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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unvorstellbar
Eingestellt am 06. 11. 2010 14:24


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fynn
AutorenanwÀrter
Registriert: Dec 2006

Werke: 13
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Nennen wir die Frau einfach Frau Ypsilon, auch wenn es nicht das ist, was sie zu dem macht, was sie heute ist – eine Frau. Eine ganz beliebige Frau, vorerst zumindest. Ihr Mann, Herr Ypsilon, hatte einst einen Namen, der zu einem großen mĂ€chtigen Mann gehörte, der die Welt ein StĂŒckchen verĂ€ndert hat. Leider ist Herr Ypsilon ziemlich klein und als Buchhalter einer Zehnmannfirma wohl eher bedeutungslos, so dass er bei seiner Heirat mit Frau Ypsilon dankbar ihren Namen annahm. Nur seine Mutter wirft ihm heute noch hin und wieder mangelnde GrĂ¶ĂŸe vor.
Das Kind Ypsilon zu nennen, hieße wohl die Beliebigkeit zu weit zu treiben und das besondere eines Kindes zu unterschlagen, deshalb nennen wir das kleine MĂ€dchen Anna.
Der Tag an dem die Geschichte ihren Lauf nimmt, könnte auch ein beliebiger Tag X sein, doch solche Daten tun einer Geschichte niemals gut, deshalb entscheiden wir uns fĂŒr den 11. Oktober 1997.

