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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unter der Erde
Eingestellt am 10. 11. 2003 22:29


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Empi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

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Sebastian kicherte als die Erde auf den Sargdeckel klatschte. Normalerweise kicherte er nicht oft, aber bei jedem Schwung ĂŒberkam es ihn, ob er wollte oder nicht. Mit der Zeit verĂ€nderte sich das GerĂ€usch, von Erde auf Holz zu Erde auf Erde, immer schwĂ€cher, immer schwĂ€cher. Und dann – gar nichts.
Es war still wie in einem Grab.
Sebastian lachte gellend ĂŒber seinen eigenen Scherz. Sein Lachen rauschte ihm wieder entgegen, wirkte im Sarg unnatĂŒrlich laut.
Kontrolle! Verschwende keinen Sauerstoff!
Bereits jetzt war die Luft stickig. Ist ja auch kein Wunder! Sebastian tastete mit der Hand nach oben und stieß gleich auf Holz. Die SeitenwĂ€nde des Sargs drĂŒckten gegen seine Schultern.
Verdammt eng hier drin.
Er presste seine Hand auf den Mund um ein weiteres Glucksen zu unterdrĂŒcken, nahm das MundstĂŒck des Sauerstofftanks und atmete tief ein.
Hoffentlich war in der Sauerstoffflasche genug Luft...
NatĂŒrlich! Schließlich musste er nur eine Stunde hier unten bleiben, und Sauerstoff hatte er mindestens fĂŒr zwei. Allerdings sollte er nicht aus Versehen an das Ventil kommen.
Sebastian erstarrte. Unendlich sachte berĂŒhrte er die Flasche, die zwischen seinen Beinen lag. Ok. Es war alles in bester Ordnung.
Trotzdem merkte Sebastian, wie sein Atem pfiff. Er hielt die Luft an. In seinen Ohren rauschte das Blut zum rasenden Takt seines Herzens.
Wie viel Zeit war schon verstrichen? Keine Ahnung. Sekunden, Minuten, alles verlor sich in dieser abgrundtiefen SchwÀrze. Sebastian blinzelte um festzustellen, ob seine Augen offen waren oder nicht. Nichts. Es machte keinen Unterschied. Dunkler als die dunkelste Nacht.
Aber bis jetzt hatte sich noch niemand beschwert.
Das Lachen kÀmpfte sich wie Erbrochenes seinen Hals hinauf. Entweder er riss sich nun zusammen, oder... ja, was?
Oder er wurde verrĂŒckt?
Sein schrilles Lachen kam in unregelmĂ€ĂŸigen StĂ¶ĂŸen.

Markus patschte mit der Schaufel die lose Erde fest. Schweiß rann sein Gesicht hinab. „Mann, das war ein Haufen Arbeit.“
„Das kann man wohl sagen“, keuchte Peter, der seine Schaufel absetzte. „Los, wir haben eine gute halbe Stunde, bevor wir ihn wieder ausbuddeln mĂŒssen.“ Er ging zu dem Kleinlaster und legte die Schaufel auf die LadeflĂ€che. „Lasst uns bei „Ernas Imbissbude" einen kleinen Snack essen.“
„Meinst du nicht, wir sollten hier bleiben?“, fragte Bernhard besorgt. „Falls etwas passiert, meine ich.“
„Und wie willst du das mitkriegen? Seine Schreie wĂŒrde man von da unten kaum hören.“ Peter lachte. „Jetzt kommt schon, ihr beiden Memmen.“
Markus machte eine auffordernde Geste in Bernhards Richtung und folgte Peter.
Mit einem Seufzer drehte sich Bernhard um und ging auf Peters Laster zu. Als sein Blick auf den großen, reißerischen Aufkleber fiel, den Peter auf beiden Seiten seines geliebten Kleinlasters angebracht hatte, zog sich sein Magen zusammen. „Höllenritt“ verkĂŒndeten die schwarzen Lettern.
Wie jedesmal, wenn Bernhard in den Laster stieg, ĂŒberkam ihn ein ungutes GefĂŒhl.

Sie verließen den Wald und bogen auf die Straße ab.
„Mir ist schon ganz mulmig, wenn ich daran denke, dass ich da auch mal runter muss“, sagte Bernhard nach einer Weile.
„Tja, das ist unsere Mutprobe.“ Peter grinste. „Du willst doch in die Gruppe, oder?"
Der hat leicht reden, dachte Bernhard. Schließlich hatten es Peter und Markus bereits hinter sich.
Markus versuchte, Bernhard aufzumuntern. „Hey, keine Sorge. Immerhin hast du ein Radio dabei. Da wird’s wenigstens nicht langweilig.“

