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Leselupe.de > Humor und Satire
Unterwegs
Eingestellt am 06. 03. 2006 22:08


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Raniero
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Unterwegs

Kurt Leise, der routinierte Fahrschullehrer, gab sich gelassen, an diesem Donnerstag, dem ĂŒblichen Wochentag, an dem in seinem Bezirk die FahrprĂŒfungen stattfanden. FĂŒr diesen Tag hatte er nur einen Kandidaten angemeldet, zur PrĂŒfungsfahrt, und aus seiner Sicht gab es keinen Grund zur ĂŒbertriebenen NervositĂ€t.
Sein SchĂŒtzling, ein junger Mann von achtzehn Jahren, hatte mehr als die durchschnittlich erforderliche Anzahl an Fahrstunden absolviert und bewegte sich fast schon wie ein alter Hase durch den Straßenverkehr.
Aufgrund seiner langjĂ€hrigen TĂ€tigkeit kannte Kurt alle FahrprĂŒfungsberechtigten, die in seinem Revier zustĂ€ndig waren und in Frage kommen konnten, und darĂŒber hinaus waren ihm gerade deswegen, was noch wichtiger war, fĂŒr seine SchĂŒler wie auch fĂŒr das Image seiner Fahrschule, alle lieben Angewohnheiten und Marotten dieser edlen Experten gegenwĂ€rtig.
Infolgedessen konnte er, sobald der Name des PrĂŒfers feststand, in der Regel zwei bis drei Tage vor den PrĂŒfungsfahrten, all seine FahrschĂŒler in gezielter Weise ‚einspielen‘, wie er es nannte, auf die gestrengen HĂŒter der FĂŒhrerscheine und ihre PrĂ€ferenzen.
So auch in diesem Fall.
„Der PrĂŒfer, der morgen kommt“ ,versuchte er am Vorabend seinem einzigen PrĂŒfling ein wenig die Angst zu nehmen, „den kenne ich schon seit Urzeiten. Ein freundlicher alter Herr, nicht allzu streng in seiner Beurteilung; er lĂ€sst durchaus auch schon einmal ‚ne fĂŒnf gerade sein. Eine Besonderheit hat er freilich“, gab Kurt seinem SchĂŒler noch als Tipp mit auf den Weg, „ er hat es mit den Spiegeln! Vergiss auf keinen Fall, oft genug in die RĂŒckspiegel zu schauen, vor der Fahrt und auch wĂ€hrend der Fahrt. Darauf legt er gesteigerten Wert. Wenn du das beachtest, hast du schon zur HĂ€lfte gewonnen.“

Sie warteten gemeinsam an der verabredeten Stelle, vor dem Straßenverkehrsamt, der Fahrlehrer mit seinem doch recht nervösen SchĂŒtzling.
Zuvor hatte Kurt, wie er es immer tat und die Regeln es verlangten, vor einer PrĂŒfungsfahrt, am Fahrzeug die Schilder, die auf eine Fahrschule hinwiesen, abmontiert.
Die TĂŒr des stĂ€dtischen GebĂ€udes öffnete sich, und heraus trat nicht der freundliche Ă€ltere Herr, den sie erwartet hatten, sondern ein Mann Mitte dreißig mit einem schwarzen Vollbart; er kam geradewegs auf sie zu.
Herr Leise, vermute ich,“ sprach er Kurt an, „und das ist unser PrĂŒfling fĂŒr heute,
Herr ...?“
„Ludewig, Knut Ludewig,“ ergĂ€nzte stotternd der FahrschĂŒler.
„Mein Name ist Kötter“, stellte sich der BĂ€rtige vor, „ich vertrete Herrn Klucke, meinen Kollegen. Er ist leider verhindert, er ist erkrankt, nichts Ernstliches“.
Ein unangenehmes GefĂŒhl beschlich den Fahrlehrer und in noch viel höherem Maße seinen SchĂŒler.
‚Verdammt‘, dachten beide unisono, ‚musste der alte Knabe ausgerechnet heute ausfallen!‘
Diesen Vollbart hatte Kurt noch nie gesehen, folglich konnte er ĂŒber dessen Marotten, falls er sie denn hĂ€tte, keine Angaben machen.

