Eine Übernachtungsmöglichkeit würde sich schon finden. Es war kaum anzunehmen, dass in diesem verträumten Städtchen die Hotels ausgebucht wären. Morgen war Sonntag, und da würde er genügend Zeit haben, um all die vertrauten Orte aufzusuchen, mit deren Hilfe er viel vom Schutt des Vergessens hinweg räumen konnte, um für Momente wieder in die ferne Kindheit einzutauchen.
Schließlich stand sein Entschluss fest: „Ich bleibe bis morgen!“
Er bezahlte sein Bier und verließ den trostlosen Schuppen, der früher einmal den stolzen Namen „MITROPA-Gaststätte“ getragen hatte.
Beim Durchqueren der düsteren Empfangshalle nahm er plötzlich das gefürchtete Grummeln in seinem Bauch wahr. Kaltes Bier schlug bei ihm immer gleich durch. Das noch aus der Kaiserzeit stammende Schild „Zu den Aborten“ präsentierte sich wenig Vertrauen erweckend. Doch er besaß keine Wahl, folgte dem Pfeil und öffnete dann eine windschief im Rahmen hängende Tür. Als diese krachend hinter ihm ins Schloss fiel, schlug ihm dieser typische Gestank entgegen, der einem für Sekunden den Atem nimmt. Hier in dieser düsteren Gruft hatte sich der Mief ganzer Generationen in den blättrigen Putz gegraben und selbst die einstmals weißen Fliesen mit einem milchigen Schleier überzogen.
Der kurzen Gewöhnungsphase folgte leicht irritiertes Suchen – dann war der Zugang zu der einzigen Box, die noch über eine verschließbare Pforte verfügte, gefunden. Micha verharrte noch einen Moment im Zögern, bis sich schließlich dieses Gefühl von Todesverachtung einstellte, das einfach notwendig ist, um das nun folgende Ritual auch wirklich zelebrieren zu können. Also, rein in das Kabuff, kurzer Blick in die Schüssel, verbunden mit dem gedanklichen Aufschrei „Oh jeh!“ Dann meterweise Papier zum Abdecken der schwarzen Kunststoffbrille abrollen und hastig verteilen, die Hosen maximal bis zum Knie fallen lassen und… los!
Es ging schnell und reibungslos. Dem kurzen Ächzen und der befriedigenden Feststellung, dass das Bauchgrimmen aufgehört hatte, folgte ein befreiender Seufzer, in den sich bereits das Rauschen der Druckspülung mischte.
Nachdem sich Micha die Hosen wieder hochgezogen hatte und seine Finger bereits an der widerspenstigen Gürtelschnalle nestelten, fiel sein Blick auf die über und über mit sattsam bekannten Sprüchen und seltsamen Mitteilungen verzierte Kabinenwand.
‚Komisch‘, dachte er. ‚Das findet man auf fast allen öffentlichen Toiletten. Was mögen das nur für Typen sein, die glauben, sich hier verewigen zu müssen? Warum tun sie das?‘
„Hi – geselliger Typ sucht versauten Wichspartner! Wer Lust hat auf...“ dahinter eine Handynummer
In einer anderen „Annonce“ wurden die Blowjob-Qualitäten einer gewissen Jenny gerühmt. Darunter hatte jemand in nur schwer zu entziffernder Schrift offenbar wütend festgestellt, dass der Autor der obigen Offerte überhaupt keine Ahnung hätte, und dass einzig und allein bei der rothaarigen Glibber-Chriss die Post so richtig abginge.
Zwischen all die Sprüche und „Anzeigen“ waren immer wieder hastig hingeworfene „Prinzipskizzen“ zu sehen, die Micha erneut in seine Kindertage katapultierten, weil sie ihn daran erinnerten, wie er selbst als Elfjähriger solche Kunstwerke –allerdings in Kreide – heimlich auf Häuserwände gekritzelt hatte.
Wow – da hatte sich ja einer sogar die Mühe gemacht, seine hochwichtige Mitteilung in Verse zu setzen! Micha las:

Willst du bei nem richtig netten
Weibe dich genussvoll betten,
wo keine Wünsche offen bleiben?
Dann vergiss nicht aufzuschreiben
diese Nummer – die hier steht.
Rufe an! Dann wird konkret
alles im Detail besprochen.
Übrigens – sie kann auch kochen!

