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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Und jede Menge schönen Fußball gab es auch
Eingestellt am 10. 07. 2006 07:49


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petrasmiles
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Das war einmal eine schöne WM, die alles beinhaltete, was so ein Großereignis ausmacht: Schönes Wetter, spielfreudige Mannschaften und glückliche Fans. Die Mehrheit jedenfalls, und das waren ja hier die deutschen.
Nach dem kleinen Finale hätte die WM eigentlich zu Ende sein können. Dieser Höhepunkt wurde nach der Verabschiedung der deutschen Mannschaft in Berlin nicht mehr überschritten, sieht man von ein paar glücklichen Italienern ab, die zumindest hier in Neuss eher hartnäckig als überwältigend durch das Städtchen hupten.
Und es ist auch nicht vermessen zu konstatieren, dass beide Finalisten ihr schönstes und stärkstes Spiel schon hinter sich hatten: die Italiener mit den Deutschen, wo sie den einen Tick besser waren, der sie ins Finale führte, und die grandiosen Zidanisten, die einen seiner selbst überdrüssigen amtierenden Weltmeister aus dem Rennen gezaubert hatten.

Diese WM war aber auch noch aus anderen Gründen bemerkenswert. Irgendwie scheint alles richtig gekommen zu sein, jede Mannschaft spielte so wie sie war, mit den jeweiligen Stärken und Schwächen. Gut waren die Mannschaften, die ein Team waren; gut waren die Teams, die einen guten Trainer hatten; erfolgreich waren weder zu junge und unerfahrene noch überalterte Teams. Da war viel im Einklang, was sich auch den Sachunkundigen mitteilte. Jeder Sieg, jede Niederlage leuchtete ein und war stimmig (sieht man mal von der nicht ganz verdienten Niederlage der Australier ab, die das Aus den anerkannten Flugkünsten eines italienischen Mannschaftsmitgliedes verdankten; immerhin machten sie dem zukünftigen Weltmeister Platz).
Ansonsten schied man verdient aus, wie die afrikanischen Mannschaften, die vor lauter schön anzusehender Spielfreude und (Zwei-)Kampfstärke das Tore schießen vergaßen. Wie die Niederländer, die vor lauter Siegeswillen den Anstand vergaßen – oder schlichtweg die Tatsache, dass es sich zwar um einen Kampf, aber nicht um Krieg handelt. (Wer für den eigenen Vorteil bewusst Verletzungen von Mitspielern in Kauf nimmt, der hat in einer WM nichts zu suchen. Das erste böse Foul gegen Christiano Ronaldo mag man ja noch als unglücklichen Zufall werten, wenn aber der nächste Spieler den schon balllosen Pirouettendreher mit voller Wucht an eben jenem lädierten Schenkel trifft und ihn damit aus dem Spiel tritt, mag man an einen Zufall nicht mehr glauben!)
Die schlechte Tat rächte sich, und auch das war stimmig.
Grundsätzlich war dieses Spiel aus dem Stoff der Urkräfte des spielerischen Kampfes, und damit mitnichten ein Tiefpunkt, Ausnahmeereignis oder Abkehr der Good Guys von den feinen Regeln. Hat wirklich jemand erwartet, die portugiesische Mannschaft würde die ‚Kriegserklärung’ der Niederländer tatenlos hinnehmen und weiterhin Gentleman-Fußball spielen? Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten! Fußball spielt man nicht nur mit dem Kopf und dem Herzen, sondern vor allem mit dem Bauch – sprich: dem Körper. Die Fußballhelden sollen soviel Killerinstinkte in sich haben, dass sie sich physisch verausgaben, Verletzungen im Zweikampf riskieren und ihren Kopf hinhalten, wenn eine getretene Granate das Tor bedroht, aber bitteschön politisch korrekt?
Adrenalin, hochgekochte Emotionen, Aggressivität, das alles gehört dazu. Ein unschönes Spiel wird es erst dann, wenn eine Mannschaft, statt ihr Spiel zu machen, strategisch wird. Das wurde den Niederländern zum Verhängnis, aber auch den Brasilianern, deren Trainer verkündete, sie spielten zwar auch für das Publikum, aber in erster Linie für sich. Und diese Emotionslosigkeit war dann auch der eigentliche Grund, warum ihnen niemand – außer den eingefleischten Fans – eine Träne nachweinte.