Er sollte sie aber recht bald kennen lernen, diese Marotten.
Sie nahmen Platz im Auto, ganz in der Ordnung, wie es sich fĂŒr eine PrĂŒfungsfahrt gehört; der PrĂŒfling mit feuchten HĂ€nden am Steuer, der PrĂŒfer frohgemut im Fond und der Fahrlehrer mit leichtem Bauchkribbeln auf dem Beifahrersitz.
Bevor der PrĂŒfer das Startsignal fĂŒr die Fahrt gab, zog er eine Musikkassette aus seiner Jackentasche und ĂŒberreichte sie dem verdutzten Fahrlehrer:
„Ich sehe, Sie haben ein AbspielgerĂ€t in Ihrem Wagen. Sehr vernĂŒnftig. Legen Sie diese Kassette bitte einmal ein! Auf diesem Band ist eine phantastische Musik, mĂŒssen Sie wissen, gerade das Richtige, um einem FĂŒhrerscheinkandidaten komplett die Anspannung zu nehmen. Es fĂ€hrt sich damit einfach leichter. Diese Methode beruht auf Erkenntnissen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten; dort hat man verblĂŒffende Ergebnisse damit erzielt, in diesem WĂŒstenstaat.“

Kurt hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Gedanken darĂŒber gemacht, wie man in den Vereinigten Arabischen Emiraten einen FĂŒhrerschein erwirbt, er wusste nicht einmal, ob es dort ĂŒberhaupt Fahrschulen gab, in der WĂŒste.
Auch waren ihm musikalische Berieselungen wĂ€hrend einer PrĂŒfungsfahrt und deren therapeutische Wirkungen bisher verborgen geblieben.
‚Was soll‘s“ , dachte er sich, „man kann ja nicht alles wissen“. Einer seiner LieblingssĂ€tze kam ihm in den Sinn, den ihm sein Vater vererbt hatte:
‚Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu.‘

Mit einem verstohlenen Blick zum PrĂŒfling legte er die Kassette ein.
Aus dem Autoradio ertönte eine marschĂ€hnliche Musik mit einem originellen Text, gesungen von einem Frauenchor, dessen stimmliche QualitĂ€ten wohl schon einmal bessere Zeiten erlebt hatten: „Auf dem Wege nach Aschaffenburg, Aschaffenburg, am Main“ begann der bezaubernde Text, „da brachen alle Affen durch, und das war gar nicht fein.“
Kurt wagte es nicht, zu seinem SchĂŒler hinĂŒber zu schauen, und auch dieser vermied den direkten Blick. Beide starrten geradeaus, wĂ€hrend sich die Farben ihrer Gesichter verfĂ€rbten, zu einem Rot, das einem Mediziner Angst eingejagt hĂ€tte.
Krampfhaft bemĂŒhten sich Fahrlehrer und SchĂŒler, nicht loszuplatzen, vor Lachen.
Aus dem Radio erklang die Wiederholung der ersten Zeilen, die offensichtlich den Refrain zu diesem orientalischen Beruhigungswunder darstellten.

Aus dem Hintergrund des Autos erklang das Startsignal.
Mit nervöser Hand betĂ€tigte der PrĂŒfling den ZĂŒndschlĂŒssel und startete den Wagen; sodann blickte er, wie sein Lehrer es ihm eingeschĂ€rft hatte - wenn auch fĂŒr die Marotten des alten PrĂŒfers, aber es konnte ja nicht schaden - mehrfach in beide RĂŒckspiegel, und schon schoss der Wagen los, mit einer ruckartigen Bewegung, die Fahrlehrer und PrĂŒfer wie bei einem Formel Eins Start in die Sitze drĂŒckten
„Nur Geduld, junger Mann“, erklang es von hinten, „es reicht schon, wenn die Affen durchbrennen, wir mĂŒssen das nicht nachahmen!“
Nachdem es dem jungen PrĂŒfling so einigermaßen gelungen war, den Wagen unter Kontrolle zu bringen, klang das Lied der durchgebrannten Affen aus.
WĂ€hrend Kurt noch darĂŒber sinnierte, was als nĂ€chstes in den Vereinigten Emiraten hoch im Kurs stand, ertönte das gleiche Lied von neuem aus den Lautsprechern.
„Das kann doch wohl nicht wahr sein“, dachte Kurt, der Fahrlehrer, „was haben wir uns denn da fĂŒr einen eingefangen? Der hat doch wohl nen Knall!“
Dem PrĂŒfer mussten die BestĂŒrzung und die Sprachlosigkeit des Fahrlehrers aufgefallen sein:
„Da staunen Sie aber, was? Immer das gleiche Lied! Auf der Kassette ist nur dieses eine Lied, eine Rundumeinspielung als Durchlaufband. Hier ist Psychologie im Spiel, reine Psychologie. Damit hĂ€tten Sie nicht gerechnet, was?“
„Die nĂ€chste rechts bitte!“ erging die Aufforderung an den entnervten PrĂŒfling.