Micha konnte sich nach dem Lesen dieses kleinen Kunstwerkes ein anerkennendes Nicken nicht verkneifen. Das hatte Stil. Nun ja – in der 3. Zeile stimmte das Versmaß nicht, aber das Minigedicht lag trotzdem weit über Bahnhofsklo-Niveau, und die angegebene Telefonnummer stammte sogar aus dem Festnetz!
Micha spürte Neugier in sich aufkommen. Obwohl er sich im Stillen für total bescheuert erklärte, tippte er die Nummer in sein Handy. Plötzlich wollte er wissen, wer sich hinter diesen Ziffern verbarg. Trotzdem brauchte er lange, ehe er den Mut fand, die grüne Taste zu drücken. Als er sich schließlich doch dazu durchgerungen hatte, stand er bereits auf dem menschenleeren Bahnhofsvorplatz. Während er sich das Handy ans Ohr hielt und sein Herzklopfen nun vom Rufton übertönt wurde, wanderte sein Daumen zum roten Knopf, bereit, das Gespräch blitzartig zu beenden.
„Ja bitte?“ Eine rauchig dunkle Frauenstimme. Der Daumen vibrierte.
„Hähm... Ähh... ich wollte fragen...ja also, ich ... Sie wurden mir empfohlen!“
Am anderen Ende ein kurzes glucksendes Lachen. „Empfohlen? Das höre ich gern. Und wann möchten Sie...?“
‚Ja – möchte ich überhaupt?‘ dachte Micha. ‚Auf was lass ich mich hier ein? Ich muss bekloppt sein! Ich hab doch noch nie...‘ Der Daumen zuckte nervös.
„Drück doch endlich!“ befahl eine innere Stimme.
„Am besten gleich“, hörte er sich stattdessen sagen.
„Kein Problem. Sie kennen den Weg?“
„Nein – ich bin nur auf der Durchreise.“ Der Daumen stand still.
„Aha. Also – sie fahren durch die Stadt, biegen hinter dem Markt rechts in ...ach nee, das ist ja Einbahnstraße... Hm.. da müssen Sie...“
„Macht nichts. Ich komme eh zu Fuß“, sagte er und wunderte sich nicht einmal, woher er plötzlich diesen Mut nahm. Lag es nur daran, dass die Stimme so sympathisch klang?
„Dann stehen Sie jetzt doch nicht etwa am Bahnhof?“ fragte sie.
„Doch!“
„Oh jeh!“ er hörte wieder dieses einnehmende Lachen. „Mein Haus liegt etwas außerhalb der Stadt, direkt am Fluss. Da müssen sie mit einer guten Stunde Fußmarsch rechnen. Tja also... Wollen Sie wirklich? Ach, wissen sie was? Ich hole sie ab!“
Micha erschrak und nuschelte etwas Undefinierbares, doch die Stimme fragte nicht nach, sondern versprach in 10 Minuten da zu sein.
„Ford Mondeo-Combi, siber-metallic und ein rotes T-Shirt – bis gleich!“
„Ja, aber...“
Sie hatte aufgelegt. Micha verstaute sein Handy und wischte sich die verschwitzten Hände am Hosenboden ab. Ein langer Fußmarsch wäre ihm trotz Reisetasche lieber gewesen. Da wäre ihm noch Zeit zum Nachdenken geblieben. Und wahrscheinlich hätte er, in dem Bewusstsein, einer Schnapsidee verfallen zu sein, das Vorhaben aufgegeben und sich stattdessen ein Hotel gesucht.
„Feigling!“ rief ihm jetzt die innere Stimme zu. „Wer A sagt, muss das B folgen lassen. Wer eine Verabredung trifft, muss sie auch einhalten.“
Micha wusste nicht, ob er diesem internen Ratgeber wirklich beipflichten sollte. Doch er nickte tapfer, zog es aber vor, sich hinter einer der dicken Linden, die den Platz säumten, zu verkriechen.
Wie schnell doch zehn Minuten vergehen, wenn man etwas Unvermeidliches hinaus zögern möchte! Micha zuckte zusammen, als er ein silberfarbenes Auto kommen sah, das auch prompt vor dem Bahnhofsgebäude hielt. Was für einen Fahrzeugtyp hatte sie genannt? Glatt vergessen! Vielleicht war sie es gar nicht?
Aber da schlängelte sich bereits eine rotbeshirtete Frau aus dem Wagen. Sie streckte sich kurz und fuhr ein paar Mal ordnend durch ihre schulterlange Blondmähne, ehe sie sich suchend umschaute.
„Sie sieht von weitem aus, als wäre sie aus der Nähe hübsch“, murmelte Micha in sich hinein und wunderte sich über seine plötzliche Gelassenheit. Aber Mut stellt sich eben oft erst in dem Augenblick ein, wenn die Gefahr ein Gesicht bekommt. Ging von dieser Frau überhaupt eine Gefahr aus? Einen Moment lang beobachtete er, wie sie den Blick über den Platz schweifen ließ und dabei neben dem Auto auf und ab ging. Schließlich gab er sich einen Ruck, schulterte sein Gepäck und trat aus dem Schatten der Linde hervor.
Je näher er kam, umso mehr fühlte er sich in seinem ersten Eindruck bestätigt.
Sie sah gut aus!
Die engen Jeans und das nicht minder körperbetonte T-Shirt vermittelten den Eindruck, dass die Maße dieser Frau wohl ziemlich dicht an die allgemein als Ideal betrachteten Werte heran reichen mochten. Die beängstigend hohen Absätze ihrer Schuhe schien sie mit traumwandlerischer Sicherheit zu beherrschen. Das verlieh ihr einen sehr aufrechten und durch das leichte Schwingen von Hüften und Po durchaus erotisch wirkenden Gang.
Die in der Abenddämmerung rotgold schimmernden Haare umrahmten ein Antlitz, das man nicht lapidar mit schön oder hübsch beschreiben konnte. Es wirkte einfach nur anziehend. Und dieser Eindruck wurde durch das gewinnende Lächeln, das sie aufsetzte, als sie Micha schließlich entdeckte, noch verstärkt.
„Hallo! Sie sind wohl der Herr mit der Empfehlung?“ Sie lachte und gab dabei ihre niedlich kleinen Zähne frei.
„Tanja Lüders“, sagte sie dann und reichte ihm ihre schmale, aber kräftige Hand. Ihre lebhaft taxierenden Blicke schienen auf seinem Körper zu tanzen und machten ihn verlegen.
„Weber... Michael Weber“, nuschelte er. Wenigstens der Vorname stimmte.
„Okay – dann wollen wir mal!“ Sie ging zum Heck des Wagens, öffnete den Kofferraum und bückte sich, um noch irgendetwas zu ordnen.
Ihr steil aufragendes Hinterteil nahm ihm die Luft. Donnerwetter! Zum ersten Mal, seit er die Ruftaste gedrückt hatte, freute er sich auf das Abenteuer. Was für eine Frau! Unwillkürlich drängte sich ihm der Begriff „Edelnutte“ auf.
Doch da durchfuhr ihn plötzlich ein Riesenschreck. Würde er sie überhaupt bezahlen können? Aber er wagte auch nicht, schon jetzt nach dem Preis zu fragen. Hoffentlich konnte er mit Karte bezahlen. Peinlich – ein Edel-Nutten-Freier, der nur reichlich hundert Euro einstecken hatte. Das würde wahrscheinlich nicht einmal für die Getränke reichen.




