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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unter Freunden
Eingestellt am 22. 09. 2016 13:43


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Maribu
???
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Unter Freunden

Wir trafen uns, wie immer, eine halbe Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt. Die Gastst├Ątte in der N├Ąhe des Bahnhofs hatte ihren separaten Raum zur Verf├╝gung gestellt.
Damals waren wir nicht nur Kameraden, sondern befreundet gewesen. Die Gr├╝ndung einer Familie hatte auch dazu beigetragen, dass wir uns aus den Augen verloren haben und uns nur zu den turnusm├Ą├čigen Klassentreffen wiedersahen.

"Mir kommt es noch gar nicht wie f├╝nf Jahre vor", sagte Alfred.

"Das ist im Alter so!", erwiderte ich. "Man hat das Gef├╝hl, dass die Zeit schneller vergeht."

Das Bier wurde serviert, und wir prosteten einander zu.

"Auf ein paar sch├Âne Stunden!" w├╝nschte Alfred. "Werner, unser Organisator, sagte mir am Telefon, dass wir Dreiundzwanzig werden. Acht haben abgesagt."

"Das ist normal. Immerhin treffen wir uns heute das neunte Mal. Wenn wir Gl├╝ck haben, schaffen wir in f├╝nf Jahren unser Jubil├Ąum."

Alfred sch├╝ttelte den Kopf. "Wir sollten das verk├╝rzen und uns alle zwei Jahre oder sogar j├Ąhrlich treffen!"

"Ja, wenn man bedenkt, dass wir neunundvierzig in der Klasse waren, sollten wir nachher dar├╝ber abstimmen."

Nach einem kurzen Schweigen nahm Alfred das Gespr├Ąch wieder auf. "F├Ąllt deiner Frau auch alles so schwer und ist sie schon morgens beim Fr├╝hst├╝cken unzufrieden und n├Ârgelig?"

"Nein, sie hat sich nie beklagt. Seit drei Jahren fr├╝hst├╝cke ich allein."

"Oh, ist sie..."

"Ja, sie ist..."

"Du h├Ąttest mich anrufen k├Ânnen!"

"Hast du mich angerufen?"

"Ja, du wei├čt doch: 'H├Ątte, h├Ątte...' Jeder muss mit seinen Schwierigkeiten klar kommen. Man hofft auch, dass sich einiges von selbst wieder normalisiert."

"Was habt ihr denn f├╝r Probleme?"

"Hausgemachte. Rita meint, dass ich sie nicht genug unterst├╝tze und nur meinen Hobbys nachgehe. Das mag jetzt ja stimmen, aber es hat auch seinen Grund: man kann ihr nichts gut genug machen! Ich will ja gar nicht gelobt werden, aber dieses ewige Kritisieren muss ich mir nicht antun!"
Er sah mich an, als erwartete er eine Best├Ątigung.

"Gib mir erst mal einige Beispiele!"

"Wenn ich Staub gewischt habe, kontrollierte sie und fand garantiert noch welchen, den ich ├╝bersehen hatte. Wenn ich W├Ąsche auf den St├Ąnder geh├Ąngt habe, hat sie die meisten Teile wieder umgeh├Ąngt. - Als wenn das f├╝r das Trocknen nicht vollkommen egal ist, wie herum ich Str├╝mpfe aufh├Ąnge?!
Nach dem Staubsaugen sagte sie oft. 'Die Mitte macht sich von alleine! Vergiss die Ecken nicht!'"

"Hast du die Ecken denn vergessen?"

"Selbstverst├Ąndlich nicht!"

"Wie lange geht das bei euch schon so?"

"├ťber ein Jahr."

"Und seitdem bist du beleidigt und machst gar nichts mehr!", folgerte ich.

Er nickte.

"Und jetzt?"

"Wir ├Âden uns ziemlich an und haben keinen Gespr├Ąchsstoff mehr.
Abends sitzen wir schweigend vor der Glotze. Manchmal blickt sie mich an, als ob sie mich hasst."

"K├Ânnte es sein, dass sie jetzt Kinder und Enkelkinder vermisst?"

"Nein. Ich glaube, ihre Hormone spielen verr├╝ckt!"

"Ihre Hormone? Es ist wohl eher ein Mangel! - Ist sie denn in ├Ąrztlicher Behandlung?"

"Ja, aber der Internist hat weiter nichts gefunden. Ihr Blutdruck ist zu niedrig. Aber die verschriebenen Tabletten nimmt sie nicht ein wegen der Nebenwirkungen. Sie meint, sie normalisiert ihn anderweitig."

"Anderweitig?" Mir kam ein skurriler Gedanke. "Wie geht es ihr
nach eurem Zoff?"

"Danach ist sie ganz gut drauf. Fast entspannt."

"Kann es sein, dass du ihre 'Medizin' bist?"

"Wie meinst du das?"

"Wenn sie sich ├╝ber dich ├Ąrgert, normalisiert sich ihr Blutdruck!"

Ich rechnete mit einem Lachen. Alfred aber sagte: "Ich glaub, du bist verr├╝ckt! Ich hatte von dir einen vern├╝nftigen Ratschlag erwartet!"

"Einen Rat kann ich dir nicht geben, aber vielleicht einen Trost?! Ich habe den ganzen Tag ├╝ber das Radio an, damit ich wenigstens Stimmen h├Âre. Deine Probleme h├Ątte ich gerne!"

"Wieso bist du allein? Du hast doch sogar Enkelkinder!"

"Ja, aber Frankfurt ist mal nicht eben um die Ecke!"

"Das ist doch heutzutage gar kein Problem mehr! Es werden doch so viele Billigfl├╝ge angeboten!"

"Ja, f├╝r sieben Euro f├╝nfzig auf der Tragfl├Ąche!", entgegnete ich w├╝tend. "Die haben selber ihre Sorgen. Sie haben drei Kinder. Eins ist behindert. Mein Sohn arbeitet im Schichtdienst bei einer Sicherheitsfirma und meine Schwiegertochter jobbt halbtags, damit sie die Miete f├╝r die Vierzimmer-Wohnung bezahlen k├Ânnen."

"Da sitzen sie ja schon, die Unzertrennlichen!" Es war Werners
Stimme aus der Dreiergruppe, die fr├Âhlich auf unseren Tisch zusteuerte.

"Wir sollten unser Gespr├Ąch jetzt abbrechen", sagte ich. "Du hast uns doch ein paar sch├Âne Stunden gew├╝nscht."

Alfred trank sein Glas leer und erwiderte: "Ja, 'abbrechen' ist das richtige Wort. Glaub man nicht, dass du mir so davonkommst! - Ich werde dich n├Ąchste Woche besuchen!"








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