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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Und jeden Tag ein kleines Glück
Eingestellt am 05. 01. 2005 07:48


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Astrid
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Registriert: Jun 2003

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Und jeden Tag ein kleines Glück (Tag 1-4)

Die Brücke
Tag 1

Ich gehe über eine Brücke, die mich in ein mir noch unbekanntes Land bringt. Ein Land, welches mich bereits erwartet mit seinen vielen unbebauten Flächen, die ich gestalten darf, mit seinen Flüssen, die ich mutig oder weniger mutig überqueren werde.
Mein Gepäck ist leicht, es sind nur die positiven Erfahrungen und guten Erinnerungen, welche ich mitnehme. Ich habe wohlüberlegt aussortiert, damit die Brücke mich auch trägt.

Vor mir liegt das neue Jahr. Zum ersten Mal betrete ich es allein – meine Kinder sind bei Freunden, der Große wohnt bereits in einer eigenen Wohnung und unsere Freundschaft klemmt im Moment ein wenig.

Als ich das Ende der Brücke erreiche, kommt mein Sohn vorbei und nimmt mich in den Arm. Mein Großer ruft mich an mit besten Wünschen und ich weiß, auch er hat sein Gepäck sortiert. Es ist der schönste Weg ins neue Jahr, den ich je gegangen bin!

Und so spüre ich nun am Ende dieser Brücke so sehr wie noch nie den Zauber, den Zauber des Beginns. Und ich umarme dieses junge Jahr und begrüße es mit offenem Herzen.

Die Narbe
Tag 2

Ich übe mich in Geduld. Dazu muss man sagen, wenn ich etwas im Leben bisher nicht geschafft habe, dann war es das – geduldig zu sein.
Vor einigen Wochen wurde ich an der rechten Hand operiert. Das ist also etwas, was ich in meinem Gepäck mit über die Brücke nehmen musste.
Zwei Tage nach der Operation fluchte ich darüber, dass mir Dieses und Jenes nicht gelang, dass ich Hilfe in Anspruch nehmen musste (wo ich doch neben Geduld auch das nicht vermochte: um Hilfe zu bitten.) Ich fühlte mich wie ein Vogel, dem ein Flügel gebrochen war und suhlte mich im Selbstmitleid.
Doch auch das schönste Selbstmitleid wird irgendwann einmal langweilig.
Eine Freundin rückte mir schließlich den Kopf zurecht und meinte ironisch: „Zwei Tage nach der Operation und – tippst du schon wieder? Was erwartest du denn?“
Also beschloss ich, Freundschaft zu schließen mit meiner Narbe. Vielleicht waren es auch Bilder von den menschlichen Katastrophen – den wirklichen! - aus der Welt, die mir letztendlich die Lächerlichkeit meiner Ungeduld vor Augen führten.
So versuchte ich, meine Verletzung einfach anzunehmen.
Ich schrieb meine Gedanken mit der linken Hand nieder, was besser ging als ich dachte. Ich fühlte mich der Familie und Freunden näher verbunden und konnte ihre Hilfe (wenn es mich auch immer wieder Überwindung kostete) annehmen. Ich akzeptierte, dass ich Zeit brauchte und dass es ein Glück ist, dass mir diese Zeit sozusagen geschenkt wurde. Zeit, um zur Ruhe zu kommen, Gespräche zu führen, zu lesen, neue Geschichten entstehen zu lassen.
Und nun sitze ich hier und bestaune dieses Wunderwerk in meiner rechten Hand, sehe, wie sich die Haut immer mehr schließt, das untere Ende der Narbe nur noch ein rosa Strich ist und denke – wir beide sind doch gar nicht so ein schlechtes Team, oder?