Mit solch unerfreulichen Gedanken beschäftigt, nahm er auf dem Beifahrersitz Platz. Während sie bereits den Motor startete und die Kupplung kommen ließ, brauchte er einige Zeit, sich den Gurt umzuwurschteln. Erst nach mehreren Versuchen gelang es ihm, das Schloss einrasten zu lassen.
„Nervös?“ fragte sie gegen die Windschutzscheibe.
„Ein wenig.“
„Wohl einen anstrengenden Tag gehabt?“ Jetzt drehte sie kurz den Kopf in seine Richtung und fixierte ihn mit einem raschen, aber aufmerksamen Blick.
„Eigentlich nicht. Ich bin…“ Er brach ab, weil er nicht weiter wusste. Mein Gott, wie konnte er nur so linkisch sein? Nicht einmal auf einen Hauch von Konversation vermochte er einzugehen. Längst war die Mundhöhle staubtrocken. Alle verfügbare Körperfeuchte schien sich auf den Handflächen abgelagert zu haben.
„Sie sind geschäftlich hier?“
„Nee. Nur so. Wollte mir die Stadt mal ansehen.“
„Na, so aufregend ist unser Nest ja nun nicht gerade. Obwohl – die Gegend ist schön. Es bleibt nur viel zu wenig Zeit, um sie zu genießen. Sie machen es richtig. Sie nehmen sich diese Zeit. Und das ist wichtig bei all dem beruflichen Stress. Als was arbeiten Sie denn?“
Zum Glück musste sie sich gerade auf die Durchquerung einer winkligen Kopfsteingasse konzentrieren, was ihm ein wenig Zeit für eine Antwort ließ.
„Ich bin Ghostwriter“, sagte er schließlich, als sie aus der Gasse heraus waren.
„Issn das? Noch nie gehört.“
„So ne Art Schriftsteller. Ich schreibe für solche Leute, die es selbst nicht können.“
„Interessant. Da verdient man sicher recht gut dabei.“
Micha schwieg. Hätte er ihr jetzt erzählen sollen, dass sein letztes Buch den Namen eines Autoren trug, der mal ganz kurz im Licht der Öffentlichkeit gestanden hatte, nun aber längst in Vergessenheit geraten war? Aber wie so viele wirklich Prominente hatte auch dieser Möchtegern-Star „seine“ Memoiren einem völlig desinteressierten Publikum vorstellen wollen. Der Erlös aus dem Verkauf würde gerade mal die Herstellungskosten decken.
Zum Glück ging sie nicht weiter darauf ein. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt jetzt vielmehr einem vor ihr zuckelnden FIAT Panda, bei dem man allem Anschein nach werksseitig vergessen hatte, die Gänge drei bis fünf einzubauen. So besaß er Gelegenheit, sie nun etwas genauer zu betrachten. Sie schien älter, als er auf den ersten Blick geglaubt hatte. Selbst im letzten Abendlicht vermochte er jetzt deutlich die Fältchen um Augen und Mundwinkel auszumachen. Auch am Kinn und am Halsansatz hatten sich die ersten leisen Vorboten des Alterns bereits eingenistet. Er tippte auf Anfang bis Mitte vierzig. Das hieß, sie könnten gleichaltrig sein. Saß sie mit ihrem Gewerbe auf dem absterbenden Ast? War sie vielleicht deshalb sogar auf solch obskure Bahnhofs-Klo-Werbung angewiesen?
„Na los – du oller Knusperkopp!“ hörte er sie rufen und sah, wie sie temperamentvoll auf dem Lenkrad herum trommelte.
Er lachte auf.
„Was gibt es denn da zu lachen? Und ich dachte schon, sie können das gar nicht.“ Sie schoss einen erstaunten Blick auf ihn ab.
„Ich amüsiere mich über den Titel, den sie gerade vergeben haben. ‚Oller Knusperkopp!‘ Das habe ich schon lange nicht mehr gehört.“
„Das ist meine Lieblingsanrede für Leute, die mich nerven“, brummte sie. Und dann: „Na endlich!“
Sie bogen in die breite Parkstraße ein – das Tempo nahm ein wenig zu. Zur Rechten standen uralten Baumriesen, die in der fortschreitenden Dämmerung mehr und mehr zu einer schwarzen Wand verschmolzen. Irgendwo da hinten musste der Schwanenteich sein. Wieder kamen alte Erinnerungen hoch. Ob es die Bank direkt am Ufer noch gab? Dort hatten sie gesessen – noch nicht mal vierzehnjährig, aber zerstritten wie ein uraltes Ehepaar. Sie hatten sich gegenseitig wüste Beschimpfungen an den Kopf geworfen, bis Mädchen, plötzlich still geworden war und zu weinen begonnen hatte. Seine Wut war einer plötzlichen Ratlosigkeit gewichen, mit der er zuschaute, wie die Tränen langsam die Wange herunter liefen, um dann auf der dünnen Bluse zu versickern.
Und da war auf einmal der unbändige Wunsch in ihm erwacht, seine Hände auf diese schmalen, hilflos zuckenden Schultern zu legen, das Mädchen an sich zu ziehen und die kleinen Tränenrinnsale einfach wegzuküssen. Schon hatte er die Arme ein wenig angehoben, sie aber unschlüssig wieder sinken lassen. Durfte er das? Doch dann hörte er zwischen zwei Schluchzern die leisen aber eindringlichen Worte: „Nun mach doch schon, du oller Knusperkopp!“
