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Leselupe.de > Kurzgeschichten
VERKLEIDET
Eingestellt am 30. 12. 2002 21:09


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Rakun
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2002

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Mein lieber, treuer Freund,

verzeih, ich muss dir schon wieder schreiben, mein Herz ist ├╝berf├╝llt mit allen Gef├╝hlen, ich kann sie nicht allein bew├Ąltigen. Ich danke dir, dass du mir gestern sp├Ąt in der Nacht noch so lange zugeh├Ârt hast, mein einziger Freund, mein Verb├╝ndeter. Ich danke dir f├╝r deine Engelsgeduld.
Wie gelingt es dir, dass ich durch dich immer wieder den Mut finde, jeden neuen Tag zu ├╝berstehen?
Ich danke dir f├╝r den Rat, mich farbenfroh zu kleiden. Man hat mir so viel H├Âflichkeit und Aufmerksamkeit entgegengebracht und schuld war nur mein ver├Ąndertes Aussehen. Du hast recht behalten, die Menschen sind so sehr auf ├äu├čerlichkeiten bedacht und ├╝bersehen dabei das Wichtigste. Sie haben ├╝berhaupt nicht bemerkt, dass ich es war, ich glaube, sie haben mich gar nicht erkannt, sie haben nur meine H├╝lle gegr├╝├čt.

Die bewundernden Blicke h├Ąttest du sehen sollen, manche kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Fast w├Ąren ihnen die Augen aus dem Kopf gefallen, die Pupillen waren riesig. Ich glaube, es war Neid, bei einigen zumindest. Aber das durften sie nat├╝rlich nicht zugeben, ihre gute Erziehung verbot ihnen, mich zu ├╝bersehen, in ihren Kreisen ist man ja lieber h├Âflich als ehrlich. Etikette nennen sie es glaube ich, ist mir aber auch egal.
Warum, frage ich dich, mein bester Freund, gehen sie nicht gleich in ein Bekleidungsgesch├Ąft und sprechen mit gut angezogenen Schaufensterpuppen? Das w├Ąre doch dasselbe.
Was meinst du?
Ich glaube, die meisten wollen sowieso nur Attrappen dann f├╝hlen sie sich sicher vor ihrem Gegen├╝ber. Aber du hast wirklich recht, wenn du sagst, allein mein Name verlangt es, mich etwas auff├Ąllig zu kleiden. Ja, mein Freund, ich habe zum ersten Mal das Gef├╝hl erlebt, dass ich bei jedem freundlichen Gru├č mehr Gefallen an mir selbst empfand. Im Nachhinein ist es mir ganz egal, ob die Menschen ernsthaft an mir interessiert waren oder nicht. Endlich habe ich f├╝r ein paar Augenblicke zu ihnen geh├Ârt, war nicht mehr der graue Unbekannte. Danke, danke und nochmals danke.

Nun werde ich dieses Ritual jeden Tag pflegen und ich werde jeden Tag aufs Neue mit allem Stolz meine Stoffreste zur Schau tragen. Liebster, bester Freund, ich habe es dir ja noch gar nicht erz├Ąhlt. Es war deine Idee, dass ich in dieser dunklen Jahreszeit eine Fr├╝hlingsfarbe w├Ąhlen sollte. Sofort nach unserem Gespr├Ąch ist mir meine Lieblingsfarbe gr├╝n in den Sinn gekommen.
Ich h├Âre es noch, als du sagtest, man soll wirklich nur das machen, was man gerne mag und gut kann und sich nicht zwingen, nur im ├Ąu├čersten Notfall. Danke, ich habe auch diesen Rat befolgt.
Nun lass mich erz├Ąhlen, wie ich sie fand, die Krawatte.
Nach unserem letzten langen Gespr├Ąch musste ich raus, raus aus den vier W├Ąnden, musste meinen Kopf frei laufen.
Ich wei├č nicht, wie lange ich so durch die D├Ąmmerung gegangen bin. Je l├Ąnger ich allein lief, desto besser f├╝hlte ich mich. Immer hatte ich deine aufmunternden Worte im Ohr.
Auf einmal sah ich eine dieser Kleidertonnen, in denen die Reichen (du nennst sie die ├ťberm├Ą├čigen) ihre teuer erkauften Sachen weggeben. Abgeben k├Ânnen sie sicherlich nur, weil sie zu geizig sind, sich neue Schr├Ąnke zu kaufen. Ich wurde neugierig und wollte nur ihre ausrangierten Kleidungsst├╝cke einmal anfassen. Ihnen nur ein bisschen nahe sein.