Der kleine Sturm
Tag 3

Es ziehen dunkle Wolken auf. Ein starker Wind heult und verfängt sich zwischen den Häusern. Die Türen klappern. Ich bin froh, dass ich drinnen an meinem Schreibtisch sitze.
Ich habe Angst, bei Sturm rauszugehen.
Vor meinem Fenster biegt sich die kahle Pappel in dem Rhythmus, den der Wind ihr vorgibt.
Mein Kopf ist voller Gedanken, doch ich kann sie nicht ordnen und der Text, an dem ich gerade schreibe, hakt.
Ich sehe wieder aus dem Fenster. Etwas Gutes hat dieser Wind ja auch, er bläst die dunklen Wolken wieder weg, schafft Platz für erste zaghafte Sonnenstrahlen. Fasziniert beobachte ich dieses Wechselspiel.
Manchmal klingt das Heulen ja im Zimmer schrecklicher als es letztlich ist, denke ich, ziehe mir meinen Mantel an und gehe vor die Tür.
Mutig stemme ich mich gegen den Wind und gegen kindliche Erinnerungsängste. So schlimm ist es gar nicht. Im Gegenteil, ich stelle fest, dass der Sturm sich als Helfer entpuppt, weil er mir wunderbar den Kopf wieder freiweht.
‚Vielleicht’, so denke ich, ‚könnte ich mich anfreunden mit ihm in diesem Jahr und überhaupt.’
Nach meinem kleinen Spaziergang jedenfalls schrieben meine Finger den Text wie von selbst weiter.


Wenn einer fehlt
Tag 4

Früh um Sieben klingelte das Telefon. ‚Wer um Himmels Willen ruft denn so zeitig an?’dachte ich. Es war mein Vater: Mutter ist heute nacht ins Krankenhaus gebracht worden - akute Herzbeschwerden. Ich erschrak. War es doch bisher fast immer um den Gesundheitszustand meines Vaters gegangen. Oder es ging um mich, ihre einzige Tochter.

Mein erster Gedanke galt der Mutter, mein zweiter aber sogleich dem Vater, wie würde er allein zurechtkommen, braucht er mich jetzt? Und sofort fühlte ich eine Art von Hilflosigkeit, weil ich wußte, dass ich dieses Umsorgen und Bekochen meiner Mutter nicht würde ersetzen können.
Doch ich wurde überrascht- mein Vater schien über sich selbst hinauszuwachsen bei dem „Rollentausch“ und im Krankenhaus fand ich meine Mutter entspannt und optimistisch vor. Es ging ihr bereits viel besser und sie wirkte fast jung auf mich plötzlich in ihrem weißen Nachthemd. Wie stark sie doch war und doch so zerbrechlich in ihrer Stärke!

Solche Anrufe kommen wohl immer zu früh oder unpassend - so unverhofft. Und mit einem Mal dreht sich die Uhr entgegengesetzt.Wenn einer fehlt, hängen wir fest im Lauf des Alltags. Wenn einer fehlt, gibt es eine Lücke, rücken wir anderen enger zusammen. Die Endlichkeit wird uns schmerzlich bewusst und vielleicht fassen wir in solchen Momenten Vorsätze, was wir in Zukunft anders machen wollen.
Doch ich denke, so viel brauchen wir nicht anders zu machen, wenn es uns nur gelingt, dieses enge Zusammenstehen, dieses Innehalten, durch den Alltag zu retten. Und damit hätten wir wohl unser Leben lang gut zu tun.

__________________
Astrid

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schwestalein
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Re: Und jeden Tag ein kleines Glück (Tag 1-4)

dein text gefiel mir äußerst gut. gerade ich bin ein mensch, der den zusammenhalt der familie sehr stark schätzt. mein großvater hatte nicht das glück wieder zu genesen. doch auch meine großmutter zeigt wahre stärke in einer schwierigen zeit.

zwei kleinigkeiten fielen mir an deinem text auf:

Ich habe Angst, bei Sturm rauszugehen, seit ich als Kind ein unangenehmes Erlebnis hatte. Seitdem versuche ich es auch zu vermeiden.

mich würde es wirklich interessieren, was es war! als leser wird man es nie erfahren - meinst du, dass du es überhaupt erwähnen solltest?

‚Vielleicht’, so denke ich, ‚könnte mich anfreunden mit ihm in diesem Jahr und überhaupt.’

könnte ICH mich - heißt es wohl, oder?

lg
niki

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