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Leselupe.de > Ungereimtes
Unerwartet
Eingestellt am 26. 06. 2008 20:09


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Vera-Lena
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Unerwartet

Der verj├Ąhrte Fahrplan wurde
nicht erneuert.
Z├╝ge brausen tinnitusartig
durch das Innenohr;
nach Krakau geht es
in die Abgeschiedenheit;
Worte in Konserven
stehen herum dort
in den Arkaden;
eine verstummte Welt
├Ąu├čert sich in den Ritzen
des Steinpflasters....
Jelisaweta
du, das eigentliche Wort,
und ich kenne gerade nur
das J erst,
dein Erstaunen unter den
fraglosen Wimpern;
nach der R├╝ckfahrkarte taste ich.
Du hast nichts zu f├╝rchten.





__________________
Der Mensch ist sich selbst das gr├Â├čte Geheimnis, ein unverzichtbarer Blutstropfen im Universum, ein Spiegel allen Seins.

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Vera-Lena
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Liebe Julia,


danke f├╝r Dein Interesse an diesem Text! Wenn Du den Inhalt nicht aufdr├Âseln kannst, wird es anderen Lesern vielleicht auch so ergehen. Eigentlich wollte ich noch warten, ob mir jemand eine Interpretation schreibt, aber ich bin ja auch nicht immer die Geduldigste. Also fange ich jetzt mal an.

Ich glaube, der wichtigste Hinweis ist die Tatsache, dass das Lyri ein Mann ist.

Der verj├Ąhrte Fahrplan wurde nicht erneuert Der Mann war schon l├Ąngere Zeit nicht mehr in Krakau.

Z├╝ge brausen tinnitusartig durch das Innenohr immer, wenn diese Ohrger├Ąusche lauter werden, stellt der Mann sich vor, dass er in einem Zug nach Krakau sitzt.

nach Krakau geht es in die Abgeschiedenheit Hier ist ein Bezug zur Wirklichkeit. In Krakau ist in mancherlei Hinsicht wirklich die Zeit stehen geblieben. Es gibt dort Menschen, die nie dorthin gehen, wo sie ihr Ziel nicht zu Fu├č erreichen k├Ânnen. Alles Andere ist f├╝r sie tabu. Als 5j├Ąhriges Kind habe ich das auch noch also 1943 in einer Kleinstadt in der Mark Brandenburg erlebt, insofern wei├č ich, das es so etwas gibt und wie ein solches Leben aussieht. Aber weil es das in Krakau teilweise bis heute gibt, liegt f├╝r mich diese Stadt irgendwie am Rand der Welt, also in der Abgeschiedenheit

Der Mann war also vor Jahren in Krakau und hatte dort eine Begegnung mit Jelisaweta, die nicht so verlaufen ist, wie er sich das w├╝nschte. Es gab wenig sprachlichen Austausch: Worte in Konserven stehen dort herum zwischen den Arkaden aber der Mann erinnert sich noch an alles, was er Jelisaweta gerne gesagt h├Ątte.

eine verstummte Welt ├Ąu├čert sich in den Ritzen des Steinpflasterswenn der Mann sich vorstellt, dass er wieder auf dem Markt in Krakau steht, dann wird sein ganzes damaliges Empfinden f├╝r ihn mit ganzer Kraft wieder sp├╝rbar.

Er stellt sich vor, dass er, von ihr g├Ąnzlich unerwartet, (denn sie hat ihn ja vielleicht inzwischen vergessen,) vor ihr steht. Er sieht vor seinem inneren Auge ihr Erstaunen, und er denkt, dass sie ihn nach nichts befragen wird, weil er ihr vielleicht nicht so viel bedeutet hat, wie sie ihm.

Er denkt auch, dass sie inzwischen in allerlei Verpflichtungen eingebunden sein wird, eine Familie begr├╝ndet hat usw. Deshalb tastet er nach der R├╝ckfahrkarte Er will sich nicht in ihr Leben dr├Ąngen.
Du hast nichts zu f├╝rchten

Solche Phantasien hat er.

Liebe Julia, so habe ich das gemeint.

