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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unterwasser
Eingestellt am 07. 06. 2001 23:51


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Der kleine Grauhai
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Unterwasser

Ich hatte sie 35 Jahre nicht mehr gesehen und nun saß sie da einfach so herum, direkt vor meiner Nase. Die Zeit war selbstverstĂ€ndlich stehen geblieben und sie strahlte mich an, sie war mein bester Freund, immer noch. So lange wartete ich jetzt schon auf diesen Augenblick und ich hatte geschworen nicht zu zerbrechen, nicht nach all diesen Jahren. „Ich liebe dich noch immer“, sagte ich.

Ich springe ins Wasser und lasse mich treiben. Nichts wird jemals mehr so sein wie es einmal war. Sonnenstrahlen gleiten ĂŒber meine Arme wĂ€hrend ich langsam versinke. Ich glaube, es war noch nie so ruhig und so blau, das Meer. Ich wußte garnicht wieviel verschiedene Blaus es geben kann. Aber wenn man langsam versinkt, scheint jeder Zentimeter Meer eine andere Farbe zu haben.

„Wie am allerersten Tag. Obwohl, vielleicht eher so wie am dritten, oder zwölften.“ Sie antwortete nicht. Ich hatte das deutliche GefĂŒhl in einem Roman von Marquez zu sitzen und eine TrĂ€ne rann meine Wange herunter. „Ich habe dich nie geliebt,“ schrie sie. Also, sie schrie nicht wirklich, sondern mehr insofern, als das sie immer schrie wenn sie redete.

Ich stelle mir vor ich bin ein Astronaut und garnicht auf der Erde. Stimmte ja auch irgendwie. Naja, ob nach oben oder nach unten ist ja eigentlich auch egal, letztlich. Ein kleiner gelber DrĂŒckfisch kommt und schubst mich. Ob er Ärger haben will? Nachdem ich ihn wĂŒst beschimpfe geht er beleidigt weg. Vielleicht holt er ja jetzt seine BrĂŒder. Aber ich will mich ja garnicht streiten. Nur weiter versinken, in Ruhe.

„Sag es mir, sag mir das du in all den Jahren jemanden getroffen hast, mit dem du mehr teiltest, der dir vertrauter war, der dich mehr geliebt hat und mit dem du dich so verstanden hast, wie mit mir. Sag es mir.“ Sie schwieg. „Was ist Liebe denn? Was ist es fĂŒr dich? NatĂŒrlich liebst du mich, du hast mich immer geliebt. Das was du suchst, gibt es nicht. Gott im Himmel! 35 Jahre!“ Die Frau, die ich unmerklich einfach immer weiter geliebt hatte saß mir gegenĂŒber und sah in den blauen Himmel. Der Wind strich ihr durchs Haar und wehte ansonsten nur doof in der Gegend herum. „Es tut mir leid,“ sagte sie. „Ich liebe dich nicht.“

Das Blau wird dunkler und mir sympathischer. Ich fand es immer schon interessanter einem Hai etwas nettes nachzusagen als einem politisch korrektem Delphin etwas böses. Ich sinke tiefer, aber es bleibt hell um mich – kleine Laternenfische werden mir sicher den Weg zum Grund leuchten, oder die kleine Sonne in meinem Herzen. Plötzlich tauchte vor mir ein ziemlich großer Blauhai auf und fĂŒhlte sich gestört. „Ach, leck mich doch am Arsch!!! Du dumme Sau!!!“ schrie er mich ganz fĂŒrchterlich an. Ich hatte das schon mal irgendwo gehört. Der Blauhai war auch ziemlich schnell nicht mehr so in Rage und wurde zutraulich. Und dieser Blauhai war auch wirklich ein ganz lieber. Er blieb sehr lange und half mir nach unten. „Sag mal, wohin willst du eigentlich?“, fragte er mich. „Nun, ich will nicht irgendwohin. Ich sinke. Das ist etwas anderes. Es hat nichts mit wollen oder mĂŒssen oder können zu tun. Es passiert.“ Der Blauhai war nicht zufrieden. Etwas in seinem Gesicht wies deutlich darauf hin. Ich glaube es hat damit zu tun das ich stumpfe Tiere ganz schrecklich finde. Tiere mĂŒssen schnittig sein. Vögel haben aufgrund ihrer SchnĂ€bel natĂŒrlich entscheidende Vorteile auf meiner Sympathie Skala, aber unter Wasser trifft man selten welche, außer kleine schwarze Raben. Also, hier unten ist der Hai sicher der schnittigste. Ihren Unmut bekunden Haie gegenĂŒber mir indem sie sich verstumpfen. Das kann sehr unangenehm sein und sieht auch echt scheiße aus. Dieser sehr liebe Blauhai wurde jedenfalls immer stumpfer bis er verloren hatte. EnttĂ€uscht sank ich tiefer und ließ den stumpfen Blauhai zurĂŒck in Höhen wo stumpfe Blauhaie nun mal stehenbleiben mĂŒssen. Ich aber ging weiter, langsam war nichts mehr zu sehen außer dem Licht der kleinen Laternenfische.