Gefühle und Siegeswille sind wichtig, wie auch das Vermögen, zum eigenen Spiel zu finden. Zu Beginn der deutsch-argentinischen Begegnung war auch eine nervöse Spannung spürbar, die immer wieder in aggressive Einzelaktionen mündete und die Stimmung zu kippen drohte, bis die Mannschaften nach ca. zehn Minuten jeweils in ihr Spiel gefunden hatten. Und dann wurde es schön. Das war Fußball!
(Das weniger schöne Nachspiel vergessen wir jetzt einfach mal.)

Die Balance aus Kopf (Strategie, Spielwitz und Erfahrung), Herz (Mut und Fairness) und Bauch (Physis, jugendliches Selbstvertrauen) als Erfolgsrezept ist die eigentliche Überraschung der WM – wie ein Naturgesetz, das sich hier entfaltet hat und sichtbar wurde. Ein Bestandteil des Handlungsspielraums für Erfolg in allen Bereichen und auf allen Ebenen.
Und für die richtige Dosierung dieser Faktoren innerhalb der Mannschaft sind die Trainer zuständig. Was diese Qualitäten anbelangt, haben „wir“ einen Glücksgriff getan! Jürgen Klinsmann war der beste Trainer der WM – eine echte Führungspersönlichkeit. Davon können sich alle Manager eine Scheibe abschneiden. Bei ihm konnte man lernen, wie man motiviert, Rückhalt gibt, aber auch durch Personalentscheidungen gestalten kann. (Ich gebe es zu, ich habe das Hickhack zu Beginn seiner Berufung und die Qualifikationsspiele verpennt. Ich dachte mir, nicht noch ein abgehalfterter Fußballer, dem langweilig wurde und der denkt, er könne mal eben den FC Deutschland auf Erfolgskurs bringen. Ich leiste schon lange – nun nicht mehr stumm – Abbitte.)
Er hat allen vorgemacht, wie man führt: Er hatte die Vision eines Konzertes und hat von Anfang an auf den Gleichklang geachtet; er hat die richtige Mischung der unterschiedlichen Stärken in den Kader berufen und er hat jeden gemäß seiner Stärken eingesetzt, und nicht darüber hinaus. Er hatte immer die Entscheidung, wen er wofür einsetzt, und damit für alles die Verantwortung behalten! Kein Spieler wurde verheizt oder fallen gelassen, wenn er mal nicht die erwartete Leistung gebracht hat.
Durch die frühe Blockierung der Bayern-Mafia, Stehvermögen, Eigensinn und noch viele weitere, kluge Personalentscheidungen von Anfang an, seine Bereitschaft, sich dabei beraten zu lassen, aber niemandem unterzuordnen, so hat er sie geschmiedet, die ‚Klinsmänner’.

Jürgen Klinsmann muss nicht Bundestrainer bleiben, um den allseitigen Respekt zu behalten. Er hat das alles schon gezeigt und dagelassen, was es von ihm zu lernen gab. Wenn es in seine Lebensplanung passt, weiter zu machen, würden wir uns wohl alle freuen – aber wer würde es ihm übel nehmen, wenn er auch privat diesen Einklang mit seinem Team sucht.

Es steht zu befürchten, dass willige Nachahmer seines Konzeptes eher statisch darangehen werden und meinen, sie müssten nur den geeigneten Physiotherapeuten und mentalen Trainer besorgen, und dabei das Herzstück übersehen: den integrativen Führungsstil einer Persönlichkeit in Einklang mit sich.
Wünschen wir ihm viele gelungene Nachahmer in allen Bereichen unserer Gesellschaft.

Der dritte Platz bei der WM 2006 hat den Deutschen mehr Freude gebracht und Harmonieerleben hergestellt, als die Welt- oder Vize-Weltmeisterschaft den Italienern oder den Franzosen bringen wird.
Im Finale schließt sich der Kreis: Wer scheiterte, scheiterte an sich selbst; die Franzosen im Endspiel, die Italiener schon davor. Gönnen wir ihnen den Rausch.


