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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unser Platz
Eingestellt am 04. 01. 2015 13:20


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Profatus
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2014

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Unser Platz

Von der Bank aus hatte er alles gut im Blick. Der aufw├Ąndig gestaltete, alte Brunnen in der Mitte des Platzes erregte stets die erste Aufmerksamkeit. Erst danach lie├č man die Augen auf den bunten Hausfassaden auf und ab wandern, die sorgsam um den Platz herum angeordnet waren. Es schien, als w├╝rden sich Gesch├Ąfte und Wohnungen in der Reihenfolge stets abwechseln. Nur der kleine Supermarkt und die B├Ąckerei lagen direkt nebeneinander. Und das ├ärztehaus. Genau, das ├ärztehaus lag noch zwischen den beiden. Er konnte es von der Bank aus nur nicht sehen, weil die gro├čen Eiben davor standen.

Als sein Blick zur├╝ck zum Brunnen schweifte, sah er an dessen Rand einen farbenfrohen Falter sitzen. Ganz still und starr. Und so wie er selbst auf den Brunnen schaute, so schien auch der Schmetterling zu ihm her├╝ber zu sehen. Dann, ganz unvermittelt, schoss das Insekt in die Luft, flog hektische Runden, wirre Muster, wellenartige Etappen - und verschwand schlie├člich im Schatten der Eiben.

Er fragte sich, warum er nicht schon mal fr├╝her hierhergekommen war. Diese Bank war wirklich ein sch├Âner Platz, man konnte alles sehen. Aber daf├╝r f├╝hlte er sich immer viel zu jung. So etwas machen doch nur alte Leute.

Hinten rechts, am Ende des Platzes, ging es zu seiner Schule. Da war ein kleiner Weg, eigentlich mehr ein Trampelpfad. Er blickte hoch zur Kirchturmuhr. Kurz nach zw├Âlf. Er ├╝berlegte. Ja doch, gleich m├╝ssten seine Freunde um die Ecke biegen. In wenigen Minuten m├╝sste Schulschluss sein und der Weg bis hierher dauerte nicht viel l├Ąnger als f├╝nf Minuten. Unz├Ąhlige Male waren er und seine Freunde diesen Weg zusammen gegangen. Er kannte dort jeden Strauch und jeden Grashalm. Er konnte den Johann schon h├Âren, wie er wieder lauthals Witze erz├Ąhlte. Gern auch schweinische Witze, die er immer von seinem gro├čen Bruder erz├Ąhlt bekam. Und Max w├╝rde sicher wieder irgendetwas essen. Vielleicht ein Br├Âtchen oder eine Wurst. Aber das Gute daran, dass Max immer etwas zu essen dabei hatte, war, dass man selber ab und zu auch mal etwas Leckeres abbekam. Am Liebsten nat├╝rlich S├╝├čigkeiten.

Er war schon gespannt, was sie diesmal zusammen unternehmen w├╝rden. Vielleicht ein bisschen Fu├čball spielen. Oder mal wieder den fetten Hund vom Schlachter ├Ąrgern. Oder einfach nur ein Eis kaufen und auf dem Platz rumh├Ąngen.

Ja, gleich werden sie dort um die Ecke biegen.

Er schaute in den Himmel und lie├č seinen Blick den Wolken und V├Âgeln folgen. F├╝r seine Tr├Ąumereien war er ├╝berall bekannt. Seine Freunde machten sich meistens lustig dar├╝ber. Dann lachten sie und nannten ihn ┬╗Marsm├Ąnnchen┬ź, weil er mit seinen Gedanken mal wieder nicht auf der Erde war. Nur Marie machte sich nie lustig ├╝ber ihn. Sie nannte ihn nur liebevoll ┬╗Tr├Ąumer┬ź und wollte immer wissen, woran er gerade gedacht hatte.

Marie, du s├╝├čer Engel.

Hinten links ging von dem Platz eine kleine Stra├če ab, die direkt auf die kleine Fabrik ihrer Eltern zuf├╝hrte. Es war der gr├Â├čte Arbeitgeber hier im Ort und entsprechend wohlhabend war die Familie. Marie ging nicht auf seine Schule. Sie bekam Privatunterricht und arbeitete nebenbei ein paar Stunden in der Woche in der Fabrik ihrer Eltern. Gleich w├╝rde sie ihre Mittagspause beginnen.

