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Leselupe.de > Kurzprosa
Unternachtfragmente
Eingestellt am 13. 01. 2010 13:52


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nisavi
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Die Unternachtfragmente

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Wenn sie die Augen schließt, was ihr nicht schwer fĂ€llt, hier, im gleißenden Sonnenlicht, sieht sie sich selbst – neben einem untersetzten Typen auf einem ĂŒberdimensionalen, palmenbedruckten Strandlaken liegend. Sie fragt sich dann, ob sie das Ferienhaus abgeschlossen hat. Sie denkt an ihren Schmuck, an das Geld in der Reisetasche, an Zeitungsmeldungen und an den Vermieter. An ihren Vater. Und idiotischerweise an den Hund der Nachbarin.
Sie versucht, sich selbst zu beruhigen und Zugehörigkeit zu demonstrieren, indem sie ihren Kopf auf dem weichen Oberarm ihres Begleiters platziert. Dieser jedoch, rĂŒckt Ă€rgerlich brummend ab. Der Mann richtet die gut genĂ€hrten Gliedmaßen noch einmal bedĂ€chtig aus und beginnt kurz darauf, tief und gleichmĂ€ĂŸig zu atmen. Als er schließlich schnarcht, erhebt sie sich leise und eilt im Schatten der DĂŒnen davon.
Im VorĂŒbergehen nimmt sie sich eine Handvoll Glaskiesel vom Wegesrand. Sie hĂ€tte auch von den blauen Edelsteinen nehmen können. Oder den roten. Vom Goldstaub.
Sie wĂ€hlt Glaskiesel, weil sie glatt und kĂŒhl sie in der Hand liegen wie die Kindheit. Weil die Welt weich wird, wenn man durch sie hindurchzusehen sucht. Weil sie wie Wasser sind: hell hund silberfarben.
Sie eilt an einem bĂ€rtigen Mann vorbei, der ein Holzkreuz schnitzt. „Gestorben wird immer!“, ruft er ihr gutgelaunt zu.
Die Glaskiesel knirschen leise, wenn sie sich in den HandflĂ€chen berĂŒhren.
Das schilfgedeckte Haus ist verschlossen. NatĂŒrlich. Sie hĂ€tte es wissen mĂŒssen, denkt sie. Im Geiste verflucht sie ihren Zwang zur Kontrolle. Sie wird zurĂŒckgehen zum Strand. Sich auf das Laken neben den Übergewichtigen legen. Die Augen öffnen. Auch, wenn es nicht leicht fĂ€llt. Im gleißenden Sonnenlicht. Und lĂ€cheln. Über sich selbst. Und die anderen.

Über die Bedeutung eines Wortes

Das Zimmer im Hinterhof war eine Notlösung gewesen. Es lag zu ebener Erde.
Die Einrichtung: dĂŒrftig und ĂŒberschaubar. Ein Schrank, ein Bett, ein Tisch, zwei StĂŒhle.
Eine TĂŒr fĂŒhrte in einen Garten hinaus. Links stand ein mĂ€chtiger Baum, dessen weiße BlĂŒten dem Wind entgegenwuchsen. Keiner kannte seinen Namen und auch, ob die spĂ€t im Jahr reifenden FrĂŒchte essbar waren, vermochte niemand zu sagen.

Sie durfte nicht davon reden, dass sie den Garten schon seit Anbeginn der Zeiten kannte. Die Augen des Mannes hatten sie instĂ€ndig darum gebeten. Sie wollte niemanden verletzen. Aber einmal kroch ihr ein Wort ĂŒber die Lippen. Ein verrĂ€terisches Wort, das von ihr erzĂ€hlte. Weil dieses Wort da war, war da auch die Vergangenheit. Im Hier. Und jetzt wurde ihr das Herz schwer und sie sammelte wieder und wieder die heruntergefallenen BlĂŒtenblĂ€tter in ihre SchĂŒrze. Immer neue BlĂŒten fielen neben ihr ins Gras.

Sie wĂŒnschte sehr, sie könne in den Raum zurĂŒckgehen. Sich auf einen der StĂŒhle setzen und einfach in den Garten hinausschauen.

