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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Utopia
Eingestellt am 16. 01. 2011 06:24


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ZachariasZoeller
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2011

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Der Deal ging √ľber die B√ľhne, ich hatte die beiden m√§chtig verarscht, sie grinsten trotzdem unbeeindruckt selbstgef√§llig in der Gegend umher, und das ging zu weit, gleich w√ľrde sich mein Gewissen einschalten, ich war einer von den Guten, nur leider verdammt noch mal pleite, mach dass du hier wegkommst, und drau√üen verlor jemand endg√ľltig die Nerven, alles wilde Huperei‚Ķ‚ÄúDu Arschloch, fahr deine Schei√ükarre aus dem Weg, ich habe Kunden hier drinsitzen, die vor zehn Minuten am Flughafen h√§tten sein m√ľssen‚Ä̂Ķ, gleich w√ľrden die F√§uste fliegen, oder auch nicht, wer konnte das schon absch√§tzen. Phil zuckte mit seinen H√§nden in der Gegend herum, glaubt es mir, das konnte einen stinknormalen Menschen innerhalb weniger Sekunden an den Rande des Wahnsinns treiben, zappel zappel, dazu dieses nerv√∂se Flackern in seinen Augen, er pisste sich regelrecht in die Hose, witterte die gro√üe Bombe, die gleich hochgehen und alles in Schutt und Asche legen w√ľrde. Vielleicht hatte er recht, ich hatte es eindeutig √ľbertrieben, die Summe, die ich den beiden genannt hatte, war ein Witz gewesen, kein besonders guter dazu. Ich hatte es probiert, mein Startangebot bewusst hoch gew√§hlt, sollten sie mich doch runterhandeln. Ich hatte mich auf z√§he Minuten des unnachgiebigen Feilschens eingestellt, Zigarette im Mundwinkel, ein bisschen Bogart ohne Trenchcoat, eine fein dosierte Note Hollywood-Mafiosi, und diese Scheisser, gerade achtzehn mussten sie sein, geno√üen das zu meiner Verwunderung regelrecht. Ihre zusammengekniffenen Augen funkelten vor Erregung, so hatten sie sich das vorgestellt, hier ‚Äúin der gro√üen Stadt‚ÄĚ, alles ein bisschen schwitzig und zwielichtig, eine elektrisierende Injektion Kleinkriminalit√§t und Grenzg√§ngertum in die von Monotonie und Ereignislosigkeit zerknautschte Hauptschlagader ihrer Kleinstadtexistenzen. Ich w√ľrde diese Wichser niederringen, soviel stand fest, und versteht mich nicht falsch, nicht weil mir das etwas ‚Äúgab‚ÄĚ, sondern weil ich die Knete dringend n√∂tig hatte. Man muss sehen, dass der Kelch nicht st√§ndig an einem vorbeiwandert, das Leben ist eine triste Angelegenheit, wenn die anderen feist grinsend auf der Sonnenseite wandeln und du dich in einem Morast aus unbezahlten Rechnungen und billigem Dosenbier auf der heimischen Couch versinken siehst. ‚ÄúOkay‚ÄĚ, hatte der Dicke dann gesagt, ganz beil√§ufig, ein wenig entt√§uscht vielleicht, seine Mundwinkel flappten ein St√ľck weit gen Erdboden, aber keineswegs ver√§rgert, ‚ÄúOkay..so machen wir‚Äôs!‚ÄĚ, und dann hatte er sich an seiner knorpeligen Provinznase gekratzt, seine wulstigen Finger waren in die linke Hosentasche seiner bedenklich eng anliegenden Jeans geflutscht und Sekunden darauf mit einem fraglos anbetungsw√ľrdigen B√ľndel bunter Scheine zur√ľckgekehrt.

Und jetzt stand ich da, wir hatten getauscht, Ware (wenig) gegen Geld (viel), Phil perlte aus jeder Pore seiner hei√ügelaufenen Stirn, und ich wusste nicht warum, vielleicht der Alkohol, vielleicht das √ľberbordende Gl√ľcksgef√ľhl des schnellen Triumphes, vielleicht war ich auch doch einfach nur das Arschloch, f√ľr das mich jeder zweite hielt, ich wusste wirklich nicht warum, aber ich blieb und steckte mir noch eine Zigarette an, w√§hrend ich dem Dicken galant mein Feuerzeug aush√§ndigte.