Er starrte gebannt auf die kleine Stra├če. Vielleicht trug sie ja wieder das h├╝bsche, gr├╝ne Sommerkleid. Sobald sie um die Ecke bog, w├╝rde sie ihn bestimmt sofort erkennen und l├Ącheln. Ein L├Ącheln, das ihm stets die Knie weich werden lie├č. Er schloss die Augen und genoss die Vorstellung. Jetzt konnte er sogar ihren Geruch wahrnehmen. Diesen s├╝├čen, atemberaubenden Geruch. Immer, wenn er sie ganz besonders vermisste, streifte er in Parf├╝merien umher und suchte diesen Duft. Doch er fand ihn nicht. Er war einmalig. Es war ihr eigener Duft.

Seufzend lie├č er sich auf der Bank zur├╝ckfallen. Die Vorfreude war gro├č. Bald w├╝rde er sie alle wiedersehen. Aber nicht heute.

Er beugte sich wieder vor und dr├╝ckte sich mit Hilfe seines Stocks von der Bank hoch. Schwerf├Ąllig machte er ein paar Schritte. Nach wenigen Metern blieb er stehen und drehte sich ein letztes Mal um.
Ein kleiner Junge, der in diesem Moment seinen Weg kreuzte, wurde auf ihn aufmerksam: ┬╗Brauchen Sie Hilfe?┬ź

Er sah ihn l├Ąchelnd an.

┬╗Schon gut, mein Junge. Ich habe nur etwas gesucht. Aber es ist nicht mehr da.┬ź

Der Junge sah auf den Platz und wieder zur├╝ck zu ihm.
┬╗Oh, das ist ja schade. Tut mir leid┬ź, sagte er mitf├╝hlend.

┬╗Das ist schon in Ordnung so, mein Kleiner.┬ź
Er strich dem Jungen ├╝ber den Kopf.
┬╗Und ich bin sicher, du wirst es finden. Irgendwann.┬ź

Version vom 04. 01. 2015 13:20

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Vagant
???
Registriert: Feb 2014

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hallo profatus,

eine melancholische r├╝ckschau auf die pl├Ątze der kindheit, die alten schulfreunde, das erste m├Ądchen - der stoff, aus dem alte m├Ąnner ihre geschichten basteln. ich mag so was ganz gern.
am ende bringst du die "├╝berraschende wendung", sozusagen als ende des spannungsbogens, als effekt. ich denke, der plot w├Ąre auch ohne diesem ausgekommen. es las sich recht rund. wie ich schon sagte: ich mag solche sachen.

ein bisschen textkram:

du beginnst mit einem, vom brunnen ausgehenden, schwenk ├╝ber die szenerie. das braucht es nat├╝rlich. details, an die der protagonist seine erinnerungen heftet. du hast also: brunnen, h├Ąuser, supermarkt, b├Ąckerei, ├Ąrztehaus - allesamt statische details, die da einfach so auf dem tisch verteilt liegen. mir fehlt da so ein kleiner schlenker in der melodie, eine ver├Ąnderung der brennweite - vielleicht etwas fl├╝chtiges, kleines, vielleicht eine blindschleiche die im busch verschwindet, ein vogel, einen bl├╝te, etwas, wo wir sagen: ops, was ist der erz├Ąhler doch f├╝r ein ausgebuffter beobachter.
es war ein schwenk ├╝ber einen kleinstadtszenerie, der uns in die welt von forest gump entf├╝hrte, aber seine poesie bekam er erst durch die schwebende feder. nur ein fl├╝chtiger moment inmitten all der f├╝r die ewigkeit gebauten backsteinh├Ąuser - aber ein bleibender.
ich wei├č nicht, ob du verstehst was ich meinte. meist fallen einem solche sachen auch immer nur bei den texten anderer auf, nie bei den eigenen.

die perspektive ist mir hier nie so richtig klar geworden.
es ist eine er-erz├Ąhlung, deren titel "unser platz" mir eigentlich einen involvierten erz├Ąhler suggeriert. aber der fehlt hier.
wer geh├Ârt alles zu "unser"?
sicher, der namenlose protagonist, wirst du sagen. aber wer sind die anderen?
es klingt ├╝ber weite strecken so seltsam fern, und nur manchmal gibt es einen kleinen hinweis.
ich denke, der plot, ohne eigentliche aktive handlung, h├Ątte mehr n├Ąhe zum protagonisten verdient. meist sagt der autor dann, dass er genau diesen effekt erzielen wollte, aber dann muss man die frage stellen d├╝rfen: warum? was macht die geschichte zu einer, die mit abstand erz├Ąhlt werden muss?