Ihre HÀnde griffen derweil in die Luft, um die herumwirbelnden BlÀtter zu fangen. Sie griffen ins Leere.

In Angst

Als es mitten in der Nacht an der TĂŒr klingelt, erschrickt sie. Ihr Mann erhebt sich aus dem Bett, entriegelt hastig die WohnungstĂŒr und stĂŒrzt hinunter in den Hausflur.
Sie hört Stimmen, Keuchen und das blecherne Scheppern der BriefkÀsten.
Auch der alte Vater ist vom LĂ€rm wachgeworden. Er steht jetzt hinter ihr im zerknitterten Schlafanzug. „Schließ die TĂŒr“, fordert er leise und nachdrĂŒcklich. Er langt nach der Kette. Schon hört sie, wie mehrere Personen nach oben gerannt kommen. Sie weiß nicht, was sie tun soll.
Dann aber drĂŒckt sie mit aller Kraft die TĂŒr zu und dreht den SchlĂŒssel im Schloss. Gerade noch rechtzeitig.
Von Außen wird geklopft, geschrien und gehĂ€mmert. Mehrere MĂ€nner sprechen in einer Sprache miteinander, die sie nicht versteht.

UnverstÀndliche Dialoge

Sie (beschwichtigend): „Manchmal ist die Nacht eben nur eine Nacht.“

Er: „Ja. Man fĂ€llt mit ihr durch ein Sieb und es bleibt nicht einmal SchwĂ€rze zurĂŒck.“

Sie: „Nur ein GerĂ€usch, das man erst bei Tageslicht versteht.“

Er: „Weißes Tuch, das sich in den ApfelbĂ€umen verfangen hat. Auf einmal hört man es.“

Sie: „Dieses GerĂ€usch. Es umfĂ€ngt einen wie ein viel zu großer Mantel, der nicht wĂ€rmt."


Voraussicht?


§ 5

Bewerber, bei denen verĂ€nderte ATM-Gene festgestellt werden, kommen fĂŒr eine TĂ€tigkeit in unserem Unternehmen nicht in Betracht.









__________________
On a poet's lips I slept.
(P.B.Shelley)

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Karinina
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zur Geschichte

FĂŒr meine Begriffe ist es ein perfekter Text, vom Stil her, sofern man das trennen kann, denn den Inhalt habe ich zwar formal verstanden, aber nicht das Innere. Vielleicht wird es noch, denn ganz gewiss werde ich es wieder lesen...
GrĂŒĂŸe fĂŒr Dich
Karinina

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Ofterdingen
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Registriert: Aug 2009

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Hallo Nisavi,

Erfreulicherweise mal ein Text, der nicht platt und unbedarft zusammengestĂŒmpert ist. Er liest sich schön, enthĂ€lt einige sehr poetische Passagen, an manchen Stellen jedoch war ich zunĂ€chst ganz angetan, doch dann stutzte ich, las den Satz noch einmal, weil ich an einer Unebenheit hĂ€ngen geblieben war; irgend etwas am dargebotenen Bild war nicht stimmig.

So etwa enthĂ€lt der erste Satz eine hĂŒbsche, unerwartete Wendung: „Wenn sie die Augen schließt, 
 sieht sie sich selbst 
“, verursacht mir als Ganzes aber auch ein Unbehagen, denn er ist zu banal: „Wenn sie die Augen schließt, was ihr nicht schwer fĂ€llt, hier, im gleißenden Sonnenlicht 
“. Normalerweise fĂ€llt es niemand schwer, die Augen zu schließen, ob im Sonnenlicht oder nicht, es sei denn, die Person ist von einem Anblick gefesselt, z.B. ĂŒber etwas erstaunt oder ĂŒber alle Maßen entsetzt – oder wenn es am Augenmechanismus einen Defekt oder eine Einwirkung von außen gibt.

