Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5651
Themen:   97801
Momentan online:
141 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Unsere Hoffnung:'Leute aus Dreckslochstaaten'
Eingestellt am 22. 01. 2019 17:31


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Herbert Schmelz
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2009

Werke: 92
Kommentare: 104
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Herbert Schmelz eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Unsere Hoffnung:'Leute aus Dreckslochstaaten'

Unsere Hoffnung: ‚Leute aus Dreckslochstaaten‘ (PrĂ€sident der USA)

Das Innenleben eines Protokolls wird leicht ĂŒbersehen. Wahrnehmbar ist es, wenn vitale Theorie politisch- historische Wirklichkeit mikroskopiert. Hannah Arendt (1906-1975)hat hier einiges zu bieten. Das ihr angeheftete Stereotyp einer ‚freischwebenden Intellektuellen‘ ist in Bezug auf ihre Arbeiten zu Revolutionen, zu Herrschaft und Freiheit ohne Belang. In allgemeiner Erinnerung bleiben ihre Theorie totalitĂ€rer Herrschaft und ihr Bericht vom Eichmann Prozess, in dem sie von der ‚BanalitĂ€t des Bösen‘ spricht.

Aus Deutschland stammend, als US-Amerikanerin in New-York lebend, hĂ€lt sie 1967 einen Vortrag in Chicago, dessen Thema ihr als „beschĂ€mend aktuell“ erscheint.* Die Tage des expansiven, imperialistischen Kolonialismus sind schon gezĂ€hlt. Revolutionen der Vergangenheit bilden das Hintergrundmaterial einer politischen Wende. Und diese wird nur begreiflich, wenn wir sie im Gefolge der bis dahin unbekannten Gewaltexzesse des 2. Weltkriegs und der Erfindung ungeheurer Zerstörungspotentiale betrachten.

AlltĂ€gliche Nachrichten zu StaatsgrĂŒndungen in Afrika und Asien trĂŒben den Blick auf die sich erhebenden ‚Kolonialvölker‘ mehr als dass sie behilflich wĂ€ren, die neuen politischen Bewegungen wirklich zu begreifen. Der Revolutionsbegriff verschwimmt in interessierter Propaganda. Schicksal sicher, das auch den zunehmend deutlicher erkennbaren multikulturell fundierten Nationalstaat ereilt, wie wir es beschĂ€mend erfahren.

Arendt war autobiographisch darauf vorbereitet, nach der Wahrheit in den Tatsachen zu forschen. Sie wollte besser verstehen, wie politischer Handlungsantrieb im Kontakt mit den Ideen von Befreiung und Freiheit der Revolution eine bestimmte Gestalt verleihen kann. Darin drĂŒcken sich die geschichtlichen Bewegungen aus und deren oft unverstĂ€ndliche Wendungen und Wirkungen werden erst spĂ€ter begriffen.

Sie verwertet ĂŒberlieferte Theorien imperialistischer Herrschaftsformationen, die durch die Bank entwickelten bĂŒrgerlichen Gesellschaften selbstzerstörerische, innere WidersprĂŒche attestieren, sodass, wie Dichter schon schrieben, die gute Absicht stets in der schlechten Wirkung sich vergegenstĂ€ndlicht. Offensichtlich wird das in Tendenzen erkennbar, die wir uns angewöhnt haben als WillkĂŒr- und Gewaltherrschaft, als Verfall herrschender Moral zu verstehen.

Vorausgegangen war aber, dass die moderne Gesellschaft, die ökonomisch auf der Einheit von industrieller Produktion, Tausch und Konsumtion im Sinne einer umfassenden Kapitalverwertung beruht, bĂŒrgerliche Freiheiten und Menschenrechte exportiert. Sie kann dies nicht tun, ohne zugleich die ‚Ideen‘ von Revolution und Nationalstaat „bis in den letzten Winkel der Welt“ zu verbreiten. Die geliehenen Ideen Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit der französischen Revolution, noch kantisch verstanden, werden nach Recherchen Arendts von den politischen AnfĂŒhrern aus alten historischen Kontexten erarbeitet und auf öffentlichen Versammlungen gewissermaßen unter die Leute verstreut. Doch entgegen der gĂ€ngigen Annahme, Revolutionen wĂŒrden von rebellisch gestimmten FĂŒhrern ‚gemacht‘, denen die verachtete ‚Masse‘ gedankenlos folgt, sieht die Sache entscheidend anders aus.

