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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Unsichtbarer Feind
Eingestellt am 17. 07. 2019 11:09


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Eowyn
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2014

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Sonnenlicht brach sich auf dem taubedeckten Gras, ein Meer aus feinen Wassertropfen, schillernd, leuchtend. Kein Windhauch war zu spĂŒren, die BĂ€ume standen still, die BlĂ€tter mĂŒde und schwer vom Regen der vergangenen Nacht. Die Luft war noch frisch und erfĂŒllt vom Geruch feuchter Erde. Der Himmel war von leichten Schleiern verhangen, die darauf warteten, dass die Sonne sie auflösten und das TĂŒrkisblau dahinter freigaben.
Mira hielt die Leine ihres Hundes fest in der rechten Hand, mit der linken scrollte sie sich durch den Chatverlauf der vergangenen Monate. Sie ließ ihre Beziehung in wenigen Minuten Revue passieren. Worte von Liebe, PlĂ€ne fĂŒr die Zukunft verstrichen, kaum erkennbar in der Hast der Bewegung ihres Daumens. Die Jahre zogen vorĂŒber in einem nahezu unmöglich wahrzunehmenden RĂŒckblick, einem Zeitraffer von Ereignissen.
Erst als ein Ruck durch die Hundeleine ging, wandte sie sich um, suchend, aus den Gedanken gerissen, in einer falschen Zeit und einem noch falscheren Ort. Sie bemerkte Jack, der neben einem Busch stehen geblieben war, die Ohren angelegt, als hÀtte er eine Gefahr gewittert.
Ungeduldig zog Mira an der Leine, doch der RĂŒde bewegte sich nicht. Resignierend und mit einem tiefen Schnaufen lief sie die wenigen Schritte zurĂŒck und blieb neben Jack stehen. Suchend blickte sie sich nach der Ursache um, die fĂŒr Jacks Unruhe verantwortlich war. Doch weder konnte sie einen Hasen im GestrĂŒpp ausmachen, noch ein Reh entdecken, das sich im Schutz der BĂ€ume verbarg. Entweder hatte das Wild lĂ€ngst die Flucht ergriffen oder Jack hatte einzig den Geruch eines fremden Tieres gewittert.
„Komm, Jack!“, befahl sie und wandte sich ab.
Ihr Hund blieb jedoch stur stehen, gab nicht den leisesten Laut von sich und machte auch keine Anstalten sich in Bewegung zu setzen.
Einmal davon abgesehen, dass sie dafĂŒr heute nicht die Zeit hatte, musste sie doch spĂ€ter noch zur Arbeit gehen, fehlte ihr heute auch die Geduld fĂŒr seine störrischen Spielchen.
„Jack, bei Fuß!“, sprach sie energisch, dieses Mal lauter.
Ihr Hund tat, als hörte er sie nicht. Er war schon immer schlecht erzogen gewesen. Nicht, dass es an ihr gelegen hÀtte. Stefan hatte Jack ausgebildet und stets darauf bestanden, dass sie sich nicht einmischte. Jetzt allerdings musste sie sich mit dem eigensinnigen Charakter des SchÀferhundes herumschlagen. Um seine Erziehung noch einmal zu intensivieren, war Jack mittlerweile viel zu alt.
Doch sie wollte den Gedanken, Stefan fĂŒr das Schlamassel die Schuld zu geben, nicht zulassen. Es wĂŒrde sie nur wieder an den Rand der TrĂ€nen bringen, die in den vergangenen Wochen schon so schwer zu trocknen gewesen waren.
„Bitte!“, flehte Mira, mittlerweile der Verzweiflung nahe.
Doch Jack hatte einen DickschÀdel, hatte er von Anfang an gehabt und erfolgreich bis jetzt durchgesetzt.
Seufzend ging Mira neben ihm in die Knie, eine Hand auf seinem Fell, vergrub sie das Gesicht in der anderen Armbeuge. Ein paar mĂŒhsame AtemzĂŒge spĂ€ter hob sie den Kopf wieder, blickte auf ihr Handy und die erste Nachricht, die Stefan ihr damals geschickt hatte, darĂŒber das Datum, das mittlerweile vier Jahre zurĂŒcklag. Vier Jahre voller Hochs und Tiefs. Vier Jahre voller GlĂŒck und Verzweiflung, eine Achterbahn der GefĂŒhle. Sie wollte die Jahre nicht missen und doch hatte das Ende, das viel zu schnell gekommen war, ihre Welt zum Einsturz gebracht. Viel zu nahe an den Rand dessen, was sie zu ertragen im Stande war.
Ein letztes Mal richtete sie den Blick auf die Zeilen.

