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Leselupe.de > Horror und Psycho
Vampire State Building
Eingestellt am 20. 06. 2007 21:59


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Sumpfkuh
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Registriert: Jan 2006

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Vor einem Jahr im Juli flog ich in die Staaten, um dort zu tun, was man als Tourist eben so macht.
Die Nationalparks bewundern, auf den Sternen Hollywoods w andern, Graceland besichtigen und in Las Vegas eine beträchtliche Summe Geld verjubeln in der Hoffnung, Millionär zu werden. Am letzen Tag meiner Reise war ich zwar immer noch keiner, aber immerhin stolzer Besitzer eines original Amerika T- Shirts, und in eben diesem gekleidet stand ich nun vor den Türen des Empire State Buildings, um zum Abschluss noch einmal einen fantastischen Blick über die Stadt zu werfen.
Vor der Kasse sah ich, wie sich im Gebäude einer der Aufzüge öffnete und eine kleine Menschenmenge lachend herausströmte.
Ich freute mich auf den Besuch und zückte meine Geldbörse, als vor meiner Nase das Schild „Closed“ an die Scheibe des Kassenhäuschens gepappt wurde.
„Hey“, rief ich aus, „Moment mal“, doch die übergewichtige Dame hinter der Kasse tat so, als ob sie mich gar nicht hören würde und schloss das kleine Fenster.
Ich klopfte einige Male an die verschmierte Scheibe, aber sie blickte nicht einmal zu mir auf.
„Bin ich hier in Berlin, oder was“, murmelte ich verärgert und wand mich enttäuscht ab, als einer der Menschen, die aus dem Aufzug drängten, plötzlich offensichtlich bewusstlos zu Boden fiel. Sofort stürzten sämtliche Wächter zu dem am Boden liegenden älteren Herrn und schnell hatte sich eine kleine Menschentraube um den Verletzten geschart.
Ich dachte nicht lange nach, sah den offenen Aufzug und wusste, dass ich mir diese Chance nicht entgehen lassen konnte. Es war bereits vollständig dunkel, und ich wollte es auf keinen Fall verpassen, die Stadt bei Nacht von diesem Aussichtspunkt zu bewundern. Also schlich ich mich schnell und geduckt zu dem Aufzug, trat ein und drückte den Knopf, der mich nach oben befördern sollte. Niemand achtete auf mich, als sich die Stahltüren langsam schlossen.
Als der Aufzug sich in Bewegung setzte, atmete ich erleichtert auf und bemerkte erst jetzt, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.
Relativ schnell wurde die Kabine nach oben gezogen, und nach einiger Zeit kam der Aufzug langsam zum stehen. Ich freute mich auf den bevorstehenden gigantischen Ausblick und zückte in freudiger Erwartung meine Kamera, aber die Türen des Fahrstuhls öffneten sich nicht.
Auch nach einigen Sekunden blieben sie fest verschlossen.
Ich schaute verwirrt auf die Etagenanzeige und sah gerade noch, wie sämtliche Lichter erloschen, inklusive dem Hauptlicht im Aufzug. Nun war es mit einem Mal stockdunkel um mich herum, und ein leichter Anflug von Panik überkam mich, obwohl ich zuvor niemals an Klaustrophobie oder Angst vor der Dunkelheit gelitten habe.
Mit der Hand tastete ich nach den Knöpfen, dem Notsignal, aber nichts funktionierte, ich bekam keine Reaktion. Ich sank mit dem Rücken zur Wand auf den Boden und versuchte nicht daran zu denken, dass sich nun unter mir ein mehrere hundert Meter tiefes Loch befand, doch vor meinem inneren Auge formte sich immer wieder ein tiefer, dunkler Abgrund.
Durch die TĂĽrschlitze drang die kĂĽhle Nachtluft herein.
„Zumindest werde ich hier nicht ersticken“, dachte ich mir, während ich mir mit dem zitternden Unterarm den kalten Schweiß von der Stirn wischte.
„Nach Feierabend fahren sie die Dinger nach oben, klar, hätte ich mir doch denken können“, durchfuhr es mich auf einmal, und mir wurde klar, dass ich hier bis zum nächsten Morgen gefangen sein würde.
Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit, und ich bekam meine Panik in den Griff.