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"Nach dem kleinen Finale hätte die WM eigentlich zu Ende sein können."

Dieser Satz sagt in seiner entwaffnenden Ehrlichkeit und Naivität eigentlich alles aus.
Monatelang sprachen die Deutschen nur vom Finale (mindestens), am Sonntag war es dann nur mehr ein unwichtiges Anhängsel, das eben auch noch gespielt werden musste...

Sonntag Vormittag habe ich DSF geschaut, es war irre. Ich habe nur noch gewartet, dass einer sagt, der dritte Platz wäre genau das gewesen, was die Deutschen gewollt hätten. Udo Lattek war nahe dran: „Die Niederlage gegen Italien im Halbfinale war eigentlich das Beste, was uns passieren konnte...!!“

Ich schließe mich an. Die 119. Minute im Spiel Deutschland gegen Italien war die schönste dieser WM!

lG
huwawa

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Hallo huwawa,

danke für das unverdiente Lob der "entwaffnenden Ehrlichkeit und Naivität". Beides trifft nicht zu.
Du hast meinen Text benutzt, um Deiner Meinung Ausdruck zu verleihen; das ist gleichzeitig legitim und irgendwie nicht, aber sei's drum.
Heute ist Realität auch ohne Fußball, das war es gestern schon, und morgen werden wir unser Leben auch ohne WM Mania schultern müssen. Viel Spaß dabei.

Gruß
Petra
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huwawa
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Hallo Petra

Nimms bitte nicht persönlich. Aber dieser Satz schien mir so
treffend die, den beiden Finalisten gegenüber eigentlich unfaire, Grundstimmung in Deutschland wiederzugeben, dass ich einfach darauf antworten musste.

Dass ich deinen Text nutzte, um meiner Meinung Ausdruck zu verleihen, stimmt natürlich. Wie sollte man sich denn auch sonst zu einem Sachthema in „Rezensionen und Kolummnen“ äußern?

Verstehe meinen Komm. einfach als Leserbrief, der sich bemüht, das gute alte DÖ „F“ wieder einmal in Schwung zu bringen!

liebe Grüße
huwawa

PS

Ich habe deinen Artikel erst jetzt genau gelesen, weil ich zuerst ja gleich beim dritten Satz hängen geblieben bin. Ich finde denText sehr gut geschrieben!
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Hallo Huwawa,

Schwamm drüber; hab mir fast gedacht, dass Du nicht viel weitergelesen hast.
Ich selbst habe an Kommentaren oder Stimmungsmache nicht viel mitbekommen. Meine Favoriten waren die Brasilianer (Samba-Fußball) und dann die Franzosen. Die deutsche Mannschaft hatte mich erst wegen der Konsistenz ihrer Leistung und einer gewissen Flexibilität für sich eingenommen. Wer denkt denn gleich an Pokale ;-) Schönen Fußball wollten wir sehen, und dass alle gleich so gute Laune hatten, hat nicht geschadet.

Die Italiener waren einfach nicht die beste Mannschaft, und hätten nicht gewinnen 'sollen' - und ohne diese rote Karte hätten sie das auch nicht, und wenn, dann aus eigener Kraft.
Ein bisschen hat zu meiner kritischen Haltung vielleicht beigetragen, dass ein in Deutschland aufgewachsener und lebender, befreundeter Italiener auf mein 'Viel Glück!' zum noch bevorstehenden Spiel antwortete, 'das brauchen wir nicht'. Auweia. Ja, und ich nehme dem Verbalattakierer seine unbekannten Worte übler, als Zidane seinen Ausraster. Verstehe einer die Frauen ;-)
Wofür steht DÖF? Das erinnert an deutsch-österreichische Freundschaft..., aber das F in ""? Verstehe einer die Männer :-) (Aber ich gebe nicht auf!)

Liebe Grüße
Petra


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huwawa
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Hallo Petra

DÖF - "Deutsch-Österreichisches-Feingefühl"
nannte sich einmal eine aus zwei österreichischen Männern und zwei deutschen Frauen bestehende Gruppe - ...und ich düse, düse, düse im Sauseschritt,
und bring die Liebe mit...
schööön...doof, ah döf...

lG
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