Hallo schöne Frau!
Du bist mir vorhin nicht das erste Mal aufgefallen, doch habe ich heute zum ersten Mal den Mut gefasst, dich anzusprechen und nach deiner Nummer zu fragen. Vielleicht können wir unser abrupt geendetes GesprĂ€ch, weil der Zug deine Haltestelle viel zu frĂŒh erreicht hat, bei einem Kaffee fortfĂŒhren? Ich wĂŒrde mich sehr freuen.
Stefan


Der Anfang eines Traums, der sich in einen Albtraum verwandelt hatte, als sie am wenigsten damit gerechnet hatte.
Sie zögerte, obwohl sie sich so sicher gewesen war, dass sie es heute tun wĂŒrde. Der Schritt, so klein er doch sein mochte, fiel ihr ungeheuer schwer, zu lang hatte sie ihn nun schon aufgeschoben. Und doch kam sie nicht umhin, ihn endlich zu wagen, wollte sie weitergehen und nicht auf ewig in der Vergangenheit gefangen bleiben.
Mit TrĂ€nen in den Augen, die ihre Sicht verschleierten und es ihr fast unmöglich machten, etwas zu erkennen, drĂŒckte sie den entscheidenden Befehl: „Chat-Verlauf löschen.“
Dann schaltete sie das Handy aus und schob es mit zittrigen HĂ€nden in ihre Jackentasche.
Schniefend wischte sie die TrĂ€nen mit dem HandrĂŒcken fort, die feuchte Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen hatten.
Diese letzte Handlung, die sie seit Monaten vor sich hergeschoben hatte, war nötig gewesen. Trotzdem fĂŒhlte es sich an, als wĂ€re ein Loch in ihrem Herzen entstanden. Er wĂŒrde ihr nie wieder schreiben, sein Name nie wieder in der Liste ihrer Nachrichten auftauchen.
Als sie sich halbwegs gefangen hatte, hob sie den Blick und schaute erst zu Jack, der noch immer mit angelegten Ohren auf den Wald vor ihnen starrte, dann richtete sie ihre Augen selbst nach vorn. Es dauerte eine Weile und sie wollte sich schon erheben, da entdeckte sie es doch: Ein Spinnennetz, das sich zwischen dem Busch und dem ausladenden Stamm einer Eiche spannte. Ein filigranes Gespinst, silbrig weiß, ebenfalls von Tautropfen schimmernd umhĂŒllt, als wĂ€re es aus Glas.
In der Mitte hockte eine Spinne, die langen Beine unter dem fetten Leib eingeklemmt, fast so, als schliefe sie.
Bei dem Anblick versteifte sich ihr ganzer Körper. Langsam, die Augen noch immer auf das Netz gerichtet, zog sie sich zurĂŒck, ihre Hand dabei an Jacks Halsband. Der Hund gab ein klĂ€gliches Jaulen von sich, als sie ihm die Luft abdrĂŒckte, dann endlich machte er einen Satz und der Bann war gebrochen, in den ihn die Spinne gezogen zu haben schien.
„Lass uns nach Hause gehen, Jack!“, brachte sie mĂŒhsam hervor und wandte sich vom Wald ab.
Der Hund trottete neben ihr her, sein Blick wanderte immer wieder zu ihr hinauf, als wĂŒsste er, worum ihre Gedanken kreisten.
Der Anblick des Spinnennetzes hatte sie an die letzten Jahre mit Stefan erinnert. An den Kampf, den sie ausgefochten hatten. Ein Kampf, gegen einen unbezwingbaren Feind. Die Krankheit, die ihn, den FĂ€den einer Spinne gleich, ans Bett gefesselt hatte, zur Unbeweglichkeit verdammt, und ihn von Tag zu Tag schwĂ€cher werden ließ, als sauge jemand die Kraft aus ihm heraus. Bis er zuletzt den Kampf gegen den Krebs verlor und er ihr den geliebtesten Menschen von der Seite riss.

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