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Unser verfluchtes Erbe. Über Aggression, Schuldgefühl und Religion
Eingestellt am 19. 08. 2008 14:31


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Heiden Steffen
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2007

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Unser verfluchtes Erbe. Über Aggression, Schuldgefühl und Religion

Die zerstörerische Kraft der menschlichen Aggression, die uns die Evolution mitgegeben hat, kann man wohl nirgends so gut studieren wie an der Geschichte der Religionen. Deshalb halten manche die Religionen für das größte Übel der Menschheit. Kriege, Verfolgungen, Völkermorde im Namen der Religion – das ist für sie die schwarze Seite der menschlichen Geschichte.
Gewiss ist das eine Vereinfachung. Auch viele gute Taten wurden im Namen der Religion vollbracht, und sehr, sehr viele Gläubige führten und führen ein humanes Leben. Aber zweifellos gibt es eine lange Reihe von Untaten gerade auch der christlichen Religion. Wir kennen das alles: Kreuzzüge, Inquisition, 30jähriger Krieg, Hexenverbrennungen, Juden-Pogrome, die Raubzüge der Konquistadoren. Eine Liste, die man fortschreiben könnte.
Millionen von Menschen wurden im Namen der Religion getötet. Sie wurden gesteinigt, gevierteilt, gekreuzigt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Bei der Eroberung Jerusalems liefen Bäche von Blut die Gassen herab wie in einem Schlachthaus. Jerusalem wurde zu einem Menschen-Schlachthaus gemacht, und die Schlächter waren christliche Kreuzritter. Hunderttausende von frommen Schlächtern gingen ihnen voraus und folgten ihnen nach.
Wie war das alles möglich? Wie konnte die Religion, in der es doch um das Gute im Menschen, um seine Moral geht, wie konnte sie in diese Grausamkeiten verwickelt werden? Wie konnte ausgerechnet die Religion mitverantwortlich werden für millionenfaches menschliches Leid?
Das sind zwar Fragen, die verwickelte geschichtliche Zusammenhänge berühren; jedes dieser grausamen Geschehnisse hängt mit einem eigenen Geflecht sozialer und politischer Vorgänge zusammen. Aber mir geht es gar nicht um die Klärung dieser geschichtlichen Ereignisse. Mich interessiert einzig und allein, warum die großen Machtspieler und die kleinen Zündler die Religion derart für ihre Zwecke benutzen konnten. Wie konnten sie die Massen hinter sich bringen? (Denn auch die kleinen Leute waren dabei bei den Hexenverfolgungen und den Judenpogromen!)
Wieso waren die Menschen so beeinflussbar? Warum ließen sie sich zu Gräueltaten verführen, die doch gegen die erklärten Ideale ihrer Religion verstießen – und konnten dabei noch glauben, gerade für diese Religion zu kämpfen? Was ging in diesen Leuten vor?