Bis ins frĂŒhe 20. Jahrhundert hinein zeigt uns die Erfahrung, dass nicht einfach ‚bĂŒrgerliche‘ oder ‚antibĂŒrgerliche‘ Akteure als ‚AnfĂŒhrer‘ auf den Plan treten. Umgekehrt, die tatsĂ€chlichen Revolutionen „rekrutieren“ ihr fĂŒhrendes Personal aus den „gebildeten Schichten“ der Gesellschaft oft genug „wider Willen“ der Betroffenen. Revolutionen gehen, entgegen klischeehafter Unterstellungen, was ihre Ursachen und Entwicklungsformen betrifft, aus Reformen oder restaurativer Politik hervor, tragen somit entsprechende, charakteristische Merkmale mit sich herum.Daher erinnert ihre tiefer gehende Beobachtung an den fetischistischen Charakter, der der Warenproduktion unter der Vorherrschaft des Kapitals anklebt.

Daher bleiben schon oft gestellte Fragen relevant, unabhĂ€ngig von aktuellen Möglichkeiten revolutionĂ€rer VerĂ€nderungen und deren Auswirkungen auf das Leben der Menschen, warum und in welcher Weise politisch Ambitionierte den Makel unvermeidbarer Gewalt beim Zusammenstoß der politischen Bewegungen auf sich nehmen? Und was wollen jene periodisch auftretenden Alternativforderungen wirklich, die bloß eine Neuauflage historisch definierter ZustĂ€nde als Ziel ihrer politischen Bestrebungen angeben und stets ihre friedlichen, demokratischen Absichten beteuern? Leben wir in einer Zeit, da der politische Stellenwert von 'friedlichen Revolutionen' global sich bereits herauskristallisiert hat?

Mit der kontinuierlichen Herausbildung der ‚Mediengesellschaft‘ bedient Politik sich praktisch spezifischer Methoden der Beeinflussung der Öffentlichkeit. Arendt kennt als aktive Beobachterin ministerielle Propaganda, die, ideologisch aufgeheizt, eine absurde Ahnungslosigkeit gegenĂŒber den wirklichen VerhĂ€ltnissen voraussetzt und seltener sogar selbst eingesteht. Es handelt sich ĂŒberwiegend um zynische, nihilistische Varianten im globalen Politikbetrieb, die in der heutigen Zeit ihren Auftrieb genießen und nach dem Zerfall des Völkerbundes bewusst auch den zerbrechlichen Zusammenhang der UNO dem Spaltpilz zum Fraß freigeben, um Himmel und Hölle vergangener Geschichtsperioden zu retten.

Von der Ausstrahlung des Textes zu seiner vorliegenden Form: Die Ignoranz der US-Regierung nach dem 2. WK gegenĂŒber nachkolonialen BĂŒrgerkriegen ist offensichtlich, z.B. in Vietnam. Arendt sagt deshalb, dass sich Interventionen, „selbst wenn sie erfolgreich waren, oft als bemerkenswert wirkungslos erwiesen, wenn es darum ging, wieder fĂŒr StabilitĂ€t zu sorgen und das Machtvakuum zu fĂŒllen. Selbst ein Sieg, so scheint es, ist nicht in der Lage, StabilitĂ€t an die Stelle von Chaos, IntegritĂ€t an die Stelle von Korruption, AutoritĂ€t und Vertrauen in die Regierung an die Stelle von Verfall und Auflösung zu setzen.“(S.9)

