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Leselupe.de > Kurzprosa
Unterwegs.
Eingestellt am 01. 03. 2007 15:35


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nisavi
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2006

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Der Service hatte endlich den Koffer gebracht. Ein Page setzte ihn mitten im Zimmer ab. Ein erbĂ€rmliches, zerkratztes und verbeultes UngetĂŒm. Ohne jede WĂŒrde. Von den Hotelaufklebern, die es einst geziert und in den GepĂ€ckadel erhoben hatten, waren nur noch einzelne Buchstaben zu erkennen. Schmuddelige Klebstoffflecken. Farbstreifen.

Wie hatte er es frĂŒher genossen, auf Tournee zu gehen. In der Weltgeschichte umherzureisen! Er liebte die großen StĂ€dte. Moskau, Paris, London, Rom. Aber auch die mondĂ€nen KurbĂ€der. Die Berge.

Mittlerweile jedoch waren ihm die stĂ€ndigen Ortswechsel lĂ€stig. Sie strengten ihn an. SchwĂ€chten ihn. WĂ€hrend der Auftritte hatte er oft das GefĂŒhl, die Kontrolle ĂŒber den eigenen geschundenen Körper zu verlieren. OhnmĂ€chtig zu werden. Es kostete ihn immer mehr MĂŒhe, seinen desolaten Zustand zu verbergen. Der Manager wohnte den Vorstellungen misstrauisch bei. Mitleidige Blicke ruhten auf ihm.

An den Bars der Metropolen, in den Nachtklubs und Kneipen traf er wieder und wieder die gleichen blassgesichtigen Menschen, die ihm mit monotonen Stimmen aus ihren Leben erzĂ€hlten. Stets unerfĂŒllte TrĂ€ume. SehnsĂŒchte. LĂŒgen. Nicht gelebte Leben. Vergeudete Zeit. Sie widerten ihn an.

Die Hotelzimmer waren steril und kĂŒhl. Das Surren der Klimaanlagen hinderte ihn am Einschlafen. Nachts erwachte er oft, weil andere GĂ€ste laut lĂ€rmend in den benachbarten RĂ€umen feierten. Telefone klingelten. Wenn er abnahm, hatten sich die Anrufer meist verwĂ€hlt.

Eigentlich war er jetzt mit den anderen im Restaurant zum Essen verabredet. Er hatte keinen Appetit, keine Lust auf belanglose GesprĂ€che. Er wollte auf dem Bett liegen bleiben, so, wie er war. Die Vergangenheit und den Koffer im Blick. VollstĂ€ndig bekleidet. TrĂ€ge und dunkel. Er legte vorsichtig ein Bein ĂŒber das andere. VerschrĂ€nkte die Arme unter dem Kopf. Schloss die Augen. Atmete.

Hinter dem Fenster war das Meer. Selbst im DĂ€mmerzustand wusste er, dass es nicht das richtige Meer war. Ebbe und Flut reichten nur von Rahmen zu Rahmen. Wenn er sich zu weit aus dem Fenster lehnte, wĂŒrde er nicht ins Watt oder ins Wasser, sondern aus einem beginnenden Traum fallen. Ein in HĂŒfthöhe vor das Fenster genageltes Brett musste ihn davor bewahren. Seltsame Vorsichtsmaßnahme, dachte er. Aber wirkungsvoll.

Ein blondes MĂ€dchen war bei ihm und redete sanft auf ihn ein. Sie zeigte ihm amtliche Dokumente. Sein Blick wanderte ĂŒber die verschwimmenden Siegel und Stempel. Suchend. Zweifelnd. Er faltete ein eng beschriebenes Blatt auseinander und erkannte die Handschrift seiner Frau. Nach rechts geneigte Buchstaben, schwungvoll miteinander verbunden. MĂŒhsam entzifferte er die Anrede, die ersten SĂ€tze. Sie waren vertraut und zĂ€rtlich. Anspannung wich Erleichterung. Einen Moment lang. Dann trug ihn die einsetzende Flut zurĂŒck.

Er erwachte. Ging ins Bad, duschte und entnahm anschließend dem Kofferungeheuer frische WĂ€sche. Er zog sich an. Auf dem Weg nach draußen warf er einen Blick in den Spiegel. Blass sah er aus. Die anderen wĂŒrden an der Bar auf ihn warten.

__________________
On a poet's lips I slept.
(P.B.Shelley)

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Kultakivi
Guest
Registriert: Not Yet



Hallo nisavi

routiniert geschrieben.Meiner Ansicht nach ist es dir gut gelungen, wesentliche Bestandteile eines ganzen "Lebenskosmos" quasi wie unter der Lupe in einem stark vergrösserten Ausschnitt zu prÀsentieren. Guter Text.

Gruss

Kultakivi

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