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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unschuldsnacht
Eingestellt am 05. 06. 1999 00:00


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Frank Zimmermann
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Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Unschuldsnacht
Franz sa├č in der Dachstube und arbeitete. Es war tief in der Nacht, doch dies war f├╝r Franz nicht ungew├Âhnlich, denn in der Nacht, wenn alles um ihn herum still war, tobten in seinem Kopf die Gedanken am heftigsten und er brauchte sie nur auf das Papier flie├čen lassen. Hin und wieder g├Ânnte er es sich, im Hintergrund klassische Musik laufen zu lassen, doch heute war ihm nicht danach gewesen. Er nippte an seinem Tee und geno├č den w├Ąrmenden Schauer, den die hei├če Fl├╝ssigkeit in seinem Inneren ausl├Âste, denn um ihn war es recht kalt. Man sagte, dies sei einer der k├Ąltesten Winter des Jahrhunderts oder sogar einer der k├Ąltesten Winter ├╝berhaupt. Franz stand, den Gedanken an den Winter verklingen lassend, auf und ging zum schr├Ągen Dachfenster, um einen Blick auf die wei├če Stille zu werfen und sich an dem Glitzern der Schneekristalle in der klaren Luft unter der Stra├čenlaterne zu erfreuen. Es schneite schon seit Stunden und die ganze Stra├če war wei├če Unschuld. Kein Fu├čabdruck, keine Wagenspur, nichts durchbrach die perfekte Fl├Ąche, unter der man nur noch mit M├╝he den B├╝rgersteig von der Fahrbahn unterscheiden konnte. Franz l├Ąchelte in zufriedener Einsamkeit und sein warmer Atem schlug sich auf der Scheibe nieder. Er kehrte zur├╝ck zu seinem Tisch und nahm seine Arbeit wieder auf.
Franz hatte gerade einen neuen Absatz begonnen, als ein Ger├Ąusch ihn aufhorchen lie├č. Es war wie ein giftiges Murmeln, wie das vielstimmige Schwirren ├╝ber einem Marktplatz. Franz sah auf seine Uhr, kurz nach drei. Er sch├╝ttelte den Kopf, als sei das Ger├Ąusch ein Insekt, da├č sich auf seinen Kopf gesetzt hatte und das er so verscheuchen konnte. Er setzte an, einen neuen Satz zu schreiben, doch das Ger├Ąusch hob wieder an. Jetzt h├Ârte Franz es deutlicher. Es war vielstimmig, aber nicht wie das Sirren einer gesch├Ąftigen Marktszene, sondern mit aggressiven Spitzen, scharfen Zischlauten und einsch├╝chterndem Grollen. Franz hielt inne und konzentrierte sich ganz auf das unheimliche Ger├Ąusch. Er konnte nun unterscheiden zwischen Gekreisch und w├╝tenden, unbestimmten Verw├╝nschungen und Drohungen. Aufgescheucht kramte Franz in seinem Fundus von Erinnerungen, Ideen und Assoziationen; er kannte diese Ger├Ąuschkulisse, er wu├čte nur noch nicht woher. Dann, als h├Ątte er eine richtige T├╝re ge├Âffnet oder eine dicke Staubschicht von einem Etikett gewischt, war pl├Âtzlich alles klar: es waren die Ger├Ąusche eines Mobs, einer Menschenmenge, die in die Nacht hinausgegangen war, um ein Monster zu vertreiben, einen Menschen zu lynchen, eine Hexe zu verbrennen. Es waren die Stimmen kollektiver Hysterie.
Franz sah erneut auf die Uhr, dreiuhrachtundzwanzig. Franz rieb sich die Augen und hielt dann seine Handfl├Ąchen fest auf seine Ohren gepre├čt; pl├Âtzlich rie├č er sie wieder weg und das Toben in der Stra├če war nun zu einem L├Ąrm angeschwollen und schien direkt vor dem Haus zu hocken. Franz ging zum Fenster und blickte hinab. So wie er es schon in seinem Kopf gesehen hatte, stand die Menge auf der Stra├če, schreiend, F├Ąuste sch├╝ttelnd, ausspuckend. Ihre F├╝├če hatten den Schnee zertrampelt und das gl├Ąnzende wei├č war unter einem bunten Haufen von Kleidern und Gesichtern begraben. Auch jetzt war die Fahrbahn nicht vom B├╝rgersteig zu unterscheiden, denn die Masse war so gro├č, da├č sie ├╝ber beides hinwegwogte. Franz fragte sich, wem dieser Aufruhr wohl galt, als ein schwerer Stein, mit Wucht und Wut in den Himmel geschleudert, die Scheibe neben ihm durchschlug und, einen Schleier eisiger Luft nach sich ziehend, mitten im Raum auf dem Boden aufschlug. Franz durchzuckte ein enormer Schreck und er schrie ├╝berrascht und entsetzt auf. Mit einem mal waren die Stimmen noch lauter: "Komm raus oder wir holen dich!"
