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Leselupe.de > Horror und Psycho
Unschuld
Eingestellt am 20. 02. 2005 16:40


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Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

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Der Raum ist wei├č und kahl. Fast leer, bis auf einen l├Ąnglichen Metalltisch in der Mitte und zwei kleine Plastik-Wagen mit medizinischen Instrumenten. Eine der Neonr├Âhren links oben in der Ecke flackert, und ich frage mich, wie oft in der Minute. Vielleicht ergeben die Lichtblitze ein Muster, eine gewisse Regelm├Ą├čigkeit.
Mir ist kalt.
Ich friere.
Meine nackten F├╝├če auf blankem Metall.
Du hast gesagt, wir w├╝rden zusammengeh├Âren.
Ich habe gelacht.
Du hast mich angerufen. Erst nur einmal die Woche, dann jeden Tag, wenn ich von der Arbeit kam und auch am Wochenende.
Ich habe mich geschmeichelt gef├╝hlt.
Blumen, all die vielen Blumen. Sie kamen an Daten mit Primzahlen, weil ich dir einmal am Kopierer in der Firma erz├Ąhlte, wie sehr ich Primzahlen liebe. Alle Blumen in wei├č. Unschuld, hast du am Telefon gesagt. Unschuldig wie unsere Liebe. Deine Liebe.
Rosen, Nelken, schlie├člich Lilien. Die Lilien kamen jeden Tag, und als ich dem Boten nicht mehr ├Âffnete, legte er den Karton auf die Schwelle. Ich konnte sie durch die geschlossene T├╝r riechen. Schwer, s├╝├č. Durchdringend.
Oft hast du mitten in der Nacht angerufen und mir gesagt, wir sehr du mich liebtest und was du nicht alles f├╝r mich tun w├╝rdest.
Es fing an mir unheimlich zu werden. Du warst mir unheimlich.
Du hast das Wort mit wei├čer Kreide an meine Wohnungst├╝r geschrieben.
Unschuld.
Du hast es auf wei├če Bl├Ątter in wei├č geschrieben und unter den Scheibenwischer meines Autos geklemmt. Nur ich konnte es lesen.
Unschuld.
Der Gedanke hat mich fast verr├╝ckt gemacht.
Gesehen habe ich dich eigentlich recht selten in der Firma, wenn ich es mir ├╝berlege. Mal im Flur auf dem Weg zur Mittagspause, am Kopierer oder am Kaffeeautomaten.
Daf├╝r standest du fast jeden Abend in der kleinen Toreinfahrt, die meinem Haus gegen├╝ber liegt und hast gel├Ąchelt. Lautlos mit den Lippen das Wort geformt. Unschuld.
Ich habe keine Br├Âtchen mehr gekauft an den Samstagen. ├ťberhaupt bin ich oft zu Haus geblieben.
Wei├čt du noch das eine Mal, als ich mit Ela im Kino war?
Du hast eine Reihe hinter uns gesessen. Ich habe dir gesagt, dass mir das Angst macht, dass du mir Angst machst.
Du hast gel├Ąchelt. Ein Zufall, dass zwei aus derselben Firma am selben Abend ins Kino gehen und denselben Film schauen. Ela hat mich angeschaut, als w├Ąre ich verr├╝ckt. Ich glaube, sie fand dich ganz nett.
Danach war alles anders.
Du hast mich angefasst.
Meinen Arm gezogen, als ich vom Einkaufen kam. Ich hatte deinen hei├čen Atem an meinem Hals, gleich unterhalb des linken Ohrs. Ich kann die Stelle noch genau sp├╝ren.
Wenig sp├Ąter, in derselben Nacht, hast du mich angerufen.
Ich bin nicht rangegangen. Habe mir die Decke ├╝ber die Ohren gezogen und auf das Piepen des Anrufbeantworters gewartet. Ich w├╝rde sehen, hast du gesagt, meine Zeit ist begrenzt. Du h├Ąttest lange genug Geduld mit mir gehabt, aber jetzt m├╝sste ich doch einfach verstehen, dass du und ich ein wir sind.
Und unsere Liebe unschuldig ist, deine Liebe unschuldig ist.
Ich habe die Kassette aus dem Ger├Ąt genommen und bin zur Polizei gegangen. Die haben gelacht.
Du w├Ąrst unschuldig, sagten sie.
Zwei Wochen habe ich mich krankschreiben lassen. Die Blumen kamen weiter.
Ich war nicht mehr einkaufen seit dem Vorfall. Habe mir Essen bestellt. Chinesisch, Pizza, Gyros und Vegetarisch.
An einem Montag im Mai ging ich wieder arbeiten. Du hast morgens nicht in der Toreinfahrt gewartet. Ich habe gedacht, du h├Ąttest aufgegeben. Als mir der Meyer aus dem Einkauf im dritten Stock ganz beil├Ąufig zwischen zwei Bissen Bratwurst aus der Kantine erz├Ąhlte, du h├Ąttest seit letzter Woche Urlaub, ist mir ganz ├╝bel geworden. Nicht nur wegen all den kleinen Speichelf├Ądchen in Meyers Mundwinkeln.
Ich ├╝berlegte fast den ganzen Nachmittag und schlie├člich fragte ich Evelyn aus der Lohnbuchhaltung, ob sie mich wohl nach Hause fahren k├Ânne. Ich habe sie angelogen. Habe ihr erz├Ąhlt, mein Auto w├╝rde nicht anspringen.
Sie hat ein wenig geseufzt, weil sie sp├Ąt dran war und mit ein paar Auszubildenden noch etwas trinken gehen wollte. Ich habe ihr einen Kaffee bei mir angeboten, aber sie hat abgelehnt und ist gleich weiter gefahren.
Ich wollte nicht betteln.
Als ich sah, dass niemand in der Toreinfahrt stand, musste ich l├Ącheln. Gespenster.
Du hast auf meiner Couch gesessen, als ich die Wohnung betrat.
Im Dunkeln. Die wei├čen Lilien im Arm.
Unschuld.
Eine der Neonr├Âhren links oben in der Ecke flackert. Ein Arzt betritt den Raum. Er sieht sehr jung aus. Hat noch nicht so viel gesehen, ist noch sehr gewissenhaft, so, wie er sich die H├Ąnde w├Ąscht.
In Unschuld.
Er pfeift ein wenig dabei. Ohne Ton und ohne Melodie.
Langsam streift er sich zwei Untersuchungshandschuhe ├╝ber und tritt an den Tisch, auf dem ich liege. Mit Zeige- und Ringfinger f├Ąhrt er ├╝ber meine Augenlider. Dabei ber├╝hrt sein Handteller ganz sacht, wie ein Schmetterlingsfl├╝gel, meine Nasenspitze.
Nein, ich habe keine Schmerzen.
Mir ist nur kalt.
Ich friere.
Meine nackten F├╝├če auf dem blanken Metall.