Gott sei Dank war es schon so dunkel geworden, dass mich niemand sehen konnte. Und stell dir vor, in dieser reichen Gegend, auf dem H├╝gel der feinsten Adressen, funktionierte keine dieser edlen Stra├čenlaternen, ├╝ber die es so viel Streit in der Stadtversammlung gegeben hat, als sie angeschafft werden sollten.
Da hielt ich pl├Âtzlich ein St├╝ck Stoff in der Hand. Es f├╝hlte sich so sch├Ân weich an, dass ich es nicht wieder hergeben wollte. Im Dunkeln konnte ich nur wenig erkennen, ich fischte weiter und ertastete noch mehr. Es war mir gleich, was es war und wie es aussah, aber dieses seidige Material hatte es mir angetan. An der n├Ąchsten Ecke, wo die Laternen leuchteten, konnte ich erkennen, dass ich alte zerknitterte Krawatten erbeutet hatte. Eine war gr├╝n, in meiner Lieblingsfarbe, so ein Zufall.
Sofort musste ich wieder an deine Worte denken, dass ich bald auf einen gr├╝nen Zweig kommen w├╝rde, ich m├╝sste nur warten, d├╝rfte die Zeit nicht vorantreiben, nichts erzwingen, alles w├╝rde sich von selbst ergeben. Das sah ich als Zeichen an, das gr├╝ne Zeichen, dass es mir bald besser geht.
Zuerst wusste ich gar nicht, was ich mit diesen Stoffresten anfangen sollte, aber ich konnte sie auch nicht wieder zur├╝ckbringen, ich war froh, dass mich niemand erwischt hatte.
Ach, mein lieber Freund, du wei├čt nicht, wie viel Arbeit ich mir gemacht habe, diese h├Ąsslichen Dinger wieder glatt zu bekommen, teilweise musste ich viele winzige L├Âcher stopfen, aber du wei├čt, ich habe viel Geduld. Je l├Ąnger ich an der gr├╝nen Krawatte arbeitete, desto genauer wusste ich, sie wird mir Gl├╝ck bringen. Warum h├Ątte ich sonst meine Lieblingsfarbe im Dunkeln dort herausgeholt? Es musste ein besonderes Zeichen f├╝r irgendetwas sein, ich war fest davon ├╝berzeugt.

H├Ąsslich habe ich gesagt, jawohl h├Ąsslich, die h├Ąsslichsten Muster, die du dir vorstellen kannst. Ich habe mich nur auf die gr├╝ne Farbe konzentriert, sie sollte mein Gl├╝cksbringer sein!
Nach dem ersten Mal mit Krawatte in der ├ľffentlichkeit wurde ich mutig. Ich habe die anderen auch aufgearbeitet und bin in blau und violett spazieren gegangen. Keiner sollte denken, ich k├Ânnte mir nur eine leisten! Ich geh├Ârte zur besseren Gesellschaft. Endlich!

Meine Wirbels├Ąule schmerzt nicht mehr, denn seitdem gehe ich ganz gerade und aufrecht, beuge mich nicht mehr nach vorn, nein erhobenen Hauptes gehe ich und trage stolz meine Beute aus der Kleidertonne.
Keiner hat es gemerkt, woher meine Krawatten stammen. Vielleicht habe ich den ehemaligen Besitzer zuf├Ąllig bei einem meiner Spazierg├Ąnge getroffen, wer wei├č.
Ja, mein lieber Freund, so sind die Menschen, haben sie mal etwas weg geworfen, erkennen sie es nicht wieder, wenn es ihnen begegnet. Weggeworfen hei├čt f├╝r sie, es gibt es nicht mehr. Was f├╝r ein Irrtum!






__________________
JO

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo rakun,

ein unkonstruktiver kommentar - der text ist wundersch├Ân, oder wie hei├čt es jetzt neuerdings "das werk ist fl├╝ssig und mit freuden zu lesen".
besonders ansprechend fand ich die kleinen l├Âcher in den krawatten, denn krawattennadeln wird ja heute keiner mehr tragen.
da ich noch nie einen solch sch├Ânen brief bekommen habe (selbstmitleidig seufz), freue ich mich, so etwas wenigstens vom literarischen standpunkt aus einmal (und sicher nicht nur einmal) lesen zu d├╝rfen, auch wenn deine intention sicher eine andere war.

gru├č

rainer

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