Schuldgefühl und Selbstunterwerfung
Das kann man nicht verstehen, auch nicht ansatzweise, ohne sich mit der verworrenen Psyche des Menschen auseinanderzusetzen, die ein Erbe der Evolution ist – in mancher Hinsicht ein schreckliches Erbe. Die Impulse, Triebkräfte und Bewegungen in unserem Inneren, in der Psychologie manchmal „Mechanismen“ genannt, können uns einiges von dem erklären, was die Christen zu Tätern gemacht hat.
Als der Mensch sich seiner selbst bewusst wurde und die ersten religiösen Gefühle entwickelte, kam - wie die Bibel es beschreibt - die Erkenntnis von Gut und Böse in die Welt. Die Menschen entwickelten ein Gewissen, das darüber wachte, dass das Gute im eigenen Handeln (und Denken) die Oberhand behielt.
Wenn dies nicht gelang, entstanden (und entstehen auch heute noch) Schuldgefühle. Jedes Kind lernt dieses Gefühl der Schuld, das „schlechte Gewissen“ kennen. Das gehört unausweichlich zum Heranwachsen, und es begleitet uns ein Leben lang.
Wir können uns vorstellen, dass in der Zeit des Umbruchs vom instinktgesteuerten Verhalten zu den Forderungen des Gewissens – die von den frühen Menschen als Forderungen der Götter verstanden wurden – Schuldgefühle häufiger und stärker auftauchten als bei uns heute. Immer wieder werden – insbesondere aggressive und sexuelle - Antriebe der gar nicht so vergangenen Vergangenheit durchgebrochen sein und Schuldgefühle ausgelöst haben. Die Schuld fühlte man gegenüber den Göttern und fürchtete deren Strafe.
Die frühen Menschen unterwarfen sich rückhaltlos den Göttern, weil sie diesen die Macht über ihr Leben zuschrieben. Dieser Hang zur Selbstunterwerfung dem Mächtigen gegenüber gehört zur psychischen Ausstattung des Menschen. In einem ganz anderen Zusammenhang ist dieses Verhalten als Stockholm-Syndrom bekannt geworden: Geiseln unterwerfen sich emotional den Geiselnehmern, sie entwickeln Sympathien für diese, verlieben sich gar in sie und sind den Gewalttätern überschwänglich dankbar für kleine Gesten, obwohl doch – oder gerade weil – diese unmittelbar ihr Leben bedrohen.
Auch die frühen Menschen suchten sich bei den Göttern einzuschmeicheln. Zeichen ihres Schuldgefühls und ihrer Unterwerfung waren die Opfer, die sie ihnen darbrachten – eine weltweite Praxis bei unseren Vorfahren. Wie elementar der Drang war, die Götter gnädig zu stimmen, erkennen wir noch an der biblischen Geschichte von Abraham, der bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern. Eine aberwitzige Übertreibung ist diese Geschichte nicht. In manchen frühen Kulturen wurden genauso, wie Abraham es schließlich nicht tat, erstgeborene Söhne geopfert.
Diese grenzenlose Selbstunterwerfung gegenüber Mächten, die real gar nicht vorhanden waren, die es nur in der Vorstellung gab! Wie ungeheuer stark müssen die psychischen Kräfte gewesen sein, welche die Menschen zu solchem Verhalten trieben!

Vom Schuldgefühl zur Erbsünde
Die späteren Religionen nahmen diese inneren Zwänge der frühen Kulte in ihre Lehre auf. Für sie blieben die Menschen schuldig, solange sie sich nicht dem jeweiligen Glauben unterwarfen. Dem Christentum blieb es vorbehalten, das Schuldgefühl der Menschen in großem Stil auszubeuten, indem es die Erbsünde erfand, die es in anderen großen Religionen nicht gibt. Allen Christen wurde und wird klargemacht, dass sie bereits schuldig auf die Welt kommen. Und dass sie sich selbst von dieser Schuld auch nicht befreien können. Nur durch den Glauben können sie Erlösung von ihrer Schuld finden.
Die angeborene Schuld wurde zu einer tragenden Säule der christlichen Lehre. Das konnte nur geschehen, weil eben alle Menschen den Widerspruch zwischen ihren Antrieben und den Forderungen der Moral ständig in ihrem Inneren spürten. Freud hat uns erklärt, dass das Schuldgefühl durch die Triebunterdrückung entsteht, die ja von allen gefordert wurde. Man kann die Aggressionen, die durch die Forderungen nach Triebabwehr ausgelöst werden, nicht gegen die Verursacher, gegen die Götter oder die Gesellschaft richten. So wendet man die Aggression gegen sich selbst – als Schuldgefühl. Und da wir von der Evolution mit einem besonders starken Aggressionstrieb ausgestattet wurden, war auch das Schuldgefühl entsprechend stark.
Dass die Lehre von der Erbsünde an einem wunden Punkt ansetzte, kann man auch daran ablesen, wie bereitwillig die mittelalterlichen Menschen sich allen erdenklichen Bußübungen unterwarfen. Sie geißelten sich, sie rutschten meilenweit auf den Knien, sie fasteten wochenlang, sie trugen schwere Kreuze, bis sie zusammenbrachen. Sie gaben auch viel Geld aus, um Ablassbriefe zu kaufen.
Die Kirche machte sich gleichsam zum Verwalter des in allen Menschen vorhandenen Schuldgefühls. Nur sie konnte die Schuld von den Menschen nehmen, nur sie konnte Absolution erteilen. Sie erklärte auch sündige Gedanken bereits zu einer Schuld und forderte eine regelmäßige Beichte. Damit hielt sie das Schuldgefühl am Köcheln.
Da die Kirche Macht über Leben und Tod hatte – die Scheiterhaufen waren ein lodernder Beweis -, löste sie auch den Mechanismus der Selbstunterwerfung aus. Die Menschen unterwarfen sich jetzt nicht mehr den Göttern, auch nicht Gott, sondern der Kirche.