Alles fieberte, hinter dem schweren Vorhang in unserem R√ľcken eine ekstatisch wogende Masse aus Losgel√∂stheit und Testosteron, die Tanzfl√§che war durchschaubar, transparent wie eine frisch polierte Glasscheibe und beherbergte doch all die todesmutigen Tr√§umereien und gierigen Hoffnungen auf ein besseres ‚ÄúMorgen‚ÄĚ, ein bisschen mehr Leben und eine neue Perspektive. Jeder wollte. Mehr. Noch viel mehr. Und wenn das schon nicht auf der Tageskarte stand, dann zumindest ein bisschen. Ein auf und ab springendes Paar wohlgeformter Titten w√ľrden schon reichen, vielleicht eine schnelle Nummer in der engen Toilettenkabine, um einen herum nur die graffitiverschmierten W√§nde, ‚ÄúFuck Bush‚Ä̂Ķ‚ÄĚNazis Raus!‚ÄĚ, und das Gef√ľhl, sich endlich einmal freimachen zu k√∂nnen von dem ganzen Mist, da bist nur du Junge, dein Herz schl√§gt rhythmisch, leicht zerkratzt, aber noch ungebeugt, noch haben sie dich nicht, zumindest nicht ganz, die da oben mit ihren grauen Anz√ľgen und ihrem blutleeren Gefasel von Gewinnbilanzen und neuen Absatzm√§rkten, da ist nur dieser Moment, wenn du in sie hineinrutscht und sie kurz einatmet, ganz so, als w√ľrde sie sich erschrecken, und wie ihre Augen dabei rollen, das ist viel wert. Mehr als das meiste, weil es klar ist wie blaugefrorenes Eis , weil du es f√ľhlst, und was f√ľhlst du sonst schon noch, vergiss alles andere, vielleicht ist das hier die Wende, noch ist der Deckel nicht drauf, alles kann gut werden oder wenigstens besser.

So dachten sie, all die umherirrenden Geister auf dem scherbenubers√§eten Dancefloor, die Sehnsucht war allgegenw√§rtig und kroch einem aus jedem Winkel des Raumes entgegen, tief hinein in die Seele, in das, was noch vor sich hin zuckte. Die Verzweiflung war greifbar und vermischte sich mit einer unheilvollen Mixtur aus abwegigen Hoffnungen und naiven Tr√§umereien zu einem √ľbelriechenden Emotionscocktail, alle wollten sie an den Sternen lutschen und den Horizont einrei√üen. Bis die Morgend√§mmerung den modrigen Gestank der unvermeidlichen Niederlage an ihre Nasen tragen w√ľrde, so ist das mit dem Leben und den nicht verteilten Geschenken, lediglich der Vorhang trennte mich noch von ihnen und ich wusste, dass es nur wenige Drinks dauern w√ľrde, bis auch ich ihn zur Seite schieben und bis ins Zentrum ihres heuchlerischen Maskenballs vordringen w√ľrde. Mit prallgef√ľllten Taschen, das machte die Sache nicht unbedingt weniger kompliziert. Was hatte ich hier verloren? Was hatte mich zu einem von ihnen werden lassen? Ich durchschaute die ganze Sache, ich genoss die Vogelperspektive, da waren Abstand und Verachtung, ich tr√§umte nicht mehr, sondern nahm mir, was zu holen war. Und doch stand ich dort und f√ľhlte mich einbetoniert, unf√§hig ein kurzes ‚ÄúBis dann‚ÄĚ auszuhusten und einfach zu verschwinden. Noch ein tiefer Schluck aus meinem warm angelaufenen Glas, dieser Abend war noch nicht gelaufen, alle Abende sind noch nicht gelaufen. Bis sie dann gelaufen sind. Ich schlo√ü die Augen, √∂ffnete sie wieder und versuchte die Situation zu √ľberblicken.


Der Dicke strotzte, alles platzte aus den N√§hten, das war mehr als er erwartet hatte, jetzt rauchte er auch noch eine Zigarette mit dem ‚ÄúDealer‚ÄĚ, - ich musste ihm eine angeboten haben, w√§hrend ich geistesabwesend vor mich hin gestarrt hatte - jeder konnte es sehen, es gab Zeugen, sie w√ľrden sch√∂n bl√∂d glotzen, die milchgesichtigen Verlierer in seinem Heimatort, diese Geschichte konnten sie ihm nicht nehmen. Draussen stank die Welt wie sie nur im tiefsten Winter stinkt, es war eine schneewei√üe Widerw√§rtigkeit gehobener G√ľteklasse, der Wind trieb die zitternden Flocken durch die Gassen, dass einem nur schlecht werden konnte, und ich beschloss zu bleiben, noch einen Drink, noch ein paar warme, eingelullte Momente im Scho√ü der hochschwangeren Nacht, w√§hrend das flackernde Neonlicht √ľber der Eingangst√ľr in roten, br√ľchigen Lettern schrille Arien vom Niedergang einer Generation vor sich hin kr√§hte. Vielleicht √ľbertrieb ich aber auch blo√ü. Ich neigte dazu. Immer und fortw√§hrend. Der Vorhang in meiner Hand f√ľhlte sich rau an, anders als ich es erwartet hatte. Ich schob ihn zur Seite. Phil schwitzte ungl√§ubig vor sich hin. Der Dicke paffte ovale Ringe in die klebrige Luft. Irgendetwas war schiefgelaufen, ich f√ľhlte es. Ich war falsch abgebogen. Wieder mal. Draussen das Neonlicht.

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