Dem Fahrlehrer wollte nicht so ganz einleuchten, was es mit Psychologie zu tun hatte, die Affen auf einer Rundumschleife nach Aschaffenburg zu jagen, und das wĂ€hrend einer FahrprĂŒfung. Aber bitte sehr, er war ja nicht der Experte, der Seelenheiler, und er war schließlich auch noch nicht in den Emiraten gewesen. So fuhren sie denn weiter, mit den Aschaffenburger Affen im GepĂ€ck.
Nachdem sie so eine gute halbe Stunde geradeaus gefahren waren, weil seit diesem Zeitpunkt keine weitere Weisung aus dem Fond des Wagens an den Lenker ergangen war, blickte der Fahrlehrer in den RĂŒckspiegel an der Beifahrerseite.
Was er zu sehen bekam, hÀtte ihn vor Schreck fast zu einer Vollbremsung veranlasst, mit dem Reservebremspedal.
Der bĂ€rtige PrĂŒfer dirigierte mit beiden HĂ€nden, so schien es, eine unsichtbare Musikkapelle, genau im Marschtakt des Aschaffenburgliedes; hierbei trug er einen Gesichtsausdruck zur Schau, als stĂŒnde er vor den New Yorker Philharmonikern, und seine Lippen formten unhörbar jede einzelne Zeile des schönen Liedes mit.
Der Fahrlehrer wandte vorsichtig den Kopf nach hinten, um den PrĂŒfer in die Welt des Alltages zurĂŒck zu zuholen, als er plötzlich bemerkte, dass sie von einem Streifenwagen der Polizei ĂŒberholt wurden.
Der Polizeiwagen setzte sich direkt vor das Fahrschulauto und verlangsamte die Fahrt; unmittelbar darauf wurde aus dem rechten Seitenfenster eine rote Kelle herausgehalten.
Das Polizeifahrzeug kam sanft zum Stehen, wĂ€hrend der folgende Wagen dieses mit einem Ruck tat, wobei er fast die Stoßstange des vorderen berĂŒhrte.
Zwei Polizeibeamte stiegen aus, setzten ihre DienstmĂŒtzen auf und kamen auf das Auto von Kurt zu.
Die Affen von Aschaffenburg waren immer noch auf Tour.
Mit zitternden HĂ€nden drehte der Fahrer die Fensterscheibe herunter.
„Ihren FĂŒhrerschein, bitte!“ ertönte es ihm im Befehlston entgegen.
„Ich habe keinen FĂŒhrerschein, noch nicht“, klang es kleinlaut vom Fahrersitz.
„Er hat noch keinen FĂŒhrerschein“, mischte Kurt sich ein, „er macht ihn gerade. Wir sind auf der PrĂŒfungsfahrt.“
„Soso, auf einer PrĂŒfungsfahrt“ entgegnete der Polizeibeamte in einem Tonfall, mit dem man Personen behandelt, die man fĂŒr nicht richtig im Kopf hĂ€lt. „Das sehen wir, das sehen wir genau! Und das da hinten im Wagen ist bestimmt der FahrprĂŒfer?“ wies er auf den bĂ€rtigen Taktstockzauberer, der mittlerweile sein Dirigat lautstark stimmlich begleitete.
„Zeigen Sie mal Ihren FĂŒhrerschein!“ fuhr der zweite Polizist, der sich an der Beifahrerseite postiert hatte, den Fahrschullehrer an.
Ohne zu zögern, zog Kurt das Dokument aus der Tasche und ĂŒbergab es dem OrdnungshĂŒter.
„Das ist kein FĂŒhrerschein, das ist nur eine Fahrlehrerlizenz! Das reicht nicht. Ich brauche Ihren FĂŒhrerschein!“
Au Backe. Kurt wĂŒhlte in all seinen Taschen, wurde aber nicht pfĂŒndig.
Wie sollte er auch, denn einen FĂŒhrerschein hatte er so gut wie nie dabei, denn er war ja Fahrlehrer und hatte ein Auto, auf dem diese Tatsache auch noch schwarz auf weiß vermerkt war, in dicken Lettern, außer bei PrĂŒfungsfahrten.
Einen FĂŒhrerschein hatte er schon seit ewigen Zeiten nicht mehr vorweisen mĂŒssen.
„Und Sie, lieber Freund, Ihren FĂŒhrerschein, bitte“, wandte sich der erste Polizist behutsam an den Mann im Fond, nachdem er den Fahrer zuvor angewiesen hatte, den Affen aus Aschaffenburg eine Pause zu gönnen. „Wissen Sie, lieber Mann, das ist so eine kleine Karte mit ganz vielen Zahlen darauf:“
Der Herr der Fahrlizenzen wurde wĂŒtend, aufgrund dieser Frage oder weil die Musik nicht mehr zu hören war, das ließ sich nicht genau erkennen.
„Was erlauben Sie sich? Ich habe mehr FĂŒhrerscheine ausgestellt, in meiner Laufbahn, als Sie einkassiert haben. Ich bin schließlich PrĂŒfingenieur!“
Voller Wut hielt er dem Beamten seine Lizenz unter die Nase, die Lizenz zum PrĂŒfen.
„Das ist auch kein FĂŒhrerschein, mein Herr!“ knurrte der Polizist, nachdem er das Dokument studiert hatte, „Jetzt habe ich es aber satt! Alle aussteigen, sofort!“

