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Leselupe.de > Science Fiction
Unheimlich fad
Eingestellt am 11. 08. 2004 14:25


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dragazul
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2004

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Kommentare: 11
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    Endlich durchstieß die Sonde die Wolkendecke, die den Planeten fĂŒr alle Sensoren aus dem All verdunkelte. Mit gerunzelter Stirn und weit aufgerissenen Augen starrte der Pilot auf die Monitore, konnte aber keinerlei Konturen ausmachen. Er lenkte die Sonde in einen großen Bogen und ĂŒberprĂŒfte schnell alle Instrumente. Verwundert drehte er eine weiter Runde, diesmal etwas tiefer, denn sein Blick blieb nirgends haften. Kein HĂŒgel, kein See, kein Wald bot dem Auge Anhaltspunkte. Eine perfekt glatte FlĂ€che breitete sich im Halbdunkel unter ihm aus.
    Die Sensoren meldeten festen Untergrund etwa 150 Meter tiefer, obwohl einige Daten keinen Sinn machten. Wenn er zurĂŒck in der Magellan war, wĂŒrde er die Instrumente neu kalibrieren mĂŒssen. Das hĂ€tte er eigentlich vor Abflug machen sollen, aber nach drei Monaten Langeweile hatte die Aussicht auf eine Erkundungstour ihn ungeduldig werden lassen. Außer dem Laufen jeden "Morgen" gab es in einem vollautomatisierten Schiff fĂŒr den Bordingenieur nichts zu tun. Trotzdem musste stĂ€ndig einer der zehn Besatzungsmitglieder wachen, fĂŒr den Fall der FĂ€lle.
    In etwa einer Stunde wĂŒrde Myrjam aufgetaut werden aber er hatte nicht mehr abwarten wollen. Das hatte er fast hundert Tage lang getan. Außerdem ist sie ranghöher als er und hĂ€tte wahrscheinlich selber landen wollen. Dann hĂ€tte er wieder da gesessen und gewartet, dass sie zurĂŒck kam und ihn schlafen schickte. Nichts da, das ist mein Planet.
    Er setzte die Maschine sauber auf und schaltete die Triebwerke ab. Stille. Sein Nacken kribbelte. Hatte das Schiff geschwankt? Das war sicher die ungewohnte Schwerkraft, die ihm einen Streich spielte. Er schaltete alle Außensensoren an. Der Bildschirm zeigte eine gleichförmig dunkelgraue Umgebung. Es war keinerlei Detail zu erkennen. Keine Erhebung, kein Muster am Boden. Es sah beinahe aus wie mitten auf dem Meer. Er schluckte trocken. Oder wie auf einem PrĂ€sentierteller. Die Scheinwerfer entlockten der Umgebung nur fahl-grĂ€uliche Farbtöne. Alles sah tot aus, wie aus dunklem Marmor geschliffen. Die Sensoren zeigten, dass das Licht, wenn man die elektromagnetische Strahlung hier so nennen will, hauptsĂ€chlich unterhalb des ultravioletten Bereichs strahlte – die Wolken ließen nur langwellige Strahlung durch.
    Kaum stand er auf dem Planeten, spĂŒrte er ein unterschwelliges Rumpeln in seinen Eingeweiden. Tieffrequente Schwingungen, die ihm die Haare aufstellten. Komm schon, Feigling, mahnte er sich im Glauben eine simple ErklĂ€rung dafĂŒr finden zu können. Schließlich kann sich hier wohl kaum jemand verstecken. Auf der nackten OberflĂ€che musste er meilenweit zu sehen sein. Sein Blick flog stĂ€ndig hin und her als er die Sonde vorsichtig umrundete und dabei langsam aus dem Scheinwerferlicht trat. Das dunkel-violette Licht außerhalb der Scheinwerferkegel legte sich auf ihn wie eine schwere Samtdecke. Der Boden schien etwas zu federn, aber er sank nicht ein.
    Er spĂŒrte leichte Vibrationen der OberflĂ€che durch das Werkzeug als er eine Bodenprobe nahm. Das ist nichts schlimmes, beruhigte er sich, schließlich steht die Sonde ja auch sicher. Er schnitt noch einige Fasern der Bodenflechte ab, die hier alles gleichmĂ€ĂŸig bedeckte und verstaute sie in einem zweiten BehĂ€lter an seinem GĂŒrtel. Jetzt, da er am Boden hockte, fĂŒhlte er sich weniger schutzlos und ausgeliefert. Die Konzentration auf die Arbeit lockerte seine Eingeweide und half ihm klare Gedanken zu fassen. Ich werde dich "Stale " nennen, fad. Und das ist noch geschmeichelt. Warum sind meine Planeten immer so fad und unbewohnt? Im Hellen wĂ€re es noch nicht einmal gruselig.
    WĂ€hrend er den AtmosphĂ€renanalysator aufbaute, hörte er das Ticken der abkĂŒhlenden Triebwerke direkt hinter sich und drehte sich um. Seine Eingeweide verkrampften ruckartig. Die Sonde war etwa 200 Meter weit weg. Aber er hatte doch kaum zwanzig Schritte gemacht. Er lief sofort auf die Sonde los.