Vielleicht könnte ich die Türen ja irgendwie aufbekommen, überlegte ich mir und griff nach meinem Rucksack, um ihn nach einem geeigneten Werkzeug zu durchforsten.
Darin befand sich allerdings lediglich eine halbvolle Colaflasche, ein kleines Päckchen Kartoffelchips und eine angebrochene Packung Cracker vom Vormittag.
Dazwischen lag ein verknickter Stadtplan. Obwohl ich wusste, dass ich mit dem Faltplan so gut wie ĂĽberhaupt keinen Widerstand erzeugen konnte, holte ich ihn hervor und steckte ihn in den TĂĽrschlitz. Ich bog ihn nach links und rechts, aber die TĂĽr bewegte sich keinen Millimeter. Ich lieĂź den Plan los und zerrte mit den Fingern an dem Tor, wobei ich mir einen Fingernagel abbrach und eine Kratzwunde zuzog, aber die Pforten blieben geschlossen.
Dann überkam mich einer erneute Panikattacke, und ich hämmerte mit den Fäusten minutenlang laut schreiend gegen den Stahl, bis ich irgendwann heiser und mit schmerzenden Händen zurück auf den Boden sank. Ich legte den Kopf auf meine Knie und schluchzte wie ein kleines Kind. Mit meinen vierunddreißig Jahren hatte ich das letzte Mal geweint, als mein Vater gestorben war und das war nun bereits vier Jahre her.
An meine Mutter kann ich mich kaum noch erinnern, sie starb, als ich noch ein Kind war an Krebs. Ansonsten hatte ich nur noch einen Bruder, auf den ich aber gerne verzichtet hätte.
Paul tyrannisierte mich, solange ich denken konnte. Er war schon immer das genaue Gegenteil von mir. Kräftig gebaut, gut aussehend und immer beliebt. Er zog die Frauen an wie ein Stück rohes Fleisch die Fliegen. Meine Erfahrungen mit Frauen beschränkten sich lediglich auf einen flüchtigen Kuss im Alter von fünfzehn Jahren auf dem Schulhof. Nun war ich vierunddreißig und praktisch ungeküsst. Ich halte mich nicht für hässlich, aber ich bin eben mehr der introvertierte Typ und das kommt bei den Frauen wohl nicht so an. Mein Bruder hasst mich, ich weiß nicht warum, aber er tut es. Schon als Kind steckte ich permanent Prügel von ihm ein, später stellte er mich vor der ganzen Schule bloß, indem er mir auf dem Hof die Hosen herunterzog und mich fünf Minuten festhielt. Mal fand ich eine dicke Spinne in meinem Bett, mal stellte er das warme Wasser ab, als ich gerade eingeschäumt unter der Dusche stand. Ich machte drei Kreuze, als er auszog und seine Marie heiratete, die keinen Deut besser war als er, aber als dann mein Vater starb, riss er jegliche Erbschaften an sich, brachte mich um den Pflichtteil und warf mich aus meinem Elternhaus. Nun kommt er regelmäßig zum „Kaffeetrinken“ vorbei, nur um sich über meine einsame Lebenssituation lustig zu machen.
Ich kam mir vor wie eine Memme, konnte die Schluchzer, die meiner Kehle entwichen aber nicht unterdrĂĽcken.
Plötzlich zog etwas leicht an meinem linken Ärmel und ich erschrak mich derartig, dass ich laut aufschrie und einen Satz weiter nach rechts machte, was mir eine schmerzhafte Beule einbrachte, als mein Kopf gegen die Tür knallte.
Ich starrte in die Dunkelheit und erkannte die Umrisse eines kleinen Kindes.
„Wo kommst du her, was machst du hier“, fragte ich wohl etwas barsch, denn das Kind zog sich ein Stück von mir zurück in den hinteren, dunkleren Teil des Aufzugs.
Das Kind antwortete nicht und mir wurde klar, dass es bereits die ganze Zeit im Aufzug gewesen sein musste.
„Entschuldige“, brachte ich etwas sanfter hervor, „ich habe mich nur unheimlich erschrocken“. Gleichzeitig überkam mich ein ungeheures Schamgefühl für mein vorhergehendes Verhalten, das Kind hatte unweigerlich alles mitbekommen.
