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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unterm Strich
Eingestellt am 23. 04. 2006 18:53


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Franka
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Unterm Strich


Julias Blicke wanderten zwischen ihren Eltern hin und her. Nun, sehr gesprächig waren sie beim Abendessen ja nie, aber heute waren sie zu ruhig, einfach unheimlich ruhig. Irgendetwas lag in der Luft. Sie konnte es förmlich riechen, fühlen, fast greifen. Und was sie da roch, war nicht das leckere Abendessen. Es lag Gewitter in der Luft.
Julia überlegte kurz, aber sie brauchte wirklich kein schlechtes Gewissen zu haben. Sie hatte nicht das Geringste ausgefressen, da gab es kein Zuspätkommen und keine verpatzte Arbeit. Ihr Zimmer war aufgeräumt, der Müll im Container, die leeren Flaschen bei Aldi. Sie war weder an Mamas Schminke, noch an Papas Zigaretten gewesen. Also, was war das, was da so drohend in der Luft hing? Eine Viertelstunde später wusste sie Bescheid. Ihre Eltern würden sich scheiden lassen. Die große Wohnung aufgeben. Jeder sich eine kleine suchen. Sie würde in jeder der neuen Wohnungen ein Zimmer bekommen. Könnte sich dann aussuchen, wo und wie lange sie bei einem der Elternteile leben wolle.

Julias Blicke wanderten weiterhin zwischen ihren Eltern hin und her. Ihr Gesicht lief ganz langsam rot an und auf der Stirn bildeten sich tiefe Zornesfalten. “Ihr spinnt ja wohl!”, schoss es aus ihrem Mund. “Was bildet ihr euch eigentlich ein? Was soll der Müll mit der Scheidung? Alle meine Freundinnen haben doch schon geschiedene Eltern. Ich habe immer mit euch angegeben. Zwischen euch gab es nie Streit, nicht mal einen klitzekleinen. Was ist das also für ein Mist, den ihr mir hier auf den Tisch knallt? Und wer hat sich den Schwachsinn mit den beiden Zimmern ausgedacht? Glaubt ihr vielleicht, ich sitze ständig auf gepackten Koffern!”
Julia knallte ihr Besteck auf den Teller, der gleich in zwei Teile zerbrach, sprang auf und schrie völlig hysterisch:“ Mit mir nicht! Mit mir macht ihr das nicht! Hiermit reiche ich die Scheidung ein. Wer will denn solche Eltern?” Sie stieß den Stuhl um, riss die Tür auf und rannte aus dem Haus.
Julias Mutter sprang auf und wollte ihr hinterher, doch ihr Mann hielt sie zurück. “Lass sie“, sagte er,“ sie muss das erst einmal verkraften. Wir hätten eben eher mit ihr über unsere Situation sprechen sollen. Übrigens läuft ja heute Abend ihre Lieblingsserie. Die lässt sie auf keinen Fall sausen. Du wirst sehen, sie ist pünktlich da.”
Damit stand er auf und begann den Tisch abzuräumen.

Vor Wut bebend rannte Julia zu ihrer besten Freundin. Mit hochrotem Kopf stand sie vor der Tür und klingelte. Als auch nach dem siebenten Sturmklingeln niemand öffnete, trat sie ihren Frust gegen die verschlossene Tür. „Verdammt, immer wenn ich sie brauche, ist die nicht da. Die knutscht bestimmt wieder mit ihrem Typen. Der ist ihr wichtiger als ich!“
Julia setzte sie sich auf die Treppe und ließ ihren Tränen freien Lauf.
“Nein”, schrie sie einem vorbeikommenden, völlig erschrockenen Passanten entgegen und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. Nein, sie würde nicht mehr weinen. Sie würde sich rächen! Ihre Eltern sollten weinen! Wie konnten die ihr das bloß antun?
Julia überlegte. Womit konnte sie die Alten strafen? Sie schaute auf ihre Armbanduhr, gleich um sieben. Langsam wurde es dunkel. “Genau, das ist es“, jubelte sie plötzlich laut. Es war ihr eingefallen: Sie würde abhauen und damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ihre Eltern würden sich sorgen, ängstigen und dadurch begreifen, dass das Wohlergehen ihres Kindes wichtiger ist als so eine blöde Laune. Die Alten tun doch immer so erwachsen, wollen immer schlau sein, dann sollen sie sich gefälligst auch einfallen lassen, wie eine Scheidung zu verhindern ist. Und genau, die Scheidung konnte nur eine Laune sein. Zwei Erwachsene, die sich nie streiten, haben einfach keinen Grund, sich scheiden zu lassen.

