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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unten.
Eingestellt am 01. 09. 2003 17:09


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caspAr
???
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Unten.


An dem Kanal der Stadt, in der ich lebe, tummeln sich radelnd eine Menge Schwule, die, meist solo unterwegs, versuchen vom Sattel aus zu flirten, wenn ich, wie heute, auf meinem Bike durch flirrende Hitze fahre, auf dem Weg vom See nach Hause bin, direkt durch den Wald, dem riesigen dunkelgr√ľnen Band der Stadt. Auf meinem MP3-Player habe ich The Cure gespeichert, ihr Deb√ľt von 1979. Ich h√∂re es, sooft ich kann, und eine Mentholzigarettenschachtel, in der die Kippen zur Neige gehen, steckt in meiner Hosentasche. Mein Oberk√∂rper ist nackt, und an den blanken F√ľssen trage ich schwarze Flip Flops mit einem wei√üen Blumenmuster drauf. Vorhin am See, als Gras in der Kuhle meiner linken Hand lag und ich mit Bruno √ľber die Aussichten des m√§nnlichen Geschlechtes in naher Zukunft lamentierte und er mir dabei beil√§ufig gestand, dass er es auch mit mir machen w√ľrde, da es ihm eigentlich nur um die Reibung an seinem Schwanz ginge, als mir bewusst wurde, dass ich heute schon viermal onaniert hatte und ich es mir jetzt schon wieder machen k√∂nnte, da dachte ich auch an dich und an die Zeit mit dir.

Ja, so cool k√∂nnte es sein, doch so ist es nicht, denn letzten Endes denke ich jede Minute an dich. Es w√§re bescheuert, sich selbst etwas vorzumachen. Ich leide und ern√§hre mich in letzter Zeit sehr einseitig. Auff√§llig viel Fisch bestimmt meine Mahlzeiten, aus der Konserve und in √Ėl eingelegt, fresse ich ihn roh aus der Dose, vor dem Fernseher, in dem au√üer Tierreportagen und vorhin einem Bericht √ľber Mammographie und neu erbauten Brustzentren, nur absoluter Schwachsinn l√§uft. Ich f√ľhle mich super und habe alles im Griff, das w√§ren Worte, die ich sagen w√ľrde, falls du anrufst. Doch das wirst du nicht tun, das wei√ü ich, und diese Tatsache ist t√∂dlich. Nur deshalb habe ich mir von Bruno Valiumampullen mitbringen lassen, vier bis f√ľnf Kan√ľlen und einen Gummischlauch, den ich seit gestern in dem Chaos meines Zimmers nicht mehr finden kann. Der G√ľrtel in meinem Hosenbund erf√ľllt den selben Zweck, etwas junkig, das ist mir bewusst, und wei√ües Licht f√§llt durch die Schlitze der Jalousien auf mein Gesicht, als die Nadel in meine Vene dringt, und die Momente beginnen, in denen die Dinge, nichtig erscheinen.

Vieles, was zwischen uns gesagt wurde, waren Worte, die in meinem Kopf eine Kraterlandschaft zur√ľckgelassen haben, und ich kenne die Winkel, jeden kalten harten Fels in mir, alle Schluchten und auch die Seen aus Tr√§nen. Durchlebt und erschaffen, abgespeichert und nicht gewinnbringend verarbeitet, bewege ich mich in Schleifen. In eingefahrenen Bahnen kriechen oder rasen meine Gedanken durch das Hirn, und nichts wirklich Neues bewegt sich auf mich zu. Du bist nicht hier, doch die Lebensm√ľdigkeit, die mich ummantelt, bedeutet nicht gleich Freitod. Sie gleicht einer Narkose, und dieser Eindruck ist bet√§ubend wie einschl√§fernd, aber auch angenehm und vertraut. Bewegungsunf√§hig gleite ich in einem D√§mmerszustand durch die Tage, hinter mir verschwinden in schwarzen Wellen die N√§chte. Trauer umh√ľllt meine latente Bejahung zum Dasein, wenn ich tr√§ume von dir und der Vergangenheit. Ich tr√§ume davon, dass ich dich in der Nacht verfolge und meinen Blick auf den roten Schein der R√ľcklichter des Autos, in dem du sitzt gebannt habe. Du bist kurz vor mir, und der Regen verwischt meine Atemz√ľge in diesem Augenblick. Irgendwann schaffe ich es, dich abzudr√§ngen, und du gleitest lautlos von der Strasse in ein Feld, auf dem √Ąhren, so gro√ü wie T√ľrme taumelnd stehen. Und dann stehe ich vor dir, erregt und scheu, und du √∂ffnest mit den Fingern meinen Mund, f√§hrst √ľber meine Z√§hne und wei√üt, dass ich es bin, auch wenn der Anblick f√ľr dich unertr√§glich scheint. Keine Angst regiert die K√∂rper, denn sie w√§re leichter zu ertragen, als die Sekunden unserer Begegnung, als die Erinnerungen, die Bewegungen des Lebens im R√ľckspiegel.