„Hör zu“, sagte ich, „ du brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich hatte nur etwas Angst bekommen, weil wir hier eingesperrt sind und weil es so dunkel ist. Das kennst du doch bestimmt, oder, wenn man sich mal fürchtet?“.
Ich wartete auf eine Reaktion, aber das Kind antwortete immer noch nicht.
„Sieht so aus, als säßen wir jetzt hier im selben Boot, hm?“, fragte ich.
Das Kind rückte ein Stück aus seiner Ecke heraus und kam näher.
„Mensch, deine Mama vermisst dich bestimmt schon und dann werden sie den Aufzug wieder runter holen, das kann sich nur noch um Minuten handeln“, sagte ich als mir einfiel, dass ich ja ganz allein hier war, aber das kleine Kind bestimmt mit seiner Familie hergekommen war, die nun aufgeregt nach ihm suchte.
Hoffnung, nun doch nicht die ganze Nacht hier verbringen zu mĂĽssen, keimte in mir auf.
„Meine Mama ist schon lange tot“, sagte eine leise Stimme, die ich als die eines Mädchens identifizierte.
„Oh, das tut mir sehr leid“, erwiderte ich etwas verlegen, „aber du bist doch sicher nicht allein hergekommen, oder?“. Ich schätzte das Mädchen der Größe und der Stimme nach auf etwa sechs Jahre.
„Doch, ich bin allein hergekommen“, sagte sie nun schon etwas selbstbewusster, „der Aufzug ist verboten, wir dürfen nicht damit fahren“, setzte sie etwas leiser hinzu.
„Nun ja, alleine ist das ja auch ganz schön gefährlich für ein kleines Mädchen“, sagte ich ohne jeglichen Tadel in der Stimme. „Wie heißt du denn“, fragte ich sie froh, nun wenigstens etwas Gesellschaft zu haben.
„Eve“, antwortete sie und rückte noch näher, „und ich habe schrecklichen Durst“.
Jetzt konnte ich erkennen, dass sie lange, blonde Haare hatte, die ihr lockig bis auf die Hüften fielen und ein kleines Gesicht wie das eines Engels mit einer kleinen, glatten Nase, einem runden Kinn und mandelförmigen Augen, deren Farbe ich in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, aber vermutete, dass sie blau waren.
Sie trug ein Kleidchen, das ihr bis knapp ĂĽber die Knie reichte und leicht ausgestellt war.
Sofort entwickelte ich väterliche Gefühle gegenüber der kleinen Eve.
„Ich heiße Holger“, sagte ich, „und ich komme aus Deutschland“.
„Möchtest du vielleicht einen Schluck Cola?“, fragte ich sie und hielt ihr die Flasche hin.
Sie nahm sie nicht an, so dass ich sie nach einigen Sekunden wieder zurĂĽckzog.
Da fiel mir ein, dass Kinder nur in Ausnahmefällen Cola trinken durften und sagte „ich denke, das geht in Ordnung, schließlich sind wir hier eingesperrt, und Cola ist das einzige, was ich habe“, und bot ihr die Flasche erneut an.
„Ich mag keine Cola“, sagte sie und schob mir die Flasche wieder zu.
„Hmm“, sagte ich, „dann musst du wohl warten, bis wir wieder unten sind.“.
In diesem Moment erklangen draußen laute Flügelschläge von mindestens zwei oder drei Tauben. Der Gedanke, dass Tauben gar nicht so hoch fliegen können, kam mir dabei nicht mal in den Sinn.
„Verraten Sie mich bitte nicht“, flüsterte Eve plötzlich.
„Wem soll ich nichts verraten?“, fragte ich über den plötzlichen Themenwechsel etwas erstaunt.
„Ihnen“, sagte sie nur und deutete auf die Türen.
„Da draußen ist niemand“, sagte ich, „ aber komisch, dass wir immer noch hier drin sitzen und sie den Aufzug noch nicht runter geholt haben“, erwiderte ich und kratzte mir dabei nachdenklich durch mein braunes Haar.
Plötzlich erklangen vor der Tür Stimmen.
„Sie ist im Aufzug, ich kann sie riechen“, dröhnte eine dunkle, raue Stimme, die mir sofort sämtliche Blutgefäße verengte.