Religion und Ich-Schwäche
Was haben nun diese Zusammenhänge mit den Gräueltaten zu tun, die im Namen der Religion begangen wurden?
Sie haben sehr viel damit zu tun. Sie sind die Grundlage der Verführung zur Gewalt. Wer sich schuldig fühlt, wer sich für schlecht und wertlos hält, der ist nicht mit sich im reinen, der ruht nicht in sich selbst. Er ist labil und beeinflussbar. Psychologen würden von Ich-Schwäche sprechen. Wer sich einer Macht ausgeliefert sieht, die über ihn verfügen kann, fühlt sich hilflos und möchte sich mit dieser Macht versöhnen. Auch dies eine Bewegung in Richtung Ich-Schwäche.
Der Befund ist erschreckend: Die Religion machte ihre Gläubigen zu ich-schwachen Menschen! Solche Menschen können zu vielem verführt werden. Und so geschah es dann auch.
Solche ich-schwachen Menschen können zu vielem verführt werden, wenn sie dadurch ihr Ich – vielleicht auch nur scheinbar - erhöhen können. Verständlicherweise folgten die Gläubigen den Aufrufen zur Gewalt besonders willig, wenn die Kirche, die Verwalterin ihrer Schuld, ihnen versprach, sie von ihrer Schuld zu befreien. Das war genau das, was die Kirche tat.
So versprach beispielsweise Papst Urban II., als er zum 1. Kreuzzug aufrief, den Kreuzzüglern einen generellen Sündenablaß und „nie verwelkenden Ruhm im Himmelreich“. Dass dies uns Heutigen sehr bekannt vorkommt, ist gewiss kein Zufall. Rund tausend Jahre später hören wir ähnliche Klänge, diesmal aus einer anderen Weltreligion.
Freilich, ohne das Übermaß an Aggressionsbereitschaft, mit dem wir geschlagen sind, hätte der Appell an das Schuldgefühl wohl kaum so machtvoll gewirkt. Gerade der Aggressionstrieb war durch die Kultur unter den Deckel gedrängt worden. Ihm wurde nun ein Ventil geöffnet.
Dass insbesondere ich-schwache Menschen zu erhöhter Aggressivität neigen, rundet dieses perfide Spiel mit der Psyche der Gläubigen zu einem fast perfekten Komplott ab.

Was es heißt, von Ungläubigen zu sprechen
Trotzdem ist dies noch nicht die ganze Geschichte. Die meisten der Gräueltaten waren ja gegen Menschen gerichtet, welche die Kirche als Ungläubige bezeichnete. Damit kommen zusätzliche psychische Mechanismen ins Spiel.
Die Ungläubigen sind zunächst einmal die anderen, die außerhalb der eigenen Gruppe stehen. Zehntausende von Jahren haben die Menschen gelernt, dass sie nach innen zusammenhalten und nach außen jederzeit abwehrbereit sein müssen. Als Folge ist die Aggressionsschwelle gegen Außenstehende sehr viel niedriger. Trauriger Beweis dafür ist der heutige Fremdenhass in Europa. Auch das beliebte machtpolitische Manöver, bei Problemen im Inneren einen äußeren Feind aufzubauen, zeigt, wie ungebrochen wirksam dieser Mechanismus ist.
Im Falle der Ungläubigen des Mittelalters kommt nun noch etwas hinzu: Die Gläubigen werfen ihnen unbewusst vor, dass sie sich nicht den strengen Geboten der Religion unterwerfen müssen. Sie selbst fühlen den Druck dieser Gebote, trauen sich aber nicht, dagegen aufzutreten. Stattdessen hauen sie auf die Ungläubigen ein – so wie jemand, der vom Vorgesetzten abgekanzelt wird, dazu neigt, seine Untergebenen zu malträtieren. Projektion nennen das die Psychoanalytiker.
Indem die christliche Kirche – so wie entsprechend die meisten anderen Religionen – Nichtchristen als Ungläubige bezeichnet, verstärkt sie dieses Gefühl: Obwohl diese Menschen ja meist auch einen Glauben haben, werden sie so dargestellt, als seien sie nicht bereit, sich einem Glauben und dessen Geboten zu unterwerfen.
Und genauso handelte auch der Papst. Beispielsweise stellte er den heidnischen Pruzzen ein Ultimatum, bis zu welchem Tag sie sich taufen lassen, eigentlich „zu Kreuze kriechen“ sollten. Soweit sie dies nicht taten, konnten die Ritter des Deutschen Ordens das Gefühl haben, dass sie diese Ungläubigen, die so uneinsichtig Widerstand gegen den rechten Glauben leisteten, rechtmäßig bestraften, als sie die Schwerter gegen diese erhoben. Nach dem gleichen Schema liefen später auch die brutalen Raubzüge und Mordbrennereien der Konquistadoren ab, die immer Geistliche mit sich führten, um das Ganze als christliche Mission empfinden zu können.
Eine Religion, die andere Bekenntnisse neben sich anerkennt, wie es weitgehend für den Buddhismus gilt, hätte kein Alibi für solche inhumanen Gewalttaten geboten. Die Christen jener Zeit aber konnten durch das Verhalten der Kirche sogar glauben, mit der Vernichtung von Ungläubigen fromme Werke zu tun. „Deus lo vult“ (Gott will es) lautete der Schlachtruf der Kreuzzügler. (Ein makabrer Nachhall hiervon war das „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern deutscher Soldaten, selbst noch der Wehrmacht.)
Als der 1. Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems von Frankreich aus loszog, stürzten sich die Kreuzzügler, weil Jerusalem so weit weg war, erst einmal auf die Juden von Mainz, Köln und Worms und massakrierten diese. Sie waren als Ungläubige (auch als „Christus-Mörder“) sozusagen grundsätzlich freigegeben – Freiwild eben.
Das machte sie dann auch Jahrhunderte hindurch zu „idealen“ Opfern, wenn irgendeine Meute einen Sündenbock für eigene Schwierigkeiten suchte – auch dies ein klassischer psychischer Mechanismus. Als beispielsweise die große Pest die Menschen erschreckte und ängstigte, dauerte es nicht lange und die Juden waren als Schuldige ausgemacht. Überall in Europa wurden die Juden niedergemetzelt, so dass kaum welche übrigblieben. Auch bei den sogenannten Hexen spielte sehr oft der Sündenbock-Mechanismus mit.