Unmittelbar darauf fanden sich alle drei, der FahrschĂŒler, der PrĂŒfer und Kurt Leise, der Fahrlehrer, im gerĂ€umigen Polizeiwagen wieder.
WĂ€hrend einer der Beamten sie nacheinander in ein kleines Röhrchen pusten ließ, benachrichtigte sein Kollege ĂŒber Funk ihre Dienststelle.
„Hört mal, Kollegen, wir haben hier ein merkwĂŒrdiges Fahrzeug festgesetzt, mit drei bunten Vögeln; sie behaupten, sie seien auf einer FahrprĂŒfungsfahrt, haha. Keiner von den BrĂŒdern hat ‚nen Lappen, aber sie sind auf PrĂŒfungsfahrt, hahaha!“
Aus dem FunkgerĂ€t erklang ĂŒberdeutlich, dass die Beamten auf der Dienststelle
teilnahmen, an der Heiterkeit ihrer Kollegen.
„Dann bringt sie mal auf die Wache!“ klang es, als sich alle Polizisten ausgelacht hatten, „wir werden hier mit ihnen eine PrĂŒfungsfahrt veranstalten, an die sie sich noch lange erinnern werden.“

Nachdem die beiden Beamten den Fahrschulwagen sichergestellt hatten, wurde alle drei ‚PrĂŒfungsfahrer‘ in Handschellen zur Polizeiwache gebracht.
Zum GlĂŒck konnte der Fahrlehrer von dort aus seine Ehefrau verstĂ€ndigen; mit einer Verzögerung von zwei Stunden brachte diese den FĂŒhrerschein Kurts zur Wache, nachdem sie ihn nach endloser Suche in einer uralten Jacke, die fĂŒr die Altkleidersammlung bestimmt war, aufgestöbert hatte.
Auch dem HĂŒter der FĂŒhrerscheine selbst konnte geholfen werden. Ein Anruf bei seiner Behörde brachte ans Licht, dass er tatsĂ€chlich der PrĂŒfingenieur war, fĂŒr den er sich ausgegeben hatte, wenn es auch alle Polizeibeamten, und nicht nur diese, kaum glauben wollten. Er besaß auch eine Fahrerlaubnis, aber von der machte er so gut wie nie Gebrauch.
„Isch abe gar kein Auto“, erklĂ€rte er den verdutzten Polizisten mit einem hinreißenden Augenaufschlag.
Noch auf der Wache stellte der PrĂŒfer sodann dem PrĂŒfling den ersehnten FĂŒhrerschein aus, unter den Jubelrufen der gesamten Wachenbesetzung. Dieses Dokument hatte er sich nach Meinung aller redlich verdient.
FĂŒr den ehemaligen FahrschĂŒler wie auch fĂŒr seinen Fahrlehrer hatte denn auch der gesamte Zwischenfall keine weiteren Konsequenzen, außer der, dass Kurt Leise in Windeseile das Radio samt Kassettenrekorder aus seinem Wagen ausbaute.
Gegen den musikalischen PrĂŒfingenieur jedoch wurde von seiner Dienststelle eine drastische Maßnahme verhĂ€ngt:
FĂŒr die Dauer eines Jahres durfte er nur noch Fahrberechtigungen in erheblich reduzierter Form erteilen.
In dieser Zeit stellte er nur FĂŒhrerscheine fĂŒr eine einzige Art von Fahrzeugen aus: fĂŒr Dampfwalzen.