Ich spĂĽrte ein Kribbeln im Nacken und wich instinktiv von der TĂĽr weg.
„Ich rieche noch jemand anderen“, fuhr die grausige Stimme fort, und ich nahm ein Schnüffeln am Türspalt wahr, das wie von einem Tier klang.
Unfähig zu sprechen drückte ich mich an die hinterste Ecke des Fahrstuhls und zog die Kleine schützend in meinen Arm. Sie fühlte sich kühl und ruhig an.
„Das ist Bone“, flüsterte sie mir leise zu, „alle haben Angst vor ihm seit er Klara sanktioniert hat, aber es gibt noch schlimmere, viel schlimmere.
Sanktioniert? Klara? Wo kamen diese Leute her, wenn die Aufzüge die einzige Möglichkeit waren, hier hinaufzukommen? Was hat dieses Mädchen damit zu tun?
Meine Gedanken überschlugen sich, und ich war unfähig, einen von ihnen zu Ende zu führen, als ich an der Tür ein Kratzen und Scharren vernahm.
Jemand versuchte, die Verriegelung von außen zu lösen. Ich bekam auf dem gesamten Körper eine Gänsehaut als Nägel über den Stahl kreischten.
„Eve?“ ertönte die furchtbare Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
Erst antwortete das Mädchen nicht und versteifte sich in meinen Armen, und auch ich selbst war außerstande, irgendetwas zu sagen, doch dann löste sie sich von mir und stand auf.
„Ich will meine Schwester“, sagte sie etwas schüchtern, doch laut genug, dass man es auch von außen hören musste.
„Du wagst es…“, schmetterte die Stimme von außen und erneut waren Kratzgeräusche am Stahl zu vernehmen.
„Nun lass sie doch“, mischte sich eine andere, etwas freundlicher aber dennoch rau und dunkel klingende Stimme ein.
„Selbst wenn wir sie da rausbekommen dürfen wir ihr nichts tun. Du weißt doch, dass sie unter persönlichem Schutz von ihm steht“.
„Verdammt“, brüllte die andere Stimme und eine Faust schlug so hart gegen die Türe, dass die ganze Kabine erzitterte.
„Dieses Gör missachtet alle Regeln und dann wird sie nicht mal bestraft. Lassen wir sie doch
einfach hier versauern.“
„Die Anderen werden bald hier sein. Wenn wir sie vorher da rausbekommen, können wir sie mitnehmen und…“, er führte den Satz nicht zu Ende, stattdessen verfiel er in ein bellendes Lachen, dass an meinem Körper ein unkontrolliertes Zittern hervorrief.
Mein Verstand hatte sich zum größten Teil zurückgezogen, das Kratzen an den Türen, die Dunkelheit, ja selbst das Mädchen, das nun leise zu schluchzen begonnen hatte, jagten mir Angst ein.
„Warum bin ich hier hergekommen, warum wollte ich diese Stadt unbedingt im Dunkeln sehen, wo doch in jedem Reiseführer davor gewarnt wird, sich am späten Abend allein herumzutreiben?“, fragte ich mich.
Irgendetwas stimmt hier nicht, stimmt ganz und gar nicht. Etwas, das nicht mal eben gerade gebogen werden. So wie ein alter Verlustschmerz oder wie die Hölle.
Die Erklärung lag greifbar vor meinen Händen, ich konnte sie praktisch fühlen, doch jedes Mal wenn ich danach greifen wollte, entschlüpfte sie meinem Verstand wie ein glitschiger Frosch.
Ich blickte zu dem Mädchen, das auf mich nun nicht mehr zierlich und verwundbar wirkte, sondern blass und teigig, fast leichenhaft und irgendwie…anders.
Von draußen wurde an den Türen gezerrt. Der Spalt der Türen öffnete sich tatsächlich zwei bis drei Zentimeter, dann fiel sie wieder zu, aber diese paar Sekunden reichten, um in meinem Körper den Verstand komplett ab- und den Überlebensinstinkt einzuschalten.
Gelbe, krallenartige Nägel schoben sich durch den Schlitz, wobei einer unter der Anstrengung abbrach und klappernd in der Mitte des Fahrstuhls landete. Ich wich ihm aus, als befürchtete ich, er würde sich selbstständig machen und direkt in mein Herz stoßen.
