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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Unsere Holzbank
Eingestellt am 24. 02. 2007 09:18


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Mariko
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2004

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Liebe Lupianerinnen und Lupianer,

ich arbeite gerade an folgendem Text. Habt Ihr ein paar Tipps und Verbesserungsvorschl├Ąge f├╝r mich?


Unsere Holzbank

Die Hattinger Altstadt war menschenleer. Gespenstisch erhob sich der schiefe Turm von St. Georg ├╝ber dem dunklen Kirchplatz. Durch das Tor des alten Rathauses huschte eine Gestalt auf den Untermarkt. Der Haldenplatz mit den alten Fachwerkh├Ąusern war nur sp├Ąrlich beleuchtet. Vor dem B├╝geleisenhaus flackerte nerv├Âs eine Stra├čenlaterne. Eine Geisterstadt, verglichen mit dem sonst so lebhaften Treiben hier. Im Eingang des gro├čen Schuhgesch├Ąftes stand ein junges P├Ąrchen Arm in Arm. Als Ben und ich dort vorbeigingen drehte sich die junge Frau zu uns um. ÔÇ×Guck mal, die kommen von einem Kost├╝mballÔÇť, sagte sie kichernd zu ihrem Begleiter. ÔÇ×Wir fallen richtig aufÔÇť, sagte ich zu Ben. ÔÇ×Kein WunderÔÇť, lachte Ben, ÔÇ×wer l├Ąuft schon nachts um halb drei in diesem Aufzug durch die Stadt.ÔÇť

Ich trug ein bodenlanges Kleid, schwarz mit t├╝rkisfarbenen und gelben Bl├╝ten. Dazu eine passende Seidenstola. In den ungewohnt hochhackigen Lackschuhen konnte ich nur kleine Trippelschritte machen. Ben sah in seinem schwarzen Anzug mit dem schneewei├čen Hemd und silbergrauer Fliege auch sehr elegant aus. Wir kamen von der Hochzeitsfeier meiner Schwester, wo wir uns als Trauzeugen getroffen hatten. Seine braunen Locken, die blaugrauen Augen und sein Lachen mit den beiden Gr├╝bchen im Gesicht waren mir vom ersten Augenblick an sympathisch. Die anderen Hochzeitsg├Ąste lachten ├╝ber uns, als wir zu vorger├╝ckter Stunde erkl├Ąrten, dass wir zu Fu├č nach Hause gehen wollten. Klar h├Ątten wir auch ein Taxi nehmen k├Ânnen ÔÇô aber der Weg war nicht weit und die Septembernacht sehr mild. Wir wollten allein sein, ungest├Ârt miteinander reden und uns ein wenig besser kennen lernen.

Auf der Fu├čg├Ąngerbr├╝cke ├╝ber dem Busbahnhof und der Martin-Luther- Stra├če zog Ben mich pl├Âtzlich auf eine der Holzb├Ąnke. Da sa├čen wir nun ├╝ber der breiten Bundesstra├če 51 und sahen in den klaren Sternenhimmel. Ab und zu huschten unter uns zwei Scheinwerfer hindurch. Ben r├╝ckte ganz nah an mich heran und legte seinen Arm um meine Schultern. Ich sp├╝rte seine K├Ârperw├Ąrme. Bei seiner Ber├╝hrung durchfuhr mich eine hei├če Welle vom kleinen Zeh bis in die Haarspitzen. Ich w├╝nschte mir, ewig mit ihm hier zu sitzen, an diesem so wenig romantischen Ort. Wir redeten - ├╝ber uns, ├╝ber Abba und die Beatles - schwiegen eine Weile, sahen in die Sterne, redeten weiter. Ben streichelte mir sanft den Nacken, ├╝ber die Arme und den R├╝cken hinunter. Ich sp├╝rte seinen hei├čen Atem an meinem Hals. In meinem Magen kribbelte es wie nach einer ├ťberdosis Brausepulver und mein Herz h├╝pfte zum Hals und in die Knie. Da waren sie, die viel beschriebenen Schmetterlinge im Bauch. Vorsichtig suchten seine weichen feuchten Lippen meinen trockenen Mund und ich lie├č es geschehen. Wir k├╝ssten uns. Anfangs ganz sch├╝chtern, dann immer heftiger.

Erst als es langsam hell wurde und zwei Busse hintereinander donnernd unter uns durchfuhren, nahmen wir unsere Umgebung wieder wahr. Ben brachte mich nach Hause und wir verabredeten ein Wiedersehen.
Ein Jahr sp├Ąter feierten wir unsere Hochzeit. 24 gl├╝ckliche Jahre lang gingen wir augenzwinkernd beim jedem Einkaufsbummel an unserer Holzbank vorbei, bis eine t├╝ckische Krankheit mir meinen Ben viel zu fr├╝h f├╝r immer nahm. Unsere Holzbank steht heute noch.


__________________
Viele Gr├╝├če, Mariko

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ENachtigall
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Holzbank

Liebe Mariko,

mir gef├Ąllt es ganz gut so: die Einleitung, die Geisterstadtatmosph├Ąre, scheint f├╝r einen Moment in eine ganz andere Richtung zu weisen, da wei├č ich noch nicht, was mich erwartet. Das weckt Neugier.

Das Besondere der Situation: die solide und stabile Holzbank auf der Br├╝cke, zuerst im Kontrast zu den darunter durchfahrenden Wagen, bleibt standhaft im ├ťberdauern sogar der Verg├Ąnglichkeit des Lebens von Ben. Das hast Du unspektakul├Ąr mit viel leiser Liebe r├╝bergebracht. Verbesserungsvorschl├Ąge kann ich Dir nicht bieten. Ich w├╝rde es genau so lassen!

Liebe Gr├╝├če von

Elke

__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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Mariko
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Registriert: Feb 2004

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Liebe Elke,

vielen Dank f├╝r Deine R├╝ckmeldung. Du hast gut erkannt, was ich damit ausdr├╝cken wollte: das Leben ist manchmal verg├Ąnglicher als eine stabile Holzbank und eine eigentlich unromantische Holzbank kann auch f├╝r eine romantische Erinnerung sorgen.
__________________
Viele Gr├╝├če, Mariko

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