Dir ganz liebe Gr├╝├če!
Vera-Lena



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presque_rien
???
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Liebe Vera-Lena,

danke f├╝r die ausf├╝hrliche Erkl├Ąrung! Ich wei├č, das ist immer ├Ąrgerlich, wenn man nicht auf Anhieb verstanden wird und das, was man ja gerade sch├Ân verdichtet hat, wieder entdichten muss (obwohl es andererseits auch immer Spa├č macht, sich zu seinen Werken selbst zu ├Ąu├čern, denke ich ). Ich finde, man kann als Autor schwer selbst beurteilen, was f├╝r den Leser verst├Ąndlich ist. In jedem Fall denke ich aber, dass du es dir "leisten kannst" ! Ich pers├Ânlich fand dein Gedicht auch vor der Erkl├Ąrung gut, weil du es geschafft hast, diese wehm├╝tige Atmosph├Ąre, die dem Inhalt entspricht, auf einer Ebene zu kreieren, die jenseits von blo├čer Wort- und Satzbedeutung liegt. Das ist f├╝r mich das Zeichen eines wirklich guten Gedichts: Wenn es nicht nur ├╝ber den Umweg des Hirns ber├╝hrt.

Was ich eigentlich nur sagen will ist: Sch├Â├Â├Â├Â├Ân!

Lg Julia

P.S.: Ich dachte ├╝brigens anfangs, das Gedicht h├Ątte auch einen politisch-geschichtlichen Hintergrund.

P.P.S.: "Erstaunen unter den
fraglosen Wimpern" ist m.E. eine gro├čartige Charakterisierung einer Frau! Aber meine Lieblingsstelle ist:
"Jelisaweta
du, das eigentliche Wort,
und ich kenne gerade nur
das J erst"

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Vera-Lena
Routinierter Autor
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Ihr Lieben, strolch, Thys und Julia,

danke f├╝r Eure Ermutigung! Ja, ich glaube auch, wenn man beim Schreiben an den Leser denkt, dann kriegt man ├╝berhaupt nichts zustande. Ich hatte auf dem Balkon gesessen und bei R├╝diger Safranski ├╝ber Heinrich von Kleist gelesen und pl├Âtzlich wollte ich einen Text schreiben. Ich holte mir ein Blatt Papier und habe die Worte, ohne ein einziges zu ver├Ąndern, innerhalb einer halben Stunde so aufgeschrieben, wie sie da stehen.
Und dann kommt immer die schwere Entscheidung Leselupe oder Papierkorb. Mir selbst hat der Text so gut gefallen, dass ich ihn auswendig gelernt habe, was ich sonst niemals tue. Ja, Thys, Du hast Recht, es soll einem selbst Spa├č machen.

Gro├č war nat├╝rlich der Schreck, als ich nicht verstanden wurde. Aber Du hast Recht, Julia, es macht schon auch Spa├č den eigenen Text zu erl├Ąutern.

Ich freue mich, dass der Text dann doch Gefallen gefunden hat sogar ohne dass man ihn Wort f├╝r Wort verstehen konnte.

Wenn es um die Stadt Krakau geht, kommt man nat├╝rlich schnell auf die Idee, dass politisch-geschichtliche Dinge auch eine Rolle spielen zB, dass es keine Einreisem├Âglichkeiten mehr gab usw. Aber dann h├Ątte ich den Text als ├╝berfrachtet empfunden. Es geht mir einfach um diese nicht gelebte Liebe.

"Jelisaweta, du, das eigentliche Wort, und ich kenne gerade nur das J erst," ist ja der zentrale Satz in diesem Text, den man auch ohne Erkl├Ąrung versteht. Was mich selber daran ├╝berrascht hat, war die Tatsache, dass dieser zentrale Satz ohne Weiteres so viele F├╝llw├Ârter verkraften kann. Ach, Sprache hat doch immer wieder etwas ├ťberraschendes, Begeisterndes und ich bin so dankbar, dass ich das erleben darf.
Und ich danke Euch, auch dem anonymen Bewerter/In, dass Ihr es mit mir mit erlebt.

Euch Allen noch einen sch├Ânen Abend!
Liebe Gr├╝├če
Vera-Lena


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Vera-Lena
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Liebe mirami,

das freut mich, zu h├Âren, dass der Inhalt durch die Zeilen des Textes hindurchschimmert.

Das "├Ąu├čert sich" kann ich aber nicht herausnehmen, da es eine imhaltliche Funktion hat. Die verstummte Welt befindet sich ja nicht nur in den Ritzen des Steinpflasters, sondern, immer dann, wenn der Mann sich vorstellt, auf dem Marktplatz zu stehen,weckt sie wieder mit gro├čer Heftigkeit die damals empfundenen Gef├╝hle. Insofern ist diese verstummte Welt nicht nur einfach da,sondern sie ist auch wirksam, sie ├Ąu├čert sich.

Aber danke, f├╝r Deinen Hinweis und f├╝r Deine Antwort.

Herzlich gr├╝├čt Dich Vera-Lena


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