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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Und jeden Tag ein kleines Glück (Tag 7)
Eingestellt am 07. 01. 2005 19:17


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Astrid
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Registriert: Jun 2003

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Zweimal muss es knacken
Tag 7

So oft schon hatte ich sie auf meinem Nachhauseweg am Fenster gesehen, ihr kleines Gesicht umrahmt von einem weißen Haarkranz, das gerade so über das Fensterbrett schaute. Sie hatte mich sogar zu einem Gedicht angeregt und ich schrieb über die „Frau, die ihr Fenster nie schloss“.
Der Zufall wollte es, dass ich in ihre Nähe zog. Und der Zufall wollte es auch, dass ich erfuhr, wer sie war – 100jährig, immer noch in der kirchlichen Gemeinde aktiv und bekannt wie eine bunte Hündin.
Diese Frau musste ich kennen lernen! Sie sollte erfahren, dass es dieses Gedicht gab. So schrieb ich ihr und heute, heute rief sie mich an. „Kommen Sie vorbei, meine Tür steht immer offen.“
Eine Pflegerin, die die Frau seit Jahren liebevoll betreut, öffnet mir. Dann stehe ich dieser kleinen drahtigen Frau gegenüber, die aus der Küche kam, wo sie ihren Abwasch erledigt hatte (wie ich später erfuhr) Mit einem strahlenden Lächeln drückt sie meine Hand. „Nehmen Sie Platz, lassen Sie sich durch mich nicht stören, bei mir dauert das etwas länger, bis ich mich setzen kann.“
Sie steht vor dem Sessel und knickt unendlich langsam in den Beinen ein. Allein das Zusehen bereitet mir Schmerzen und ich denke fast beschämt daran, wie mir heute schon manchmal meine Knie zu schaffen machen. Wie qualvoll musste es erst für sie sein, bis sie saß. Sie hat wohl meinen Blick bemerkt. „Wissen Sie, es muss einmal knacken und dann noch einmal, dann geht es“ meinte sie, immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen. Es knackte. Sie ließ sich in den Sessel fallen. „Haben Sie gehört? Greifen Sie doch zu, den Kuchen hat meine Nichte gebacken!“
Die Härte, die sie in ihrem Leben erfahren hat, die Schmerzen, die sie haben musste, nichts hinderte sie daran, auch heute noch für andere da zu sein. Und auch wenn sie mehr und mehr Hilfe benötigt, diese Frau ist alles andere als passiv, die weiß immer noch, was sie will! Und ein Jammern kommt ihr nicht über ihre Lippen, kein einziges Wort des Bedauerns oder über den Schmerz habe ich gehört.

Als ich wieder nach Hause gehe, sehe ich zu ihrem Fenster hoch. Sie steht da mit ihrem kleinen Gesicht, umrahmt von einem weißen Haarkranz, und winkt.

__________________
Astrid

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