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Unser Afghanistankrieg
Eingestellt am 12. 05. 2010 09:18


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Herbert Schmelz
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Unser Afghanistankrieg

Unser Afghanistankrieg
Denkverweigerung und instabilere Ordnungen - ĂĽber den >fernen Krieg< und den bei uns

Bewegt der Krieg in Afghanistan jetzt die Gemüter, wurden seine Opfer nicht jahrelang verborgen? So fragte ich mich und dachte nur flüchtig an die zivilen Opfer, Drogentoten, gesundheitlich Ruinierten, die toten und verletzten Soldaten, die Traumatisierten und schlecht Entschädigten, die Opfer der Selbstmordattentate, auch daran, dass Waffenhandel und Korruption den Opferaltar reichlich bestückten, an den angeblich religiös inspirierten Terror des Taliban – Regimes als Heimstatt des Netzwerks El – Kaida. Auch der zweite Gedanke erschien mir ergebnisoffen: Ob die Taliban inzwischen sachgemäßeren Umgang mit Macht lernten, die ihnen folgenden, eingesetzten Ordnungskräfte eine stabilisierende Rolle spielen können? Als der Krieg spätestens seit dem Sommer 2009 gerade bei uns mit spitzfindiger Logik bearbeitet wurde, entzog er sich weitgehend noch unseren Gefühlen und erst recht der bewussten Auseinandersetzung, die nur in Expertenkreisen stattfindet. Und jetzt?

Sprachlich muss sich die Betroffenheit schon mal in den Plural retten. In Deutschland ist Politik immer noch ein ödes Gebiet, auf dem der Privatmensch eigentlich nichts sucht. So kümmerten wir uns nicht ernstlich um den scheinbar fernen Konflikt, denn UNO, NATO und Soldaten erledigten das schon. Alles, was die gewählte Führung vernehmbar tut oder unterlässt, nehmen wir durchschnittlich nur als Störung des Privaten wahr. Als die Führungsmacht USA kürzlich aber offen bekannte, dass sie für die Probleme des Krieges keine Lösung weiß, mussten wir doch aufhorchen: Aufhorchen wie bei der Krise des Wirtschafts- und Finanzsystems, das als Natur gegeben behauptet, oder schlimmer noch als von >Gott geschickt< und geglaubt wurde. Ist das in Afghanistan nicht auch unser Krieg, ja Krieg bei uns?

Realistisch und bescheiden soll unsre Haltung sein, denn wir sind nicht allwissend. Nach 43 toten Soldaten der Bundeswehr sind wir nur skeptisch, ob die angeblich ‚neue Strategie’ seit der Londoner Afghanistankonferenz, die höheren Blutzoll verlangt, an der Lage in A. und bei uns wirklich etwas verbessert. Als Realisten lehnen wir Scheingefechte ab. Die terroristische Bedrohung unsres Lebens ist ein reales Risiko. Und nicht nur das. Sie wirkt als Teil einer von uns selbst verschuldeten krisenhaften Destabilisierung der Gesellschaft. Dass ‚Spekulanten’ dafür die Hauptursache sind, ist offensichtlich ein interessiertes Gerücht. Und was die konkreten Therapien der Krebskrankheiten unsres Wirtschafts- und Finanzsystems angeht, so stellen wir ein wildes Durcheinander der Stimmen von Regierungs- und Wissenschaftsbeauftragten fest. Als durchschnuittlich interessierte Bürger sind wir es gewohnt, uns zurückzuhalten. Der Unterschied zwischen uns und ihnen ist: Sie tun so, als hätten sie Lösungen und täuschen uns. Die selbsternannten Eliten unsres Landes leisten für das sinkende Gemeinwohl nachweislich miserable Arbeit und häufen mit rücksichtsloser Borniertheit ihre Privatvermögen an. Das ist die Form des Krieges bei uns.

Über den Gebrauch der Gewalt in unsrer Kultur brauchen wir uns keine Illusionen zu machen. Sie ist als staatliches Monopol gerechtfertigt und also kann friedlichere Zukunft nur auf Vernunftgründen aufgebaut werden. Wo wir deutlich Denkverweigerungen ausmachen, wurde kurzsichtig auf die Mechanik der Gewalt gesetzt, ernsthafte Friedensbemühung erst gar nicht gewagt. Die andere Seite der Medaille in diesem blutig ernsten Spiel ist der angeblich geordnete Rückzug aus dem angerichteten Chaos, der schon im nächsten Jahr beginnen soll. Auch da wird so getan, als wäre die Regierung souverän Herrin des Geschehens. Sie ist Getriebene.