Wie ein Blitz drangen diese Worte durch den aus schüchterner Zurückhaltung geschmiedeten Panzer und brachen ihn auf. All die seit Wochen und Monaten aufgestauten Gefühle und Sehnsüchte fanden plötzlich ihre Bahn. Sie steuerten Michas Arme, mit denen er das Mädchen an sich zog. Sie dirigierten seine Hände, die ein erstes scheues Streicheln versuchten, und sie verliehen ihm den Mut für den ersten Kuss seines Lebens. Die Phase des unsicheren Tastens und Suchens von Lippen und Zunge währte nur kurz, dann wies ihnen der allen Liebenden innewohnende Instinkt den Weg.
Ganz fest hatte sich die Kleine an ihn gepresst. Ihr so erregend heißer Atem war ihm über das Gesicht gestrichen, und ihr leises Aufstöhnen hatte ihn ermuntert, mit seinen noch unwissend scheuen Händen den erst im Aufblühen begriffenen Mädchenkörper zu erkunden.
Eingewoben in ein feines Netz aus Zärtlichkeiten hatten sie sich ganz dieser neuen beglückenden Erfahrung hingegeben, die alles um sie her vergessen ließ. Als ihm schließlich ihre streichelnden Hände einen so noch nie erlebten Höhepunkt beschert hatten, war ihm ganz schwindlig vor Glück. Die Erregung verebbte, aber ein bislang unbekanntes Gefühl hatte von ihnen Besitz ergriffen und ließ sie in ihrer Umarmung verharren. War das Liebe?
„Mischka, wir wollen uns nie wieder so streiten. Wenn ich damit anfange, gib mir einfach einen Kuss. Versprichst Du mir das?“
„Ja – Tanjuschka, das verspreche ich.“
Sie hatten sich tatsächlich nie mehr gestritten. Und wenn sie wirklich mal „oller Knusperkopp“ zu ihm sagte, dann tat sie das mit einer Zärtlichkeit in der Stimme, die das Schimpfwort für ihn zum Kosewort werden ließ.
Ganz bestimmt hätten sie auch wieder mal ernsthaften Streit bekommen, aber dafür hatte die Zeit nicht mehr gereicht. Nur wenige Wochen nach der ersten Umarmung hier am Schwanenteich kam der Umzug nach Berlin. Mischkas Vater war überraschend dorthin versetzt worden. Eine Welt brach zusammen. Zum ersten Mal spürte er, welch einen unerträglichen Schmerz eine verwundete Seele auszulösen vermag. Er erinnerte sich an die Nächte, wo er sich in den Schlaf geheult hatte. Sehnsucht – jetzt wusste er, was die Erwachsenen damit meinten.
Doch er war ja noch wahnsinnig jung. Die Briefe, die sie sich regelmäßig schrieben, wurden kürzer und nach und nach auch inhaltsloser. Irgendwann hatte ihn die neue Umgebung aufgesogen. Selbst die Erinnerungen verblassten allmählich. Nun waren sie unvermittelt und in aller Deutlichkeit wieder aufgetaucht.
„Tanjuschka!“ flüsterte er in Gedanken und ein traurig warmes Lächeln huschte über sein Gesicht. Diesen Namen hatte er im Russischunterricht als eine Koseform von Tanja kennen gelernt. Sie nannte ihn daraufhin Mischka.
Tanja???
Er schaute zu der Frau am Steuer und spürte plötzlich das erregte Pochen des Herzens bis in die Halsschlagader.
„Tanj...!“
Er schaffte es nicht, den Namen zu Ende zu sprechen, denn just in diesem Moment hatte die Frau eine Lücke im Gegenverkehr entdeckt und den Wagen auf die linke Fahrbahn gerissen. Micha wurde gegen die Tür gedrückt.
„Na endlich!“ quittierte sie den geglückten Versuch, an dem Panda vorbei zu kommen. Beim nicht minder heftigen Einscheren schleuderte es Micha nun mit Macht zur Fahrerseite. Für Sekunden berührten sich ihre Körper. Instinktiv suchte er nach etwas Bekanntem. Einen winzigen Moment lang schwebte seine Nase dicht über ihrem Nacken. Es gelang ihm, etwas von ihrem Duft zu erhaschen. Tanjas Duft. War ihm dieses Odeur tatsächlich vertraut, oder bildete er sich das nur ein, weil er es so sehr wünschte?
Aus den Augenwinkeln nahm er ihre Reaktion wahr. Sie wirkte ein wenig pikiert und zog unmissverständlich die Nase kraus. War ihr die kurze Berührung unangenehm gewesen? Aber sie wurde doch ständig von Männern berührt. Und nicht nur das!
Es gab ihm einen Stich. Seine kleine Tanja eine Edelnutte. Seine Tanja? Und wenn er sich nun irrte?
Die erste Euphorie schien verflogen und nun nahm er sich vor, behutsamer vorzugehen. Der Zufall kam ihm zu Hilfe, als sie die Uferstraße erreichten und hoch über dem Wasser ein prächtiges, hell angestrahltes Gebäude ins Blickfeld kam.
„Wir sind gleich da. Dort oben, das ist übrigens Schloss Rabenstein. Vielleicht haben sie schon mal davon gehört?“
„Ich kenne es“, sagte er hastig.
