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Leselupe.de > Humor und Satire
Unabhängigkeit vom Umfeld
Eingestellt am 30. 11. 2001 14:20


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Sebastian Dalkowski
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2001

Werke: 33
Kommentare: -1
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Unabhängigkeit vom Umfeld

Als sie hereinstürzte...
Der Ansturm war vorüber, die Menschen hatten ihre Einkäufe längst erledigt und packten sie bereits daheim in den Kühlschrank, die Einkaufwagen standen, von Aushilfskräften sauber geparkt, vor dem Eingang und warteten auf den nächsten Tat. Stoßstange an Stoßstange. Die Kassiererin blätterte in aller Seelenruhe in einem Frauenmagazin. Dann brach ein Orkan aus. Die Zeitungen flatterten aus den Regalen.
„Haben sie sie?“ fragte Fat Anne und keuchte atemlos.
Die Kassiererin blickte von der neuesten Trendfrisur auf.
„Was haben wir?“
Fast wurde Fat Anne wütend.
Sie schnaubte: „Na die Trichter, was sonst.“
Das Gesicht ihres Gegenübers erhellte sich.
„Klar, direkt neben der Käsetheke.“
Sie wies mit dem Zeigefinger hinter sich.
„Na also“, Fat Anne seufzte erleichtert auf, „ich hoffe nur, sie haben Recht.“
Ihre Augen funkelten wie eine Tankexplosion. Erst als sie den Laden samt Beute verließ, legte sich der Sturm. Fat Anne wog 198 Kilogramm. Abends sogar zwei drei Pfund mehr.
***
Die Welt war ein Dorf und das erschreckende daran war: Niemand schien es zu bemerken.
***
Big Fred ahnte, was sich in dem goldenen Umschlag befand und er sollte wieder einmal Recht behalten. Genervt drückte er seiner Frau, Tall Tiola, die Karte in die Hand.
„Komm Fred, lass uns hingehen“, bettelte sie, „ wir können sie jetzt nicht hängen lassen. Immerhin ist sie meine Schwester und Fat Annes Tochter meine Nichte.“
„Aber sie ist so fett.“
Big Fred verdrehte seine Augen. Seine Frau erwiderte mit einem finsteren Blick.
„Und du, denkst du etwa, dass du dünner bist.“
„Ich trete aber auch nicht in der Öffentlichkeit auf. Auf selbstinszenierten Modelcontests.“
Er grinste überlegen. „Aber wenn dir soviel daran liegt...“
Big Fred brachte 223 Kilogramm auf die Waage, Tall Tiola immerhin 197. Bull Jack (167 Kilogramm), Large Larson (247 Kilogramm), Vast Mark (188 Kilogramm) und Bomb Peter (289 Kilogramm) bekamen an diesem Tag ebenfalls eine Einladung, die in einem goldenen Umschlag steckte. Sie gehörten zur Familie
***
Das Dorf teilte sich in zwei Hälften. In eine Nord- und in eine Südhälfte. Sie vertraten unterschiedliche Ideologien, was sich insbesondere auf ihre Körper niederschlug.
***
Sie waren 750 Kilometer auf einsamem Beton gefahren und nun streikte der Motor. Resigniert nahmen sie das Herzflimmern war und als Fat Anne die Motorhaube öffnete, stieg dicker, grauer Qualm auf und vermischte sich mit der flimmernden Wüstenluft zu einer undurchdringlichen, wabernden Suppe. Als er schließlich abgezogen war, wussten sie, dass sie ein Problem hatten. Der Motor war nicht mehr zu retten und so schoben Fat Anne und Fat Annes Tochter das Auto drei Kilometer bis zur nächsten Tankstelle. Dort angekommen sanken sie erschöpft auf einer Bank zusammen. Während sie nach Luft schnappten, schob ein Mann im blauen Overall ihren Wagen in die Werkstatt. Fat Annes Tochter musste essen. So schrieb es der Speiseplan vor, so verlangte es ihr Körper. So glaubten die Südhälftler. Doch wo sollten sie in dieser gott und teufelverlassenen Gegend etwas essbares auftreiben? Wie sie bald feststellen mussten, entstammte die Tankstelle noch jener archaischen Epoche, in denen Unternehmen auch nur das verkauften, was man von ihnen erwartete. Tankstellen wiesen damals noch kein gut sortierte Wursttheke, indonesischen Reisgerichte und französischen Käse auf. Kein Essen also.
„Bei uns gibt es nur Diesel und Benzin“, brummte der Tankwart und wischte sich seine ölverschmierten Finger am Overall ab. Fat Anne warf ihrer Tochter einen verheißungsvollen Blick zu. „Und Polizei wahrscheinlich auch nicht, oder?“
Der Mann grinste. „Kenn ich nich‘.“
***
„Keine Angst, Liebchen, das wird schon“, tröstete sie ihre Tochter und strich über ihre weichen Locken, als seien es die Kronjuwelen der britischen Königin, „du musst nur an dich glauben, dann wirst du schon dünner werden. Und natürlich...“
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach ihre Tochter und sah genervt auf, „aber langsam habe ich das Gefühl, dass es nichts bringt.“
Die Mutter blickte sie aufmunternd an. „Das wird, das wird.“ Mit ihren Wurstfingern, die im Licht grell aufleuchteten, fuhr sie vorsichtig über die platzenden Oberschenkel ihrer Tochter. Fat Annes Tochter versuchte zu lächeln. Die Mutter sah zufrieden aus. „Und jetzt geh‘ raus und zeig den Leuten, was du draufhast.“
Die Tochter bemühte sich um Optimismus: „Ja, Mom, das werde ich. Das werde ich ganz bestimmt. Ich werde Model.“

