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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Unzeit
Eingestellt am 16. 10. 2003 14:10


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Lavendar
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2003

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Wilhelm goss gerade die Pfl├Ąnzchen in seinem Garten als er merkte, dass es etwas nicht stimmte. Seine Sonnenblume lie├č die Bl├Ątter h├Ąngen- etwas hatte ihr den goldgelben Glanz genommen, das satte Sonnengelb. Er sp├╝rte den kalten Ostwind, den es sonst niemals in diesen Gegend verschlug. Das Grau des Nebels lag wie Schimmel ├╝ber den Wolken. Es war so, als w├╝rde sich die Erde ein ganz klein wenig drehen und dann wieder anhalten. Als er wieder ins Haus trat, war nichts wie vorher. Der Laminatboden knirschte morsch, die Kuckucksuhr wollte die Zeit einhalten. Das V├Âgelchen ├Âffnete den Schnabel, doch kein Laut drang heraus. Er trat vor den Spiegel im Bad und erschrak abermals. Er konnte sich nicht erkennen. Der da vor ihm stand, war ein Fremder. Als er wieder nach drau├čen gehen wollte, war die T├╝r verschlossen. Tr├Ąnen stiegen in ihm auf, doch seine Augen vermochten nicht den heilenden See freizugeben. V├Âllig ersch├Âpft legte er seinen ihm nicht mehr geh├Ârenden K├Ârper schlafen. Kaum hatte er die Augen geschlossen, drang eine Stimme an sein Ohr. "Steig hinab!" sagte sie. Dann wurde es Schwarz um Wilhelm. Die dunkle Farbe legte sich wie ein schwerer Brokatvorhang ├╝ber ihn.

