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Leselupe.de > Humor und Satire
Unhöflich
Eingestellt am 09. 01. 2007 19:19


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Raniero
Textablader
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Unhöflich

„Nun, wie hat er dir gefallen, Schatz, der Film, du sagst ja gar nichts“, fragte Yvonne ihren Ehemann, als sie das moderne Kinozentrum verließen, „und auch das Ambiente hier, kein Kommentar dazu?“
Eine Ewigkeit war es her, dass sie zusammen im Kino waren, denn Reginald, ihr Mann, bevorzugte mehr das Heimkino und ließ sich eher selten dazu bewegen, die Wohnung zu verlassen, um ein Filmtheater, wie er es nannte, aufzusuchen. Aus diesem Grund zeigte er sich auch sehr überrascht, als er jetzt nach Jahren der Enthaltsamkeit ein solches betrat, musste er doch feststellen, dass sich doch einiges verändert hatte, in letzter Zeit. Statt des guten alten Filmtheaters mit Popkorn und Eiskonfekt aus den Sechzigern gab es jetzt regelrechte Großkinoanlagen, wo sich zur selben Zeit in verschiedenen Sälen bis zu fünfzehn Filme auf riesigen Leinwänden gegenseitig Konkurrenz machten. Eiskonfekt und Popkorn allerdings, und hierüber zeigte sich Reginald hoch erfreut, gab es noch wie in früheren glorreichen Zeiten, nur dass dieses Popkorn nicht mehr in Tüten, sondern in Eimern angeboten wurde.
Bevor Reginald jedoch seiner besseren Hälfte die Zusage gab, gemeinsam mit ihr ein Kino aufzusuchen, nach so langen Jahren ehelicher Gemeinschaft, hatte er noch schnell eine Bedingung daran geknüpft. Wenn er schon in eines dieser neuen, supermodernen Riesenkinos mit ihr ginge, dann, bitteschön, wolle er aber dort einen alten Film zu Gesicht bekommen, einen richtigen Klassiker aus den Zeiten, als die Schauspieler nicht nur Helden spielten, sondern auch solche waren. Widerstrebend hatte sein Weib nachgegeben; lieber hätte sie einen ganz modernen Streifen mit tagesaktuellen Darstellern gesehen, statt einen alten Schinken, doch froh darüber, ihren Alten endlich einmal aus der Bude gelockt zu haben, willigte sie schließlich ein.
Doch so einfach, wie Reginald sich das vorgestellt hatte, war es nun doch nicht. All diese neuen Kinos hatten sich darauf spezialisiert, mit großem Aufwand nur das Neuste vom Neuen zu zeigen, denn davon lebten sie fast ausschließlich, in einer Zeit, in der es Aufnahmegeräte en masse gab und von Videotheken nur so wimmelte. Einen so alten Klassiker hingegen zu erwischen, erwies sich als nahezu unmöglich. Gleichwohl war ihm das Glück beschieden; nach langem Suchen fand er ein Großkino, welches in einem kleineren Saal neben dem aktuellen Programm einmal wöchentlich, allerdings nur in der Spätvorstellung einen Filmklassiker im Repertoire hatte, für Nostalgiker der bewegten Bilder, wie es hieß. Spontan ließ sich Reginald telefonisch zwei Karten reservieren, für die nächste Vorstellung; sicher ist sicher, dachte er.
Als er seiner Frau den deutschen Titel des französischen Originals nannte, erlitt diese beinahe einen Lachkrampf:
„Wie heißt der Film? Killer stellen sich nicht vor?“ rief sie belustigt, „das darf doch wohl nicht wahr sein!“
Reginald selbst fand den Titel auch nicht gerade berauschend, doch er erinnerte sich daran, den Film vor etlichen Jahren einmal im Fernsehen gesehen zu haben, und obwohl ihm der Inhalt nicht mehr so recht präsent war, fand er ihn damals, abgesehen von dem merkwürdigen Titel, unterhaltsam und spannend. Während er noch darüber grübelte, hörte er aus dem Nebenzimmer, wie seine Frau ein Telefonat mit ihrer besten Freundin mit folgenden Worten begann:
„Hör mal, Ute, ich habe ihn endlich soweit, er geht mit mir ins Kino. Stell dir mal vor, wie der Film heißt: ‚Killer stellen sich nicht vor’…“
Unwillkürlich musste Reginald nun auch lachen.
Als sie zur nachtschlafender Stunde die Spätvorstellung verließen, vermochte Reginald seiner Frau auf ihre Fragen, wie ihm das neue Kino und der alte Film gefallen hatten, keine befriedigende Antwort geben.
„Wenn ich ehrlich bin, Yvonne, das Ambiente fand ich nicht schlecht, doch so an den Film kann ich mich gar nicht mehr so richtig erinnern.“
„Reginald, hast du getrunken? Du warst es, der diesen Film ausgesucht hast:“ erwiderte seine bessere Hälfte mit spitzem Tonfall und sah ihn durchdringend an.