Julia stand auf und bewegte sich zielstrebig in Richtung Bahnhof. Sie würde sich in den nächstbesten Zug setzen. Dort hatte sie es bequem, warm und sicher. Vielleicht kam ja die Kontrolle auch nicht so schnell, und sie wäre ein ganzes Ende von zu Hause weg, wenn sie dann ergriffen werden würde.
Im Bahnhof stand ein Fernzug. Dieser Zug nach Zürich würde zum ersten Mal in Freiburg halten. Super, super, super!
Julia stieg ein, schlendert durch die Waggons und landete schließlich im Liegewagen. Eine Liege im letzten Abteil war noch frei. Sie rollte sich in die daraufliegende Decke und stellte sich genüsslich die besorgten Gesichter ihrer Eltern vor. Rache? Chance?
Die Wärme, die kuschelige Decke und das monotone Rattern des Zuges ließen Julia einschlafen.
Geweckt wurde sie durch die Hand der Schaffnerin. Kurz darauf saß sie im Dienstabteil. Fragen prasselten auf sie herunter. Sie hörte kaum zu, hatte jetzt Hunger und war müde, aber bestimmt weit genug von zu Hause entfernt.
Da Julia nicht bereit war, zu sprechen, erklärte man ihr, dass man sie in Freiburg an die Bahnhofspolizei übergeben würde. Sollte sie dann immer noch nicht bereit sein, über sich Auskunft zu geben, würde sie die nächsten Tage im Kindernotdienst verbringen.
Über den Kindernotdienst hatte Julia schon im Sozialkundeunterricht gehört. Hier blieben die Kinder nur sehr kurz, eben nur in der Not. Danach kamen sie in ein Kinderheim oder zu ihren Eltern zurück.
Julia schloss ihre Augen. Die nächsten Tage! Wie viele Tage brauchen Eltern, um sich richtig Sorgen zu machen, sich eine Scheidung aus dem Kopf zu schlagen? Zwei? Drei? Sie würde mindestens drei Tage schweigen und dann erst ihren Namen und ihre Adresse preisgeben.

Am nächsten Morgen, so gegen neun Uhr, stand Julia im Kindernotdienst. Er war in einem alten Haus untergebracht, hatte fünf Kinder/Jugendzimmer, eine Küche, einen Wohnraum, WC/Dusche, jeweils für Mädchen und Jungen separat und ein Erzieherzimmer. Die diensthabende Erzieherin hieß Frau Huckelbreck, aber sie sollte/dürfte Monika sagen.
Monika erklärte ihr die Regeln und stellte sie den anderen Jugendlichen/Kindern vor. Julia fand das alles wahnsinnig spannend. Mit ihr zusammen waren neun Kinder und Jugendliche hier untergebracht.
Julia konnte ein nettes, sehr nettes Mädchen sein, wenn sie etwas wollte, und sie konnte schnell Freunde finden. So wusste sie bereits am nächsten Abend, warum die anderen im Notdienst waren.

Peter, sieben Jahre alt.