„Ach – sie waren doch schon hier? Daher also die Empfehlung.“
„Nein… das heißt.. doch! Ich bin hier ein paar Jahre zur Schule gegangen. Thomas-Müntzer-Schule.“ Ihm war nicht bewusst, wie hastig er sprach. „Von der vierten bis zur siebenten Klasse, um genau zu sein. Dann sind wir nach Berlin gezogen. Das war 1974.“
Er hielt den Atem an. Würde sie den Faden aufnehmen?
Nein. Es kam keine Antwort. Enttäuschung machte sich in ihm breit. Doch da hörte er, wie sie erst leise, aber nach und nach lauter werdend, irgendwelche Zahlen vor sich hin murmelte: “neunundsiebzig... Abi, siebenundsiebzig...zehnte, sechsundsiebzig ...neunte, fünfundsiebzig...achte... hm, und die Klassenlehrerin in der siebten Klasse hieß Römmbach?“
„Ja. Sie gab Mathe und Physik.“ Obwohl er bemüht war, ruhig zu sprechen, vibrierte seine Stimme vor Anspannung.
‚Sie ist es‘, dachte er. ‚Sie muss es sein!‘
Langsam wandte er den Kopf zu ihr und wartete auf eine Reaktion. Doch sie starrte nach wie vor konzentriert durch die Frontscheibe. Gerade wollte er sich enttäuscht wieder zurück lehnen, da wurde so kräftig auf die Bremse getreten, dass es ihn schmerzhaft in die Gurte riss.
„Mischka! Duuu?!“
Sie nahm die Hände vom Lenkrad und starrte ihn aus großen Augen an. Überraschung, Verwunderung und freudiges Erschrecken las er aus ihrem Blick, und er fand sogar etwas lang Vertrautes in ihm.
„Tanja!“ Was war da plötzlich los in seiner Brust? „Tanja!“
Er drehte den Oberkörper zu ihr und winkelte die Arme an. Doch da glaubte er zu spüren, wie sich drei Jahrzehnte Fremdheit ernüchternd zwischen ihn und diese Frau schoben.
Unschlüssiges Verharren der Arme. Waren sie zu schwach, um eine Brücke oder wenigstens einen Steg über den Abgrund des Fast-Vergessens zu schlagen?
„Nun mach schon, du oller Knusperkopp!“
Ihr Mund wurde zur Mündung einer Pistole, aus der man soeben den Startschuss abgefeuert hatte. Michas Arme gehorchten, flogen ihr entgegen und begegneten dabei denen Tanjas auf halbem Wege. Keine Sekunde später trafen sich die Oberkörper mit einer Heftigkeit, die das dreißigjährige Erleben schlagartig entweichen ließ. Zumindest für Augenblicke gab es zwischen ihnen einfach keinen Raum für fremdartig Trennendes mehr.
Er spürte ihren Kopf auf seiner Schulter und nahm den unbekannten Geruch ihrer Haare in sich auf. Und da war plötzlich diese winzige Kopfbewegung, durch die sich die Halsmuskulatur straffte. Er spürte, wie eine Sehne seine Lippen berührte. Das Signal! Tief hatte es sich in sein Unterbewusstsein gegraben. Dreißig Jahre hatten es nicht zu verschütten vermocht. Noch immer löste es den kleinen Reflex aus, der Michas Nasenspitze bis hinter Tanjas Ohrläppchen führte, wo sie einen Moment lang spielerisch stupsend verweilte, um so den lockend gehauchten Kuss auf die gespannt harrende Sehne vorzubereiten.
Dieses nur eine Winzigkeit währende Spiel barg einen wohlvertrauten Automatismus in sich, dem beide folgten – bis hin zu dem Moment, wo sich ihre Lippen trafen.
Doch es wurde ein verunglückter Kuss. Die Scheu vor dem Unbekannten blieb größer, als die Macht der Vertrautheit. Rasch lösten sich die Lippen wieder, aber die Gesichter blieben sich nahe, nahe genug, um das unsichere Flackern im Auge des anderen zu erkennen.
Michas Versuch, Tanja noch einmal so an sich zu ziehen, traf auf den Widerstand ihrer sich versteifenden Arme. Erneutes Verharren in Ratlosigkeit. Micha spürte sogar ein wenig Peinlichkeit in sich aufkommen. Was nun? Sollte er sich entschuldigen. Aber sie hatte doch…
„Du müffelst“, sagte sie unvermittelt.
Eigentlich hätte ihn das noch mehr verunsichern müssen. Doch die Vertrautheit in ihrer Stimme versetzte ihn in die Lage, die Nase grinsend in Richtung Achselhöhle zu richten und tief zu schnüffeln.
„Hab ich einen Deo-Versager?“ fragte er ungläubig, denn er roch nichts. Allerdings besaßen Frauen bekanntlich die wesentlich feinere Nase. „Nee. Das sind die Haare. Ganz eigenartig so...Ich weiß nicht.“
Ihm ging ein Licht auf und er hätte sie locker aufklären können. Doch er ließ es. Er hatte keine Lust das Bahnhofsklo ins Spiel zu bringen. Nicht jetzt.
„Lass uns fahren“, sagte sie und löste sich vorsichtig aus der Umarmung. Auch er zog sich wieder ganz auf seinen Sitz zurück und war nicht einmal böse darüber, weil er damit den schmerzhaften Druck des Schalthebels in der Lebergegend los wurde.