Das Mädchen griff nach meiner Hand und ich hielt sie fest. Sie fühlte sich kühl und glatt an.
„Wir müssen hier weg“, entfuhr es mir in meiner Panik und ich begann erneut, den Notrufknopf mit meiner Faust zu bearbeiten, bis das Plastik zerbrach.
„Sie werden dich töten“, sagte das Mädchen leise.
Ein nicht sehr überzeugendes „Nein“, war das einzige, was ich hervorbrachte, während ich weiter auf die Armaturen hämmerte.
Das Kratzen an den Türen verstummte, und ich hielt inne um zu lauschen, aber kein Geräusch drang von draußen herein.
So schlimm die Panik, die durch die nächtlichen Geräusche und Stimmen heraufbeschworen worden war, auch sein mochte, die Stille war noch schlimmer.
Ich blickte zu dem Kind, das zu meinem Erstaunen aufgestanden war und immer noch meine linke Hand hielt und diese genau betrachtete.
Mein Kopf fühlte sich plötzlich leer an, doch an Schlaf war nicht zu denken, jetzt nicht, heute Nacht nicht, nicht vor Sonnenaufgang und vielleicht auch danach nicht.
„Du hast dich verletzt“, flüsterte das Kind während es mit seiner kühlen Hand über mein Handgelenk strich.
„Es ist nur ein Kratzer“, hauchte ich.
Wie paralysiert starrte ich auf das Mädchen, wie sie ihren Mund auf die kleine Wunde legte und daran zu saugen begann.
Ein heftiger Schmerz durchfuhr mich als sie zubiss, ich versuchte, meine Hand zurückzuziehen, doch sie hielt mich mit einer plötzlichen, ungeheuren Kraft. Ich fiel auf den Hintern, mein Mund stand offen, aus meinen Augenwinkeln traten Tränen, als ich begriff dass dieses Mädchen kein normales Kind war.
Nach einigen Sekunden lieĂź sie mich los, und ich stieĂź mich mit den FĂĽĂźen von ihr weg so weit es ging und schrie sie an.
“Geh weg, ich weiß nicht was du bist, aber geh weg, geh weg, geh weg“.
„Ich kann hier nicht weg, schon vergessen?“, sagte sie beinahe zärtlich.
„Es tut mir Leid, ich hatte solch einen Durst. Ich will dir nichts tun, aber sie werden dich töten wenn sie die Tür aufbekommen und sie werden wiederkommen, bald“.
„Fass mich nicht an“, schrie ich, als sie ein Stück auf mich zurückte.
„Wer bist du, und wer sind sie? Warum wollt ihr mich töten? Ich habe niemandem etwas getan, verdammt ich wollte doch nur auf diesen beschissenen Turm.“
„Die da draußen“, fuhr sie fort und fixierte mich mit ihren Augen, „sie sind nicht alle so wie ich. Bone zum Beispiel, der gerade hier war. Wir versuchen sie unter Kontrolle zu halten, aber es ist schwierig, ab und zu entkommt uns einer von ihnen. Sie benehmen sich schlecht und machen uns immer wieder Ärger.“
Ich starrte sie ungläubig an, während sie erzählte.
Sie sehen im Großen und Ganzen aus wie wir, aber sie sind dreckig und nackt, weil sie Kleidung verabscheuen, und sie benehmen sich wie die wilden Tiere. Sie stürzen sich auf Männer, Kinder, Frauen, beißen sie und reißen an ihren Hälsen. Zum Schluss nehmen sie ihre Köpfe mit, weil sie von der Alleinherrschaft und nicht von Vermehrung träumen.
Wir wollen sie nicht töten, wir töten schon lange nicht mehr, aber manchmal…“
Sie schien den Satz in Gedanken zu Ende zu führen, denn sie senkte den Kopf und starrte auf die gebogene Kralle die auf dem silbrigen Metall glänzend und bedrohlich wirkte.
„Was bist du?“, fragte ich, „ein Vampir?“, diese Frage kam mir lächerlich vor sobald ich sie gestellt hatte, aber in Anbetracht des Erlebten und gerade Gehörten konnte es nur noch irrationale Erklärungen geben.