    Die dichte AtmosphĂ€re trug hohe Töne fast so gut wie Wasser, deshalb hatte er sich so getĂ€uscht. Jedenfalls dĂ€mpfte sie seine Bewegungen ebenso wie die spĂŒrbar höhere Anziehungskraft. Nach wenigen Schritten wurde ihm schwindelig und er stolperte beinahe. Beruhige dich! Wenn du weiter hyperventilierst wirst du ohnmĂ€chtig und hier sterben. Er zwang seinen Atem sich zu beruhigen, sah aber wĂ€hrend dessen die Sonde sich entfernen. Er ließ den Analysator fallen, den er immer noch fest umklammert hielt und lief schneller. Erinnerungen an AlptrĂ€ume erreichten seine Gedanken. AlptrĂ€ume, in denen er rannte und rannte ohne vom Fleck zu kommen. Er unterdrĂŒckte einen Schrei. TrĂ€nen stiegen hoch. Nein, schluckte er, reiß dich zusammen. Heulen kannst du, wenn alles zu spĂ€t ist.
    Er stolperte und fiel schwer zu Boden. Er schmeckte Blut von seiner Unterlippe. Alle Anzeigen im Helm zeigten grĂŒn aber die Funkantenne war abgebrochen. Los! Auf! Weiter! Er hatte erneut einige Meter eingebĂŒĂŸt. Die Sonde schien von irgendetwas fortgezogen zu werden. Im Laufen schnallte er den GĂŒrtel mit den Werkzeugen und Proben ab und ließ ihn fallen. Die Anzeige in seinem Helm zeigte die linke Luftflasche zur HĂ€lfte leer, die Rechte noch fĂŒr fast eine Stunde gut. Er riss sich die linke Flasche herunter ohne anzuhalten und fĂŒhlte sich sofort leichter. Noch dreißig Meter. Weiter! Der Anzug wurde immer schwerer und steifer. Schweiß lief ihm in die Augen. Er kniff sie zu ohne langsamer zu werden. Weiter! Als er die Augen wieder öffnete war er schon auf fast zwanzig Meter heran. Weiter! Die Beine spĂŒrte er kaum noch, die Lungen waren roh. Es ging zu langsam. Der Alptraum kam wieder hoch. Der Boden schien seine Schritte zu schlucken. Noch fĂŒnfzehn Meter. Seine Kraft ließ nach. Der Alptraum wurde wahr. Noch zwölf Meter. Aber er war am Ende. Er schloss die Augen und gab auf. Das war's. Er taumelte zum Stillstand und fiel wild keuchend auf die Knie.
    Selbst wenn Myrjam gleich wach wird kann sie nur die Sonde orten. Und die wird bis dahin Meilen von mir entfernt sein. Ich werde hier sterben. Wartend, wie immer. Er öffnete die Augen um der Sonde nachzusehen. Sein Atem stockte. Die Sonde stand keine ArmlĂ€nge vor ihm und rĂŒhrte sich nicht weg! Keuchend griff er nach ihr und wollte sie nie mehr loslassen. WĂ€rme stieg in ihm hoch und die Erschöpfung war vergessen. Er lachte leise vor sich hin und wirbelte herum um den Analysator in weiter Ferne zu sehen. Der GĂŒrtel und die Sauerstoffflasche lagen etwas nĂ€her, bewegten sich aber sichtbar weg von ihm. Noch immer euphorisch besann er sich und fischte aus einer Seitenklappe der Sonde den Interferometer. WĂ€hrend er genauestens darauf achtete immer eine Hand an der Sonde zu halten, zielte er auf die Sauerstofflasche. Sie bewegte sich mit fast einem Meter pro Sekunde von ihm weg! Ein Blick auf das mutterschiffgefĂŒhrte Positionierungssystem zeigte ihm, dass die Sonde sich seit der Landung kaum acht Meter bewegt hatte. Er war auf eine Erdscholle geraten, die unter der losen OberflĂ€che in einer Art Mikrotektonik von der Scholle der Sonde wegdriftete. "Stealth", heimlich und hinterrĂŒcks. Das ist wohl ein besserer Name fĂŒr diesen Planeten.
    Nachdem er sich aus dem Druckanzug geschĂ€lt und die neuen Proben gesichert hatte, setzte er sich ans Steuer. Das Schwanken nach der Landung fiel ihm ein und sein Anus zog sich zusammen. Der Druck der Triebwerke beim Start ist wesentlich höher als bei der Landung. Sein Atem ging schnell und er schmeckte wieder Blut von der Lippe, die er sich erneut aufbiss als er mit seinen Zweifeln rang. Draußen wurde etwas Staub aufgewirbelt als er die Triebwerke zĂŒndete. Ihm wurde flau als er die linke Hand auf den Auslöser des Powerboosters legte. Der erzeugte genug Schub um einen hĂŒbschen Krater zu hinterlassen. Aber was passiert auf einer im Sand schwimmenden Erdscholle? Sein Kopf dröhnte im Rhythmus seines Pulses. Die rechte Hand lag schweißnass um den Schubhebel und zog ihn vorsichtig an. Der LĂ€rm der Triebwerke nahm zu. Die Sonde schwankte! Fester als nötig schlug er auf den Auslöser ohne vorher einzuatmen. Jetzt war es zu spĂ€t. Die Beschleunigung lastete auf ihm wie bleiernes Tuch. Seine Ohren rauschten. Im sich verengenden Blickfeld erkannte er noch wie er sich der Wolkendecke nĂ€herte. Dann wurde alles dunkel und still.
    Als er die Augen öffnete sah er Myrjams Gesicht rot glĂŒhend unmittelbar vor sich. Ihre Augen flackerten wild und das Unwetter brach los.
    "Wer hat dir in dein Hirn geschissen? Wie kannst du Idiot alleine auf einem neuen Planeten landen? Wenn die Weckautomatik nicht perfekt funktioniert hĂ€tte, wĂ€rest du wohl mit Superboost geflogen, solange der Treibstoff gehalten hĂ€tte. Und wir wĂ€ren wie Putenschnitzel im Sonderangebot auf ewig tiefgekĂŒhlt um diese scheiß lila Sonne geflogen. Du Arsch!"
    Das Gewitter wollte sich gar nicht mehr legen, aber er hörte ohnehin nicht zu. Das war knapp. Aber wirklich nicht langweilig. Innerlich grinste er breit als er sich bei Myrjam entschuldigte.
__________________
Gruß,
f
Versuch macht kluch!