VordergrĂŒndig wirkt diese Bewertung ĂŒber 50 Jahre spĂ€ter wie eine Beschreibung der Versuche der Trump Administration, unter internem Rumoren die Initiative des Handelns wieder in die VerfĂŒgungsmacht der USA zurĂŒckzufĂŒhren. Nolens volens ĂŒberlassen sie ihren Konkurrenten, auch ‚befreundeten‘, das Agieren voller Risiken. Es handelt sich also um unfairen Deal, TauschgeschĂ€ft mit Hintergedanken, welches den USA, vielleicht dem Trump-‚Imperium‘ mit seinen Geheimnis umwitterten Schulden, Steuerschulden und verdeckten Beziehungen zur Russischen Föderation kurzfristige Vorteile bringen soll. Strategisch kann es im Widerspruch zur eigenen Absicht gravierende Nachteile fĂŒr die USA geben. Kurzum: Was daraus tatsĂ€chlich wird, mĂŒsste auf Basis der Konzeption von Hannah Arendt in geeigneter Form prognostiziert werden können, Risiko der Fehlprognose eingeschlossen.

Ihre theoretische Anstrengung konzentriert sie auf die materielle Entfaltung der Freiheit im Prozess der Selbstverwirklichung der Menschheit. Dabei stellen sich u.a. eine Reihe von Problemen: Welche Rolle spielen in diesem Prozess Revolutionen? Worin bestehen deren Ursachen, wenn Verschwörung eine zu kurz greifende ErklÀrung ist, obwohl es jede Menge davon gibt? Wie steht es mit spezifischen Wendungen und Wirkungen revolutionÀrer Ereignisse? Lassen sich Entwicklungen diagnostizieren, die Chancen 'friedlicher Revolutionen' erhöhen?

Wenn ich in drei Punkten ihre Position zusammenfasse, ist immer vorausgesetzt, dass in der Wirklichkeit die Aktion der Befreiung einem Zustand grĂ¶ĂŸerer oder geringerer Freiheit im Leben der jeweiligen Gesellschaft logisch vorgelagert ist. Und vor allem, dass es thematisch trotz oder wegen aller Zuspitzungen nicht zuletzt um das GlĂŒcksstreben der Menschen geht, das im Verlauf der Geschichte selbst Höhen und Tiefen erlebt, womit die Erscheinungen kraftvoller, optimistischer Weltsicht wie auch EnttĂ€uschungen im engeren Sinne keine bloßen natĂŒrlichen GemĂŒtsregungen wĂ€ren.

1. Legt sie den Fokus auf die Motivation der Akteure der ersten bĂŒrgerlich-antifeudalen-antikolonialen Revolutionen (Frankreich, Nordamerika) und interpretiert in einer ihr eigentĂŒmlichen Weise grundsĂ€tzlich den Geschichtsprozess: „Ohne das klassische Vorbild dafĂŒr, was Politik sein und was die Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten fĂŒr das GlĂŒck der Menschen bedeuten konnte, hĂ€tte keiner der MĂ€nner der Revolutionen den Mut zu dem gehabt, was als beispielloses Vorgehen erschien. Historisch betrachtet war es so, als sei der Wiederbelebung der Antike in der Renaissance eine neue Lebensfrist gewĂ€hrt worden, als habe die Begeisterung fĂŒr die Republik in den kurzlebigen italienischen Stadtstaaten, die durch das Aufkommen des Nationalstaats zum Scheitern verurteilt waren, sich sozusagen nur totgestellt, um den Nationen Europas Zeit zu geben, unter der Vormundschaft absoluter FĂŒrsten und aufgeklĂ€rter Despoten zur MĂŒndigkeit heranzureifen“.(23/24)

Als Arendt diesen Text fĂŒr ihren Chicagoer Vortrag konzipierte, wobei in der deutschen Ausgabe Anlass und Thema nicht klar recherchiert sind, kommunizierten kritische Analysen der parlamentarischen Demokratien eine ‚Tendenz zur Refeudalisierung‘. Es mag hier dahingestellt bleiben, inwieweit eine solche Entwicklung in den gegenwĂ€rtigen VerhĂ€ltnissen empirisch ĂŒberzeugend sich bestĂ€tigen und illustrieren lĂ€sst - feudalisierte Demokratie auf Basis demokratisierten Feudalismus. Dass jedoch die politische Diskussion heute um spezifisch deutsche und im gleichen Atemzug um europĂ€ische, ja weltweite Konflikte gefĂŒhrt wird, berĂŒhrt uns tĂ€glich als harte, unabweisbare Tatsache und zwingt zur Aktualisierung von alt bekannten Begriffen wie z.B. WĂŒrde des Menschen, Elend 
. Die mit archĂ€ologischer Akribie erarbeiteten Reflexionen Arendts regen jedenfalls an, ĂŒber den Status unserer Freiheiten ernsthaft nachzudenken.