Leider und folgerichtig entpuppen Staaten zunehmend sich als instabile Gebilde. Sie können aus eigener Kraft dem Krieg und dem Kartenhaus des Weltfinanzsystems nicht entkommen. Nicht nur die Griechen sollen ihre Milliardenkreditkäufe an bei uns produzierten Waffen und Maschinen mit unabsehbaren Entbehrungen ihres ‚luxuriösen Lebens’ bezahlen. Das wird nur über brennende Barrikaden gehen. Die Bild – Zeitungshetze gegen die Griechen kommt mir wie politisch gewollte Flankierung vor. In unsrer ‚Sozialstaatsdebatte’ Daheim wird der virtuelle Terrorist als Bedrohung des ‚braven Bürgers’ bereits als Wirklichkeit beschrieben. Nicht vom importierten oder infizierten islamistischen Terroristen ist die Rede, sondern vom 'HARTZER' oder sonstigen 'faulen Säcken', 'Dekadenten' ...

Umgekehrt muss mit Blick auf den afghanischen Krieg gefragt werden, was der ‚ehrbare Kaufmann’ und der wohlsituierte Bürger als Rechtfertigung für unseren fernen kriegerischen Einsatz aufbieten können? Wir dürfen überzeugt sein, dass die Antwort offen, beliebig und phantasielos ausfällt, die Hetze gegen die Schwachen und die unbekannten Taliban umso krasser. Sie kostet nur wohlfeile Worte, die im Irrgarten des schlechten Gewissens beruhigen sollen.

Was die deutsche Position als Bündnismacht angeht, so müssen wir wohl davon ausgehen, dass die gewaltsamen Veränderungen in Afghanistan bis zu ihrem friedlichen Durchgangspunkt noch eine unübersehbare Zeit benötigen. Unser schlechtes Gewissen, das sich aus dem gebrochenen Versprechen speist, Deutschland außer zur unmittelbaren Selbstverteidigung nicht an Krieg zu beteiligen (GG), sucht im schnellen Rückzug Entlastung zu finden. Das kostet eine neue, verschmitzt lächelnde Mokelpackung mit der Aufschrift: Sobald A. sich selbst regiert! Aber das bisherige Kriegsabenteuer, bei dem die Ziele im Nebel der Propaganda verschwanden, ist erst in eine menschliche Perspektive umzuwandeln. Und hierbei wollen wir nicht für dumm verkauft werden, nicht nur, weil uns die Opfer ermahnen, sondern weil wir uns ein eigenständiges Urteil erlauben wollen. Das unspezifische Vertrauen in die Politik kommt daher einem geistigen Sebstmord gleich.

Tatsächlich sind Ziele des Konflikts die Sicherung des Selbstverteidigungsrechts der USA in Folge der terroristischen Angriffe vom 11. September 2001 und die Befriedung der instabilen Verhältnisse am Hindukusch, von wo konkret damals die Bedrohungen ausgingen. Auch die Konflikte zwischen den beiden Atommächten Pakistan und Indien, das Streben des Iran nach Atomwaffen gaben dem Kriegsgeschehen ein ernstes, präventives Gepräge. Die Menschheit ist in der Lage und vielleicht auch bereit, sich bis auf den letzten Bewohner zu vernichten. In A. drängt sich diese Erkenntnis einer möglichen Perspektive erneut in unser Bewusstsein.
Zur Umsetzung der Ziele hatte der Weltsicherheitsrat den USA und ihren Verbündeten das Mandat erteilt, was einer Ausnahmegenehmigung kriegerischer Intervention gleich kam. Dieser UN- beauftragte Verstoß gegen das Völkerrecht wurde mit der damaligen Dringlichkeit und der Kooperationsunwilligkeit der afghanischen (Taliban)-Regierung gerechtfertigt, wofür ich trotz warnender Stimmen Verständnis hatte.

