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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Und ich ?
Eingestellt am 20. 01. 2014 15:23


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Paul Verhaeghe,Und ich ? IdentitÀt in einer durchökonomisierten Gesellschaft, Kunstmann 2013, ISBN 978-3-88897-869-2

Warum werden in einer Gesellschaft, der es insgesamt so gut geht, wie nie zuvor, immer mehr Menschen krank an ihrem Geist und an ihrer Seele? Wie kommt es, dass die Menschen frĂŒher, die etwa vor 60 Jahren wie meine Eltern, viel weniger hatten, viel zufriedener und glĂŒcklicher waren, jedenfalls in meiner Erinnerung? Warum kann ich mich bis zum Beginn meiner BerufstĂ€tigkeit 1980 an keinen einzigen Menschen erinnern, den ich kannte, der wegen innerer Erschöpfung in eine Klinik kam? Und warum reichen heute meine beiden HĂ€nde nicht aus, die aufzuzĂ€hlen, die ich alleine aus meinem Wohnort als Betroffene in den letzten Jahren gesprochen habe?

Der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe zeigt in diesem Buch mit einer FĂŒlle von Beispielen aus seiner Praxis, was sich in den letzten Jahrzehnten verĂ€ndert hat. Es sei, so sagt er, die Botschaft der neoliberalen Ideologie, jeder sei fĂŒr sich selbst verantwortlich und frei, zu tun, was er will, deren dunkle Kehrseite nun massiv zum Vorschein komme und die IdentitĂ€t vieler Menschen beschĂ€dige und behindere. Deren Botschaft heißt: jeder kann perfekt sein, jeder kann alles haben. Wer dabei versagt, hat sich nicht genug angestrengt. Wer scheitert, und an seinem Leben krank wird, ist selbst schuld. Kaum jemand kann ermessen, wie weit diese Botschaft schon in den Köpfen vieler Individuen Einzug gehalten hat und ihr Leben, FĂŒhlen und Handeln bestimmt.

Doch nicht ohne weitreichende Folgen. Die Scham, nicht zu genĂŒgen, die Wut und die Aggression gegenĂŒber der eigenen UnzulĂ€nglichkeit nehmen zu und die, die bislang gesund geblieben sind und noch funktionieren, schauen mit Verachtung auf die herab, die es nicht geschafft haben. Solange, bis die Angst auch sie am Wickel hat.

Verhaeghes Analyse ist erschreckend und seine Schlussfolgerung ernĂŒchternd:

„Die aktuelle, wirklich sehr extreme Form von Individualismus lĂ€sst nur wenig bis keine Autonomie zu. Das Individuum ist auf die Funktion eines Verbrauchers reduziert, der in der Illusion lebt, einmalig zu sein und eigene Entscheidungen zu treffen, wĂ€hrend noch nie so viel Menschen in einem derartig großen Maßstab dieselben Verhaltensweisen und dasselbe Denken aufgezwungen wurde. Insoweit gibt es keine Selbstsorge, da der Konsumismus jede Vorstellung von Selbstbeherrschung und EinschrĂ€nkung beiseite schiebt.“

Doch er sieht zarte Anhaltspunkte fĂŒr VerĂ€nderung: „Wenn immer mehr Menschen das GefĂŒhl haben, dass etwas grundlegend verkehrt lĂ€uft, dann liegt VerĂ€nderung in der Luft. Das ist zwar der Fall, doch gelingt es den Menschen bisher nicht, sich zu organisieren. In der klassischen griechischen epimeleia, der Selbstsorge, sieht er den wichtigsten Ansatzpunkt: Worin besteht gutes Leben, was fĂŒhlt sich gut fĂŒr mich an?

Und auf gesellschaftlicher Ebene fordert er:
„Wir brauchen wieder ein politisches System, das die stets schwierige und notwendige Balance von Übereinstimmung und Verschiedenheit herstellt von Gruppe und Individuum, von diktierter Gleichheit und freier Wahl. Diese Gesellschaftsordnung mĂŒssen wir selbst aufbauen, indem wir die Initiative ergreifen.“

Jeder kann mit seinem bescheidenen Leben damit anfangen.





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