Im Fernblick zurĂŒck hĂ€lt sie fest, dass, als in Frankreich die Republik bereits deklariert worden war, „die Menschen, die sich in Paris versammelten, um la nation und weniger le peuple zu reprĂ€sentieren, und denen es -
- in erster Linie um die Regierung, die Reform der Monarchie und spĂ€ter um die GrĂŒndung einer Republik gegangen war, sahen sich plötzlich mit noch einer Befreiungsaufgabe konfrontiert, nĂ€mlich das Volk insgesamt aus dem Elend zu befreien; die Menschen zu befreien, damit sie frei sein konnten“.(32) Arendt weiß, dass im Vergleich der amerikanischen und europĂ€ischen Situation der Zustand des Elends unter den unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen unterschiedlich funktioniert und damit der volle Erfolg der amerikanischen und das „krachende Scheitern der französischen Revolution“ zu erklĂ€ren war, was Marx Ă€hnlich gesehen hatte.

2. Ein „neuer Freiheitsbegriff“, in dem der ‚alte‘ von der „öffentlichen Freiheit“, dem Recht auf Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten enthalten ist, real aber immer nur das Privileg weniger war, drĂ€ngt nun auf beiden Seiten des Atlantiks ans Tageslicht. Aber er enthĂ€lt auch gravierend ‚neue‘ Zukunftsbedeutungen, die im breiten Spektrum der französischen Revolution schon angelegt waren, wĂ€hrend die amerikanische Revolution lange Zeit „eine lokale Angelegenheit“ mit wenig Anlass zu weiter reichender Reflexion bleibt. Im Übergang zur Herausbildung der ‚Industriestaaten‘ steht eine sukzessive Ausweitung des allgemeinen Wahlrechts als Ausweitung von Freiheit und Demokratie schon lĂ€nger auf der Tagesordnung. Doch bezĂŒglich der Wahlen als einem öffentlichem Akt politischer Beteiligung kommt es periodisch und regelmĂ€ĂŸig zu antidemokratischen Irritationen, Manipulationen u.Ă€. Verschleierungen und Repressionen, die das 'Wahlvolk' von seinen Angelegenheiten ablenken.

Unter KrĂ€mpfen drehen sich nun alle Fragen der VerĂ€nderung um neuartige Konflikte, deren Kern die Befreiung breitester Schichten des ‚Volkes‘ aus Armut und Elend ist. Da Kleidung, Nahrung, Reproduktion der Gattung zuerst auf der Tagesordnung stehen, unterscheidet etwa die Partei der Sansculotten „bewusst zwischen ihren eigenen Rechten und der wolkigen, fĂŒr sie bedeutungslosen Sprache der Allgemeinen ErklĂ€rung der Menschen- und BĂŒrgerrechte“. (36)Welche verheerenden Wirkungen bis in unsere Tage diese FehleinschĂ€tzung der Allgemeinen ErklĂ€rung der Menschen- und BĂŒrgerrechte entfaltet, beweisen die eindeutigen politischen Ursachen planmĂ€ĂŸig durchgefĂŒhrter Menschheitsverbrechen nicht nur in der Geschichte, sondern auch im jeweils verharmlosenden, manipulativen Umgang mit ihnen.