„Ich kann dir helfen, hier lebend herauszukommen“, sagte sie, anstatt meine Frage zu beantworten und rückte ein Stück näher.
„Geh bloß weg von mir“, wollte ich sagen, doch bevor ich es aussprechen konnte hörte ich wieder dieses Flattern, wellenartig schwoll es an, viele, hunderte von Flügeln mussten das sein die sich dort näherten.
„Was…?“, war das einzige das ich heraus brachte, als Eve ihren Arm ausstreckte und mit ihrem Nagel eine Furche von oben nach unten zog aus welcher sofort Blut zu quellen begann.
Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper als sie den blutenden Arm vor meinen vor Ekel verzogenden Mund hielt und „trink“ sagte.
„Niemals“, antwortete ich und hielt mir dabei meine pulsierende Hand, in welche sie noch vor kurzem gebissen hatte.
„Es ist der einzige Weg, diese Nacht zu überleben“, sagte sie, den Arm immer noch vor meinem Gesicht halten. Und wie um ihre Aussage zu untermauern hörte ich nun von draußen dumpfe Schläge auf dem Beton, als wenn jemand aus einer gewissen Höhe Mehlsäcke fallen ließ.
Ein Gemurmel von Stimmen erklang, die sich halbwegs menschlich anhörten. Trotzdem hatte die Angst mich fest im Griff, da mir klar war, dass niemand einfach diese Höhe erklimmen konnte.
„Eve?“, erklang eine weibliche Stimme direkt vor dem Aufzug. Sie klang weich und warm, fast schon erotisch, trotzdem ließ ich mich davon nicht täuschen. Die gelbliche Kralle auf dem Boden war der Beweis.
„Sie ist in Ordnung, flüsterte Eve. „Trotzdem, trink.“.
Sie nickte, als ich sie fassungslos anstarrte.
Ich folgte meinem Instinkt, ich funktionierte nur noch. Und ich trank.
Ich würgte, als der metallende Geschmack meine Kehle herunter floss, trotzdem erbrach ich mich nicht. Nach drei Schlucken stieß ich ihren Arm angewidert von mir und brach laut schluchzend in Tränen aus.
„Gut, das genügt erst mal“, sagte sie beruhigend und streichelte mir über das Haar.
Ich stieß sie von mir und blickte sie an, nun schien sie wieder nichts weiter als ein kleines Kind zu sein, als sie laut sagte „ Ich bin hier drin Julie…es tut mir Leid, ich weiß dass ich nicht hier sein darf“.
„Wer ist dort bei dir?“, fragte die Stimme von draußen und das restliche Gemurmel verstummte um dem Gespräch zu lauschen.
„Ein Freund“, antwortete Eve, „aus Deutschland“. „Ist er einer von uns?“, fragte die Frau nun.
„Er ist im werden“, sagte Eve und schaute mich dabei lächelnd an.
Mit einem Mal wurde mir alles klar, sie hatte mein Blut getrunken, als sie mir in den Arm gebissen hat, und ich hatte soeben ihres zu mir genommen. Sie war wirklich ein Vampir und nun würde ich auch zu einem werden. Die Erkenntnis riss mir den Boden unter den Füßen fort, und während ich in die willkommene Ohnmacht fiel dachte ich: „Und ich frage noch, warum ich Angst habe? Da! Stimmen, Flüstern. Es kommt von den Wänden. Aus ihrem Inneren, von überall.“
Als ich wieder erwachte, wehte mir kühle Nachtluft um die Nase. Ich befand mich nicht mehr im Aufzug, sondern lag auf der Aufsichtsplattform auf einer Decke. Um mich herum sah ich unzählige Fußpaare, die meist bekleidet, doch auch einige wenige nackt waren.
Ich schaute nach oben und blickte in Eves strahlende Augen. Sie waren tatsächlich blau und dies hier war wahrhaftig kein Traum.
Direkt neben ihr stand eine junge Frau, etwa Anfang zwanzig, mit dunklem, kinnlangem Haar und einer atemberaubenden Figur, weiche Hüften, einer schmalen Taille und einer vollen Brust. Sie war ebenfalls sehr bleich im Gesicht, aber ihre Wangen waren rot geschminkt, was ihr ein extravagantes, mysteriöses Aussehen verlieh. Sie war wunderschön.