Tanja ließ den Wagen anrollen und schien wieder ganz auf den Verkehr konzentriert zu sein. Zeit für ihn, um nachzudenken. Meinte er. Aber da hörte er sie sagen: „Von wegen empfohlen. Du hast mich gesucht, nicht wahr?“
Sein Nicken kam ohne Zögern. Hatte er unbewusst nicht in jeder Frau, die ihm in den vergangenen dreißig Jahren über den Weg gelaufen war, eigentlich nur Tanja gesucht? Vielleicht jedes Mal ein Quäntchen weniger, aber es war wohl stets etwas übrig geblieben.
Diese soeben erst gewonnene Erkenntnis mischte sich nun in sein ehrliches Nicken. Und nun hatte er sie gefunden – nicht in einer anderen Frau, sondern Tanja selbst. Tja, aber wie weiter?
„Warum?“ hörte er sie sagen.
Diese Frage traf ihn unerwartet. Was sollte er darauf erwidern? Dröhnend hing dieses „Warum“ zwischen ihnen, und ihm schien es um ein Vielfaches lauter, als die Fahrgeräusche des Autos. Würde er diese Frage jemals wahrheitsgetreu beantworten können?
„Ich war neugierig“, quälte er sich schließlich ab, und ihr kurzes Auflachen verriet auch prompt den Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Worte.
Dieses sich Winden wühlte ihn auf. Sie würde sich mit der Antwort nicht zufrieden geben. Als der Wagen unvermittelt eine Toreinfahrt passierte und vor einem respektablen Gebäude zum Stehen kam, war seine Verwirrung komplett. Wie nun weiter?
„Wir sind da“, verkündete Tanja und stieg aus, ohne weiter auf Micha zu achten. Der kroch nun auch aus dem Wagen und schaute sich um.
Das Haus, vor dem sie standen, wies drei Etagen auf, besaß zwei Eingänge mit verglasten Türen und schien noch recht neu zu sein. Michas Blick wurde aber vor allem von einem hell erleuchteten Schild angezogen, das zwischen der zweiten und dritten Etage mittig die Front des Hauses zierte. Plötzlich begann er leise zu lachen.
„Pension - Haus Tanja“
stand da in großen Lettern. Tanja war also Besitzerin einer kleinen Pension! Und er hatte immer noch ...
Das Lachen hatte etwas ungemein Befreiendes.
„Was gibt es da zu kichern? Hast du ein First-class-Hotel erwartet?“ Tanja zog ein wenig ungehalten die Augenbrauen hoch.
„Nein, nein! Schon gut! Ich erklär dir das später mal. Ok?“
„Na gut. Dann steh hier nicht rum. Rein mit dir!“
Er nahm die Tasche aus dem Kofferraum und folgte ihr ins Haus. Die winzige Rezeption und der schmale Flur, der zur Treppe führte, besaßen ein geschmackvolles Ambiente.
„Hübsch“, sagte er.
„Ja, fast alle Gäste sind mit meinem Haus zufrieden. Es dürften ruhig ein paar mehr Leute den Weg hierher finden. Im Sommer geht es ja noch, aber im Herbst wird es verdammt ruhig. Da habe ich ganz schön zu knabbern, um über die Runden zu kommen.“
Während sie erzählte, hatte sie ihn die Treppe hinauf geführt und war in der 1. Etage vor einer Tür stehen geblieben.
„Tritt ein. Ich hoffe, du fühlst dich hier wohl. Abendküche haben wir nicht, aber bei dir mache ich eine Ausnahme. Darf ich dich in einer halben Stunde in meinem privaten Wohnzimmer zum Essen erwarten?“
Er sagte gern zu, war aber auch froh, jetzt erst einmal von ihr allein gelassen zu werden. Nachdem die wenigen Sachen ausgepackt und das Bettes getestet worden waren, verschwand er unter der Dusche.
Nun hätte er eigentlich Gelegenheit besessen, unter dem entspannend herab prasselnden Wasser diese so aufregende letzte halbe Stunde in Ruhe Revue passieren zu lassen. Doch keine Chance! Die Gedanken waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig zu jagen. Es blieb ihm also weiter nichts, als sich von den Geschehnissen zunächst erst mal treiben zu lassen.
Als er zur verabredeten Zeit artig an Tanjas Wohnungstür klopfte, empfing sie ihn mit einem herzlichen, aber unverbindlichen Lächeln. In der Wohnung roch es nach Kurzgebratenem. Er folgte ihr ins Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch komplimentieren. Dann entschuldigte sie sich, dass sie noch keine Zeit besessen hätte, sich frisch zu machen.
„Jetzt bin ich es, die müffelt“, grinste sie.
„Glaub ich nicht. Lass mal schnuppern.“
In einer plötzlichen Anwandlung von Tollkühnheit, umfasste er die Frau und zog sie blitzschnell zu sich auf den Schoß. Einen Moment lang fürchtete er Protest, aber als der ausblieb, begannen seine Lippen wieder ihren Mund zu suchen. Diesmal gelang der Kuss.
„Ist das deine Antwort auf meine Frage nach dem Warum?“
„Ja“, sagte er, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern.