Unsre Sicht von außen offenbart recht schnell eine grundlegende Schwäche des Interventionskrieges: Er kann trotz und wegen gesteigerten militärischen Aufwands seine Ziele nicht verwirklichen. Das Netzwerk Al Kaida um Bin Laden entwischt der Kriegsmaschine. Im gemeinsamen Kampf mit der ‚Nordallianz’ verdrängen die USA die Taliban zunächst ziemlich leicht von der Macht in Kabul. Aber angesichts der Gewaltspirale treten diese in der nächsten Runde umso stärker auf den Plan. Dies hat seine guten Gründe.
Um die durch den ‚Petersbergprozess’ bewirkte Regierungsgewalt (islamische Republik A.*) abzusichern, verschanzen sich seit 9 Jahren ca. 70 000 Soldaten aus über 40 Ländern (5000 deutsche ISAF- Soldaten) und die über 50 000 US-Soldaten in ‚Feldlagern’ und stadtnahen Kasernen. Die afghanische Armee hat mehr als 100 000 Mann in Uniform, gilt aber als unzuverlässig und wäre wohl nicht in der Lage, die Regierung an der Macht zu halten. In der städtischen Umgebung leben 20% der ca. 25 Mio. Afghanen. Etwa 20 Mio. sind in Dörfern dieses unwirtlichen Hochgebirgslands zu Hause, das flächenmäßig nahezu doppelt so groß wie die Bundesrepublik Deutschland ist

Wer kennt die Kommunikationsstrukturen zwischen den afghanischen Bevölkerungsgruppen, ihre wirtschaftlichen und kulturellen Interessen konkret? Welche politische Rolle spielen Opiumproduktion und die Finanzquellen der reichen Golfstaaten, um diesen in hohem Maße selbst zerstörerischen Krieg weiter zu betreiben? Haben nicht die koloniale Intervention der Briten und dann die sowjetische lehrreiche Spuren hinterlassen? Sind die Regierungen der heutigen Interventionsarmeen in diesen globalisierten Prozess so verwickelt , dass sie unfähig sind, Rachegelüste ihrer Soldaten zu unterbinden? Verkörpern ihre Gefängnisse und Folterlager bis nach Guantanamo hinein Menschen- und Völkerrechtsverletzungen dieses Krieges, die unbedingt breit zu diskutieren sind? Zeugen die Bombardements vermeintlicher Aktions- und Kommandostrukturen des ‚bösen Feindes’ nicht doch von eigener Schwäche und Unfähigkeit? Brachten sie Dorffesten und Hochzeitsfeiern den schlimmeren Tod durch billige Selbstentschuldigung, die doch nur wahnhaft ihre Kriegführung rechtfertigte? Wer gibt Rechenschaft über die Verbrechen des anonymen Tötens im ‚Drohnen-Krieg’, im Bombereinsatz gegen ‚feindliche Menschenansammlungen’? Sind Verhandlungen möglich, die nicht zu naiv und doch gewichtig genug sind, dass unter ihrer Macht die Waffen zu schweigen haben?

Auch wenn nützliche Antworten auf die teils rhetorisch klingenden Fragen zum bisherigen Krieg in A. aufschlusssreich wären, so zeugen einige Elemente der angeblich 'neuen Strategie', z.B. die Interventionstruppen gezielter mit praktischem Kulturwissen auszustatten, davon, dass die abenteuerliche Phase in diesem Krieg beendet ist. Die Niederlage der rein militärischen Lösung steht fest und das öffentliche Eingeständnis liegt vor, den Frieden nicht mit Gewalt erzwingen zu können. Und trotzdem wird der falsche und unangemessene Gewalteinsatz, mit größeren Opferzahlen kalkulierend, noch einmal verstärkt. Von den Soldaten der Interventionsarmeen und ihren afghanischen ‚Waffenbrüdern’ wird jetzt die offene Feldschlacht gegen ‚das Böse’ verlangt. Diese Strategie macht auf ein merkwürdiges, ungeklärtes Ineinanderwirken von Realität und Fiktion aufmerksam.

Die besondere Unterdrückung der Frauen und der modernen Bildung durch das Taliban- Regime war der Versuch einer präventiven Abschirmung Afghanistans, wozu auch die rigorose Unterbrechung der Opiumproduktion zu zählen ist. Beide Tatsachen scheinen nichts miteinander zu tun zu haben. Es war meiner Auffassung nach eine positive Fiktion, die rückständigen Unterdrückungsverhältnisse im Zuge der Intervention zumindest angreifen zu wollen. Auf der Ebene der zivilen Zusammenarbeit wird über Erfolge berichtet Kaum wehte jedoch ein Hauch von Freiheit, da blühten auch die Mohnfelder und brachten mit 95% der Weltopiumproduktion Afghanistan wieder an die Spitze und –Hamid Karzei in das Amt des Staatspräsidenten.