Sie war eigentlich noch immer genauso wunderschön wie frĂŒher, die Zeit hatte ihre ZĂŒge noch klarer, hĂ€rter gemacht. Ich war kein junger Mann mehr, wie damals, als wir unzertrennlich waren, mein Leben neigte sich langsam den Entscheidungen, mein Leben war meine Liebe zu ihr. Das war allerdings schon klar gewesen als ich ihr nach kurzer Zeit verfiel, also machte ich darum jetzt auch nicht allzu viel Brimborium. Sie stand jetzt auf, umarmte mich den UmstĂ€nden entsprechend herzlos und ging.

Es stimmt ĂŒbrigens nicht, daß ab gewissen Tiefen der Druck weh tut. Auch meinen ZĂ€hnen geht’s prima. Wenn man sich mal entschieden hat hier unter zu wohnen, oder von da kommt, tritt die allgemeine Meerjungfrauen-Verordnung in Kraft. Aber das die Meerjungfrauen erst herauskommen wenn man sich entschieden hat und das man dann auch noch reine Liebe vorweisen muß ist stark ĂŒbertrieben. Vielleicht ist es sogar genau andersherum. Jedenfalls ist alles gelogen, man kann ohne Probleme bis auf den Grund und weiter sinken ohne Schaden zu nehmen. Wenn ihr also das nĂ€chste Mal irgendso ein Tauchergefasel zu hören kriegt, zögert nicht sondern haut dem Hansi die Flossen vor den Kopf bis er seine alberne Taucherkrankheit bekommt oder ihm die FĂŒllungen aus den ZĂ€hnen fliegen. Aber bitte vorsichtig.

Ich blieb noch ein wenig sitzen, sah mir den Hafen an, die Schiffe die die MĂŒndung hinauf- oder herunterfuhren und die vielen Menschen, die im Staub und in der Hitze nervös hin und her sprangen. „Nun gut,“ dachte ich. „Es ist kein Vogel, das Leben. Kein Vogel, nicht mal ein kleiner.“

ZurĂŒck zu meinem Laternenfisch. Ein Witzbold hat meinen Beleuchterfreund eine Hellblaue Birne in die RĂŒckenflosse gedreht. Haha. Sehr lustig. Der Leuchteffekt ist ungefĂ€hr Null bis minus zwei. Trotzdem laß ich mich von inzwischen 12Millionen Tonnen WassersĂ€ule gemĂŒtlich weiter nach unter drĂŒcken. Eben kam eine Meerjungfrau vorbei und wollte mich becircen. Groß, stark, schön, intelligent und zuvorkommend war sie. Ich habe den Laternenfisch genommen und sie nach oben geprĂŒgelt. Und jetzt bin ich mir auch sicher: Das Leben ist ein Hai, ein niedlicher, lieber, weißer Hai.




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Willi Corsten
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Hallo, kleiner Grauhai

eine richtig gute Geschichte, witzig geschrieben und spannend noch dazu.
GefÀllt mir!
Liebe GrĂŒĂŸe
Willi

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Martin
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

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heute verteile ich nur Lob... mir gefÀllt Deine Geschichte auch...

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Der kleine Grauhai
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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danke ihr

2. Ist nett das mal wieder jemand auf meine Sachen reagiert... Liebe GrĂŒĂŸe vom kleinen Grauhai.
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Marc Mx
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2000

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Ich habe diesen Text sehr gerne gelesen und er hat mir wirklich gut gefallen. Nur: Eine Kurzgeschichte ist das nicht und letztlich kann ich auch irgendwie nichts damit anfangen. Es ist, wie wenn man ein Lied hört, gesungen in einer Sprache, die man nicht versteht. Aber die Melodie ist echt schön...
Viele GrĂŒĂŸe
MarcPlanet.de

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flammarion
Foren-Redakteur
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ja,

kleiner grauhai, deine geschichten haben ihre ganz eigene melodie. manchmal hart, manchmal melancholisch, aber immer sympathisch. kleiner hinweis am schluß: gar nicht wird gar nicht zusammengeschrieben. es sind echt zwei worte, gar und nicht, soviel wie ĂŒberhaut nicht. mit dieser eselsbrĂŒcke hab ich es mir damals gemerkt. ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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