„Hm...“ Sie legte ihren Kopf an seine Brust und schien in tiefes Nachsinnen zu versinken.
Micha, von dieser wohltuenden Vertraulichkeit berührt, streichelte behutsam ihre Schulter und genoss den Zwiebeldunst, der ihren Haaren entströmte. Er hätte ewig so sitzen können, doch allmählich beschlich ihn die Furcht vor dem Augenblick, wo Tanja ihr Schweigen aufgeben würde, um vielleicht das, wovon er in diesem Moment träumte, jäh zerstören zu müssen. Als er merkte, dass sie tief Luft holte, presste er sie unwillkürlich an sich.
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und ein junger Mann stürmte ins Zimmer. Nachdem er zwei, drei Schritte ins Zimmer gemacht hatte, blieb er verblüfft stehen.
„Oh! Du hast Besuch? Ich wusste nicht... Du hättest doch...“
Die Verlegenheit stand ihm ins Gesicht geschrieben, und das machte ihn sympathisch.
„Das ist mein Sohn, Phillip“, sagte Tanja und schnellte von Michas Schoß. Sie ging zu dem jungen Mann und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, mit dem sie wohl ihre Verwirrung ein wenig zu überspielen trachtete. Der Sohn schien ebenfalls seine Überraschung überwunden zu haben und ließ nun kritisch neugierige Blicke zwischen Micha und seiner Mutter hin und her gehen.
„Und das ist Michael – ein alter Schulfreund von mir.“
„Aha!“ machte Phillip und sein Tonfall ließ seine Zweifel ahnen.
Micha war aufgestanden und reichte dem ihn misstrauischen musternden Sohn die Hand.
„Stimmt. Ihre Mutter und ich sind Klassenkameraden. Wir haben uns heute ganz zufällig...“
„So, so. Ganz zufällig.“ Phillips Blick wies mit unübersehbarer Eindeutigkeit auf die Couch. „Sehr viel später hätte ich ja wohl nicht kommen dürfen.“
„Aber Phillip!“ zischte Tanja. Und an Micha gewandt: „Seit sein Vater tot ist, glaubt er, ständig auf mich aufpassen zu müssen. Aber gleichzeitig beschwört er mich, mir endlich einen passenden Mann zu suchen.“
Ihr Lachen, ließ den besorgten Sohn nun selbst ein wenig erröten.
„Musst du davon jetzt anfangen?“
Tanja überhörte das und fragte stattdessen, ob Philipp gemeinsam mit ihnen Abendbrot essen wolle. Nach kurzem Überlegen kam ein kurzes Nicken zurück, das wenig Begeisterung verhieß.
„Ich muss nur noch schnell an den PC. Ich hab da ein paar Mails zu beantworten.“
„Ah ja. Der Computer ruft. Na, dann will ich dich nicht aufhalten. Ich muss sowieso in die Küche.“ Tanja ging zur Tür. Dort drehte sie sich aber noch einmal um und sagte an Philipp gewandt: „Ach, da fällt mir ein; zeig doch Michael etwas von dem, was du so im Internet treibst. Ich bin ganz sicher, dass ihn das interessieren wird. Er ist nämlich ein Profi.“
„Meinst du? Wieso Profi?“
Auch Micha zweifelte an Tanjas Behauptung, aber er folgte Philipp ins Nebenzimmer, wo ein lindgrün gefärbter Bildschirm diffuses Licht verbreitete. Micha kam das Layout bekannt vor.
„Leselupe“, buchstabierte er laut. „Kenn ich. Da habe ich mich auch schon ein wenig rumgetrieben. Ein interessantes Forum.“
„Echt? Sie schreiben auch? Und sie sind Mitglied der Leselupe?“ Jegliches Misstrauen war aus Phillips Augen gewichen. Jetzt spiegelte sich spiegelte sich dort nur noch Begeisterung.
„Nein. Mitglied bin ich nicht. Aber ich lese ab und zu mal verschiedene Beiträge.“
„Da haben sie bestimmt auch schon was von mir... Mein Nickname ist...“
„Halt!“ fiel ihm Micha ins Wort. „Lass mich raten!“
Ihm war plötzlich etwas in den Sinn geschossen, was ihn breit grinsen ließ.
„Ich hab da mal neulich erst was gelesen. Ein Gedicht. Wie ging das gleich? Ach ja...
„Willst du bei nem richtig netten
Weibe dich genussvoll betten,
wo keine Wünsche offen bleiben?“
„Heh! Warten sie! Nein! Nicht doch! Das habe ich doch gar nicht reingestellt! Woher...“ Die plötzliche Erkenntnis ließ Phillip abbrechen. „Oh nein! Verdammt, ist das peinlich!“ Der ertappte Jüngling lies sich in den Schreibtischsessel fallen und vergrub den Kopf zwischen den Händen.
Micha lachte, dass ihm die Tränen kamen. Dann klopfte er dem jungen Mann beruhigend auf die Schultern.
„Muss dir nicht peinlich sein. Nicht vor mir. Ohne dieses hübsche Gedicht hätte ich deine Mutter nie gefunden. Du siehst; es hat seinen Zweck erfüllt. Kannst es ja gelegentlich überpinseln. Ist vielleicht besser so.“
„Essen ist fertig!“ rief es aus dem Wohnzimmer.
Tanja bekam runde Augen und verstand die Welt nicht mehr, als sie Micha und Phillip gemeinsam ins Wohnzimmer treten sah und mit lachenden Gesichtern deklamieren hörte:

„Diese Nummer – die hier steht,
rufe an! Dann wird konkret
alles im Detail besprochen.
Übrigens – sie kann auch kochen!“


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GabiSils
???
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Ach, wie goldig, lieber Ralph Gut, die Story ist ein wenig - nun ja, zeitschriftenromanhaft; aber das hervorragend gemacht und gut geschrieben. Das könntest du jederzeit verkaufen. Ich liebe solche Geschichten.

Gruß,
Gabi

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Inu
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Lieber Ralph

ich finde die Idee mit dem Spruch im Klo nicht gut. Was mich noch gestört hat, waren die kaum enden wollenden Beschreibungen der "Fahrkünste" der Frau. Am Schluss wurde die Sache dann allzu hausbacken. Was komisch- frivol anfing, löste sich in Langeweile auf. Und als dann noch der Sohn die Leselupe ins Spiel brachte, also... das schien mir zuviel des Hergeholten.

Wirklich gut geschildert hast Du dagegen die Erinnerung an die erste Liebe des Ich-Erzählers. Auch wie Du das Äußere der Frau beschreibst, das ist alles sehr schön.

Aber die Geschichte im Ganzen ( die Handlung!) hat mich leider nicht vom Hocker gerissen.

Gruß
Inu

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IKT
Guest
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Hi Ralph ich fand die Geschichte mit dem Gedicht im Klo eigentlich ganz witzig. Insgesamt ist die Geschichte gut zu lesen. Aber die Fahrt vom Bahnhof zur Pension war etwas zu lang, dagegen hätte man die Zeit bis zum Essen vielleicht etwas mehr ausbauen können?
LG IKT

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Hetära
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Hallo Ralph,

also mir hat die Geschichte wirklich gut gefallen, ich habe mich amüsiert. Ich finde auch nicht, daß die Fahrt zu lang ist. Aber ich finde schon, daß das Zusammensein der beiden vor dem Essen zu kurz ist! Einfach die Sehnsucht nach romantischem Prickeln, das an dieser Stelle noch mehr sein dürfte. Denn er weiß zwar jetzt, daß Tanja keine 'Edelhure' ist, aber er findet sie deshalb doch nicht weniger anziehend und spannend.

Noch eine Kleinigkeit:

'Doch er besaß keine Wahl, folgte dem Pfeil und öffnete dann eine windschief im Rahmen hängende Tür.'

Da finde ich, käme ein 'hatte' statt dem 'besaß' natürlicher daher.

Lieber Gruß

Hetära
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Echoloch
???
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Hallo Ralph,
das Einzige, was mich an der Geschichte wirklich stört, ist die exzessive Toilettengang-Beschreibung, die finde ich überflüssig und der Geschichte nicht zuträglich. Ansonsten finde ich den Text schön zu lesen und handwerklich gut geschrieben. Einige Längen werden schnell von fesselnden Passagen aufgefangen. Die Idee selbst (Toilettenspruch) finde ich originell und nicht zu weit hergeholt. Schreibst Du die Anrede-„Sie“s absichtlich klein?
Einige Details:
„um dieseN betulichen Ort“ (Du schreibst: betulicheM)
„„Hi – geselliger Typ sucht versauten Wichspartner! Wer Lust hat auf...“ dahinter eine Handynummer“ – Hier fehlt ein Punkt.
„Sie hatten sich gegenseitig wüste Beschimpfungen an den Kopf geworfen, bis Mädchen, plötzlich still geworden war und zu weinen begonnen hatte.“ – Da stimmt irgendwas nicht ... eher: „bis DAS Mädchen plötzlich ...“ (ohne Komma)
„Nachdem die wenigen Sachen ausgepackt und das Bettes getestet worden waren ...“ – Bettes? – warEN?
„Micha war aufgestanden und reichte dem ihn misstrauischen musternden Sohn die Hand ...“ – „misstrauisch“ ohne en
„Ihr Lachen, ließ den besorgten Sohn nun selbst ein wenig erröten.“ – ohne Komma
„Jetzt spiegelte sich spiegelte sich dort nur noch Begeisterung.“ – „spiegelte sich“ doppelt.

Die „Mündung zur Pistole“ finde ich etwas unglücklich. Außerdem frage ich mich, wie der Schalthebel in seine Lebergegend geraten sein kann, dazu müsste er ja schon liegen, oder? Ach ja, und eine Dopplung könntest Du sicher noch vermeiden: „... junger Mann stürmte ins Zimmer. Nachdem er zwei, drei Schritte ins Zimmer gemacht hatte ...“

Nun aber noch ein wirklich schöner Satz, wie ich finde, bei längeren Texten gibt es ja immer viel im Detail zu motzen, und dann wirkt es zu unrecht so, als habe einem der Text nicht gefallen. Also, klasse finde ich: „Sie sieht von weitem aus, als wäre sie aus der Nähe hübsch.“

Viele Grüße & gute Nacht, Echoloch
__________________
Leben ist das, was passiert, während Du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.
www.echoloch.de

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