Die Regierungen der ‚Schutztruppen’, auch die deutsche, stoppten übereifrige Soldaten bei der Vernichtung der Mohnernte , weil sie kaum eine günstigere Gelegenheit sahen, den enormen Drogenbedarf bei uns zu decken und zugleich den Taliban das Wasser abzugraben. Eine grandiose Selbsttäuschung. An den innerafghanischen Bündnissen auf der Basis des Drogenhandels mit seinen vielfältigen und teils nützlichen Nebengeschäften sind auch die Taliban beteiligt. Zweifellos breiten sich Bildungswille und Vorstellungen vom Nutzen des technischen Fortschritts unter der afghanischen Bevölkerung aus, will sie der Furie des Krieges nicht hilflos ausgesetzt sein. Entwicklungshilfe fördert diese Tendenz.

Die Interventionsmächte wollen das Gute und tun das Falsche. Sie halten ihre Fiktionen aufrecht, die von der Realität überholt werden. Der deutsche Oberst Klein lässt am 04. September 2009 zwei festgesetzte Tanklastzüge bei Kundus bombardieren und richtet ein Blutbad unter den Benzin abzapfenden Leuten aus den umliegenden Dörfern an. Er hatte keine Ahnung davon, dass unter den Opfern Verehrer der aus Deutschland stammenden Hilfe und Technik waren. Bei uns blamierten sich gleich zwei Verteidigungsminister, höchste Militärs sahen sich als Bauernopfer zur Strecke gebracht, Verschleißteile des Rechts büßten stark an Glaubwürdigkeit ein, alle politischen Parteien und ihre parlamentarischen Aktivisten zeichneten sich durch perspektivloses Gerede aus. Weit und breit ist keine politische Kraft zu sehen, die wirklich überzeugende, aussichtsreiche Lösungskonzepte im Köcher hat.

Die Regierung Merkel/Westerwelle, in einer Art Blindflug über den endlos verhangenen Krisenfeldern treibend, schwadroniert mit Scheuklappen und Unverständnis über das Schlachtfeld unsres Krieges. Ein grundlegender Mangel hierbei, davon waren wir ausgegangen, ist das öffentlich gewordene Unvermögen, eine angemessene, breite Diskussion zu entfachen. Man erschreckt fast vor der unsicheren Perspektive, vor dem Mitleid sogar den Regierenden gegenüber, wenn man bedenkt, dass selbst eine ganz affirmativ wohlwollende Initiative des deutschen Staatsoberhaupts dazu beigetragen hat, seinen Kopf zu verlieren. Und wer weiß jetzt, was da an trüben Ahnungen sich noch alles in die politische Wirklichkeit und damit in unsre nur wenig geübten Gemütsverfassungen drängt? Die Regierenden scheinen bei der Aufarbeitung ihrer ständig neuen Tagesordnungen keinen roten Faden zu haben, der ihnen Orientierung geben könnte. Andererseits halten sie sich systematisch an eine Leitschnur: Mit Hilfe und Entschädigung für die Hinterbliebenen der afghanischen Opfer geizen sie, die Fürsorge unsrer Geschädigten befindet sich in einem erbärmlichen Zustand.

Der ungeliebte Hamid Karzei scheint als Rachegott endzeitlicher Untergangsstimmungen, wie die Taliban, die Vergnügungen der Ausländer in den Bars und Biergärten Kabuls ernsthaft unterbinden zu wollen. Wie es heißt, hat er ISAF-Kommandeur Stanley McChrystel auf seiner Seite, der erklären ließ: „Dies ist ein Kampfgebiet, keine Vergnügungsmeile.“ Möglich, dass dies Missverständnis doch die Ahnung verbirgt, die Rechnung nicht ohne das afghanische Volk und die Taliban zu machen.

*Die vorhergehende Regierungsform unter den afghanischen Taliban nannte sich im Sinne eines religiösen Feudalismus
EMIRAT.

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Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 12. 05. 2010 09:18
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