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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Unordentliches zum Betrieb
Eingestellt am 09. 05. 2008 10:56


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gonrom
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2008

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„Neuere Literaturhistoriker vertreten ja die Ansicht, dass Schillers berĂŒhmte, seinem dramatischen Schaffen so förderliche Äpfel jene gewesen seien, die der Konkurrenz auf die BĂŒhne geworfen wurden.“
Alfred Polgar, Wie helfe ich mir beim Dichten

Unordentliche (feuilletonistische) Gedanken zum Betrieb

Betrieb; das wĂ€re ein Bestreben nach Ordnung, die angeblich sein mĂŒsse, die dem chaotischen Treiben (Betreiben, in dem ja auch der Trieb des Betriebes bereits steckt) des Marktes Ă€hnelte und ihn dennoch flöhe, wie in folgendem kleinen Vers vom alten Voss zu ersehen ist:
„wen (natur) dein lĂ€chelnder blick auskor zum vertrauteren liebling,
meidet des marktes betrieb (treiben) und das gerassel der stadt.“

Nicht jedoch meidet des Marktes Betrieb, wer reĂŒssieren möchte in ihm, denn der Ehrgeiz der Epigonen und zu kurz gekommenen zielte noch je auf die Anerkennung durch andere Ihresgleichen, so sehr wird dem eigenen Konstrukt (zurecht) misstraut. Schöpferisch wĂ€re eher derjenige, der es nicht ĂŒber sich brĂ€chte, sich zu verwerten und sich einfach so hin verströmte. „Ach, ich mag mich nicht bewahren“, dichtete der liebe Eichendorf und Adorno war von diesem Vers vers- bis fasziniert.
Der schlechte Verwerter, weil er weiß, dass das, was er geschaffen, aus ihm selbst unergrĂŒndlichen Tiefen quoll, weil die Muse ihn kĂŒsste, sich in ihm erbrach, er, der außer sich ist, wenn er etwas schafft, aber wenn er bei sich ist, sich leer und nichtig fĂŒhlt, ihm wĂ€re das Gedöns, das Lobredner um ihn und ĂŒber ihn anheben könnten eher peinlich. Wenig ist ihm das, was er von sich gegeben hat. Es wiegt ihm kaum einen Vogelschiss.
Die Versiertheit bei der PrĂ€sentation des Eigenen vor Anderen eignet dem Moderator und dem Epigonen und dem BestĂŒcker von Dichterlesungen gleichermaßen. Darauf beruht ihr Erfolg auf dem Markt. Der nicht jedem Dumpfbeutel sofort entgegenspringende Überschuss des Allgemeinen im Besonderen, des Exemplarischen im Beliebigen macht das Bedeutende aus gegenĂŒber dem BemĂŒhten, das sich jedem dreist feilbietet. Um etwas Bedeutendes schaffen zu können, muss man selbst bedeutsam sein, und wer das ist, der weiß um die Nichtigkeit dessen, was sich auf dem Markt der gĂ€ngigen Meinungen und Formen vermitteln lĂ€sst.
Ein Sartre wird zur Institution, zur öffentlichen Instanz, zum Philosophendarsteller denen, die von Philosophie nur den Glanz des besonders Innigen und Tiefen (so nennen sie das OberflĂ€chliche, von dem sie glauben, dass es gerade „in“ sei) sich erhoffen, denen aber jede philosophische Arbeit am Begriff abgeht. Und wie Sartres Stern verlischt und kaum noch jemand diese uferlosen Texte, wie etwa den monströsen Flaubert-Essay, der bei mir im Schrank vergilbt, lesen mag, so steigt, ihn ĂŒberholend an Bedeutsamkeit einer auf, der zu Lebzeiten keinen Ruhm auf sich hĂ€ufen konnte, weil er darauf keinen Wert legte, im Unterschied zum Kollektiv um Sartre. Von wem die Rede ist, wird hier nicht verraten.
Ebenso wie die Betriebsphilosophie ist die Betriebsliteratur jene, die sich davor bewahrt radikal und peinlich zu sein, mitten durch die Achse des Persönlichen hindurchzugehen und zugleich das Unverbindliche und Beliebige abzustoßen. Wenn von Böll, Walser und Grass kein Schwein mehr was wird wissen wollen, weil sie sich zu sehr zu Lebzeiten zusammennahmen und jahrelang ĂŒber Wert gehandelt wurden vom Betrieb, dann werden die wirklichen Leser diejenigen entdecken, die zum einen eine andere Erinnerung bewahrten (siehe das Buch von S. Braese „Die andere Erinnerung, JĂŒdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur), die sich mit dem Mainstream nie versöhnen ließen, wie auch zum anderen diejenigen, denen der Glaube an sich ebenso fehlte, wie die Überzeugung, sich deswegen in Szene setzen zu mĂŒssen. Weder Vigoleis-Thelen noch Edgar Hilsenrath noch Ror Wolf und viele andere ihres Kalibers werden je den Betrieb als Marktplatz der Eitelkeiten erreichen, der im Mittelmaß, das sich aufblĂ€ht, dahindĂŒmpelt gemĂ€ĂŸ der hegelschen Erkenntnis:
„An diesem, woran dem Geiste genĂŒgt, ist die GrĂ¶ĂŸe seines Verlustes zu ermessen. Die Philosophie aber muß sich hĂŒten, erbaulich sein zu wollen. Wo es aber eine leere Breite gibt, so auch eine leere Tiefe..... (Hegel, Vorrede zur PhĂ€nomenologie des Geistes)
Sind nicht BĂŒcher die einzigen wirklichen geistigen PhĂ€nomene? Und die sind aus Papier!
Als Metapher, den Betrieb zu treffen, will mir momentan nur die PfĂŒtze einfallen. Und die Schiffchen, die PfĂŒtze zu befahren, mĂŒssten aus Papier sein oder aus Nussschalen, wie wir sie als Kinder uns fertigten. Wenn jedoch aufgrund der greinerlichen Literaturkritik des Zeitgeistes etwa ein Papierschiffchen zu einem Ozeandampfer aufgeblĂ€ht wird, dann besteht die Gefahr, dass dieses sogar in der flachen PfĂŒtze versinkt. Da schreibt Goethe prĂ€zise wie nur einer an Schillern:
„KĂŒnstler, die zu schnell und ohne Vorbereitung in das Höhere der Kunst gerĂŒckt werden, gleichen den Menschen, die vom GlĂŒcke zu schnell erhoben werden: sie wissen sich in ihren Zustand nicht zu finden, können von dem, was ihnen zugeeignet wird, selten mehr als einen oberflĂ€chlichen Gebrauch machen
.“
Wie der Betrieb im Alltag funktioniert: In der Straßenbahn, jahrelang meiner tĂ€glichen Empirie auf dem Weg zur Arbeit, sitzt mir eine Ă€ltliche Frau gegenĂŒber, der Frustration aus den Falten im Gesicht sickert und liest, gleichsam als begehe sie eine heilige Handlung, vor allem auch, um sich von dem Buchstabengeballere der BILD, die ja selbst sich nicht als Zeitung verstehen möchte, zu distanzieren, dieses Buch von dem französischen Schmitt, dem erweckten Christen, dem Versöhnungsfuzzi. Das mit dem Ibrahim. Ich werd mich hĂŒten, sowas zu lesen.
Wat de Buer nich kennt, det frett he nech! Und schon ergreift der Alltagsgeplagte das Stapelbuch, das ihm im Eingang der Buchhandlungen entgegenwÀchst, umgeben von seinesgleichen.
In Analogie dazu ist die KĂŒche des gutbĂŒrgerlichen deutschen Landgasthauses in der Regel ja auch voll Scheiße und currywurstkompatibel. Aus dem Schild „Kalte und warme KĂŒche“ formte frĂŒh schon mein rebellierender Geist „Alte und arme KĂŒche“. Hier finden Sie dann das Zigeuner-, das JĂ€ger- und das Wienerschnitzel - je nach Panade und PlĂ€ttung.
Und die Bestenlisten der Zeitungen, schauen Sie im Internet nach, sind es ebenso. Currywurstkompatibel. Wer den Markt zur Orientierung braucht, der ist ihm ausgeliefert, fĂŒr den gibt es kein Entkommen mehr. Eingemeindung findet statt. Siehe hierzu auch VollverblödungszusammenhĂ€ngendes bei Adorno. (Schön, dass diese, nach Kohl, Helmut, „unsere“ Sprache derartige Bandwurmwörter ermöglicht, als Bandwurmwörterund satzermöglichungssprache – ach schriebe doch jemand eine Geschichte, eine ErzĂ€hlung, einen Roman, die oder der nur aus einem einzigen Kompositum bestĂŒnde.)
Dass Witschigkeit kein Erbarmen kennt, erkennen Sie daran, dass ja nun schon der seit Monaten von Millionen Deutschen verschlungene unverrĂŒckbare Bestseller von Hape Kerkeling sich behauptet und behauptet und inzwischen den Regenwald ernsthaft bedroht.
Aber der Betriebsfrieden bleibt gewahrt und der Betriebsfremde wird vom Werkschutz des Betriebes verwiesen, wenn es sein muss auch mit Hilfe der Bullerei, denn, das wissen wir noch aus Zeiten der Flugblattverteilerei zur Mobilisierung des wenig mobilisierbaren Proletariats (VorlÀufer des Prekariats): Im Betrieb hört jegliche Demokratie auf.
Und nun, im Internet, der grĂ¶ĂŸtmöglichen aller Betriebsam- und Beliebigkeiten angekommen, wo der Betrieb kaum noch eine Rolle spielt und jeder mit jedem lustig sich eins zurechtgoogelt, nun können wir das Ganze (Emergenz muss sein) etwas ruhiger angehen. Wissen wir doch, dass letztlich alles mit allem irgendwie zusammenhĂ€ngt. Da staunt selbst unser Betriebssystem und bringt aufgrund unertrĂ€glicher SelbstbezĂŒglichkeit, alles schlagartig zum Absturz. Betrieblich. Betrieblich.


__________________
Alles ist Haschen im Wind, Der Koholet

Version vom 09. 05. 2008 10:56

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