Wie ĂŒberhaupt, mutet Hannah Arendt ihren Zuhörern und Lesern ein hohes Maß an eigener VerstĂ€ndnisbereitschaft zu. Wenn sie beispielsweise Formulierungen des französischen RevolutionĂ€rs Saint-Just, der sich noch autoritĂ€r mit seiner republikanischen Gesinnung auseinandersetzt, und des englischen Königs Karls I., die fast 150 Jahre auseinanderliegen, wegen ihrer Haltung zur Beteiligung des Volkes am RegierungsgeschĂ€ft nebeneinander auffĂŒhrt: „Wenn man eine Republik grĂŒnden will, muss man zunĂ€chst das Volk aus seiner elenden Lage befreien, die es verdirbt. Ohne Stolz gibt es keine politischen Tugenden, und wer unglĂŒcklich ist, kann keinen Stolz haben. 
 Die Freiheit des Volkes liegt in seinem privaten Leben; niemand soll es stören. Möge der Staat nur die Gewalt sein, welche diesen Zustand der Einfalt gegen die Gewalt selbst beschĂŒtzt“(36/37) Und Karl I. „auf dem Schafott“ (1649): „Die Freiheit des Volkes besteht darin, dass es von Gesetzen regiert wird, die ihm Leben und Eigentum garantieren; sie besteht nicht in der Teilnahme an der Regierung, das geht sie nichts an“.(37) An dem Problem wird heute noch krĂ€ftig gerĂŒttelt.

3.Am Vorabend der schon nicht mehr eindeutig als bĂŒrgerlich zu bezeichnenden Revolutionen Anfang des 20. Jahrhunderts, wo die Gesellschaften des europĂ€ischen Kontinents eine Mischung aus Elementen feudaler, kapitalistischer und bĂŒrgerlich-sozialistischer Herrschaftsstrukturen herausgebildet hatten, ist das Risiko des geschichtlichen RĂŒckfalls und die Schwierigkeit einer Verankerung der Freiheit auf breiterer Basis besonders groß. Erinnern wir uns heute u.a. der ‚EinfĂŒhrung des Frauenwahlrechts‘ vor hundert Jahren, so erlauben wir aktuell mit absurder Ignoranz den Spielern mit unseren nationalen Interessen ernsthaft zu propagieren, dass der patriarchalische Zustand ‚eines ErnĂ€hrers der Familie‘ wieder hergestellt werden mĂŒsse. Das geht nur mit Terror.

Angesichts komplexer werdender Gesellschaften schlĂ€gt die Stunde gefĂ€hrlicher Vereinfacher, denen politische Macht nicht Mittel zum Erreichen menschenwĂŒrdiger GesellschaftsverhĂ€ltnisse bedeutet, sondern stĂ€ndig bedrohtes, zu festigendes Ziel totalitĂ€rer Herrschaft in einer Welt permanenter Feindschaften. Verallgemeinerung von Terror und Furcht gilt im Extremfall als natĂŒrliche Methode und Begleiterscheinung des ‚Personenkultes‘, den die Menschheit inzwischen zur GenĂŒge erlebt hat.

Dass Hannah Arendt tieferen Einblick nimmt, zeigt sie mit einer Deutung der sowjetischen Verfassung vom SpĂ€tsommer 1918, des Mordversuchs an Lenin, der in der Situation des BĂŒrgerkriegs und auslĂ€ndischer Interventionen eine „erste Terrorwelle“ auslöste, indem sie den damals noch unbekannten, privaten Brief Rosa Luxemburgs aus dem deutschen GefĂ€ngnis zur Illustration ihrer streitbaren Thesen des Geschichtsprozesses zitiert: “Mit dem ErdrĂŒcken des politischen Lebens im ganzen Lande muß auch das Leben in den Sowjets immer mehr erlahmen. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird das Scheinleben in der BĂŒrokratie allein das tĂ€tige Element. Das öffentliche Leben schlĂ€ft allmĂ€hlich ein, einige Dutzend ParteifĂŒhrer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit aufgeboten, um den Reden der FĂŒhrer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft –nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker“.(39) Und Arendt sitzt mit Luxemburg zwischen allen StĂŒhlen, wenn sie feststellt: „Dass es genau darauf hinauslief –abgesehen von Stalins totalitĂ€rer Herrschaft, fĂŒr die man Lenin oder die Revolutionstradition schwerlich verantwortlich machen kann-, wird niemand leugnen“.(39)