„Wie kommst du denn darauf, dass ich getrunken habe, du warst doch die ganze Zeit bei mir? Nein, ich konnte mich heute nicht so recht konzentrieren, Schatz, auf den Film, obwohl ich mich wirklich darauf gefreut hatte. Gut, er war spannend, es gab einige rasante Actionszenen, aber an mehr kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Mir ist andauernd etwas anderes durch den Kopf gegangen.“
„Ach, du Ärmster! Was denn Schatz, was hat dich denn so beschäftigt?“
„Du wirst es nicht glauben, Yvonne, aber mich als Deutschlehrer regt so etwas auf, schon seit Tagen; zuerst habe ich dem ja nicht soviel beigemessen, aber in der letzten Nacht habe ich kein Auge zugetan.“
„Aber was denn, Schatz, was regt dich denn so auf? Du sprichst in Rätseln.“
„Na, der Titel natürlich, der saublöde Titel des Films. So ein Quatsch: Killer stellen sich nicht vor. Wie kann man nur eine so blöde Übersetzung wählen?“
„Darüber regst du dich auf, Reginald“, lachte Yvonne, „das ist doch nur ein Filmtitel, zugegeben, ein blöder Titel, aber darüber muss man sich doch nicht aufregen.“
„Du hast ja Recht, das habe ich mir auch gesagt, doch ich konnte nicht anders, ich musste immerzu daran denken und konnte mich auf nichts anderes konzentrieren.“
„Wenn ich so richtig überlege, jetzt, wo du es sagst, Reginald, so blöd der Titel auch klingt“, wandte Yvonne ein, „etwas Wahres ist schon dran, denn Killer stellen sich ja in der Regel tatsächlich nicht vor, dazu haben sie im Allgemeinen auch nicht die Zeit. Du hast es ja im Film gesehen, da wurde geballert und geballert, einmal sogar durch eine geschlossene Tür. Warum, bitte, frage ich dich, hätte sich der Killer noch groß vorstellen sollen?“
Reginald musste ihr Recht gesehen; bei Licht betrachtet, war es in der Tat unter Killern, zumal bei Auftragsarbeiten, nicht üblich, sämtliche Höflichkeitsfloskeln zu wahren und sich mit Rang und Namen vorzustellen. Wozu auch, dem Opfer konnte das doch eigentlich egal sein, und doch…
„Woran denkst du, Schatz?“ unterbrach Yvonne seine Gedankengänge.
„Na, ja, Schatz, vielleicht hast du Recht mit deiner Meinung, und doch…“
„Und doch?“
„Ich meine, es gibt auch höfliche Killer; Killer, die es nicht an Takt und Feingefühl mangeln lassen. Für diese Leute ist es ein absolutes Muss, sich ordnungsgemäß vorzustellen, bevor sie in Aktion treten. Die Kriminalgeschichte ist voll davon…“
„Aber Reginald, jetzt mach aber mal ‚nen Punkt“ ereiferte sich die Yvonne, „bevor sie in Aktion treten, ist gut. Du meinst, bevor er einen abballert, soll er ihm noch sagen, dass er ihn liebhat, der Killer? Jetzt spinnst du aber!“
„Wie bitte?“ fühlte Reginald sich auf den Schlips getreten, „dann spinne ich eben.“
Noch bevor sie das Auto erreicht hatten, um nach Hause zu fahren, hatte zwischen beiden ein heftiges Ehegewitter eingesetzt, über die Frage, ob Killer sich ihren Opfern vorzustellen haben oder nicht, und das Gewitter hatte sich erst komplett entladen, als sie schon daheim schmollend im Ehebett lagen, Rücken an Rücken; beiden fiel es schwer, Schlaf zu finden.
Mitten in der Nacht, während Reginald davon träumte, an einem speziellen Knigge für Berufskiller zu schreiben, wachte er von einem unangenehmen Ohrenkitzeln auf; eine dicke Fliege, dem Brummton nach zu urteilen, hatte ihn geweckt. Bevor er nach ihr greifen konnte, hatte sich die Fliege davon gemacht und flog nun laut summend durchs Zimmer.
“Auch das noch“, stöhnte Reginald und knipste die Nachttischlampe an.
Im schwachen Lichtschein sah er sie, unmittelbar vor sich, an der Wand. Vorsichtig nahm er einen Pantoffel zur Hand.
„Mein Name ist Reginald Rugerbein, es tut mir Leid“ flüsterte er leise dem Brummer zu, um seine Frau nicht aufzuwecken; dann schlug er zu, einmal, knallhart und erbarmungslos. Im gleichen Moment richtete sich Yvonne im Bett auf; ihr war die Szene nicht entgangen.
„Komm zu mir, mein höflicher Killer“
Dies ließ Reginald sich nicht zweimal sagen, zumal er im Moment sowieso nicht so schnell wieder einschlafen konnte.
Bevor er jedoch zu dieser außerplanmäßigen ehelichen Pflichtübung ansetzte, legte er zur Untermalung eine CD auf, mit dem Titel:
Killing me softly

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