Schluss
Die Religionen, vor allem das Christentum, wurden nicht zufällig in die monströsen Verbrechen verwickelt. Manche der Gräueltaten, z.B. Kreuzzüge und Inquisition gingen direkt von der Kirche aus, die hier die Klaviatur von Erbsünde, Schuldgefühl und Sünden-Ablass virtuos bediente. Aber auch in Fällen, in denen die religiösen Motive nur zur Verschleierung machtpolitischer Interessen benutzt wurden, trägt die Religion Mitschuld.
Die jeweiligen Verführer, die ja aus Machtstreben, also auch aus Aggression handelten, zapften durch die religiöse Begründung zusätzliche Aggressionspotentiale an. Denn die religiöse Lehre hatte die Bereitschaft der Menschen zu Grausamkeiten gegenüber Ungläubigen erhöht, indem sie die unseligen psychischen Mechanismen ausgebeutet und verstärkt hatte. Ohne diesen Hintergrund wären wohl viele der Untaten nicht geschehen.
Ohne die Mitverantwortung der Religion entschuldigen zu wollen, zeigt sich aber auch, dass die psychische Grundausstattung des Menschen es ihm eher schwer macht, ein humanes Leben zu führen. Schließlich gab es in der Geschichte auch genug Gräueltaten ohne jegliche religiöse Begründung. Die Genozide in Kambodscha und Uganda, die nichts mit Religion zu tun hatten, sind noch nicht so lange her.
Mit dem Menschen kam keineswegs eine umfassende Humanität auf die Welt. Die Evolution hat zwar die Voraussetzungen für Intelligenz und Bewusstwerdung geschaffen – und damit auch für Humanität. Es war aber nicht ihre Absicht – weil nämlich die Evolution überhaupt keine Absichten hat -, mit dem Menschen ein neues Lebensprinzip auf die Erde zu bringen, sozusagen Humanität gegen das Gesetz des Dschungels.
Es gibt keine humane Ordnung in unserem Gehirn, eher ein Durcheinander von alten und neueren Gefühlen und Antrieben. Belastet mit dem Erbe unserer instinktgesteuerten Vorfahren, aber in die Selbstverantwortung entlassen, müssen wir uns mit unseren widersprüchlichen Antrieben herumschlagen. Wir sind nicht die, die wir sein wollen. Aber vielleicht können wir darum kämpfen, wenn wir dem ins Auge sehen, wer wir wirklich sind.


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