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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unser Haus mit Zahnrad.
Eingestellt am 11. 08. 2017 14:49


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GriffelfĂŒller
Hobbydichter
Registriert: Aug 2017

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„Wir leben in einem anstĂ€ndigen Haus. Es ist unser Haus, wir haben sehr lange und hart dafĂŒr gearbeitet und uns unsere Ruhe verdient.

Über uns, neben dem Speicher, wohnen die Schneiders. Ein nettes, Ă€lteres Ehepaar, sie leben schon sehr lange hier, viel lĂ€nger als wir selbst. Ihr Schicksal hat es nicht gut mit ihnen gemeint, nach SchlaganfĂ€llen, sind beide auf Pflege angewiesen. Ihr Ă€ltester Sohn wohnt nicht in unserer schönen, sauberen Gegend und ihre Tochter kommt auch nicht oft, sie arbeiten beide sehr fleißig und haben nur wenig Zeit. So besuchen sie die beiden nur selten. Aber sie haben eine Putzfrau, einen Pflegedienst und alles ist schön ordentlich. Das ist gut so.
Neben uns wohnen die Peters, ein freundliches PĂ€rchen, man hört und man sieht sie kaum. Sie sind extrem fleißig und strebsam und kommen immer spĂ€t von der Arbeit. Anfangs vergaß Frau Peters immer den Flur zu putzen, da gab es etwas Ärger, aber schließlich gibt es Regeln bei uns im Haus. Das hat sie verstanden und nun putzt eine AuslĂ€nderin fĂŒr sie den Hausflur und auch die Wohnung, das habe ich mal gesehen. Die AuslĂ€nderin putzt wirklich ordentlich und seitdem haben wir unseren Streit darĂŒber beigelegt.
Unter uns wohnen die Engelhardts, die hatten mal Theater mit den Kramers, die links unten wohnen. Wir haben uns da raus gehalten das ging uns wirklich nichts an.“
„Stimmt“ sagt er und nickt dabei.
„Es ist zwar unser Haus, doch wenn es uns nichts angeht, halten wir uns natĂŒrlich raus und das grundsĂ€tzlich. Wir sind ja nur die Vermieter. Wir sorgen dafĂŒr, dass keiner der Kinder oder der Hunde den gepflegten Rasen im Vorgarten beschĂ€digt oder beschmutzt, dass der Hausflur sauber ist, dass die Miete gezahlt wird und so weiter. Es soll halt alles seine Ordnung haben. Was im Haus hinter den TĂŒren geschieht, ist nur dann wichtig, wenn etwas beschĂ€digt wird. Da verlangen wir auch eine ehrliche Art des Mieters.“
„Stimmt genau.“ sagt er.
„Die Kramers machten aber nichts kaputt oder schmutzig, die Kinder mussten wir noch nie vom Rasen schmeißen, die gingen erst gar nicht drauf.“
„Gut erzogene Dinger.“ sagt er und nickt wieder.
„Die ganze Familie war immer freundlich, auch heute grĂŒĂŸen sie noch. Immer kurz angebunden, aber immer freundlich. Wir sind heute wieder zufrieden. Irgendwie ist unser Haus wie eine Uhr fĂŒr unser Leben. Gehen die Peters aus dem Haus wissen wir, es ist Zeit zum Aufstehen. Kommt der Pflegedienst fĂŒr die Schneiders zum ersten mal, dann frĂŒhstĂŒcken wir, beim zweiten mal, essen wir zu Mittag. Die Engelhardts gehen immer samstags einkaufen, wir nun auch. Wir wissen dann, morgen ist die Woche fast vorbei.
Wir brauchen keine Uhr und auch keinen Kalender mehr. Das geht jetzt wieder, seitdem die Kramers ausgezogen sind.“
„Stimmt, das haben auch die anderen gesagt.“ sagt der Ehemann.
„Sie waren ein abgebrochener Zahn am Sekundenrad des Uhrwerkes.“ sagt sie, sichtlich stolz auf ihren schön formulierten Satz.
„Nun wohnen sie direkt neben uns im Nachbarhaus, wir teilen uns eine Kinderzimmerwand. Wir haben zwar keine Kinder, aber so nennen wir halt die Zimmer, die wir nicht alltĂ€glich nutzen. Unsere Wohnungen haben nĂ€mlich alle 96 mÂČ, da können wir nicht alles stĂ€ndig bewohnen. Das ist ja viel zu groß fĂŒr zwei Leute. Der Vater der Kramers trank und trinkt immer noch und hat auch seine Frau und Kinder bisweilen geschlagen. Wir konnten dann manchmal nachmittags oder auch in der Nacht nicht schlafen. Der hatte ja Schichtarbeit. Nicht nur das, die Kinder liefen uns ja auch oft im Hausflur ĂŒber den Weg und guckten verschĂ€mt weg. Es gibt ja genug Elend in der Welt, da braucht man im Haus schon eine Oase der Ruhe, also mindestens hier. Das brauchen wir einfach.“
„Nicht nur wir, auch die Engelhardts brauchen das.“ sagt er.
„Einmal habe ich ja hingeschaut, die hatten beide dicke Pullover an, obwohl Sommer war. Man konnte blaue Flecken auf den Fingern und dem HandrĂŒcken sehen, ich bin ja nicht neugierig, aber ich konnte gar nicht mehr weg schauen. Warum weiß ich auch nicht. Ist ja auch egal, hat ja keiner gemerkt. Jedenfalls waren wir letztendlich ganz froh, dass die Engelhardts die Sache mit den Kramers fĂŒr uns erledigt hatten. Wir wissen nicht wie, aber die zogen dann irgendwann nach nebenan, in eine 60 mÂČ Wohnung.
„Das mag eng sein,“ bemerkt er und fĂŒhrt weiter aus: „angeblich soll der Kramer ja schon mal einen SĂ€ugling aus erster Ehe tot geschĂŒttelt haben.“
„Ach was.“ sagte sie: „Da wird viel erzĂ€hlt, glaube nicht alles, was die Leute erzĂ€hlen. Wenn sie keine Neuigkeiten mehr zu erzĂ€hlen haben, dann erfinden sie welche. Als die Familie ausgezogen war, war jedenfalls Ruhe. Unsere Kinderzimmerwand ist eine Brandschutzwand mit Isolation. Da geht kein Schall durch, da hört man nichts, da ist immer Ruhe. So ruhig, wie wir uns es verdient haben.“

