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Leselupe.de > Kurzprosa
Unterwegs
Eingestellt am 03. 10. 2004 12:05


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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

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Ich steige an einem kleinen Provinzbahnhof ein, auf dessen Bahnsteig sich zwar keine Vorsicht-Nicht-Übertreten-Linie, dafĂŒr aber ein HĂŒhnerstall befindet, und ich gehe so schief, als wĂŒrde ich ein halbmetergroßes Kind an der Hand oder einen Hund am Halsband fĂŒhren. In Wirklichkeit trage ich nur meinen Trecking-Rucksack.

Anscheinend steigt sonst niemand hier ein, zumindest nicht in dieses Abteil.
Es ist beinahe voll besetzt; kein Wunder: Je spĂ€ter der Sonntagnachmittag, desto mĂŒder die SonntagsausflĂŒgler, desto lohnender das Wochenendticket, desto voller die Regionalbahnen. Ich bin schon lange unterwegs, ich weiß das.

Ich finde noch einen freien Platz in einem Vierer-Sitz und wuchte meinen Ruckack in eine möglichst wenig den Durchgang blockierende Position.
GlĂŒck gehabt. Nur die beiden PlĂ€tze mir gegenĂŒber sind besetzt, ein betagtes PĂ€rchen, farblich aufeinander abgestimmt. Ihre Haarfarbe passt buchstĂ€blich haargenau zu seinem blĂ€ulichen Hemd.
Sie packt einen Apfel aus, Marke Schneewittchen. Weiß und rot. Akribisch genau schneidet sie mit einem kleinen Messerchen spiralförmige Apfelhaut vom hellen Fruchtfleisch.

Im Vierer nebenan sitzt ein frischvermehrtes PĂ€rchen in Birkenstocks.
Vater, Mutter und zwei Kinder. Unter dem Sitz versteckt sich sicher auch irgendwo ein Hund oder zumindest ein Barbiepferd.
"Will auch Apfel", sagt das grĂ¶ĂŸere der beiden MĂ€dchen und zeigt mit dem Finger auf die blauhaarige Frau gegenĂŒber.
"Die Mama hat jetzt aber keinen Apfel. In einer Stunde sind wir zuhause, dann kannst du Apfel essen."
"Mammawielangdauerteinestundenoch?"
Das MÀdchen zupft an Mamas NaturfaserÀrmel.
"Mamma."
"Mamma!"
Die Mutter seufzt.
"Ein bisschen kĂŒrzer als die Hinfahrt. Wir fahren immer eine Stunde und eine Viertelstunde lang zur Oma. Dauert also gar nicht mehr lange."
"Maaaaaamma!?"
"Was ist denn?"
"Willaberjetzapfel!"
sagt das kleine MĂ€dchen und rutscht halb von ihrem Sitz, um mit einer theatralischen Geste mit dem Fuß aufstampfen zu können.
"Setzt dich sofort wieder hin. Du weckst die Tini. Und den Papa."
"Willaber."
Stampf.
Das MĂ€dchen knottert weiter vor sich hin, aber leiser. Die Mutter wirft verstohlene Blicke in Richtung des Rentnerpaares, hoffte wohl auf verstĂ€ndnisvolle, weise Menschen, die ihren Apfel gerne teilen wollen. Ich glaube nicht, dass die beiden ĂŒberhaupt etwas von dem Drama mitkriegen. Wenn man alt ist, kommuniziert man anders, jedenfalls dann, wenn man lange genug zusammen ist, um den Punkt des Schweigens und der Bettentrennung ĂŒberwunden hat.
Die beiden sehen so aus. Seine faltige Hand liegt auf ihrem Bein. Ihre Blicke sind parallel aus dem Fenster gerichtet.
"Dann hast du eben Pech gehabt!"
Der Mamma gehen die Argumente aus.
"Schneid dir lieber eine Scheibe von deiner Schwester ab. Guck mal wie ruhig die schlÀft."
Schweigen. Das MÀdchen knibbelt an den FingernÀgeln. Schaut die Schwester an.
"Mamma?"
"Was ist denn?"
Wenn sie sich MĂŒhe gibt, freundlich zu ihrem Kind zu sein, dann wohl vergebens.
"Mamma, wenn du Wurst kaufst, heißt das dann Aufschnitt, weil man vom Schwein eine Scheibe abschneidet?"
Ich pruste heraus, obwohl ich mich bemĂŒhe, das Lachen zu unterdrĂŒcken. Nicht schlecht, die Kleine. HĂ€tte ich ein Messer, wĂŒrde ich es ihr geben. Ich sehe schon die BILD-Schlagzeile:
"Mutter von Kind in Scheiben geschnitten."
Ein giftiger Blick trifft mich. Ich verstumme, ebenso wie das MĂ€dchen.