Franz war wie vor den Kopf gesto├čen, er zitterte am ganzen K├Ârper und sch├╝ttelte wie automatisch immer wieder den Kopf: "Wahnsinn, das ist doch Wahnsinn.", stammelte er ohne recht zu wissen, was er da sagte. Auf seinem Schreibtisch flatterten Papiere im Winternachtswind, hoben dann, Blatt f├╝r Blatt, ab und glitten lautlos durch die Luft, verteilten sich ├╝ber dem Boden und segelten durch das offene Treppenhaus nach unten. Franz durchruckte die Kontrolle ├╝ber seinen K├Ârper, die er wiedergefunden hatte, als er seine Arbeit entschwinden sah. Er st├╝rzte die h├Âlzernen Treppen hinab, schlang sich im Flur einen Mantel um den Leib und rannte dann in seinen Hausschuhen auf die Stra├če.
Franz st├╝rmte in die Menschentraube, die sich vor ihm ├Âffnete und hinter ihm wieder schlo├č, so da├č er genau in ihrer Mitte nicht mehr vor und nicht mehr zur├╝ck konnte. Noch vor dem ersten kl├Ąrenden Wort, da├č er sprechen konnte, f├╝hlte er ein Hagel von Armen, H├Ąnden und Fingern auf sich niedergehen. Er f├╝hlte sie an seinem ganzen K├Ârper, sie rissen an seinen Kleidern und seinen Haaren, krallten sich in sein Fleisch an den Gliedma├čen, am Rumpf sp├╝rte er dumpfe F├Ąuste, in seinem Gesicht Fingern├Ągel und hei├čen Speichel. Dann wurde ihm der Boden unter den F├╝├čen entrissen; er wurde dem Boden entrissen. Er hing einen Meter ├╝ber dem Boden, mit Rucken und Zerren bewegte er sich ├╝ber dem zertretenen Schnee, sein Gesicht nach unten, seine F├╝├če nackt, die Hausschuhe verloren. Neben sich nahm er den offenen Hosenstall an einer M├Ąnnerhose wahr, doch nur den Bruchteil einer Sekunde, dann wurde er hochgerissen und er sp├╝rte den kratzigen Hanf an seinem Hals. Wie in Zeitlupe sah er das andere Ende des Seils ├╝ber die Laterne fliegen, bevor er den Zug an seinem Hals sp├╝rte, der ihn in die vertikalen L├╝fte zog. Alle Ger├Ąusche waren jetzt abgestellt, um ihn herum eine brodelnde Masse voller Bewegung und Energie, doch v├Âllig lautlos und unwirklich, als letztes sah er ein zerfurchtes M├Ąnnergesicht, da├č zu ihm aufblickte, dann auf ihn zuschnellte, als der Alte ihm an die Beine sprang. Kurz sp├╝rte er noch das Gewicht an seinen F├╝├čen, dann war es aus.
H├Ątte zwei Stunden sp├Ąter eine Seele aus dem Fenster des Franz geblickt, an dem er in der Nacht zufrieden einsam gestanden hatte, er h├Ątte eine schweigende Leiche gesehen, mit blo├čen F├╝├čen und blauem Gesicht, an den Mundwinkeln gefrorener Schaum. Ganz leicht schaukelte der tote K├Ârper zwischen den lautlosen Schneekristallen im Winterwind, durch die Stille, ├╝ber einer perfekten, wei├čen Fl├Ąche, unter der man nur mit M├╝he den B├╝rgersteig von der Fahrbahn unterscheiden konnte, so stark hatte es geschneit. Auch das Haupt des Toten war mit wei├čer Unschuld bedeckt.
(c)Frank Zimmermann

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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