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DocSchneider
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Hallo GriffelfĂŒller, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den hÀufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken

Zuerst erinnerte mich diese Geschichte an das Lied "Ein ehrenwertes Haus" von Udo JĂŒrgens. Im weiteren Verlauf wurde sie aber immer dramatischer und lĂ€sst den Leser nachdenklich zurĂŒck.

Bitte ein paar kleinere Fehler noch verbessern.

Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

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Malkah
Hobbydichter
Registriert: Jul 2017

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Hallo GriffelfĂŒller,

ich sehe das Vermieterpaar vor mir. Das ist gut, gefĂ€llt mir an Deinem Text. Überhaupt wĂŒrde mir jetzt gefallen, weiteres zu lesen – schließlich hast Du die Spannung ja schon aufgebaut. Gibt es eine Fortsetzung? Drama? RĂ€chen sich die Kinder wegen der unterlassenen Hilfe spĂ€ter an den alten Nachbarn?

An ein, zwei Stellen steige ich beim Lesen aus, weil da fĂŒr mich ein unerklĂ€rter Bruch in den Charakteren ist:

1.
Dort wo die Rede der ErzĂ€hlenden abstrakt wird, wo Menschen und Situationen analysiert werden. Das ist insbesondere im ersten Absatz der Fall oder dann, wenn von „fleißig“ oder „schön“ oder „verdienter Ruhe“ die Rede ist. So reflektiert stell ich mir nach den ĂŒbrigen Zitaten die Vermieter nicht vor. Sonst wĂ€ren sie doch eingeschritten, der?!
2.
Auch ĂŒber Deinen zentralen Satz „Sie waren ein abgebrochener Zahn am Sekundenrad des Uhrwerkes“ stolpere ich, bringe ich nicht gut mit den beiden Menschen und dem, was schon an Äußerungen von ihnen kam zusammen. So lyrisch sind Protagonistin und Protagonist nicht, sag ich mal. Zudem ist fĂŒr mich der zentrale Satz zu feingliedrig. „Sekundenrad des Uhrwerks“ – so differenziert denken die doch garnicht! Aber ich kenn die ProtagonistInnen natĂŒrlich nicht so persönlich wie Du ;-)

Der Ablauf im Haus als Uhr des Lebens – diese Schilderung und das Bild find ich aber schon sehr ansprechend.

In dem Sinne: Danke fĂŒr den Text. Ich hoffe, Du kannst was mit der RĂŒckmeldung anfangen...

Herzliche GrĂŒĂŸe

Malkah

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GriffelfĂŒller
Hobbydichter
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Liebe oder Lieber Malkah,

nun vielen Dank erstmal fĂŒr das Lesen meiner Geschichte und die Kritik.

Als ich dieses Szenario schrieb war ich 18 Jahre Lenze. Die Geschichte ist also bald 30 Jahre alt. Ich sah dieses Haus einfach nicht als Haus, sondern als Sinnbild unserer Gesellschaft. Die Vermieter sind stellvertretend fĂŒr die Mitglieder der Gesellschaft, die viel Reden, aber nicht handeln. Die mit sich beschĂ€ftigt sind und zwar ausschließlich. Sie rechtfertigen mit ihren "positiven" Tugenden, wie "fleißig" und das was sie sich wĂŒnschen "verdienter Ruhe" ihr tun oder besser gesagt ihr Nichtstun. Die Mieter sind stellvertretend fĂŒr den Rest der Gesellschaft, in diesem Bereich wird ja nicht so sehr Einblick gewĂ€hrt. Mein Augenmerk richtete sich also eher auf den bestimmten Typen Mensch.

Kinder die so betroffen wĂ€ren, wĂ€ren so mit sich selbst beschĂ€ftigt, dass sie nicht auf die Idee kommen wĂŒrden Rache zu ĂŒben. Sie schreien nach Hilfe, doch niemand hilft Ihnen.

Interessanterweise bin ich bei Punkt 2 ganz Deiner Meinung. Das war mir ebenfalls aufgefallen, als ich die Geschichte nach Jahren nochmal gelesen habe. Aber ich wollte Sie auch in Ihrer UrsprĂŒnglichkeit nicht verĂ€ndern.

Übrigens habe ich diesen Typ Vermieter (in Teilen), in meinem spĂ€teren Leben tatsĂ€chlich getroffen. Ob sie allerdings die Augen so verschlossen hĂ€tten, wie die Nachbarn, die Erzieher, die Verwandten bei einem Pflegekind, welches in meiner Heimatstadt schwer misshandelt worden ist und in einer Wanne gestorben war, weiß ich nicht. Das war 2009.

Mit meiner ĂŒbertriebenen Darstellung wollte ich damals bestimmt provozieren,

Liebe GrĂŒĂŸe
GriffelfĂŒller



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