=== zitat, 1. absatz)
Genau, das ├ärztehaus lag noch zwischen den beiden. Man konnte es von der Bank aus nur nicht sehen, weil die gro├čen Eiben davor standen. zitatende ===

genau? wer versichert sich hier? erz├Ąhler? protagonist? das ist nie richtig klar. wenn ich aus dem 'man' ein 'er' mache, dann r├╝cke ich den vorhergehenden satz eindeutig zum protagonisten, er wird zur gedankenrede.

noch ein kurzes beispiel aus dem 2. absatz)

=== zitat)
. Aber daf├╝r f├╝hlte er sich immer viel zu jung. So etwas machten doch nur alte Leute. zitatende ===

das liest sich wie eine vom erz├Ąhler verk├╝ndete weisheit, und ich frage mich, woher er denn so genau wei├č, dass das wirklich nur alte leute machen.
wenn du 'machten' ins pr├Ąsens setzt, also 'machen' daraus machst, dann wird dieser satz wiederrum zur gedankenrede, geh├Ârt also dem protagonisten.

so lie├če sich, queer durch den text, mit ein paar kleinen ver├Ąnderungen mehr n├Ąhe zum protagonisten herstellen.

bleibt man bei der distanz, dann m├╝sste man a) den titel ├Ąndern, b) einige eingestreute zeilen gedankenrede (ja, gleich m├╝sste sie dort um die ecke biegen --- marie, mein s├╝├čer engel) streichen, und c) konsequenterweise den dialog durch eine elegante indirekte rede ersetzen.

ich denke, dass du hier einen text hast, der nicht durch einen effekt am ende, sondern durch seine figur leben sollte.

ich m├Âchte auch nicht weiter meckern. ich mag solche texte, und habe ihn, auch mit ein paar kleinen schw├Ąchen, gern gelesen.

vagant.

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Profatus
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Hallo Vagant,

danke f├╝r Deinen Kommentar. Und sch├Ân, dass Dir die Geschichte gef├Ąllt.

Am Anfang der Geschichte wollte ich die Stimmung aufbauen - beschaulich, ruhig, unaufgeregt. Dabei dann auch der erste Hinweis auf die Thematik: die Eiben, die das Ärztehaus verdecken. Eiben, so habe ich nachgelesen, stehen symbolisch für den Tod.
Ehrlich gesagt reichte mir das dann schon als kleiner "Farbtupfer" in der statischen Beschreibung. Aber ich gebe Dir recht (und finde das Feder-Beispiel hier auch sehr sch├Ân), ich h├Ątte noch etwas mehr Poesie einbringen k├Ânnen.
Hierzu werde ich mir mal was ├╝berlegen und entsprechend nachtragen.

Deinen Vorschlag, mehr N├Ąhe zum Protagonisten aufzubauen, kann ich ebenfalls nachvollziehen. Ist auch ganz in meinem Sinne. Und die beiden von Dir aufgef├╝hrten Zitate klingen dabei, mit den vorgeschlagenen ├änderungen, auch in meinen Ohren sehr viel besser.

Generell wollte ich mit dieser Geschichte die Thematik "Alter" bzw. "├Ąlter werden" behandeln. Aus diesem Grunde hatte ich mich daf├╝r entschieden, den kleinen Jungen am Ende auftauchen zu lassen, um den Unterschied / das Gegenteil noch mal deutlich zu machen. Damit wollte ich sicher gehen, dass man die Thematik besser erkennt. Und nicht m├Âglicherweise denkt, es ginge hier (nur) um Verlust oder den Tod.

Vielen Dank noch mal.

Gru├č, Profatus

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Profatus
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Registriert: Dec 2014

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Ich habe die Geschichte gerade ├╝berarbeitet.
Zum einen an ein paar Stellen den Bezug zum Protagonisten besser herausgearbeitet, zum anderen den "Schmetterlings-Absatz" am Anfang eingebaut.
Nat├╝rlich nicht ganz ohne Einfluss durch den guten Hinweis auf die Feder-Sequenz aus Forrest Gump. Ich habe aber ganz bewusste den Falter (als Symbol f├╝r das vergn├╝gte Leben) gew├Ąhlt, der sich hektisch (ereignisreich) den Eiben (Tod) n├Ąhert.

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