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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unter Männern
Eingestellt am 16. 10. 2001 16:25


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anderermartin
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

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Als ich neulich am See spazieren ging, ereignete sich etwas recht merkwürdiges. Ein älterer Herr stand am Ufer und ließ ein ferngesteuertes Böotchen seine Runden drehen. Er machte einen faszinierend zufriedenen Eindruck auf mich.

Sein Blick ruhte auf dem Wasser und folgte den kleinen Wellen, die sein Spielzeug in die Oberfläche ritzte, seine volle Konzentration galt dem Geschehen auf dem Wasser und die Welt um ihn herum schien sich in ein einziges ruhevolles Meer verwandelt zu haben. Nur das leise Surren des Motörchens und ab und an ein kleines Quaken einer Ente waren zu hören. Ich blieb in einiger Entfernung stehen, um das friedvolle Bild zu genießen. So schaute ich eine Weile, während mir die Sonnenstrahlen den Rücken wärmten. Das Böotchen fuhr mal hierhin und mal dahin. Es neigte sich in eine sanfte Kurve und - blub - verschwand von der Oberfläche. Weg war es.

Ich mußte mich bewußt aus meiner angenehmen Lethargie erwecken, um mich wundern zu können. Der ältere Herr rührte sich zunächst nicht. Eine geraume Zeit schien zu vergehen, bis er seinen Blick auf die Fernsteuerung senkte. Er drehte etwas verwirrt an den Hebelchen herum, schaute wieder aufs Wasser und schob sein Kinn langsam nach vorn. Dann nahm er die Kappe vom Kopf, kratzte nachdenklich seine Glatze und sagte: "Können Sie mal kurz halten?" Ich fühlte mich zunächst nicht angesprochen, weil ich mich unbemerkt geglaubt hatte. Doch er sah zu mir herüber und hielt mir die Fernsteuerung mit einem ermunternden Nicken entgegen: "Na, nun nehmen Sie schon." Nun vollends wach lief ich zu ihm und kam seinem Wunsch nach. Ohne ein weiteres Wort sprang er kopfüber in den See.

Und er tauchte nicht wieder auf. Ratlos starrte ich aufs Wasser. Bis mir die Gefährlichkeit der Situation bewußt wurde, vergingen viele wertvolle Sekunden. Ich hielt nach anderen Zuschauern Ausschau. Aber vergebens. Erst nach einer kleinen Ewigkeit hörte ich ein leises Rauschen und Blubbern und da tanzte das Boot wieder auf dem Wasser, dort, wo es verschwunden war. Erleichterung wollte sich in mir breitmachen, aber ich mußte feststellen, dass von dem älteren Herrn auch weiterhin nichts zu sehen war. Ich fragte mich, wie lange er wohl schon unter Wasser war, und wurde unruhig. Nein, überlegte ich mir, er hat das Boot gerettet, bis eben war er also noch am Leben. Doch die Beruhigungsversuche nutzten nichts. Die Erkenntnis wurde unausweichlich, dass etwas unternommen werden mußte, und ich sprang ohne weiteres Zögern in sämtlichen Kleidern und mich an die Fernsteuerung klammernd in den See.

"Scheiße, ist das kalt." Sobald ich meine Muskeln wieder steuern konnte, suchte ich mit aufgerissenen Augen die Welt unter Wasser ab und schwamm los. Den Grund konnte ich erkennen und ein paar Fische auch, doch bald wurde mir die Luft knapp. Ich wollte mich schon zur Oberfläche wenden, als ich ihn sah. Der ältere Herr schwebte ein paar Meter vor mir, regungslos mit dem Gesicht nach unten, wie schwerelos. Mit ganzer Kraft ruderte ich zu ihm, in der Hoffnung, es könnte noch Leben in seinem Körper stecken. Zwei oder drei Züge lagen noch zwischen uns, als sein Kopf sich in meine Richtung wandte und der Zeigefinger seiner linken Hand vor seine Lippen glitt.

Tatsächlich, er bedeutete mir, leise zu sein. Also schwamm ich mit langsamen Bewegungen auf ihn zu. Da sein Gesicht sich wieder abwärts richtete, folgte ich dem Blick und sah ein paar Meter unter uns am Grund des Sees: eine Meerjungfrau und einen Meerjungmann, die es heftig miteinander trieben. Der Meerjungmann stieß die Meerjungfrau auf seine Schwanzflosse gestützt mit kräftigen Bewegungen von hinten. Dabei knetete er mit seinen schwimmhäutigen vierfingrigen Händen die Titten der Meerjungfrau und lutschte gierig an ihrem Nacken herum. Ich meine sogar erkannt zu haben, dass er vor Wonne die Augen verdrehte. Der ältere Herr gab mir mit seinem Ellenbogen einen kameradschaftlichen Puff in die Rippen und zwinkerte lausbübisch.

Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich allerdings schlagartig, als er die Fernsteuerung in meiner Hand erkannte, und er luftblaste: "Oh nein, sagen Sie bloß, Sie sind mit der Fernsteuerung ins Wasser gegangen." Er schien ernsthaft verärgert zu sein und riss mir das empfindliche Gerät aus der Hand. Ich warf noch einen letzten Blick zu den Seebewohnern, die gerade die Stellung wechselten, bevor ich mich beeilte, dem älteren Herrn hinterher zum Ufer zu schwimmen. Auf dem Weg fragte ich mich, ob Meerjungvolk in einen Binnensee gehört. Den Gedanken ließ ich aber fahren, als ich den Kopf aus dem Wasser reckte und sah, dass der ältere Herr schon am Ufer stand und glücklich an der Fernsteurung herumfummelte. Offenbar funktionierte sie noch, und als er mein Auftauchen bemerkte, hielt er sie strahlend in meine Richtung und fragte mit einem versöhnlichen Lächeln: "Wollen Sie auch mal?"

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