Ein Schritt zurĂŒck nach Frankreich und Amerika im 18. / 19. Jahrhundert: „Ein Vergleich der ersten beiden Revolutionen, deren AnfĂ€nge so Ă€hnlich und deren Enden so ungeheuer unterschiedlich waren, zeigt, so glaube ich, in aller Deutlichkeit nicht nur, dass die Überwindung der Armut eine Voraussetzung fĂŒr die BegrĂŒndung der Freiheit ist, sondern auch, dass die Befreiung von der Armut etwas anderes ist als die Befreiung von politischer UnterdrĂŒckung. Denn wĂ€hrend Gewalt, die man der Gewalt entgegensetzt, zu Krieg fĂŒhrt, zu zwischenstaatlichem Krieg oder zu BĂŒrgerkrieg, fĂŒhrte ein gewaltsames Vorgehen gegen die sozialen VerhĂ€ltnisse stets zu Terror. Terror statt bloßer Gewalt, Terror, der losbricht, nachdem das alte Regime beseitigt und das neue Regime installiert wurde, weiht Revolutionen dem Untergang oder deformiert sie so entscheidend, dass sie in Tyrannei und Despotismus abgleiten“.(40)

Am Ende spricht sie als Amerikanerin in einem eher zurĂŒckhaltenden Ton und nicht gerade voller Euphorie: „Wir haben wenig Grund zu der Hoffnung, dass solche Menschen (die Verantwortung fĂŒr ihr Tun auf sich nehmen d.Verf.) irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft an praktischer und theoretischer Klugheit an die MĂ€nner der Amerikanischen Revolution heranreichen, die zu den GrĂŒndern dieses Landes wurden. Wir können, so befĂŒrchte ich, allenfalls darauf hoffen, dass die Freiheit in einem politischen Sinn nicht wieder fĂŒr Gott weiß wie viele Jahrhunderte von dieser Erde verschwindet“.(49/50)

Was sie vorher gesagt hatte, geht eher mit ihren politischen Analysen zusammen, die von der Position einer Innenansicht revolutionĂ€re Ereignisse unter die Lupe nehmen, um die Grenzen und Wirkungen von HerrschaftsverhĂ€ltnissen genauer ins Auge zu fassen: „Das ursprĂŒngliche Ziel der Revolution war, Freiheit im Sinne der Abschaffung persönlicher Herrschaft und der Zulassung aller zum öffentlichen Bereich sowie ihrer Beteiligung bei der Verwaltung der Angelegenheiten, die alle betreffen. Herrschaft bezog ihre grĂ¶ĂŸte Legitimation nicht aus Machtstreben, sondern aus dem menschlichen Wunsch, die Menschheit von den Lebensnotwendigkeiten zu emanzipieren; um das zu erreichen, bedurfte es der Gewalt, der Zwangsmittel, damit viele die Last der wenigen trugen, sodass zumindest einige frei sein konnten. Das –und nicht die AnhĂ€ufung von Reichtum- war der Kern der Sklaverei, zumindest in der Antike, und es ist lediglich dem Aufkommen moderner Technik und nicht irgendwelchen politischen Vorstellungen, darunter auch revolutionĂ€ren Ideen, geschuldet, dass sich diese Situation der Menschen zumindest in einigen Teilen der Welt geĂ€ndert hat.
Was Amerika mit viel GlĂŒck gelang, können viele andere Staaten –aber vermutlich nicht alle- heute mithilfe kalkulierten BemĂŒhens und organisierter Entwicklung erreichen. An dieser Tatsache bemisst sich unsere Hoffnung. Sie erlaubt es uns, die Lehren der deformierten Revolutionen zu berĂŒcksichtigen und dennoch weiter an ihrer unabweisbaren GrĂ¶ĂŸe, aber auch an dem ihnen innewohnenden Versprechen festzuhalten“.(40/41)An die These, auf die Hannah Arendt 'unsere Hoffnung' stĂŒtzt, glaubt sicher ein großer Anteil der Menschheit. Nur handelt es sich dabei nicht um eine sichere, feststehende, bequeme Tatsache, sondern um eine mit kritischer Vernunft und großherziger Empathie noch zu erkĂ€mpfende RealitĂ€t.

*Die Textvorlage dieses Chicagoer Vortrags wurde 2018 erstmals in Deutschland als schmales BÀndchen publiziert: DIE FREIHEIT, FREI ZU SEIN (Thomas Meyer erlÀutert den Kontext im Nachwort unter dem Titel: Hannah Arendt oder Die Revolution des Denkens) (S.)ISBN 978-3-7632-70569



__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung