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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Und morgen werde ich 21
Eingestellt am 22. 10. 2002 08:05


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die jutta
???
Registriert: Oct 2002

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UND MORGEN WERDE ICH 21


Steffi sitzt am K├╝chentisch, schnippelt Tomaten, Gurken, Zwiebeln f├╝r die Salate. Wischt sich eine Tr├Ąne von der Wange. Lauscht ihrem Lieblingsschlager im Radio: Young love ÔÇô first love. "Aber morgen bin ich vollj├Ąhrig", denkt sie, "endlich 21. Dann kann mir keiner mehr was sagen, dann kann ich nach Hause kommen, wann ich will. Und was wird sich ├Ąndern? Mutti wird mir weiterhin jede Minute vorwerfen, die ich zu sp├Ąt komme, was Vati denkt wei├č ich nicht. Nur schade, da├č morgen Totensonntag ist. Da bringen sie nur ernste Musik im RIAS. Aber macht nichts, ich habe ja meine Platten. Elvis Presley, Bill Haley und so. Rock around the clock. Und tanzen werden wir, ist egal, was die Nachbarn denken."
Sie schnippelt weiter an ihren Tomaten, Gurken, Zwiebeln, lauscht der Radiomusik, schneidet sich in den Daumen, h├Ârt eine Stimme: "Auf Pr├Ąsident Kennedy ist geschossen worden, er liegt im Krankenhaus", leckt das Blut ab, "wird schon nicht so schlimm sein", schnippelt weiter, h├Ârt die Stimme im Radio "Pr├Ąsident Kennedy ist eben seinen Verletzungen erlegen." "Und morgen werde ich 21", denkt sie.
Sie klebt ein Pflaster auf die Wunde, geht in ihr Zimmer, schl├Ągt das Tagebuch auf, dreht die Kappe vom F├╝ller und schreibt:

"Heute, am 22. 11. 63, ist John F. Kennedy Opfer eines Attentats geworden. Um 20.00 MEZ traf ihn ein Schu├č in den Kopf, an dessen Folgen er kurz darauf starb. Seine Frau sa├č neben ihm. Im Grunde ist es doch so eine sachliche Meldung, aber sie wirft tausend Fragen auf. Es ist nat├╝rlich eine hochpolitische Angelegenheit, Kennedy galt als Vermittler zwischen Ost und West. Was wird jetzt? Wie wird Johnson jetzt handeln, der sofort zum Pr├Ąsidenten vereidigt wurde. John F. Kennedy war als Politiker sehr beliebt in der ganzen Welt. Besonders bei uns in Berlin galt er soviel und war ungeheuer popul├Ąr. Ich bin ein Berliner, hat er gesagt."

Steffi schnuppert. Es riecht verbrannt. "Ach herrjeh, mein Braten", denkt sie, wirft ihren F├╝ller hin, da├č er die Tagebuchseite bekleckst, rennt in die K├╝che, ├Âffnet die Klappe des Backofens. Verbrennt sich die Finger, schimpft. Begutachtet das Fleisch. "Na ja, kann man noch essen." Sie dreht den Gashahn aus, nascht ein St├╝ck Tomate. Pustet auf die verbrannten Finger, geht wieder in ihr Zimmer. Schreibt weiter.

"Aber gerade in menschlicher Hinsicht ist der Tod Kennedys so ersch├╝tternd. Da wurde ein Mann aus einem bl├╝henden Leben, mitten aus der Arbeit, auf dem H├Âhepunkt seines Lebens von einem Fanatiker, wahrscheinlich einem Rechtsradikalen, ermordet. Es ist eine Trag├Âdie, die Trauer in jedem Herzen hervorrufen mu├č.
Es ist schrecklich, da├č es Menschen gibt, die so intolerant sind und, um zu ihrem Recht zu kommen, nicht vor einem Mord zur├╝ckschrecken."

Steffis Mutter kommt in das Zimmer. Sie ist ganz bla├č. "Was mach ich nun?", fragt Steffi. "Du feierst", sagt sie. "Es ist schlie├člich dein Geburtstag." Steffi gibt ihrer Mutter einen Ku├č. Schreibt weiter.

"Gerade gestern diskutierten wir im B├╝ro ├╝ber die Todesstrafe. Ich bekannte mich absolut dagegen, da ich der Meinung bin, niemand hat das Recht, ├╝ber das Leben eines anderen zu bestimmen. Auch wenn der andere schon bald nicht mehr als Mensch bezeichnet werden kann. Niemand darf sich als Richter ├╝ber Tod oder Leben eines anderen aufschwingen, niemand ist so unfehlbar. Aber in diesem Fall bin ich f├╝r eine sofortige Hinrichtung. Es ist nicht konsequent, aber ich bin so emp├Ârt ├╝ber diese Tat, sie kann nicht anders ges├╝hnt werden.
Alle Sender spielen Trauermusik. Aber wer w├Ąre jetzt auch in der Lage, Schlagermusik zu h├Âren."

"Ich habe gar keine Lust, zu feiern. Will allen absagen. Ach nee", beschlie├čt Steffi. "Ich erreiche sie ja sowieso nicht. Und was mach ich mit den vielen Salaten und dem Braten?" Schreibt weiter.

"Ja, was ist der Sinn des Lebens? Im Grunde ist alles so sinnlos. Da macht man sich Gedanken ├╝ber so banale Dinge wie Frisur, Freundschaften usw.; es ist so schrecklich unwichtig. Wenn ich schon auf der Welt bin, dann will ich so halten: Ich m├Âchte einmal sagen k├Ânnen: Ich habe geh├Ârt, was zu h├Âren war, gesehen, was zu sehen war, und gef├╝hlt, was zu f├╝hlen war. Ich habe genug und bin zufrieden."

Steffi schaut aus dem Fenster. Es ist so ruhig drau├čen. Kaum Autos auf den Stra├čen, wenige Fu├čg├Ąnger.

"Bei uns in Berlin werden jetzt Kerzen in die Fenster gestellt. Ich war so ersch├╝ttert, da├č ich unwillk├╝rlich betete: ÔÇśDer Herr sei seiner Seele gn├Ądig.ÔÇÖ Es ist nicht der Glaube, der mich dazu trieb, sondern einfach der Gedanke einer Seele an die andere auf ihrer Fahrt ins Unbekannte.
Aus dem Nichts kommend ÔÇô in das Nichts vergehend.
Ja, und morgen werde ich 21."

__________________
jutta

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