Langsam nahm er Konturen wahr, er sah eine ├ľffnung mitten in dem schwarzen Kreis zu dem sich der Vorhang zusammengezogen hatte. "Du hast vergessen, ein Zimmer einzurichten!" sagte die Stimme nun. "Das hier scheint eine Dunkelkammer zu sein." Wilhelm wollte sich abwenden und w├Ąlzte sich unruhig im Schlaf hin und her. "Du musst sie mit Leben erf├╝llen! Gestalte Sie!" "Deine Blumen bekommen keine Kraft mehr. Du hast den Zugang gesperrt!" "Aber was kann ich tun?" fragte Wilhelm voller Schmerz. "Wenn du das Zimmer so eingerichtet hast, dass es in neuem Licht erstrahlt, wirst du dich wiedererkennen!" antwortete die Stimme " Ab sofort werde ich mit dir Kontakt ├╝ber dieses schwarze Sprachrohr halten". Wilhelm hatte f├╝rchterliche Angst, dies nicht zu schaffen. "Das wirst Du!" sagte da die Stimme wieder. Stelle die Last einfach wie 10 kg Mehl neben dein Bett!" Wilhelm vernahm ein Vogelzwitschern. " Riechst du den Fr├╝hling, Wilhelm?" "Erinnere dich an ihn Wie hat sich die Sonne auf deiner Haut angef├╝hlt?" Wilhelm glaubt den leicht vanilligen Duft zu riechen. Und er glaubt das Streicheln eines lauen Windes zu f├╝hlen. Das bes├Ąnftigte ihn. "Was ist deine Lieblingsfarbe? Du musst mit dem Streichen beginnen!" Wilhelm sieht ein paar M├Âbelst├╝cke vor sich stehen, Rohlinge noch. "Schleife sie! Z├Ąhme sie!" sagte die Stimme. Und Wilhelm gehorchte. Seine Finger glitten ├╝ber das ebene Holz. Er roch die frischen M├Âbelsp├Ąne. Intensiver als sonst. Und heller wurde es auch drau├čen. So wie auf dem Spielplatz in Kindertagen zu Sommeranfang, wenn man das erste Eis bekommt. Gierig nahm das Holz das warme Orange auf. "Aber in deinem Zimmer ist noch kein Leben!" mahnte die Stimme. "Schaffe dein Umfeld neu! Und jetzt folge mir durch den Tunnel!" Als Wilhelm durch die schwarze ├ľffnung trat, traf er dort auf andere Menschen, die ihn sogleich an ihren Tisch luden. Der eine bastelte Marionetten. "Das macht die Kinder gl├╝cklich und lenkt ab von der Wehmut der Welt!" sagte er. Der Zweite befasste sich mit lebenden Steinen. Der Dritte bastelte an einer Puppenstube. "Dies ist kein Ort der Verbannung..." sagte der Eine. Er hatte wache Augen und ein spitzb├╝bisches Grinsen. "Erst wenn wir alle Aufgaben erkannt haben in unserem Leben und sie vollendet sind, d├╝rfen wir gehen. Jetzt ist noch keine Zeit daf├╝r, denn sonst w├Ąren wir nicht hier." Das beruhigte Wilhelm ein bisschen. So lange er etwas zu tun hatte, brauchte ihn das Leben noch. Die kranke Blume, die verschlossene T├╝r und der erstarrte Kuckuck hatten ihn sehr erschreckt. Wilhelm atmete jetzt gleichm├Ą├čiger im Schlaf. Der mit den lebenden Steinen nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit zu einem Volkstanzabend, wo er auch gleich in den Kreis aufgenommen wurde. Schwerm├╝tige russische Folklore, englische und quirlige irische wechselten einander ab. Wilhelm war richtig au├čer Puste und f├╝hlte sich vom Leben inspiriert wie selten zuvor. In der Pause tranken alle zusammen Yogi Tee, der seine Seele zu reinigen schien. Der Dampf stieg wie Magie in seine Nasenfl├╝gel. Es sp├╝rte sich wieder ein bisschen mehr. Doch als er erwachte, bemerkte er, dass er immer noch eingesperrt war. "Befreie dich!" sagte die Stimme und sch├╝ttete ein Glas mit tr├╝bem Wasser auf ein Blatt Papier. Wilhelm holte ein paar Buntstifte und nahm nahe dem Ofen Platz. Wie von selbst malte seine Hand Mandalas, deren Farbenpracht ihn aufzusaugen schien. Und er h├Ąngte sie an Pl├Ątze, an denen er oft vorbeikam. Sie waren ab jetzt sein Geleit. Er begann sich weiter einzurichten. Er baute einen kleinen Wasserfall und ber├╝hrte die lebenden Steine, die ihm der Gleichgesinnte gegeben hatte. Dann begann er damit Holzfiguren zu schnitzen, Dschungeltiere, wobei ihm der Affe am besten gelang. Und er hatte endlich Zeit den Bildband mit dem Wald anzuschauen und zu f├╝hlen, wie viel Geborgenheit von ihm ausging. "Deine Figuren sind wundersch├Ân!" sagte die Stimme, die sich schon l├Ąnger nicht mehr zu Wort gemeldet hatte. "Die Figuren gefallen den Kindern im Waisenhaus bestimmt!" Und Wilhelm sp├╝rte eine warme Welle in der N├Ąhe des Sonnengeflechts. "Geh ruhig ├Âfter durch den schwarzen Tunnel," sagte die Stimme "ganz am Ende wird das Licht sein. In deinem Haus, das du mit Leben erf├╝llst. Die dunklen Geister werden keine Notwendigkeit mehr darin sehen, zu erscheinen!" Wenn er in den Spiegel schaute, erschrak er schon nicht mehr so, weil er instinktiv wusste, dass es vor├╝bergehen w├╝rde. Der Eifer hatte ihn gepackt. Die Leidenschaft war anstelle seiner Schwerm├╝tigkeit und seines Kummers getreten. Erst jetzt nahm er den Zettel auf dem Boden wahr, den er vor einigen Tagen achtlos vom Tisch gefegt hatte. Nachhilfelehrer f├╝r die unteren Jahrgangsstufen wurden gesucht. Wilhelm verstand langsam. Solange er etwas tat, konnte er bleiben. Als er nach mehreren Tagen in den Spiegel sah, hatte er zum ersten Mal wieder einen Bezug zu sich. Er erkannte sich selbst, nach vielen H├Ąutungen. Und als w├╝rde er es ahnen, gab die T├╝r zum Garten nach. Denn Liebe ist nachgiebig. Hier war es die Liebe zum Leben, die ihn im Leben hielt. Wilhelm pflanzte einen Baum und verwuchs mit ihm. Und es war ihm wieder m├Âglich, seinen Pflanzen Wasser zu geben, den Blumen, die die Gnade des Regens gefunden hatten die letzten Tage.

Copyright by Ulrike Schilling


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