__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertr├Ąumte.
Schim'on Peres

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bonanza
Guest
Registriert: Not Yet

das mit dem op-tisch und dem arzt kapiere ich nicht.

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MDSpinoza
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Keine OP, bon, eine Autopsie. Eine echte "9"!
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Lieber ein verf├╝hrter Verbraucher als ein verbrauchter Verf├╝hrer...

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Duisburger
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Hallo Arezoo,

fantastisch geschrieben. Dein Text hat mich bis zu Ende gefesselt. Du schaffst mit deinen teils sehr kurzen S├Ątzen eine dichte Atmosph├Ąre, die immer dicht am Prot bleibt und sich nicht in Nebens├Ąchlickeiten verliert.
Der rote Faden ist deutlich zu erkennen. Komischerweise hat sich mir nie die Frage gestellt, warum sie nun dort auf dem Tisch liegt.
Das muss einfach so sen.

lg
Uwe
__________________
Unter den Kastraten ist der eineiige K├Ânig (unbekannter Gas- und Wasserinstallateur).

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bonanza
Guest
Registriert: Not Yet

kratz, ich war schon immer schwer von begriff.
wahrscheinlich dachte ich nicht daran, da├č tote
noch was f├╝hlen und sehen.
so gesehen ist die story recht witzig aber nicht
gerade au├čerordentlich. der durchgeknallte arbeitskollege,
das opfer - mu├č einen nicht umwerfen.
die sprache des textes auch nicht. durchschnittlich.
in der k├╝rze liegt die w├╝rze.

ach, noch `ne bl├Âde frage: und was hat`s mit der "unschuld"
auf sich?

bon.

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Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

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Lieber MDSpinoza, danke f├╝r die '9'.
Es freut mich, wenn es dir gef├Ąllt!

Lieber D├╝si,
es tut sehr gut zu h├Âren, dass sich die Geschichte nat├╝rlich entwickelt und zumindest bez├╝glich des Tisches keine Fragen aufwirft.
Danke f├╝r dein Lob! Das hat mich sehr gefreut!

Lieber Bonanza,
jede Leiche erz├Ąhlt ihre eigene Geschichte. Vielleicht etwas morbide, aber trotzdem ein reizvoller Ansatz, wie ich finde.
Zur Unschuld: ehrlich gesagt, das hat sich so ergeben.
Eine kurze Episode in der etwas Tragisches passiert und niemand der durchschnittlich beschriebenen, handelnden Personen glaubt, dass sie Schuld daran tragen.
Wird's etwas klarer?
Trotzdem danke f├╝r deine ehrliche Meinung.

Liebe Gr├╝├če,
Arezoo
__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertr├Ąumte.
Schim'on Peres

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