Die Masse draußen ist grau. Grauer Himmel, graue Landschaft. Noch nicht mal Regentropfen bleiben an der Scheibe kleben, so dass das Auge irgendeinen Anker hĂ€tte. Nichts.
FrĂŒher reiste man, um sich zu bilden. Schreib Briefromane. Wurde reif durchs Reisen und bekam Hornhaut fĂŒrs Leben in den rumpeligen ZĂŒgen und Kutschen.
Meine Augen fallen mir beinahe zu. Die schwarzen Flecken ĂŒberlagern das Grau immer lĂ€nger.

Egal was man lange ansieht: Irgendwann ist man es satt. dann wandelt sich der Blick zu dem, mit dem man die Welt sieht, wenn man morgens zur Arbeit fÀhrt, den gleichen Weg wie gestern und vorgestern und morgen, oder zu dem, mit dem man ein Bild betrachtet, dass schon jahrelang an der gleichen Stelle im Haus hÀngt. Oder der, mit dem man, wenn man Pech hat, seine Freundin morgens ansieht, kaum dass man mehr als ein paar lÀppische Monate zusammen ist. Egal, was man lange ansieht. Irgendwann sieht man es nicht mehr.
In Versuchen haben sie Leuten das ganze Blickfeld mit einer Farbe ausgefĂŒllt.
Nach ein paar Minuten verschwindet sie. Dann ist nur noch Grau ĂŒbrig.
Und Nebel, wie hier draußen.

Es kam irgendwann, in der Stadt. Ich war essen gewesen, in irgendeiner dieser Suppen- oder Sandwich-Bars, in denen man sich in der Mittagspause schnell hinter streifenfreies Fensterglas setzt, wie eine Schaufensterpuppe, sein Tablett auf das 20cm breite Board stellt und nach höchstens 10 Minuten wieder verschwindet, weil die Leute hinter einem schon Schlange stehen.
An diesem Tag saß ich dort, schaute nach draußen und mir wurde bewusst, dass ich nichts mehr sah.

Irgendwann wird es dunkel draußen. Die alte Frau packt eine Tupperdose aus, die bis obenhin mit Keksen gefĂŒllt ist, hĂ€lt sie ihrem Mann hin. Dann mir. LĂ€chelt. Streckt ihren alten Arm in den Mittelgang und grinst das MĂ€dchen an.
Im Zug geht das Licht an. Man sieht kaum noch durch die Scheiben nach draußen, weil sich das Innere des Zuges nun spiegelt.
Am Horizont eine Postkutsche. Vielleicht eine Wolke.
"NÀchster Halt, Köln Hauptbahnhof. Dieser Zug endet dort."



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Gabriele
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Hallo Ingwer,
mir gefÀllt der Stil, mit dem Du Szenen und Menschen beschreibst, sehr gut. Manche SÀtze finde ich besonders treffend, z.B.:
"frischvermehrtes PĂ€rchen in Birkenstocks.
Vater, Mutter und zwei Kinder. Unter dem Sitz versteckt sich sicher auch irgendwo ein Hund oder zumindest ein Barbiepferd."
oder:
"Wenn man alt ist, kommuniziert man anders, jedenfalls dann, wenn man lange genug zusammen ist, um den Punkt des Schweigens und der Bettentrennung ĂŒberwunden hat."

Folgende Stelle war fĂŒr mich anfangs verwirrend:
"Er kam irgendwann, in der Stadt. Ich war essen gewesen, in irgendeiner dieser Suppen- oder Sandwich-Bars, in denen man sich in der Mittagspause schnell hinter streifenfreies Fensterglas setzt, wie eine Schaufensterpuppe, sein Tablett auf das 20cm breite Board stellt und nach höchstens 10 Minuten wieder verschwindet, weil die Leute hinter einem schon Schlange stehen.
An diesem Tag saß ich dort, schaute nach draußen und mir wurde bewusst, dass ich nichts mehr sah."

Erst nach mehrmaligem Lesen wurde mir klar, dass "er" der Moment ist, in dem der/die Prot. merkt, dass er/sie die vertrauten Dinge nicht mehr richtig wahrnimmt. Vielleicht kannst Du das noch klarer formulieren?
Sonst ein recht gelungener Text, finde ich.
Lieben Gruß
Gabriele

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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

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Liebe Gabriele,

ich danke dir fĂŒr deine Auseinandersetzung mit meinem Text und fĂŒr dein Lob. Und muss ein MissverstĂ€ndnis aufklĂ€ren:
ER ist ein Tippfehler und heißt eigentlich ES.
Tschuldigung

Herzliche GrĂŒĂŸe von
Ingwer

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Denschie
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ingwer,
eine sehr schön erzÀhlte Geschichte.
Anfangs irritierte mich die sehr amĂŒsante Beschreibung
der Szene im Zug im Gegensatz zu dem ernsten Thema des
"nicht mehr sehen können".
Jetzt habe ich den Text ein zweites Mal gelesen
und merke, wie stimmig die beiden Teile sich lesen
lassen, wenn man sich auf deinen Gedankengang einlÀsst.
Mir gefÀllt es.
Gruß,
Denschie

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