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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Uten
Eingestellt am 11. 11. 2010 13:29


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Haarkranz
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Registriert: Oct 2006

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Uten

Es ist der 1. Dezember 2001, zehn Uhr morgens. Ich sitz auf’em Klo. Seh aus dem Fenster in den stahlblauen Spätherbsthimmel. Die Nacht war kalt, Sträucher, Bäume, die Wiese vorm Haus, mit in der Sonne glitzerndem Reif geschmückt.
Als ich mein Geschäft beendet, eben abdrücken will, bläst mich ein Schrei aus Richtung Schlafzimmer fast von der Keramik. Hastig die Hose hoch, so schnell ich kann, über den Gang zu Ute. Sie lehnt am Waschbecken, den Mund aufgerissen wie ein Fisch auf’em Trockenen, links im Mundwinkel ein Speichelfädchen.
„Um Gottes Willen, was ist dir!“ frag ich, sie antwortet nicht, schüttelt den Kopf, versucht mich weg zu drücken.
Ich pack sie, will sie ins Bett bringen, hinlegen denk ich, vielleicht hat sie der Schlag getroffen.
Ute stemmt sich mit beiden Füßen gegen mich, hört nicht auf wie verrückt den Kopf zu schütteln, schreit: „Nein, nein, nein!“
Ich zieh sie an mich. „Mädchen, was ist los?“ frag ich leise und beschwichtigend, versuche ihren abirrenden Blick einzufangen. „Ganz ruhig, ganz ruhig,“ flüstere ich ihr ins Ohr, „ich bin bei dir. Nichts kann dir in meinem Arm geschehen. Komm mit ins Schlafzimmer, leg dich, ich krieche neben dich unter die Decke, wir kuscheln bis dir besser wird. Wenn das nicht hilft, rufe ich Dr. Menge an, deine Mutter,wen du willst. „Komm bitte!“
Ute sieht mich an, als ob ich nicht dazu gehöre und sagt nein. Gut sag ich, setzt dich. Bleib sitzen, ich mach das Bett fertig.
Im Schlafzimmer auf dem Bett sitzt Ute, genau so derangiert wie die eben auf dem Klodeckel abgesetzte. Na siehst du klappt doch, will ich sagen, doch das Wort bleibt mir im Hals stecken. Vor mir auf dem Bett Ute und auf dem Klo?
Jetzt mal langsam. Als ich sagen wollte: Na siehste, klappt doch, war die Welt die mir seit 55 Jahren vertraute. All die Jahre nahm ich die meisten Dinge, unüberprüft für bare Münze.
Die Kugelgestalt der Erde, ihre Drehung um die eigene Achse, ihren Lauf um die Sonne. Die Phänomene von Tag und Nacht, der Jahreszeiten. Außerdem, das nur ungern akzeptierte, kopfüber vom Erdball in den Raum hängen der Menschen, Hunde, Bäume, Berge und Ozeane.
Im Vergleich zu meiner Bade-Schlafzimmerhalluzination mit den Uten, ein Nichts!
Wie komm ich da raus. Die Ute auf dem Bett, glotzt mit dem gleichen verstörten Blick, wie die auf dem Klodeckel.
Ich sag laut: „Weißes Battistnachthemd, hellblau bestickt. Weiße Puschen mit schwarzem Webpelz. Schwarze schulterlange Haare, kräftige Figur.“
Geh ins Bad, zu der Ute die auf dem Klodeckel hockt, mach meinen Spruch: „Weißes Battistnachthemd, hellblau bestickt. Weiße Puschen mit schwarzem Webpelz. Schwarze schulterlange Haare, kräftige Figur.“
„Sag mal, Ute, spinnt der?“ Die Badezimmer Ute, ruft es rüber zur Schlafzimmer Ute.
„Scheint so,“ antwortete die Schlafzimmer Ute. „Bist du endlich fertig? Ich muss auch!“
„Bin fertig, komm!“ Die Ute vom Badezimmer, zu der auf dem Bett. Beide drängen sich an mir vorbei, als die eine zum Klo, die andere ins Schlafzimmer wechselt. Ich war Luft.
„Scheiße!“ zische ich. „Was soll das? was wird hier gespielt?“
Die ins Badezimmer geht, knallte mir die Tür vor der Nase zu, die andere zieht sich das Nachthemd übern Kopf, drehte sich halb zu mir um und befiehlt:
„Geh schon runter, mach Frühstück, steh hier nicht rum!“
Was sollt ich tun, machte gute Miene zum bösen Spiel. Suche nach Brot in der Kühltruhe, der aufgetaute Vorrat reicht nicht für drei, als ich die Damen munter plaudernd, die Treppe herabsteigen höre.
„Ah, er sputet sich!“ Utes Stimme und weiter:
„Wir sitzen im Wohnzimmer, Karl, wenn du fertig bist, sag Bescheid!“
Es läuft mir kalt den Rücken runter. Denken kann ich nur: Es wird sich klären, ruhig bleiben.
Ute hatte eindeutig wir gesagt! Wir sitzen im Wohnzimmer, sie und die Andere, die sie war. Mit weichen Knien richte ich weiter an, koche Kaffee, als alles fertig ist, geb ich mir einen Ruck und rufe:
„Kaffee wird kalt! Alles fertig, Ute!“
Die Damen drängen in die Küche, nicht zwei wie befürchtet! Nein, drei, vier, fünf, sechs und mehr, viel mehr! Ich pralle zurück, Entsetzen schüttelte mich. Saures steigt mir in die Kehle, mit Mühe erreiche ich die Tür nach draußen, und renne, als säß mir der Teufel im Nacken.
Wach werde ich im Bett. Erleichterung, gottverdammter Albtraum und so lebensecht, so verdammt wirklich. Ich streckte die Hand nach Ute aus, muss sie wach machen, brauche jetzt Trost und Wärme. Die Hand stößt gegen eine kalte Wand. Ich reiß die Augen auf, allein! Setz mich auf, seh mich um. Hell draußen. Bin scheint’s in einem Spitalzimmer. Spring aus dem Bett, zur Tür. Keine Klinke. Bin ich etwa? Nein! Oder doch? Die Utes waren in die Küche gekommen... das stimmt! Ich seh sie vor mir. Den Anfang auch, die Verdopplung der einen, einzigen Ute.
„Ute!“, schrei ich, „Hilfe! Hilf mir!“
„Was ist denn, Otto?“
Ute rüttelt meine Schulter.
„Schlecht geträumt?“
„O Schätzchen, ja! Ein Albtraum, doch jetzt ist alles wieder gut.“
„Na siehst du“, Ute steht neben meinem Bett, beugt sich runter zu mir, küsst mich.
„Otto“, sagt sie, „ich muss weg, bin spät dran. Tschüs bis heute Abend, und Du, Ute, sei nett zu ihm!“
Bevor ich das richtig kapiert hatte, war die Ute in meinem Bett.
Zielsicher griff sie mir zwischen die Beine, kicherte wie sie immer kichert, bevor wir loslegen: „Jetzt mach mal tüchtig hoppe Reiter“, flüstert sie verlangend, und leckt mein Ohr.

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