Ein sehr kalter Oktobermorgen, die Scheiben sind beschlagen von der WĂ€rme die innen durch den Schlaf und das kochende Teewasser entstanden sind. Gedankenverloren steht Frau Ypsilon in der KĂŒche, schmiert fĂŒr Anna ein paar Brote, packt fĂŒr ihren Mann ein Sandwich ein und fĂŒr sich eine TĂŒte mit Lebkuchen. NatĂŒrlich ist es viel zu frĂŒh fĂŒr Lebkuchen, aber Frau Ypsilon wartet schon so lange darauf, dass sie keine Sekunde gezögert hat, als sie das leckere GebĂ€ck im Regal stehen sah. Wie schön es doch ist, erwachsen zu sein. Ein bisschen mĂŒde geht sie in das Zimmer ihrer Tochter, weckt sie vorsichtig und genießt es, das schlaftrunkene Kind hochzuheben und in das heizungswarme Bad zu tragen. Dort beginnt die Morgenroutine mit waschen, ZĂ€hne putzen, anziehen, in die KĂŒche marschieren, Brotdose einpacken, Licht ausschalten, TĂŒr abschließen und wie ĂŒblich keine Sekunde zu frĂŒh zum Bus zu rennen. SpĂ€testens jetzt ist Anna hellwach und plappert bereits fröhlich auf ihre Mutter ein, die sich lieber in ihrem Bett sĂ€he als zehn vor acht auf dem Weg zum Kindergarten.
Da angekommen, zieht sie Anna wieder aus, wirft ihr drei LuftkĂŒsse zu, sagt der Erzieherin hallo und eilt wieder zur Haltestelle. Sie weiß, dass Anna morgens meist malt bevor alle gemeinsam frĂŒhstĂŒcken. Manchmal bekommt sie so ein Bild mit gelben, grĂŒnen und roten Tupfern die je nach Belieben Autos, HĂ€user, Schmetterlinge oder in seltenen FĂ€llen Menschen darstellen sollen. Dann lĂ€chelt Frau Ypsilon und sagt „Ah ja, ich sehe es.“
Noch immer ein bisschen lĂ€chelnd bei dem Gedanken daran, steigt sie in den nahenden Bus und fĂ€hrt ein StĂŒck zu ihrem kleinen Buchladen. Manchmal lachen sie und ihr Mann darĂŒber, dass ihrer beiden Berufe mit Buch beginnen und doch so wenig gemeinsam haben. Sie schließt den Laden auf, dreht vorsichtig die Heizung auf und stellt den Wasserkocher an. Heute ist sie die Erste und darf somit aussuchen welcher Tee getrunken wird. Zehn vor neun sind auch ihre drei Kollegen da, der Tag kann beginnen. Frau Ypsilon bedauert es oft, dass kaum jemand um Rat fragt. Oft scheinen die Menschen zielstrebig den Laden zu betreten, kaufen ein Buch oder einen Kalender und schon sind sie mit einem lĂ€ssigen „Auf Wiedersehen“ wieder draußen, obwohl sie genau weiß, dass es ein Wiedersehen erst beim nĂ€chsten nahenden Geburtstag gibt. Dabei hĂ€tte sie so viel zu erzĂ€hlen, Frau Ypsilon kennt fast alle BĂŒcher, die der Laden hergibt. Besonders mag sie KinderbĂŒcher und Krimis, sie findet beide haben etwas ungeheuer spannendes, wenn auch die KinderbĂŒcher etwas sanfter mit dem kleinen Leser umgehen.
Doch wieder vergeht ein Tag ohne dass jemand einen Rat haben möchte, lediglich ein paar einzelne Buchbestellungen auf Anfrage erledigt sie. Sonst schiebt sie die BĂŒcher hin und her, schmökert ein wenig und prĂ€gt sich den Dienstplan fĂŒr den nĂ€chsten Monat ein.
Als es endlich 16.00 Uhr wird, winkt Frau Ypsilon ihren Kollegen noch einmal zu, schnappt sich die TĂŒte mit den drei verbliebenen Lebkuchen und geht mit schnellem Schritt zur Haltestelle. Sie ist sich sicher, dass Anna schon auf sie wartet. Sie hatte ihr heute Morgen versprochen, etwas aus dem neuen Buch vorzulesen, das wo vorne auf dem Cover ein kleiner blauer Schmetterling zwischen drei Elefanten zu sehen ist. Anna liebt Schmetterlinge, Elefanten eigentlich auch, auch wenn diese eine gewisse LeichtfĂŒĂŸigkeit vermissen lassen.
In der Garderobe des Kindergartens stellt Frau Ypsilon fest, dass Annas Jacke bereits nicht mehr am Haken hĂ€ngt, das Schuhfach ist auch leer. Frau Ypsilon freut sich fĂŒr Anna, bestimmt hat sie ihr Mann abgeholt, weil er frĂŒher gehen konnte. Anna mag diese Papatage und findet es gibt sie viel zu selten. Ein bisschen Ă€rgert sich Frau Ypsilon schon, dass er nicht Bescheid gesagt hat, sie hĂ€tte sich den Umweg sparen können.
Sie steckt den Kopf in die TĂŒr des Gruppenzimmers von Anna und fragt halblaut „Anna schon weg?“ obwohl sie die Antwort eigentlich kennt. Die Erzieherin, Frau Zett antwortet ihr verwundert: „Ja ihre Mutter hat sie vor einer halben Stunde abgeholt, aber ich wĂŒsste nicht was sie das angeht, wer sind sie denn?“. Frau Ypsilon die eine Frage stellte und meinte die Antwort zu kennen, befand sich bereits auf dem RĂŒckzug, als plötzlich diese Antwort an ihr Ohr drang. Erstarrt blieb sie stehen. Es schien unmöglich, was sie eben gehört hatte. Sie ging wieder einen Schritt in das Zimmer und schaute sich die Erzieherin genau an. Das war eindeutig Frau Zett, Frau Zett, die sie seit zwei Jahren kannte. Diese musterte Frau Ypsilon wie man eben eine fremde unbekannte Person mustert. Dann fragte sie „Ist noch was?“ Frau Ypsilon merkte, wie sie begann zu schwitzen. Sie wurde rot und fragte noch einmal „Anna schon weg? Meine Anna?“ Frau Zett wurde etwas ungeduldig und sagte „Wieso ihre Anna? Wer sind sie? Hier gibt es keine Anna mehr.“

Wenn wir sie Frau Ypsilon nennen, obwohl das es nun gerade nicht ist, das sie zum dem gemacht hat, was sie ist: eine Frau, dann wird ihnen sicher die Beliebigkeit der Namen bewusst. Es könnte auch ihrer sein.

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