Peter war von dem Freund seiner Mutter mehrfach misshandelt worden. Dieser hatte der Mutter dann erzählt: Peter wäre gefallen, hätte sich gestoßen, habe sich geschnitten, sei in der Dusche ausgerutscht und so weiter und so weiter. Seine Mutter hätte nicht ihrem einzigen Kind, immer nur dem Freund geglaubt. Irgendwann war Peter dann davon gelaufen. Jetzt hätte das Jugendamt für ihn eine Pflegefamilie gefunden. Schon in einigen Tagen würde er umziehen. Die Pflegeeltern seien sehr nett, hätten einen großen Bauernhof mit vielen Tieren.
Abends, im Bett würde er viel weinen, seine Mutter fehlte ihm so sehr. Als Julia ihn fragte: “Aber deine Mutter hat doch ihren Freund lieber als dich, warum weinst du denn um die?”, da antwortete Peter: “Ich habe doch nur die eine Mutti. Bestimmt trennt sie sich irgendwann von ihrem Freund. Dann kann ich wieder zu ihr zurück.”


Maria und Maike, mit ihren beiden kleineren Brüdern Tom und Tobias.

Maria und Maike waren zwölf, Tom fünf und Tobias vier. Ihren Vater hatte die Polizei abgeholt. Er hatte ihre Mutter so verprügelt, dass sie jetzt im Krankenhaus lag. Ihre Mutti hätte versprochen, die Scheidung einzureichen und danach würden sie wieder für immer zurück nach Berlin ziehen, zu Oma und Opa. Oma und Opa wären noch im Urlaub, aber sie kämen in drei Tagen zurück und holten sie hier raus, nach Hause.


Max, Paul und Moritz

Max (13 Jahre), genauso alt wie Julia, aber zwei Köpfe größer als sie, lebte mit seinen Brüdern Paul (1Jahr) und Moritz(2 Jahre) im Notdienst, weil ihre Wohnung geräumt worden, ihre Mutter in einem Obdachlosenheim untergekommen war. Max hatte sich geweigert mitzugehen, weil dort immer viel gesoffen würde. Er war schon zweimal mit der Mutter im Obdach, würde nie wieder in eins gehen.
Das Jugendamt will sie alle zusammen in einem Kinderheim unterbringen. Max hatte dies selber vorgeschlagen. Seine Mutter kam vom Saufen und von den Kerlen nicht los. Er hatte es endgültig satt, wollte ein normales Zuhause für sich und seine Brüder.
Er sei schon mal kurz in einem Kinderheim gewesen. Dort ginge es zu wie in einer kinderreichen Familie. Jeder hätte ein eigenes Zimmer, jeden Tag satt zu Essen, vernünftige Kleidung, jedenfalls sauber, passend und ganz. Er könnte dann endlich wieder jeden Tag in die Schule gehen. Er wollte auf keinen Fall, wie seine Mutter, von Sozialhilfe leben. Er würde einen richtigen Beruf erlernen, am liebsten Tischler und später genügend Geld verdienen, um seine kleinen Brüder aus dem Kinderheim zu sich nach Hause holen zu können. Er sei ja jetzt schon wie ein Vater für die Kleinen.


An ihrem ersten Abend im Notdienst konnte Julia nicht einschlafen, weil sie sauer auf ihre Eltern war. Heute, in der zweiten Nacht weit von zu Hause entfernt, konnte sie nicht schlafen, weil sie ständig an Max, Maria, Maike, Peter und die Kleinen denken musste. Was blieb ihnen unterm Strich? Auf diese Frage fand sie keine Antwort, aber sie wusste, was ihr unter dem Strich bleiben würde, nämlich Vater und Mutter, die sie liebten und für sie da sein würden, auch nach einer Scheidung.
Julia setzte sich auf. Sie musste sofort anrufen. Wo war bloß ihr Handy? Verdammt, es lag noch in ihrer Schultasche! Sie war ja kopflos aufgebrochen. Behutsam, um niemanden zu wecken stand sie auf.
Sie hörte Peter leise weinen, als sie zum Erzieherzimmer ging. ©




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Franka
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Danke für das Lektorat. Dabei hätte ich nun wirklich nicht mehr mit Fehlern gerechnet.

LG Franka

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flammarion
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aber

immer wieder gerne.
lg
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Old Icke

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