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Marius Speermann
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Dein Stil & meine Analyse

Diese Geschichte sehe ich als eine der besseren, die ich von Dir bisher gelesen habe. Auch wenn ich nicht ein allzu grosser Freund Deines Stils bin (meine rein persönliche Meinung - bitte nicht zu persönlich nehmen), so ist das fĂŒr diesen Fall mal ganz gut.

Die Szene ist absurd, der Plot selbst gut.

Allerdings glaube ich auch identifiziert zu haben, warum ich Deinen Stil nicht so mag:
1) oft relativ lange SĂ€tze. Das ist gerade in humoristischen Geschichten oft zu anstrengend. Das muss leicht und locker sein, sich also in relativ kurzen SĂ€tzen ausdrĂŒcken (wenn der lange Satz nicht gerade - und selbst das sparsam - als humoristisches Mittel eingesetzt wird)

2) Vorherrschen von Szenariobeschreibungen: Du legst of mehr Wert auf die Beschreibung der Umgebung und des Hintergrundes, als auf die eigentliche Handlung. Dadurch werden (wiederum meine Meinung) die Geschichten unnötig lang und fad.

3) Gerade bei der Szene mit dem Fahrlehrer und den nachfolgend auftauchenden Polizisten wÀre mehr Dialog und Slapstick der Geschichte zutrÀglich, da lÀsst Du einiges an Potential brachliegen.

4) Ein, zwei Geschichten in diesem Stil ist ja schon gut. Wenn ich mir aber vorstelle, dass ich ein ganzes Buch in dieser Form (mit 20-40 Geschichten) lesen muss, dann fielen mir wohl schnell die Augen zu, weil der Stil zu monoton wird. Da wĂŒrde ich mal probieren, eine Geschichte als reinen Dialog zu gestalten. Oder aus der Sicht einer Person mit persönlicher Meinung. Du wirkst hier immer sehr distanziert, als Betrachter von aussen.

5) Charaktere: in jeder Geschichte tauchen irgendwie andere Charaktere auf. Es gibt keine wiederkehrende Personen. Damit musst Du jedesmal relativ aufwendig dem Leser die Protagonisten erst wieder vorstellen, was als Humorbremse wirkt. Wenn Du Dich mehr auf einige Personen konzentrierst und so einen ganzen Mikrokosmos schaffst, dann werden meines Erachtens Deine Geschichten auch viel runder. Man merkt sehr stark, dass Du die Personen neu zeichnest und vielleicht sogar jemand im Hinterkopf hast, wer da als Vorbild steht.

Ich finde z.B. die frischen Geschichten von Sweetchily oder Leseratte (um nur ein paar der letzten neugeposteten Geschichten zu erwĂ€hnen) deshalb auch so bezaubernd, weil sie ihren Charakteren treubleiben und (vermutlich) sich selbst und ihre Eltern beschreiben. Da ist Farbe in den Akteuren. Diese Farbe ist bei Deinen Charakteren nicht drin, sie sind wenig lebendig, wirken hohl. Man weiss nicht, wie sie eigentlich leben, wofĂŒr sie stehen, auch wenn Du viele SĂ€tze damit verbringst, gerade das zu tun. Oft sagt ein Satz des Protagonisten mehr ĂŒber ihn aus, als eine Beschreibung seines Äusseren.

Irgendwo habe ich gelesen, dass Deine Charaktere nur dann glaubwĂŒrdig auf den Leser wirken, wenn Du von ihnen sogar weisst, wieviel Geld sie im Hosensack haben.