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jthan
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Dragazul,

die Geschichte gefÀllt mir sehr. Eine kleine Anmerkung:

> Endlich durchstieß die Sonde die Wolkendecke, die den
> Planeten fĂŒr alle Sensoren aus dem All verdunkelte. Mit
> gerunzelter Stirn und weit aufgerissenen Augen starrte er
> auf die Monitore ...

Wer "er"? Der Planet? Nein, hier solltest du, um MissverstÀndnisse zu vermeiden, den Namen des Protag einsetzen.

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dragazul
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Guter Tip!

Hi Josef,

vielen Dank fĂŒr den guten Tip. Das werde ich beim nĂ€chsten Mal beherzigen.

Gruß,
dragazul
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Gruß,
f
Versuch macht kluch!

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eiros
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2001

Werke: 6
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Hallo dragazul!
Eine stringent erzÀhlte Geschichte ist Dir gelungen. Irgenwie sitzt jedes Wort, man liest in einem Zug durch.
Auch die Grundidee: ein GrenzĂŒbertritt, ein Ausbruch aus dem Gewohnten aus Langeweile als "AufhĂ€nger" fĂŒr eine Begegnung mit dem Unbekannten finde ich richtig gelungen!
Beim ersten Lesen fand ich, hĂ€ttest du Dich noch mehr auf diese Welt einlassen können. Du bist zu handlungsbetont und der fremde Planet bleibt nur Hintergrund fĂŒr die Geschichte. Somit bleibt dann nach dem Ende der Phantasie des Lesers nicht viel "Stoff" (Fragen, Bilder, Anregungen) zurĂŒck. Trotzdem eine klasse short story!
Mfg eiros

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dragazul
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2004

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Vielen Dank - das tut gut.

Ich habe mich vor einigen Wochen erst den Virus Literatus eingefangen und werde ihn nicht mehr los. Nur schreiben scheint die Symptome zu lindern.
Das ist meine erste vollstÀndige Arbeit und ich bin sehr froh, dass sie nicht nur mir gefÀllt.
Vielen Dank fĂŒr die Hinweise, ich werde sie ernst nehmen.
__________________
Gruß,
f
Versuch macht kluch!

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dragazul
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo SF Forum,

dies hier ist nicht nur mein erstes Werk in der LL, sondern das erste ĂŒberhaupt. Bitte gebt mir SCHONUNGSLOS RĂŒckmeldung. Ich habe so viel Spass am Schreiben gehabt, dass ich diesen auch beim Lesen erzeugen möchte. Deshalb möchte ich viel lernen um irgendwann einmal einen richtigen Roman zu schreiben, der auch freiwillig gelesen wird...
Vielen Dank im voraus.
__________________
Gruß,
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Versuch macht kluch!

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