Ich setzte mich verängstigt auf und schaute mich um. Die gesamte Plattform war mit Menschen, oder zumindest scheinbaren Menschen gefüllt, die mich teilweise anstarrten, teilweise in ein Gespräch vertieft waren. Alle waren gut gekleidet, meist in dunklen Farben und viele hielten silberne Kelche in der Hand, aus denen sie tranken.
Und dann waren da noch die anderen. Drei oder vier Gestalten umkreist von einigen großen, dunkelhaarigen Männern.
Ihr Anblick ließ mich laut die Luft anhalten. Sie waren nackt und völlig verdreckt. Auf ihren Körpern befanden sich unzählige Schürf- und Schnittwunden, die alle kurz vorher geheilt zu sein schienen. Sie fixierten mich mit ihren roten Augen und Speichel tropfte von ihren Mündern. Lange spitze Zähne funkelten im Mondschein, und sie schienen zu grinsen, während sie tiefe, knurrende Geräusche von sich gaben.
Die umherstehenden Männer taten sich daran, sie zu fesseln und zu knebeln, die Wesen wehrten sich mit vollem Körpereinsatz, doch sie hatten keine Chance. Die dunkelhaarigen, schwarz gekleideten Gestalten schienen über beinahe unmenschliche Kräfte zu verfügen.
„Du musst keine Angst mehr vor denen da haben“, sprach die schöne, junge Frau und reichte mir ihre grazile Hand, um mir beim Aufstehen behilflich zu sein. Ich ergriff sie und sie fühlte sich glatt und kühl an, genauso wie die von Eve.
„Aber es gibt noch mehr von ihnen, und die solltest du fürchten“, fuhr sie fort und ließ dabei ihren Blick über die Lichter der Großstadt schweifen. Ich folgte ihren Augen und vergaß für einen Moment die Schrecken der letzen Stunden, als ich die kleinen Lichter und die großen Gebäude betrachtete.
„Was geht hier vor?“, wandte ich mich an Julie, Eve hatte lächelnd meine Hand genommen.
„Eve ist ein Weisenkind“, setze Julie an, „ich bin ihre Schwester, wir alle hier sind ihre Familie, aber sie wünscht sich so sehr einen Vater. Deshalb wartet sie regelmäßig in diesem Aufzug auf Leute wie dich. Sie trinkt ihr Blut und hofft, dass einer von ihnen bei uns bleibt.
Wir haben ihr das verboten, aber sie ist noch jung, und sie wird immer in diesem jungen Körper bleiben müssen, deshalb können wir mir ihr nicht so streng sein.“
Sie strich der Kleinen zärtlich über die Haare und sah mich mit ihren unergründlichen Augen an.
„Seid ihr Vampire?“, fragte ich zum zweiten Mal an diesem Abend und fürchtete mich vor der Antwort.
„Ja“, sagte Julie und wandte ihren Blick dabei nicht von mir. „Wir sind Vampire, aber wahrscheinlich anders, als du dir das vorstellst. Wir trinken zwar Blut, aber wir töten nicht.
So wie ihr euch MilchkĂĽhe haltet, haben wir Menschen. Menschen, die keiner vermisst und freiwillig bei uns sind. Es geht ihnen gut, wir geben ihnen alles, was sie brauchen und dafĂĽr spenden sie uns Blut. Wir sind eine Gemeinschaft mit Regeln und Verboten, und unser System funktioniert gut. Wir leben in der Nacht, die Menschen am Tag.
Das da drüben - sie zeigte auf die widerwärtigen Kreaturen - sind die Anderen, sie sind böse, weil sie Gefallen daran finden, Schmerz und Leid zu verbreiten.
Sie mögen den Stoff im Blut der Menschen, der bei Angst freigesetzt wird, sie laben sich daran. Wir verabscheuen ihn.
Wenn wir einen von ihnen bei Mord erwischen, steht bei uns darauf die Todesstrafe, wir können nicht zulassen, dass die Menschen uns finden und jagen und diese drei hier haben heute Nacht eine gesamte Familie getötet. Ihre Zähne sind ausgeprägter als unsere, weil wir nicht mehr darauf angewiesen sind, Halsschlagadern zu durchtrennen. Und du bist jetzt einer von uns.“ Zum Beweis spannte sie ihre Oberlippe und entblößte zwei spitze Eckzähne, die nur etwas länger waren als im Normalfall.