Und sonst machte mir dein unbekĂŒmmertes Aussparen von wichtigen Einzelheiten und (notwendigen!) ErklĂ€rungen einige VerstĂ€ndnisprobleme:

Da ich zum GlĂŒck weder ein Arzt bin noch von seltenen Krankheiten heimgesucht werde, wusste ich zum Beispiel nicht, was „verĂ€nderte ATM-Gene“ sind, musste also, da du weiter nichts erklĂ€rst, bei Wikipedia nachsehen und erfuhr, dass hier wohl von einer ChromosomenbrĂŒchigkeit die Rede ist, die alle möglichen ĂŒblen gesundheitlichen Folgen haben kann. Damit ist mir jedoch noch lĂ€ngst nicht klar, was das erwĂ€hnte Syndrom mit dem Rest der Geschichte zu tun hat. Der Schluss wirkt auf mich, als hĂ€ttest du ihn irrtĂŒmlich mitkopiert, obwohl er von einem ganz anderen Text stammte, von dem nur noch ein BruchstĂŒck zufĂ€llig auf deinem Computer stehen geblieben war.

Ich rĂ€tsle natĂŒrlich auch, was der nĂ€chtliche Überfall zu bedeuten hat und ob er in irgendeinem Zusammenhang mit der Krankheit steht, zum Beispiel, weil die Leute Angst haben, dass es sich um etwas Ansteckendes handelt. Aber, falls ja, warum kommen sie dann nachts bzw. warum kommen sie ĂŒberhaupt bis zum Haus, wo sie sich dort doch anstecken könnten? WĂ€re es da nicht logischer gewesen, von weitem die Fenster einzuwerfen?

ErklĂ€rungsbedĂŒrftig scheint mir auch, warum „ihr Mann“ die TĂŒr aufmacht und zu der aggressiven Meute hinab rennt. Dass fĂŒr diesen Teil ein Abschluss fehlt, man also nicht erfĂ€hrt, ob sie ihn umbringen oder ihm nur die ZĂ€hne einschlagen, muss man dagegen wohl eher hinnehmen, ist halt so bei vielen ErzĂ€hlungen.

Mehr als unklar auch dies: „Sie durfte nicht davon reden, dass sie den Garten schon seit Anbeginn der Zeiten kannte. Die Augen des Mannes hatten sie instĂ€ndig darum gebeten.“ Soll (das mich störende, weil allzu banal ĂŒbertreibende) „Anbeginn der Zeiten“ bedeuten, dass sie dort aufgewachsen ist und dass es sich z.B. um die ehemaligen deutschen Ostgebiete handelt, das Sudetenland oder eine andere Gegend, wo heute ĂŒber Vertreibung besser nicht mehr gesprochen werden sollte? Und hĂ€ngt der nĂ€chtliche Überfall also nicht mit der Krankheit zusammen, sondern mit dem Wort, durch das sie sich als eine ehemalige Bewohnerin der Gegend verraten hat? Aber wie wahrscheinlich ist das? Wird man in Polen oder der Tschechei angefeindet, weil man als Deutsche von dort stammt? Ist sie ĂŒberhaupt eine Deutsche (ihr Sicherheitsdenken, ihre Art von Besorgtheit scheint so etwas immerhin nahe zu legen)? Falls nicht, warum sonst sollte sie ihre frĂŒhere Begegnung mit dem Landstrich, welchem auch immer (der Text liefert ja nur spĂ€rliche Anhaltspunkte) verheimlichen?

Schließlich frage ich mich, ob der fette Bursche neben ihr „ihr Mann“ ist, dem man spĂ€ter im Haus begegnet oder ob der Dicke ein Lover vom Ort ist, den sie sich am Strand angelacht hat und der sauer ist, als er sie beim Aufwachen nicht mehr neben sich auf dem Handtuch findet und der deswegen nachts mit einigen Kumpels loszieht und Rabatz macht.

Mir ist diese Geschichte zu sehr verrĂ€tselt. Nachdem ich sie gelesen habe, bin ich auch nicht ganz frei von dem Argwohn, dass deine GeheimniskrĂ€merei womöglich nur ein eitler Mummenschanz ist, der Sinn und Tiefe vortĂ€uschen soll, obwohl da eigentlich nichts ist, und du dich womöglich ĂŒber die RĂ€tselfreunde amĂŒsierst, die sich ernsthaft mit deinem Text befassen.

LG,
Ofterdingen




__________________
Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug. J. P. Sartre

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