***
„Hören sie Mister, sie werden noch dieses eine Mal kommen“, ihre Stimme bebte, „Jawoll. Nur noch dieses eine Mal. Was denken sie eigentlich wer sie sind?“
Sie biss in den Hörer. „Sonst werden sie ihr blaues Wunder erleben.“
Der Mann am anderen Ende der Leitung seufzte resigniert. „Wie oft soll ich ihnen das denn noch sagen, Mrs., ihre Tochter wird es nie schaffen. Sie wird es nie in unseren Katalog schaffen. Sie ist ein Monster. Ein fettes Monster.“
„Sie hat abgenommen.“
„Das sagen sie jedes Mal und dann ist sie dicker als zuvor. Und selbst wenn sie dieses Mal zehn Pfund abgenommen haben sollte, wäre das so, als ob man einem Elefanten die Schwanzspitze abschneidet. Schicken sie ihre Tochter in eine Kloster oder vermieten sie sie als Urlaubsinsel, aber verschonen sie uns bitte mit ihr.“
Das wollte die Frau nicht auf sich sitzen lassen, änderte dann aber ihre Taktik. „Bitte, Mr, nur noch dieses eine Mal. Es ist wichtig. Meine Tochter braucht Perspektiven, Hoffnungen. Nehmen sie ihr sie nicht. Wer weiß, wie sie sonst reagiert. Man hört doch soviel von Menschen, die sich vor einen Zug werfen oder von einem Hochhaus springen...“
Sein nachgiebiges Gemüt war seit jeher sein größter Fehler gewesen. „Einverstanden nur noch dieses eine Mal. Aber dann ist endgültig Schluss. Haben sie verstanden?“
Noch drei Stunden später schwebte das Wort Danke über ihren Lippen. Ihre Tochter strahlte. Sofort verschickte sie Einladungen. Es machte einen guten Eindruck, wenn ein paar Freunde dabei waren und applaudierten. So hatte sie es immer gehandhabt. Es hatte noch nie funktioniert.
***

Der Mann schmeckte etwas ölig, besonders sein Gesicht, und sein rauhen, verkrusteten Ellbogen kratzten in der Kehle - das brachte der Beruf mit sich - doch Fat Annes Tochter schmatzte zufrieden vor sich hin und sog sogar die fettverschmierten Haare mit Genuss in sich hinein wie selbstgemachte Spaghetti. Der Mann schien zu achtzig Prozent aus Fett zu bestehen, alles an ihm baumelte schlaff herunter, und der Brustkorb erwies sich als äußerst zäh, doch mit einem Schluck Cola rutschte das Fleisch mühelos durch die Speiseröhre.
„Mit Haut und Haar verspeist“, kicherte sie schließlich, rülpste gelassen und ließ sich auf den zerfetzten Drehstuhl fallen, der entsetzt aufschrie.
„Karriere gerettet.“
***
Alles an ihr schien zu wabern. Die baumstammähnlichen Oberschenkel, der gigantische Bauch, die kranartigen Arme, ja sogar vom Kopf und den Ohren fiel das Fleisch in dicken Strähnen herab. Zu allem Übel war der weiße Bikini mindestens 45 Nummern zu klein. Das Publikum hielt sich tapfer und klatschte Beifall, wie es ihnen angeordnet worden war. Nur ein gewisser Mr. rannte - wie bei jedem Besuch - auf die Toilette. Er hatte noch nie derartig exzessiv kotzen müssen und schwor, diesen Ort nie mehr aufzusuchen.
***
Fat Anne und Fat Annes Mutter saßen beim Mittagessen, als Fat Anne noch ein Kind war. „Fat Anne“, sagte sie und aus ihrer Hose quoll der reinste Bauchspeck, „Fat Anne, iss nur immer viel, damit du schön dünn und ein berühmtes Model wirst. Denn wer isst, der kann auch mehr verbrennen, hat mein Vater immer gesagt. Und fang bloß nicht mit Sport an. Das stört den Prozess nur.“
„Ja Mom, das werde ich tun, ganz sicher sogar.“
***
Fat Anne und Fat Annes Tochter saßen beim Mittagessen, als Fat Annes Tochter noch ein Kind war. „Fat Annes Tochter“, sagte sie und aus ihrer Hose quoll der reinste Bauchspeck, „Fat Anne, iss nur immer viel, damit du schön dünn und ein berühmtes Model wirst. Denn wer isst, der kann auch mehr verbrennen, hat mein Vater immer gesagt. Und fang bloß nicht mit Sport an. Das stört den Prozess nur.“ „Ja Mom, das werde ich tun, ganz sicher sogar.“

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