Ich w√ľrde dir dies gerne alles erz√§hlen, um dann in dem Traumdeutungsbuch neben deinem Bett nach Erkl√§rungen zu forschen, auch wenn ich schon jetzt wei√ü, was die Bilder mir sagen m√∂chten. Mir scheint, nichts Gutes braut sich in meinem Unterbewusstsein zusammen. Es gibt neben dem nicht greifbaren Schmerz, den ich empfinde auch Dinge, die ich benennen kann, Dinge, die ich von dir vermisse, Dinge, die mir fehlen. Ich vermisse deine Begeisterung f√ľr M√§rchenfilme und deine Konzentration, wenn du sie schaust. Ich vermisse die Unerreichbarkeit deiner, wenn wir zusammen geschlafen haben und den Leberfleck auf deiner rechten Schamlippe, die leisen Seufzer aus deinem Mund, wenn dich etwas traurig gemacht hat. Mir fehlen deine Luftschl√∂sser und der Geruch deines Nackens, die Weiche deiner Br√ľste und die Bewegungen deines Beckens, wenn du im Club vor mir getanzt hast. Ich wei√ü, dass sich ab jetzt alles dem Ende neigt, das ist normal, so mit Ende Zwanzig, was soll auch noch gro√ü passieren. Jemanden kennen zu lernen, nach dir, wo beide von Anfang an das selbe Ziel verfolgen, ist unm√∂glich. Jeder bekommt einen Klo√ü im Hals bei Worten wie Liebe und Selbstaufgabe, zu sehr gepr√§gt sind wir. Wir, die nagend in uns hausen. Wir sollten uns irgendwann, nur f√ľr einen kurzen Moment, von dem hohen Ross hinunterbegeben, auf dem wir vegetieren, auf den Boden der Tatsachen oder sonst wohin, denn die Bereitschaft zweier Menschen, die Blumen und Gedichte, die wir schreiben, sind sch√∂ne und ehrliche Bilder unserer Spezies. Aber diese Hartn√§ckigkeit, die vorantreibt, die uns immer wieder Fallen stellt, in die wir trunken vom Rauschen des Lebens tappen, diese unb√§ndige Kraft, welche uns langsam auffrisst, wird mir auf ewig unergr√ľndlich bleiben, denn der eigentliche Haken an dieser ganzen Misere ist, die M√ľhe lohnt sich nicht.

Wir sind alle verloren. Jeder, ohne Ausnahme, denn auf dem Weg hinauf zu den Sternen haben wir etwas zur√ľckgelassen. Etwas, was uns abgegrenzt hat vom Animalischen, dieses Zeichen, das Plus hinter dem Label unserer Gattung ist verschwunden. Heute f√ľgen wir uns nahtlos ein in den Strang der Welt, und au√üer der Gabe, bin√§r denken zu k√∂nnen, unterscheidet uns nichts mehr vom Schwein oder der Rohrdrossel. Was mich betrifft? Biologisch f√ľhle ich mich wie achtzig, doch im Kopf wie zw√∂lf, da ist nichts mehr. Nichts, nada. Stillstand hinter allen Linien.

__________________
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Lillia
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Dieses rastlose, rasende Klare gefaellt mir unheimlich gut. Gegen Ende vermisse ich ein bisschen das Szenische.
Der Text lebt vom Stil und diesen find ich klasse.
Erinnert mich ein wenig an Philippe Djian.


Beim "See der Traenen" wuerde ich die Traenen weglassen, die klingen fuer den Rest des Textes zu dramatisch, finde ich.


Lieber Gruss

-lilli-

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Grit1962
???
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neu.....?

Ich habe deine geschichte in anderer form gelesen, jedenfalls auszugsweise ( oder brauche doch voltax?)
ich muss sagen das sich diesmal das bild rundet und die tat des protagonisten schl√ľssig wird.

dein stil gefällt mir nach wie vor und ich freue mich auf weitere bildreiche sätze aus deiner hand.

gruß
grit
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Grit62

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Grit1962
???
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"Keine Angst regiert die K√∂rper, denn sie w√§re leichter zu ertragen, als die Sekunden unserer Begegnung, als die Erinnerungen, die Bewegungen des Lebens im R√ľckspiegel."

Freu!... brauche doch noch kein voltax.....las ich diesen satz schon bei "awake" und er war so gut, das ich ihn nicht vergaß.

Klär mich mal auf..

gruß
grit

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Grit62

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Rainer
???
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hallo caspAr,

schließe mich lillia an, auch mir gefällt der text gut, aber am ende hätte ich doch gern noch ein bißchen handlung. so ein ganz kleines bißchen...

bez√ľglich des valiums h√§tte ich noch eine frage. gibts das wirklich in ampullen zum injizieren? ich kenne die dinger nur in tablettenform. sollte bruno pfleger oder was auch immer sein, so solltest du das erw√§hnen, sonst wundert sich der leser bei der erw√§hnung der ampullen.
ich finde das bild des mit abgebundenem arm dasitzenden prot zwar sehr gewaltig, aber es gibt halt den knacks mit den ampullen.

wunsch:
ich w√ľnsche mir, du w√ľrdest eine l√§ngere erz√§hlung aus deinem text machen, dann gibt es zwar mehr fleisch zum lesen au√üenrum, aber die szene hinterlie√üe weniger den eindruck einer stimmung, die mit einer minimalen handlung vor dem essayistischen bewahrt werden soll.
(kennst du von houellebecq "elementarteilchen"? den anfang empfinde ich als vom sinn her ähnlich)

viele gr√ľ√üe

rainer


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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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caspAr
???
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shalom!

ganz kurz nur, denn in asien zu surfen ist scheissteuer.

ja ich kenne houellebecq und es gibt valium in ampullen, bruno ist krankenpfleger und auch stimmt es, dass ich awake! in Unten. eingebaut habe, da ich dies als sinnvoll empfand. philippe djian kenne ich nicht, gewiss eine bildungsluecke, doch ich werde mir den typen mal reinziehen. ansonsten, vielen dank fuer eure antworten und passt auf euch auf. capAr
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