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Leselupe.de > Kurzprosa
Unter dem First
Eingestellt am 15. 07. 2008 09:56


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Joh
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Unter dem First


Du hast mir die Wohnung ĂŒberschrieben, ein Geschenk. Oder ein Splitter, gepflanzt in meine Zufriedenheit, das habe ich mich gefragt, als ich es schon wußte, deinen Blick auf mein ausgefĂŒlltes Leben auffing, in dem du immer am Rande mitgeschwommen bist.

Ich habe auch das GedĂ€chtnis deiner RĂ€ume ĂŒbernommen, und steige die vielen Stufen zu dir hinauf. Unter dem First finde ich deine SpeichertrĂ€ume, darf endlich darin suchen, wie nie in dir. Speicher an Speicher, auf TuchfĂŒhlung durch den Maschenzaun neben Nachbarn, die du ignoriert hast, damit sie dein Leben nicht verstören.

Unter dem Dach atmet das Haus Staub. Es wartet Vergessenes, statt es zu entsorgen, gespeichert, zum wieder hervorholen, entdecken lassen. Harrend auf neugierige HĂ€nde, die sich selbst wieder ausgraben, in den Kartons nach TrĂ€umen suchen, oder Entdeckungen machen von Wurzeln, die sie nie kennenlernten. Trauer, die darauf wartet, endlich den letzten Faden loszulassen, fortgehen zu lassen, auch verzeihen. SchĂ€tze, die lĂ€ngst keine mehr sind, noch daran erinnern, wie schwer es war, sie endlich nach Hause zu tragen. Rasch oxydiert, aber vielleicht leuchten sie wieder in Augen der Nachkommenden. Alte Kleider, EnthĂ€utungen, aus Scham versteckt. Niemand, auch nicht die eigenen Augen sollen noch sehen können, aus welchem Leben, welchem Körper man heraus gewachsen ist. Zwischen Fliegendreck und Staubflocken in Spinnennetzen, die FĂ€den vom Gestern zu den Enkeln spinnen. Mit dem alten Hut den Großvater ĂŒberstĂŒlpen, den mĂŒtterlichen Brautkranz, ganz vergilbt, wie ihr MĂ€dchengesicht auf dem Foto. Dazwischen kleine SchĂ€tze von Fortgezogenen, die vielleicht wieder zurĂŒckkommen, um sich wiederzufinden. Bis dahin fremden HĂ€nden und Gedanken ĂŒberlassen, die in Fragmenten stöbern. Der Reiz des erlaubten Spionierens, Wertloses wieder ins Licht stellen - oder es endgĂŒltig fortgeben.

Nun liegst du bloß vor mir, dein Verlorenes, zusammen mit dem Pullover in die Kiste mit den Motten gelegt. Damals, nach dem Urlaub am Mittelmeer, als du sagtest, du wolltest nicht den Duft des Feuers vom Sommer in den Winter tragen. Vielleicht hattest du damit unsere NĂ€chte schon beiseite gelegt. Ein langer Sommer, den ich noch zwei Winter in deinen stetig spröder werdenden Armen festzuhalten versuchte, bevor ich meine wunde Haut zu deinen nichtssagenden Geschenken in einen Karton legte - und hier herauf trug. Meine TrĂ€nen sind darauf gefallen, in der Schrankecke von den Motten zerkrĂŒmelt und zwischen die Bodenbretter gerieselt.

Du hast die alte Apothekerkommode in den Schatten an die Wand gerĂŒckt. Daneben lugt durch den NachbarkĂ€fig der Erinnerungen ein Plastiksack, aus dem mir ein Teddyohr zuwinkt. Ein StĂŒck Schlaftierkindheit, unvergeßlicher Trost fĂŒr trĂ€nenreiche KĂŒmmernisse unter der Bettdecke, salzig im PlĂŒschfell verborgen, was nicht in Erwachsenenohren geflĂŒstert werden konnte. Schlummernd, bis ein Kind kommt und es wieder wachkĂŒĂŸt. Ich werde sentimental, lache in mich. Ob die Saat in dir vertrocknet ist, weil du immer noch den verlassenen Jungen in dir trugst? So daß wir die TrĂ€ume von KinderfĂŒĂŸen auf dem Speicher begruben, vor uns versteckten, weil ich das Warten nicht mehr ertrug.

Ich ziehe eine Schublade auf, finde mich darin. Alles, was ich dir nach diesem Sommer aus dem Herzen schenkte, hast du weggesperrt. SorgfĂ€ltig abgelegt auch die Briefe, die ich dir schrieb, als du schon vorbei gehört hast. Einige ungeöffnet, wie dein GefĂŒhl fĂŒr mich, vergessen sagtest du, was du nie gelesen.