Sebastian fummelte am Radio. Erst ertönte nur ein Rauschen und Knistern, aber dann bekam er Empfang. Sie spielten gerade „Losing my Religion“ von R.E.M. Sebastian summte das Lied mit.
Kontrolle.
Er hatte die Kontrolle zurĂŒckerlangt. Das Schlimmste war vorĂŒber. Jetzt musste er nur noch warten... vielleicht fĂŒr immer.
Sebastian riss das MundstĂŒck weg. „Halts Maul, du verdammter Idiot!“
Im Radio kam „Supergirl“, gefolgt von Nachrichtenmeldung ĂŒber irgendeinen Brand, dann ein Verkehrsunfall, dann wieder Musik. Diesmal „Daylight in your Eyes“ von den No Angels. Mein Gott, wie er die Tussen hasste.
Diese verdammte Mutprobe war doch im Grunde ein Kinderspiel. Sebastian stellte sich vor, wie der schĂŒchterne Bernhard hier unten lag – und musste wieder lachen. Wenn unsere Eltern das wĂŒssten... die wĂŒrden in Ohnmacht fallen.
Wieder Lachen.
Scheißkomisch hier unten.
Sebastian rieb sich eine TrÀne aus dem Auge.
„... wissen wir jetzt Genaueres ĂŒber den schrecklichen Verkehrsunfall. Auf einem unbeschrĂ€nkten BahnĂŒbergang erfasste der GĂŒterzug den Laster. Die Polizei bestĂ€tigte, dass keiner der drei Jugendlichen den Unfall ĂŒberlebt hat.“
Sebastian hörte auf zu gackern.
„Einen besonders makabren Beigeschmack erhĂ€lt dieser Unfall durch die Tatsache, dass der Laster die Aufschrift "Höllenritt" trug. Da fragt man sich wirklich, ob nicht..."
Der Rest ging in Sebastians Schrei unter.
Die drei Leute, die wussten, dass er irgendwo im Wald lebendig begraben lag, waren tot.
Sein Verstand verließ ihn wie ein Verbrecher auf der Flucht. Dass er sich die Finger am Sargdeckel zu blutigen Stumpen rieb, registrierte er nicht mehr.

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Gandl

AutorenanwÀrter

Registriert: Jul 2003

Werke: 1
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schudder

Hi Empi,
eine schreckliche Geschichte, schudder.
Aber gut geschrieben.
Was ich fĂŒr nicht glaubhaft halte, ist, daß die Polizei
die Namen an den Radiosender rausgibt.
Und die die dann auch sogar senden.
Also Bayern3 und die ganzen Lokalradios in MĂŒnchen
und Hamburg (mehr kenn ich nicht) machen das nicht.
Vielleicht wÀre gegen Ende weniger mehr gewesen?
Wie: verzweifelte Hoffnung auf Rettung, und doch ahnend,
daß da nix kommt.
Liebe GrĂŒĂŸe
Gandl

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Empi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

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Hi Gandl,

freut mich, dass dich "schuddert" ;-) war ja auch so gedacht...

Das mit dem Radio habe ich mir auch gedacht, aber mir fĂ€llt keine bessere Lösung ein, um Sebastian diese absolute Gewissheit zu geben, dass niemand mehr um sein Schicksal weiß. Ist schwierig sonst. Und eigentlich will ich diese schreckliche Gewissheit am Schluss lassen. Villeicht mit einem Lokalsender einer kleinen, abgeschnittenen Region, wo jeder jeden kennt? Hm...

Aber vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar

Empi

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo,

vielleicht kommt ja auch nur, dass es eine orangefarbener kleinlaster mit drei jungen leuten, erst trallala jahre alt, war, am bahnĂŒbergang von nach...? und die meldung wiederholt sich ein paar mal; bevor er anfĂ€ngt zu kratzen?

nur so als vorschlag, der angesprochen punkt war auch mein einziger meckergrund - ansonsten: starker einstand!

viele grĂŒĂŸe

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Empi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

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Hi Rainer,

das mit dem Kleinlaster und der Farbe ist eine gute Idee. Das ist wahrscheinlicher, als dass die Radiostation die Namen der Toten preisgibt. Dann mĂŒsste ich aber einiges Ă€ndern. Hm, wenn ich nicht so schrecklich faul wĂ€re...

Vielen Dank fĂŒr deinen Comment.

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DarkskiesOne
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 11
Kommentare: 43
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Nich` faul sein...

...sondern loslegen!
Hi Empi,
musste doch gleich mal nach deiner Geschichte schauen und gratuliere dir zu deinem Einstand! Die Geschichte gefĂ€llt mir gut! Beim Ende muss ich allerdings meinen Vorschreibern Recht geben. Den Änderungsvorschlag von Rainer finde ich prima. Orangefarbener Kleinlaster. Dann mit jeder Radiomeldung weitere winzige Details, die das Bild vervollstĂ€ndigen. Der grausige Verdacht kann fĂŒr den Eingeschlossenen schleichend zur Gewissheit werden. Gruselig!
lg
DarkskiesOne
__________________
Die Liebe ist ein Tod, den ich nicht sterben kann.

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