Nur meine Meinung...

Marius
__________________
Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor fĂŒr Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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Raniero
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Hallo Marius,

mit uns beiden verhĂ€lt es sich ein wenig wie mit den berĂŒhmten zwei Königskindern; sie konnten zueinander nicht kommen.
Diese Story, die Du zu meinen besseren zĂ€hlst, habe ich seinerzeit eher als VerlegenheitsĂŒbung betrachtet, um den schenkelklopfenden Humor damit zu bedienen, und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich diese Story in meinem nĂ€chsten Buch verwende.
In der Tat habe ich zwar damit bei Lesungen Lacherfolge erzielt, wie auch mit der ebenfalls gestern ins Forum gestellten Story ‚Nachwuchssorgen’, doch eigentlich stellt diese Art, zu schreiben, fĂŒr mich mehr einen Nebeneffekt dar und wird es auch wohl bleiben. Insofern gebe ich Dir Recht, dass ein komplettes Buch mit solcherart Geschichten wohl ĂŒbersĂ€ttigt, zu viel des Guten, wĂ€re.
Nein, es ist der absurde, aberwitzig hintergrĂŒndige Humor, wie ich ihn beispielsweise in meiner Story ‚In the year 2050’ – eine Geschichte, die Dir nicht so gefallen hat – dargestellt habe, der mir persönlich mehr liegt. Man kann bei dieser Story zwar anfragen, wie Du es seinerzeit ansprachst, warum der Richter als Realist bei der VerĂ€nderung des Display nicht sofort auf einen technischen Defekt schließen konnte, aber darum handelt es sich hierbei nicht, sondern vielmehr um das surreal-komische an der Situation.
In diesem Zusammenhang könnte man auch getrost hinterfragen, wo, auf diesem Erdenrund, ein FahrprĂŒfer existiert, wie ich ihn in der letzten Story geschildert habe, aber das, und nur das eben ist es, was mich an solchen Situationen, die durchaus alltĂ€glich beginnen und dann einen Verlauf ins Aberwitzige nehmen, reizt.
Ebenso verhĂ€lt es sich meiner Meinung nach mit meiner Story ‚Der Jogger’, die ich in
der Lupe seinerzeit unter Humor und Satire gepostet hatte; mit dieser Geschichte konnte man auch nicht viel anfangen und hat sie sogar in den Bereich ErzÀhlungen verschoben, obwohl ich an anderer Stelle wiederum gute Erfolge damit verzeichnen konnte.
Ich könnte noch eine Reihe von Beispielen aufzĂ€hlen, welche darlegen, dass die Bandbreite sowie das VerstĂ€ndnis fĂŒr Humor und Satire sehr, sehr weit gefĂ€chert sind.
Gleichwohl danke ich Dir dafĂŒr, dass Du Dich mit meinem Beitrag so ausgiebig auseinandergesetzt hast.
Nichts fĂŒr ungut.


Gruß Raniero


PS
Ich lese sehr viel und könnte Dir einmal, wenn Du sie nicht schon kennst, die LektĂŒre von Luigi Malerba empfehlen. Nur Nonsens, aber köstlich.

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flammarion
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eine

nette schmunzelgeschichte.
kleiner schnitzer: er wurde pfĂŒndig. das bedeutet, er nahm an gewicht zu. in wahrheit aber findet er seinen fĂŒhrerschein nicht. muss also fĂŒndig heißen.
fĂŒhrerschein fĂŒr dampfwalzen? ich glaube, der heißt Bedienungsberechtigungsschein.
lg
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Old Icke

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Raniero
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Hallo flammarion,

danke fĂŒr den Tip mit der Korrektur 'fĂŒndig'. Habe ich glatt ĂŒbersehen.Sag mal, Du kennst Dich aber gut mit Dampfwalzen aus, fĂ€hrst Du etwa eine,in Deiner Freizeit?

Gruß Raniero

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flammarion
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nee,

du, ick bin eene.
spaß beiseite: eine dampfwalze ist ein arbeitsmittel, daher wahrscheinlich kein fĂŒhrerschein, sondern eher bedienungsberechtigungsschein. hatte mal einen solchen fĂŒr n lastenaufzug . . .
lg
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Old Icke

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