Dazwischen alte Fotos Deiner Großmutter, die mit dem Duft im Haar, die Wangen zerfurcht wie die KiefernstĂ€mme, in deren Schatten sie lebte. Hast sie nach Jahren wieder vorgeklaubt, mir gezeigt, als es dir grau wurde, um die wunden SchlĂ€fen. Hinter denen sich deine Einsamkeit in einem Knoten auswucherte, den man nicht herausschneiden konnte. Durch die Risse in der Schale hĂ€ttest du hinausschlĂŒpfen sollen, doch selbst meine WĂ€rme hatte das nicht vermocht. Nur TrĂ€nen liefen endlich heraus.

Nicht alle mitgenommen von deiner Mutter, als sie einfach so ging, und dich dem Wald und deiner Großmutter ĂŒberließ. Die den Duft der BĂ€ume ins Haar gewaschen hatte und dich in ihre nadeligen Arme nahm, dich mit Pilzen und rauher Schale fĂŒtterte, an die du dich immer wieder schmiegtest und deine Haut schĂŒrftest. Zwei Verlassene fanden in stachliger Umarmung das Einzige, was sie noch spĂŒren konnten. Sie wußte, daß deine Wunden so nicht heilen wĂŒrden, und doch hĂ€tte sie dich niemals fortgegeben. Die Frucht ihrer Tochter, die sie an Mannes statt behielt und geliebt die Arme schloß. Der Mann, der unter dem Waldboden schlummerte, von seinem Stein aus, das dunkle GlĂŒck im Blick. Und du bist nur dieses eine Mal zurĂŒckgekehrt, als du sie begraben mußtest, unter dem Stein deines Großvaters. Wieder beisammen - und du bliebst endgĂŒltig allein. All das nur in NebensĂ€tzen mit einem LĂ€cheln erzĂ€hlt, das so falsch war in deinen Augen, mit jedem ErzĂ€hlen starben sie ein wenig mehr.

Zum ersten Mal sprachst du davon, als du wieder in der Stadt warst, hast mich gesucht, mich angerufen. Die Jahre dazwischen habe ich fortgewischt mit deiner Trauer, dich in den Arm genommen, dich zu meinem Freund gemacht. Immer deine dĂŒnne Wand zwischen uns, sind wir Hand in Hand weitergegangen. Ich wuchs in mir, habe dich mit durch andere Beziehungen genommen. Du warst irgendwann nur noch eine HĂŒlle, die den Knoten im Kopf herumtrug, der dich aß.

Ich bin neugierig auf die anderen Schubladen, finde in der NĂ€chsten Briefe, unfrankiert an eine mir Unbekannte, einen feinen Wollschal, noch duftend zwischen den Mottenlöchern, Notizzettel mit MĂ€dchenhandschrift. Ich stöbere weiter in den Kammer, mit den sorgfĂ€ltig sortiert Abgelegten. Viele ungeschickte Briefe, vergilbend, wie deine Sehnsucht, die dich fortzog und nie ankommen ließ, bei deinen GefĂŒhlen. Hast sie versteckt durch die Nacht getragen, um Luft zu schnappen, von den Frauenkörpern, schlafende Puppen zwischen deinen zerknĂŒllten Laken.

Oder warum hast du nie wieder von ihnen gesprochen, deinen schönen Orden, die du noch frisch vor mir ausgebreitet hast. Ich habe dir gesagt, daß ich mich freue, wenn es dir gut geht. Geglaubt hast du es nicht, dachtest ich verstecke meine Eifersucht, obwohl du doch fĂŒhlen mußtest, daß dir nur ein Teil meiner Liebe gehört, dem guten Freund.

Jetzt könnte ich dir nah sein, wĂ€ren wir nicht endgĂŒltig auseinander gelebt. Ich werde dich den SpinnenwĂ€chtern ĂŒberlassen, in eine Ecke gerĂŒckt, mit einem Tuch umhĂŒllt, damit du endlich in mir schlafen kannst. Bevor ich es mir in deinem kalten Kokon gemĂŒtlich mache, mein Leben in deiner Schale ausbreite und die Fenster öffne, um das hereinzulassen, was du nie spĂŒren konntest, weil du die Augen vor dem Verlassen geschlossen hast. Nicht sehen konntest, was du an Farben, mit denen du deine Welt hĂ€ttest streichen können, ausgesperrt hast.

Er behÀlt seine Sehnsucht
in frankierten Briefen
die in der Schublade vergilben
trĂ€gt sie durch Nachtstraßen
in GesprÀchen hinter
glÀnzenden Phrasen versteckt
damit sie ihren
bittersĂŒĂŸen Geschmack behĂ€lt
nicht in EnttÀuschung ertrinkt
erwidert er Blicke auf Frauen
Lippen ohne AugenlÀcheln
legt sich nur zu Körpern ins Bett



Johanna Pless
7.2008



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Version vom 15. 07. 2008 09:56

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