„Wirst du bei uns bleiben, bitte?“, fragte Eve und schaute mich flehend an.
In meinem Kopf drehte sich alles, und ich war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Mein Verstand weigerte sich noch, dies alles als Realität zu akzeptieren.
Dann trat ein riesiger, gut aussehender Mann um die fĂĽnfzig in den Kreis der geknebelten Kreaturen und sprach zu ihnen in dunkler Stimme. Sofort verstummten alle anwesenden Personen und blickten aufmerksam zu den sich windenden Kreaturen.
„Ihr habt die Gesetze der Nacht missachtet und unschuldige Menschen getötet. Deshalb werdet ihr nun auf die gleiche Weise sterben“. Der Mann trat wieder aus dem Kreis und gab den Wachen ein Handzeichen.
„Sieh lieber nicht hin“, sagte Julie zu mir, doch mein Blick war wie gebannt.
Die Wachen begannen sich zu entkleiden, bis sie völlig nackt waren, dann stellten sie sich wieder im Kreis um die Kreaturen. Ihre Gesichter zeigten keinerlei Gefühlsregungen.
„So sei es“, sprach der ältere Mann und daraufhin stürzten sich die Wachen auf die gefesselten Wesen.
Zähne wurden in Fleisch gerammt, Blut spritze in alle Richtungen und ein furchtbares, schmerzerfülltes, unmenschlisches Kreischen erfüllte die Nacht. Sie rissen die Kreaturen förmlich in Stücke, aber sie tranken nicht ihr Blut, soweit ich es erkennen konnte.
Vor meinen Augen wurde es dunkel und ich fiel abermals in eine gnädige Ohnmacht.
„Komm morgen Nacht wieder her“, wurde mir ins Ohr geflüstert, und es war das letzte, was ich hörte.
Als ich erwachte graute der Morgen, ich lag noch immer auf der Plattform, aber ich war allein und es gab keine Spuren von dem Massaker, das hier stattgefunden haben sollte.
Der Aufzug öffnete sich, und einer der Angestellten trat hinaus.
Als er mich erblickte, war er erschrocken. „Was tun sie hier? Sie dürfen sich hier nachts nicht aufhalten“.
Ich setzte mich auf und mein Schädel brummte, meine Augen schmerzten vom hellen Tageslicht. Ohne den Mann weiter zu beachten, ging ich an ihm vorbei, stellte mich in den Aufzug und fuhr hinab.
Ein furchtbarer Albtraum, versuchte ich mir einzureden.
Ich bin bis heute nicht zurückgekehrt. In den nächsten zwei Wochen ging es mir sehr schlecht, und ich verließ meine Wohnung nur noch in der Dämmerung. Meine Zähne wurden spitzer und keine eingenommene Mahlzeit sättigte mich mehr. Meine Sinne wurden schärfer und ich wurde kräftig und muskulös über Nacht. Nach drei Wochen hatte ich endlich akzeptiert, nun kein Mensch mehr zu sein.
Heute sah ich in der Dämmerung mehrere Fledermäuse um mein Haus kreisen. Ich weiß nicht, ob es harmlose Tiere sind, oder ob sie es sind. Oder noch schlimmer - die Anderen.
Ich weiß nicht, ob die Unsterblichkeit für mich erstrebenswert ist. Ich bin allein, die Menschen, die ich geliebt habe sind tot, und ich fürchte mich davor, in die Nacht zu gehen und Gleichgesinnte zu suchen. Mal sehen, was die Zeit mit sich bringt. Vielleicht kehre ich auch nach Amerika zurück, obwohl dies kein Land ist, in dem ich leben möchte. Weder als Mensch, noch als Vampir.
Naja, ganz einsam bin ich nun auch wieder nicht. Mein Bruder und ich, wir verstehen uns nun blendend. Er und seine Frau sind sogar bei mir eingezogen.
Sie wohnen nun im Keller und jeden Abend leisten sie mir beim Essen Gesellschaft.









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